mini|Schloss Heessen mini|Luftbild (2014)

Schloss Heessen ist eine an der Lippe gelegene Schlossanlage im Hammer Stadtbezirk Heessen und der namhafteste Rittersitz im Bereich der heutigen Stadt Hamm.

In der architektonischen Anlage sind die typischen Grundzüge einer großen westfälischen Wasserburg erhalten geblieben. Zwischen Gräften und der Lippe liegen sich Schloss und die Gebäude der Vorburg in einem lang gestreckten Oval gegenüber. Das dreiflügelige Hauptgebäude ist aus Backstein über den Resten jahrhundertealter Burgmauern aus Kalkstein errichtet und besitzt als markantestes Bauteil einen Turm, dessen beide Treppengiebel über 30 Meter in die Höhe ragen. Neogotische Stufengiebel schließen auch jeweils die drei Flügel des Schlosses ab, Wendeltreppen und Erker zeigen Schmuckformen der Renaissance.

In dem Gebäude ist seit 1957 das Landschulheim Schloss Heessen untergebracht, das seit 2018 die Bezeichnung Schloss Heessen – Privates Gymnasium und Internat trägt.

Geschichte Besitzrechte und politische Geschichte Curtis hesnon – Der Oberhof Heessen als Lehen Der Ortsname Heessen wird als Hesnon erstmals in einer Urkunde Kaiser Ottos II. aus dem Jahre 975 erwähntUrkunde Nr. 100 in: und zwar als Erbgut des Bischofs Ludolf von Osnabrück. Es handelt sich um die Ortschaft Heessen mit etlichen Bauernhöfen und einem befestigten Oberhof, der curtis hesnon, der zum Schutz einer Kreuzung zweier wichtiger Handelswege und einer Lippequerung diente.Emil Steinkühler: Heessen (Westf.) - Geschichte der Gemeinde. Hamm 1952, S. 16. Gegen 1200 brachte eine Gräfin Mathilde oder MechthildEmil Steinkühler: Heessen (Westf.) - Geschichte der Gemeinde. Hamm 1952, S. 19. von HollandGerd Wunder: Was ist ein frater germanicus? Die Familie des Grafen von Altena. in: ders.: Bauer, Bürger, Edelmann. Ausgewählte Aufsätze zur Sozialgeschichte. Sigmaringen 1991, S. 332–336. Wunder weist aus historischen Quellenaussagen, adligen Gepflogenheiten der Namensvererbung und zeitgeschichtlichen politischen Umständen nach, dass „Mechthild, die Gattin des Grafen Arnold von Altena, nicht, wie ursprünglich angenommen, eine geborene Gräfin von Kleve, sondern eine Gräfin von Holland war“, nämlich Tochter des Grafen Floris III. von Holland und dessen Frau Ada aus der schottischen Königsfamilie. Die Namensvarianten Mechthild und Mathilde sind Aktualisierungen des in der Quelle von 1200 angegebenen Vornamens Methildis. das Anwesen als Heiratsgut in ihre Ehe mit Graf Arnold von Altena ein. Der Oberhof, genannt „curtis hesne“ oder „borch tho hesen“, gelangte so an die Grafen von Altena-Isenberg. Er ist nicht zu verwechseln mit der Wasserburg Haus Heessen.

Die Ermordung des Kölner Erzbischofs Engelbert I. von Köln durch Arnolds Sohn Friedrich von Isenberg führte zur Hinrichtung und Enteignung des Attentäters und nachfolgend zu einer erbitterten Erbauseinandersetzung zwischen Friedrichs Sohn Dietrich von Altena-Isenberg, der sich nun nach seiner neuen Burg Hohenlimburg als einen Grafen von Limburg anreden ließ, und seinem Vetter, Graf Adolf I. von der Mark, den sogenannten Isenberger Wirren. Der Friede von 1243 beendete die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Häusern Altena-Mark und Isenberg-Limburg und sprach die curtis hesne dem Haus Limburg zu. Der Hof zu Heessen blieb Limburger, danach Bentheim-Tecklenburger Lehen, bis er im Jahre 1775 durch Allodifikation Eigentum wurde.Emil Steinkühler: Heessen (Westf.) - Geschichte der Gemeinde. Hamm 1952, S. 21 schreibt: „Am 18. Dezember 1775 wurde der Besitz allodifiziert und freies Eigentum des Hauses Heessen.“ Abweichend datiert Horst Conrad (Aus der Geschichte des Hauses Heessen an der Lippe vom Ende des 18. bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts. in: Der Märker. Landeskundliche Zeitschrift für den Bereich der ehem. Grafschaft Mark und den Märkischen Kreis, Jg. 45, Altena 1996, S. 106) die Allodifikation des Oberhofes samt aller Unterhöfe und Zubehörungen auf das Jahr 1778.

