Wassil Uladsimirawitsch Bykau (* 19. Juni 1924 in Bytschki, Wizebskaja Woblasz, Weißrussische SSR; † 22. Juni 2003 in Minsk) war ein belarussischer Schriftsteller.
Jugend und Kriegsdienst mini|zentriert|rahmenlos
Wassil Bykau wurde 1924 im belarussischen Dorf Bytschki in eine arme Bauernfamilie geboren. Er besuchte die Wizebsker Kunsthochschule, Abteilung Bildhauerei und die Infanterieschule in Saratow. 1941 wurde er in die Rote Armee mobilisiert. Er kämpfte als Artillerieoffizier in der Ukraine, Bulgarien, Jugoslawien und Ungarn. Das Kriegsende erlebte er in Österreich.Dirk Holtbrügge: Weißrußland. 2. Aufl., München, Beck, 2002. S. 117f. Zweimal wurde er verwundet.
In Hrodna war er für eine kurze Zeit als Journalist tätig und diente anschließend als Armeeoffizier im Fernen Osten, auf Sachalin und den Kurilen.
Schriftstellerische Tätigkeit Ab 1955 lebte er allein von seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Seine frühen Erzählungen thematisieren die Ereignisse des Krieges, ihre Protagonisten sind Soldaten und Offiziere der Roten Armee. Bekannt wurde Bykau mit seiner 1962 erschienenen Erzählung Die dritte Leuchtkugel („Трэцяя ракета“). In den 1960er-Jahren erschienen auch seine international bekannt gewordenen Erzählungen Alpenballade („Альпійская балада“) und Die Toten haben keine Schmerzen („Мёртвым не баліць“), in den 1970er-Jahren Die Schlinge („Сотнікаў“), Der Obelisk („Абеліск“), Gehen und nicht zurückkehren („Пайсці i не вярнуцца“). Bykau schrieb in seiner belarussischen Muttersprache, übersetzte aber viele seiner Werke selbst ins Russische.
Selbstreflexion „Ich will mich an die Wahrheit halten, ob sie hart, unangenehm, schön oder hässlich ist. Mir geht es um die Wahrheit des Lebens in allen seinen Wechselwirkungen und Erscheinungen. Die Kunst kennt nur ein Mittel, um in der Gesellschaft eine positive Veränderung herbeizuführen, nämlich die Gesellschaft so zu zeigen, wie sie wirklich ist.“Aus einem Gespräch mit Felix Medwedjew für „Ogonjok“, Moskau. In: Verlagsnachrichten des Verlags Volk und Welt, Berlin; Datum unbekannt
Werke in deutscher Übersetzung Die dritte Leuchtkugel. Kultur und Fortschritt, Berlin 1964 Die Toten haben keine Schmerzen. Propyläen, Westberlin 1967 Alpenballade. Geschichte einer Liebe. Verlag der Nation, Berlin 1970 Die Schlinge. Volk und Welt, Berlin 1972 Novellen, 2 Bände. Volk und Welt, Berlin 1976 Bd. 1: Die dritte Leuchtkugel, Eine Nacht, Die Falle, Alpenballade, Die Brücke von Kruhljany Bd. 2: Die Schlinge, Der Obelisk, Durchhalten bis zum Morgen!, Wolfsrudel Alarm. Damnitz, München 1977 Ausgewählte Novellen. Reclam, Leipzig 1978 Der Obelisk / Sein Bataillon. Volk und Welt, Berlin 1980 Zeichen des Unheils. Volk und Welt, Berlin 1984 Die Kiesgrube. Volk und Welt, Berlin 1988 Im Nebel. Volk und Welt, Berlin 1990
Verfilmungen Die dritte Leuchtkugel. Regie: Richard Wiktorow, 1963 Alpenballade. Regie: Boris Stepanow, 1965 Der Schrei des Kranichs. Regie: Alexander Karpow, 1975 Überleben bis zum Morgen. Regie: Viktor Sokolow, 1975 Wolfsrudel. Regie: Boris Stepanow, 1975 Aufstieg. Regie: Larissa Schepitko, 1976 Der Obelisk. Regie: Richard Wiktorow, 1976 Zeichen des Unheils. Regie: Michail Ptaschuk, 1986
Seine Geschichte Der Nebel („У тумане“) von 1988 wurde 2012 von Sergei Loznitsa verfilmt und kam im November 2012 unter dem Titel Im Nebel in die deutschen Kinos.
Posten und Auszeichnungen Bykau war auch publizistisch und zunehmend politisch tätig, wobei er zunächst durchaus linientreu war.Dirk Holtbrügge: Weißrußland. 2. Aufl., München, Beck, 2002. S. 119. Von 1972 bis 1978 war er Sekretär der Hrodnaer Abteilung des Schriftstellerverbandes der Weißrussischen SSR. 1974 erhielt er den Staatspreis der UdSSR, 1980 wurde er mit dem Titel „Nationalschriftsteller von Belarus“ ausgezeichnet, und 1986 erhielt er für seine Erzählung Zeichen des Unheils („Знак бяды“) den Leninpreis.
1984 wurde er zum Held der sozialistischen Arbeit ernannt.
