Die Binge-Eating-Störung (BES) (, kurz BED, von engl. binge „Gelage“) ist eine Essstörung, die sich durch wiederholte Episoden von subjektiv unkontrollierbarem und übermäßigem Essen, dem sog. Binge-Eating, auszeichnet. Im Gegensatz zur Bulimia nervosa werden anschließend keine Gegenmaßnahmen unternommen, sodass langfristig meist Übergewicht oder sogar Adipositas die Folge ist.

Die Binge-Eating-Störung ist die am häufigsten auftretende Essstörung.

Diagnostik

Historie und Anerkennung als Krankheitsbild Das Störungsbild wurde bereits 1959 von Albert Stunkard erstmals beschrieben.

1994 wurden für das DSM-IV erstmals Forschungskriterien für die BES formuliert, mit Veröffentlichung des DSM-5 kam die BES als neue eigenständige Diagnose hinzu.A Guide to DSM-5: Binge Eating Disorder Medscape.com 26. Mai 2013 Abruf 4. März 2016 In der ICD-10 konnte die BES unspezifisch unter „Nicht näher bezeichnete Essstörung“ (F50.9)S. Becker, S. Zipfel: Binge Eating und Binge-Eating-Störung. 2010, S. 62. oder unter „Essattacken bei sonstigen psychischen Störungen“ (F50.4) psychosomatik.uni-goettingen.de, 4. Juni 2015. klassifiziert werden. Die Definition dieser Essstörung war längere Zeit umstritten, die Kriterien werden von Ernährungswissenschaftlern und Medizinern jedoch zunehmend akzeptiert; die Behandlungsbedürftigkeit dieser Störung wird auch in Europa mittlerweile überwiegend anerkannt. Die Behandlungskonzepte entsprechen in der Regel denen der Bulimie.H.-K. Biesalski: Ernährungsmedizin: nach dem Curriculum Ernährungsmedizin der Bundesärztekammer. Thieme Verlag, 2004, ISBN 3-13-100293-X, S. 337; books.google.de

Mit Inkrafttreten der ICD-11 im Jahr 2022 wurde die Binge-Eating-Störung in diese aufgenommen.

DSM-5 Im 2013 erschienen DSM-5 wurde die „Binge-Eating-Störung“ erstmals als eigenständige Störung definiert. Die Symptome der Binge-Eating-Störung umfassen demnach:

Mindestens eine Binge-Eating-Episode pro Woche über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten. Eine Episode von Binge-Eating ist durch die beiden folgenden Merkmale gekennzeichnet: Essen einer Nahrungsmenge innerhalb eines bestimmten Zeitraums, die deutlich größer ist als das, was die meisten Menschen unter ähnlichen Umständen in einem vergleichbaren Zeitraum zu sich nehmen würden. Gefühl, während dieser Episode keine Kontrolle über das Essen zu haben. Deutlicher Leidensdruck infolge des Binge-Eatings. Keine kompensatorischen Maßnahmen.

Zusätzlich müssen mindestens drei der folgenden Symptome während einer Binge-Eating-Episode auftreten: Wesentlich schneller essen als normal, Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl, Essen großer Nahrungsmengen ohne körperlichen Hunger, Alleinessen (aus Scham), Ekel über sich selbst, Schuldgefühle und/oder Deprimiertheit nach dem Binge-Eating.

ICD-11

Binge-Eating-Störung Mit dem Inkrafttreten der ICD-11 im Jahr 2022 wurde die „Binge-Eating-Störung“ () als eigenständige psychische Störung unter „Fütter- oder Essstörungen“ aufgenommen. Um die Störung zu diagnostizieren, müssen mindestens folgende Kriterien auftreten:

Binge-Eating Das Hauptsymptom der BES ist das „Binge-Eating“. Nach ICD-11 wird es als eigenständige Diagnose als „Symptom oder Zeichen mit Beteiligung des Essens und verwandtem Verhalten“ wie folgt definiert:

Mögliche Zusatzsymptome Bei unkontrollierten Essanfällen werden meistens fettreiche und süße Lebensmittel gegessen, die einen hohen physiologischen Brennwert aufweisen.

