mini|hochkant| Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen ist ein Sammelband mit 12 Erzählungen Alfred Döblins, die in den Jahren 1903 bis 1905 verfasst wurden und 1913 im Georg Müller Verlag erschienen. Zum großen Teil wurden die Texte bereits 1910/1911 in der Zeitschrift Der Sturm publiziert. Sie weichen in Inhalt und Form stark voneinander ab, in allen werden jedoch Themen der Zeit behandelt: Eros und Geschlechterkampf,Vgl. Klaus Müller Salget: Alfred Döblin. In: Hartmut Steinecke (Hrsg.): Deutsche Dichter des 20. Jahrhunderts. Erich Schmidt, Berlin 1994, ISBN 3-503-03073-5, S. 215. die Zerbrechlichkeit bürgerlicher Rollenmuster und gesellschaftlicher Konventionen, surreale Vorgänge in der persönlichen Wahrnehmung sowie die „Demontage des Individuums“.Klaus Müller Salget: Alfred Döblin. In: Hartmut Steinecke (Hrsg.): Deutsche Dichter des 20. Jahrhunderts. Erich Schmidt, Berlin 1994, ISBN 3-503-03073-5, S. 216. Besonders die titelgebende Novelle Die Ermordung einer Butterblume erfüllt diesen modernistischen Anspruch und gilt als Schlüsseltext des Expressionismus und der literarischen Moderne.

Inhalt der einzelnen Erzählungen Die Segelfahrt Die kleine Erzählung ist eine mit Motiven der Neuromantik ausgestaltete tiefenpsychologische Skizze über die im Menschen schlummernde seelische Unterwelt. Sie bricht als Naturmacht, durch das stürmische Meer symbolisiert, in die gefährdete Existenz ein und zerstört sie.Walter Muschg: Nachwort zu Alfred Döblin: Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1965, S. 166.

Der achtundvierzigjährige Brasilianer Copetta ist „aus einem hoffnungslosen Glück“ mit seiner Jacht über den Ozean gefahren, hat sich vier Monate lang in Paris vergnügt und ist dann fluchtartig mit der Eisenbahn nach Ostende gefahren. Jetzt spaziert er entlang der Promenade und begegnet hier einer eleganten Frau L., vielleicht Mitte dreißig, mit rostfarbenem Haar unter einem breitrandigen weißen Hut. Ihr grauer Blick aus einem klugen Gesicht weicht ihm aus. Nachdem sie sich an diesem Nachmittag dreimal begegnet sind, schickt er seine Visitenkarte in ihre Pension und kündigt seinen Besuch an. Im Hotel zerreißt er die Bilder seiner beiden Kinder und verkohlt den Stein seines Eherings in einer Kerzenflamme. Er lädt L. zu einer Segelpartie für den nächsten Morgen ein. Auf dem Boot entwickelt sich zwischen den beiden schnell ein von ihr animiertes neckisches Liebesspiel vor dem Hintergrund eines aufziehenden Sturmes. Sie wird immer ausgelassener, er sinkt dagegen zusammen, „erschüttert hört[–] er ihr Lachen […] er wiegt[–] den Kopf verneinend hin und her.“ Die Wellen werden höher und Copetta lässt sich rückwärts in Meer fallen. Sie wird gerettet, denn er hat die Hafenbehörde vor der Ausfahrt durch ein Telegramm über sein Vorhaben informiert.