Die Grafen von Limburg nutzten den Hof nicht selbst als Residenz, sondern übergaben ihn nach Dienstmannsrecht an ihre Ministerialen. Zunächst erhielten ihn die von Rinkerode, die auch den Oberhof (Dren-)Steinfurt zu Lehen trugen. Gostie, die Tochter des letzten Rinkeroders namens Gerwin, brachte das Rinkeroder Erbe Anfang des 14. Jahrhunderts an Dietrich II. von Volmerstein.

Haus Heessen – Die Wasserburg in Eigenbesitz Das westfälische Adelsgeschlecht von Volmerstein hatte in den vergangenen Jahrhunderten einen kontinuierlichen Aufstieg erlebt und beinahe die Grafenwürde erlangt. In einem reichsweiten Krieg zwischen den Parteien zweier Anwärter auf den Kaiserthron im Heiligen Römischen Reich kämpften die Volmersteiner zu Beginn des 14. Jahrhunderts auf der Seite der Verlierer und büßten 1324 mit dem Verlust der Burg Volmerstein erheblich an Bedeutung und Besitz ein. Ihnen blieb neben umfangreichen Lehen ein erheblicher Streubesitz in Westfalen, auf dem sie ihre Position von neuem aufbauen wollten.

Dietrich IV. und seine Mutter Agnes von Döring erbauten nach 1360 in Nachbarschaft der curtis, etwa 500 Meter östlich,Adelbert Graf von der Recke von Volmerstein: Lehndienst und adelige Wirtschaftsführung im Spätmittelalter dargestellt am Leben Dietrichs von Volmerstein. Dissertation, Heidelberg 2003, S. 232. eine neue, durch die Lage an der Lippe besser als der alte Oberhof geschützte Wasserburg. Diese wurde vorübergehend märkisches Lehen, um sie so unter den Schutz des mächtigeren Grafen von der Mark zu stellen. Anhaltspunkt für die Datierung der Burggründung gibt ein Vertrag zwischen dem Pfarrer Dietrich von Heessen und der Witwe von Volmerstein mit ihrem Sohn. Pastor Dyderike beurkundete darin, „dass er en wessele ghedan mit der vrowen van Volmestene unde Dyderike, eren sone“.Emil Steinkühler: Heessen (Westf.) - Geschichte der Gemeinde. Hamm 1952, S. 28. Der getätigte Wechsel mit der Frau von Volmerstein und ihrem Sohn war ein Tauschgeschäft zwischen Pfarrer und Herrschaft, mit denen die Volmersteiner ein zusammenhängendes Grundstück Eigenland für die Errichtung einer standesgemäßen Wasserburg erwarben. Im Unterschied zum Heessener Oberhof („borch tho hesen“) wird der neue Bau in zeitgenössischen Quellen als „dat huis tho hesen“ bezeichnet, aus dem durch mehrfache Umbauten das heutige Schloss Heessen entstanden ist. Die „Hoch- und Herrlichkeit Heessen“ umfasste neben einer ausgedehnten Grundherrschaft und dem Patronat über die Kirchengemeinde und über das Schulwesen umfangreiche administrative, fiskalische, militärische und gerichtliche Aufgaben. Neben dem Hof- und dem Bauerngericht nahm der Herr auf Schloss Heessen auch Funktionen der Kriminalgerichtsbarkeit wahr und so „kann das Gericht der Hoch- und Herrlichkeit Heessen als ein adeliges Landgericht bezeichnet werden.“Ursula Knäpper: Die Hoch- und Herrlichkeit Heessen. Geschichte eines Gerichtes und seiner Jurisdiktion mit einem besonderen Blick auf die Verfahren gegen das crimen magiae (1543–1612). Dissertation. Hamm 2013, S. 130.

Das mit dem Projekt des Burgenbaus verbundene Ziel, die alte Volmersteiner Macht und Größe wieder zu erlangen, wurde nicht erreicht.

Als Johannes II. von Volmerstein im Jahre 1429 ohne lebende Nachkommen starb, fielen die Häuser Heessen und Steinfurt seiner Schwester Agnes zu. Diese wiederum war die Ehefrau des Godert von der Recke zu Heeren. Ihr gemeinsamer Sohn Dietrich von der Recke ließ sich im Jahre 1437 von Kaiser Sigismund mit den Vollmersteinschen Mannlehen und Freistühlen belehnen. Mit ihm nahm für zehn Generationen ein Zweig dieses bedeutenden märkischen Adelsgeschlechts Heessen in Besitz.