Politische Tätigkeiten, Emigration, Krankheit und Tod mini|Grab von Wassil Bykau auf dem Ostfriedhof in Minsk Ende der 1980er Jahre beteiligte sich Bykau an Aktivitäten der prodemokratischen politischen Kräfte in Belarus (Weißrussische Volksfront) und zählte zu deren Gründungsmitgliedern. Zwischen 1989 und 1991 setzte er sich vehement für die Unabhängigkeit von Belarus ein und engagierte sich für die Opfer des Stalinismus. 1994 unterstützte er den Kandidaten Sjanon Pasnjak bei der Präsidentenwahl, die jedoch vom früheren Kolchos-Chef Aljaksandr Lukaschenka gewonnen wurden.
Bykau warnte vor dem aufkommenden russischen Imperialismus und verurteilte den Ersten Tschetschenienkrieg.Zina J. Gimpelevich: Vasil Bykau: His Life and Work. Montreal [u. a.]: McGill-Queen's University Press 2005. S. 178. Zudem befürchtete er durch die Russifizierungspolitik eine Verdrängung der belarussischen Sprache. Er war Leiter des Organisationskomitees einer regierungskritischen Kundgebung am 24. März 1996, welche sich gegen den von Lukaschenka angestrebten Staatenbund mit Russland richtete.
Ende 1997 verließ Bykau Belarus wegen zunehmender Repressionen der Staatsmacht unter Präsident Lukaschenka. Er hatte unter anderem Publikationsverbot, und es wurden negative Pressekampagnen gegen ihn geführt. 1998 ließ er sich auf Einladung des PEN-Clubs in Helsinki nieder, bevor er im Februar 2000 gemeinsam mit seiner Frau nach Deutschland auswanderte. Er wohnte zunächst in Berlin-Köpenick.Die schönen Mythen des Krieges in Die Tageszeitung vom 6. Januar 2001 Später hielt er sich für drei Monate im brandenburgischen Schloss Wiepersdorf auf. Zur Finanzierung des Aufenthaltes hatten das Auschwitz-Komitee sowie die Heinrich-Böll-Stiftung und der Grafiker Klaus Staeck um Spenden gebeten.Bykau in Berlin in Neues Deutschland vom 4. Februar 2000 Im Rahmen der Initiative Stadt der Zuflucht wohnte er vom Januar 2001 bis Sommer 2002 in Frankfurt am Main.Die Gastautor*innen 1998–2017 in Litprom Ab Ende 2002 lebte er in Tschechien. Seine gesundheitliche Situation wurde seit Mitte der 1990er Jahre immer schlechter. In Tschechien unterzog er sich einer Krebsoperation am Magen. Bei einem Aufenthalt in Belarus, wo er sich von dem Eingriff erholen wollte, starb er am 22. Juni 2003.
Gedenken mini|Gedenkmuseum zu Ehren von Wassil Bykau im Dorf Schdanowitschy (Minskaja Woblasz) Am 9. September 2020 wurde in Minsk eine Gedenktafel für Wassil Bykau enthüllt. Weitere Gedenktafeln befinden sich in Wizebsk und im ukrainischen Dorf Velyka Severynka.Мемарыяльная дошка Васілю Быкаву ў Віцебску (фота)
Am 15. Juni 2021 wurde in Uschatschi (Wizebskaja Woblasz) ein Denkmal für Wassil Bykau errichtet, neben einem Denkmal für den Nationaldichter Ryhor Baradulin, mit dem Bykau befreundet gewesen ist.
Im September 2025 stimmte der Ortsbeirat 1 der Stadt Frankfurt am Main für die Errichtung einer Gedenktafel zu Ehren Wassil Bykaus. Initiiert wurde diese Idee von der Belarusischen Gemeinschaft „Razam“ und der FDP.
Literatur Васіль Буран: Васіль Быкаў. Нарыс творчасці. Мінск: Мастацкая литаратура 1976. (belarussisch) Лазарь Ильич Лазарев: Василь Быков. Очерк творчества. Москва: Художественная литература 1979. (russisch) Heinz Plavius, Gespräch mit Wassil Bykau. In: Sinn und Form 3/1982, S. 636–648. Алесь Адамовіч: Васіль Быкаў = Василь Быков. Мінск: Беларусь 1986. (belarussisch, russisch) Dagmar Kassek: Zur Genesis parabolischen Erzählens bei Vasil' Bykau. Zeitschrift für Slawistik, 1988, bd. 33, n. 4, S. 523. Joseph Mozur: Vasil' Bykau: Exhuming the Belorussian Past. In: World Literature Today, 1990, vol. 64, n. 2, S. 251. (englisch) Zina J. Gimpelevich: Vasil Bykau's Belarusan Pilgrimage. In: Canadian Slavonic Papers, 2000, vol. 42, n. 3, S. 343–363. (englisch) Zina J. Gimpelevich: Vasil Bykau: His Life and Work. Montreal [u. a.]: McGill-Queen's University Press 2005. ISBN 0-7735-2900-4. (englisch)
Weblinks
2003: Rainer Lindner: Nachruf in der Deutsch-Weißrussischen Gesellschaft
Einzelnachweise
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