Wie Bulimiker verschweigen Binge-Eater in der Regel ihr gestörtes Essverhalten, dies auch gegenüber Freunden oder Familienangehörigen. Befragungen von Betroffenen legen den Schluss nahe, dass die Essanfälle ausschließlich psychisch bedingt sind und überwiegend durch negative Gefühle, Stress oder Langeweile ausgelöst werden. Psychologen gehen davon aus, dass unangenehme Empfindungen während des Essvorgangs unterdrückt werden. Demnach handelte es sich beim Binge-Eating um eine Form von Vermeidungsverhalten. Wie auch bei anderen Essstörungen gibt es zur Entstehung und Funktion dieses Essverhaltens unterschiedliche Theorien. In der Ernährungspsychologie gibt es die Erklärung, dass so genanntes „gezügeltes Essverhalten“ ein Risikofaktor für das Entstehen von Essstörungen ist, vor allem für Bulimie und Binge-Eating-Störung.

Differentialdiagnose Im Gegensatz zu Bulimikern oder Magersüchtigen ergreifen Binge-Eater nach dem Essen keine Kompensationsmaßnahmen wie Erbrechen, exzessives sportliches Training oder Substanzmissbrauch.

Damit die Essstörung diagnostiziert werden kann, muss eine körperliche Ursache ausgeschlossen werden und die Symptome dürfen nicht vollständig durch eine andere Essstörung oder eine andere psychische Störung erklärt werden.

Epidemiologie Die Binge-Eating-Störung betrifft etwa 2 % der Bevölkerung. Damit gilt sie als die häufigste Essstörung. Unter den Betroffenen befinden sich mehr Frauen als Männer und die Häufigkeit der Essstörung nimmt mit steigendem Alter zu. Ein großer Teil der Binge Eater ist übergewichtig – allerdings leidet umgekehrt nur etwa ein Drittel der Adipositas-Patienten in Programmen, die dem Abnehmen dienen, an Essanfällen.

Körperliche Folgen Zu den möglichen körperlichen Folgen von Binge-Eating gehören Übergewicht, das metabolische Syndrom und andere Stoffwechselstörungen.

Therapie In der Therapie wird eine Normalisierung des Essverhaltens angestrebt, wobei auch die auslösenden psychischen Probleme behandelt werden. Die Psychotherapie der Binge-Eating-Störung basiert weitestgehend auf Konzepten, die ursprünglich zur Behandlung von Bulimie entwickelt wurden. Eine Behandlung mit entspannungs- und achtsamkeitsbasierten Verfahren wie MBSR kann ebenfalls zu einer Besserung führen.

Für SSRI (besonders Sertralin) gibt es gute Hinweise zur Wirksamkeit. Wie auch bei Zwangsstörungen liegt die erforderliche Dosis bei BES im oberen Normbereich. Neben der Wirkung auf die Impulskontrolle gibt es Effekte auf komorbide (gleichzeitig bestehende) Ängste und Depression. SSRI sind also besonders zu überlegen, wenn das Krankheitsbild nicht nur BES umfasst.

Das Amphetaminderivat Lisdexamfetamin konnte in mehreren randomisierten Studien die Zahl der Essanfälle senken. Es waren Medikamentendosen im höheren Bereich erforderlich. Innerhalb von 11 Wochen nahmen die Patienten 5 kg ab. In den USA und weiteren Ländern, nicht in Deutschland ist der Wirkstoff zur Behandlung der BES zugelassen. Die Arznei ist seit 2013 jedoch zur Behandlung von ADHS in Deutschland zugelassen.Lisdexamfetamin: ADHS-Medikament wirkt bei Binge-Eating-Störung. In: Deutsches Ärzteblatt, 15. Januar 2015. In einer kontrollierten Studie zur Rückfallvorbeugung lag der Anteil der Patienten, die einen Rückfall erlitten, unter Lisdexamphetamin bei 3 %, gegenüber 32,1 % unter Placebo.

Auch Topiramat scheint bei der Behandlung der Attacken und für die Gewichtsreduktion wirksam zu sein. Es liegen 4 RCT vor.

Eine medikamentöse Therapie kommt auch in Frage, wenn Psychotherapie abgelehnt wird, nicht zur Verfügung steht oder nicht zum Erfolg führt.

Literatur

Leitlinien

Fachliteratur

Weblinks

Binge-Eating-Störung – unabhängiges Informationsangebot des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) Binge-Eating-Störung auf Gesundheitsinformation.de

Einzelnachweise

Kategorie:Form der Essstörung