Dietrich ließ um 1440 die Burg zu einem komfortablen und ästhetisch eindrucksvollen Herrenhaus umbauen. „Es war ein zweistöckiger Mittelbau mit Flügeln und mit Türmen und Erkern reichlich geziert“,Emil Steinkühler: Heessen (Westf.) - Geschichte der Gemeinde. Hamm 1952, S. 39. ein gotisches Bauwerk, das dem heutigen Schloss recht ähnlich gewesen sein dürfte.

Zwischen 1580 und 1590 erneuerte sein Nachfahr Jobst VII. von der Recke die Gebäude der Vorburg. In zunehmend kriegerischen Zeiten befestigten die Eheleute Jobst von der Recke und seine Frau Elberta von Ketteler den Herrensitz. Neben dem Torhaus mit einem vorgelagerten Turm wurde eine Reihe von Wirtschaftsgebäuden errichtet, die als zusammenhängende Bauwerke die Verteidigungsfunktion der Anlage verbesserten sollten. Torhaus, Turm, Stallgebäude und die Rentei weisen Schießscharten in ihren nach außen gerichteten Backsteinmauern auf. Das Ensemble ist durchgängig in einem zurückhaltenden Renaissancestil errichtet, die Wände sind mit einem Rautenmuster aus glasierten Ziegeln verziert, den Torhausturm krönt eine welsche (italienische) Renaissancehaube und alle Neubauten sind mit den Allianzwappen der beiden westfälischen Adelsfamilien markiert. Am 8. Dezember 1598, acht Jahre nach Fertigstellung der Vorburgbefestigung, „übereilte“ eine „spanische Parthey“ den Herren auf Haus Heessen und „hat ihm seine goldene Ketten, und zwey seiner besten Henxte genommen.“Johann Diederich von Steinen: Westphälische Geschichte. Dritter Theil. Lemgo 1757, S. 103. Die spanische Partei waren marodierende Teile von habsburgischen Truppen, die den Aufstand der calvinistischen Niederländer niederzuschlagen versuchten. Der Achtzigjährige Krieg um die Unabhängigkeit der niederländischen Nordprovinzen ging erst 1648 zu Ende. Die an dem spanischen Überfall offenkundig gewordene Schwäche der Heessener Verteidigungsanlage wurde recht bald nach der verlustreichen Episode mit dem Bau einer Toranlage am Nordeingang des Geländes behoben. Auch hier stellen sich die Bauherren wieder mit ihren Wappentafeln vor und datieren mit der Jahreszahl 1600.

Der Dreißigjährige Krieg brachte ungeheure Verwüstungen über Heessen, sodass man – wie eine alte Chronik berichtet – am Ende eher eines Wolfes als eines Bauern ansichtig werden konnte. In den ersten Kriegsjahren organisierte Jobst die Truppen des Oberstifts Münster. Er starb im Jahr 1624. Im Folgejahr brannte es auf Haus Heessen, was eine umfangreiche „Reparatur“ erforderlich machte, in deren Verlauf anscheinend ein vierter, westlicher Flügel an das Herrenhaus gebaut wurde. In der Giebelmauer des Südflügels sind noch Spuren einer vermauerten Tür zu diesem Gebäudeflügel zu erkennen.

1745 starb Adolf von der Recke kinderlos. Daraufhin fiel Heessen mit den zugehörigen Gütern Wolfsberg, Kurl und Dahl an seine Schwester Anna Elisabeth. Diese wiederum war in ebenfalls kinderloser Ehe mit Franz Arnold von der Recke aus der 1468 abgeteilten Steinfurter Linie verheiratet. Nach dessen Tod im Jahre 1762 fiel Steinfurt an die Freiherren von Landsberg. Heessen hingegen vermachte die kinderlose Anna Elisabeth von der Recke 1775 einem Enkel ihrer Tante Joanna Rosine von der Recke, dem Freiherrn Friedrich Joseph von Boeselager zu Nehlen und Höllinghofen.Horst Conrad, Aus der Geschichte des Hauses Heessen an der Lippe vom Ende des 18. bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts, S. 106.

Mit dieser Schenkung war die evangelische Seite der Familie von der Recke nicht einverstanden, so dass von Boeselagers Besitzantritt im Jahre 1778 einen jahrzehntelangen, beim Reichshofrat geführten Rechtsstreit mit den der Steinfurter Linie entstammenden von der Recke zu Stockhausen auslöste – mit wechselndem Prozesserfolg. Prozessvertreter der von der Recke war Eberhard Friedrich von der Recke-Stockhausen, seit 1784 preußischer Justizminister. In dieser Zeit war Heessen noch eine „Herrlichkeit mit Gerichtsbarkeit“ (aufgehoben 1812). Gerichtsstätten gab es im Dorf Heessen, vor der Schlosspforte oder auf der Brücke zum Schloss. Das Gerichtsschwert befindet sich heute in Höllinghofen, dem Wohnsitz der Freiherren von Boeselager.