L.s Leben gerät durch die Tragödie aus den Fugen. Sie lässt ihre alte Mutter allein in der Pension zurück und reist nach Paris. Dort schminkt und kleidet sie sich mondän, lebt ein Jahr lang ausschweifend „mit gleichgültigem Lachen und Kopfschütteln“, tanzt auf Bällen eigenwillig ekstatisch mit durch Atropin geweiteten glänzenden Pupillen und schläft wahllos mit jungen Männern, die sie die „Hyäne“ nennen. Als sie einen Blumenstrauß mit einem Brief geschickt bekommt, der sie ob des „mächtigen Bogens“ an Copetta erinnert, verlässt sie sofort die Stadt und flüchtet endgültig in eine Traumwelt: Sie kündigt Copetta ihre Ankunft an. In Ostende ignoriert sie die Information über seinen Tod und fährt in der Nacht bei Vollmond mit einem Boot zu der Unglücksstelle hinaus, um den Geliebten zu suchen. Ein Sturm zieht auf, sie gerät in Panik und will schon verzweifeln, als die schwarze Gestalt des Brasilianers ins Boot steigt. „Langsam hob er den rechten Arm und wehrte die Frau ab, die sich jubelnd vom Boden erhob“ und lässt sich ins Meer fallen. Sie stürzt ihm nach, und ihre jugendlich verwandelten Körper umschlingen einander. „Die purpurne Finsternis schlug über sie. Sie wirbelten hinunter ins tobende Meer.“

Die Tänzerin und der Leib Thema ist der, auch in anderen Werken des Autors behandelte, Kampf des Willens zur Kunst gegen den ungehorsamen, sich verselbständigenden Körper. Die Protagonistin Ella lernt bereits mit elf Jahren das Tanzen, mit achtzehn Jahren sind ihre grazile sportliche Figur, ihre Technik und ihr diszipliniertes Auftreten für ihren Beruf vollendet und sie nähert sich dem Ideal, kühl den Körper in den Dienst ihrer Kunst zu stellen. Doch schon ein Jahr später befällt sie ein „bleiches Siechtum“, ihre Glieder werden schwer. Sie droht ihrem Leib, aber er gehorcht ihr nicht mehr als Spielzeug.

Als sie auf Drängen ihrer Mutter das Krankenhaus aufsucht, empfindet sie gegenüber dem eigenen Körper nur noch Ekel und den hilfreichen Ärzten gegenüber Abscheu, da sie sich nur um ihren Körper kümmern und ihn heilen wollen. Im Krankenbett verändert sich die Verfassung der Tänzerin. Sie verlernt zu sprechen und Befehle zu geben. Die ganze Behandlung läuft ohne ihren Willen ab. Auf ihre Mutter wirkt „die Verfallene“ kleinmütig und hilfsbedürftig und wiederholt deren tröstende Worte: „Wir stehen alle in Gottes Hand.“ Nach kurzer Beruhigung flackert ihre Abneigung wieder auf. Sie fühlt sich zurückgesetzt gegenüber dem kranken Leib, der vom Pflegepersonal mit Ehrfurcht behandelt wird, den sie aber als ihren alleinigen Besitz betrachtet. So verweigert sie den Ärzten eine wahrheitsgemäße Aussage über ihre Beschwerden und verheimlicht ihre Schmerzen. Später gibt sie die Abwehrhaltung auf, lässt alles gleichgültig mit sich geschehen, fühlt keine Verantwortung mehr und verweist ihren klagenden Körper auf die Ärzte: „‚Sei ruhig bis morgen zur Visite; sag es den Ärzten, deinen Ärzten, laß mich zufrieden.‘ Sie führten getrennte Wirtschaft.“ Nun antwortet sie wieder den Ärzten, doch gleichzeitig bemerkt die Tänzerin mit Ironie deren Erfolglosigkeit. Den stetigen Zerfall ihres Körpers beobachtet sie mit Schadenfreude.

Als eines Mittags von draußen Marschmusik zu hören ist, fühlt sich die Tänzerin angeregt und stickt auf einem weißen Tuch symbolisch ihre Situation: einen kugeligen Leib ohne Kopf, der auf der einen Seite von einem Arzt behandelt und von der anderen Seite her von einem tanzenden Mädchen mit einer Schere angestochen wird, so dass er ausläuft. Ella wünscht wie früher zu tanzen, die Machtverhältnisse wieder umzukehren und die Glieder ihrem Willen zu unterwerfen. Sie ruft nach dem Arzt und als er sich über sie beugt und die Stickerei betrachtet, sagt sie zu ihm: „Du, — Du Affe, — Du Affe, Du Schlappschwanz.“ Anschließend stößt sich die Protagonistin die Nähschere, wie auf dem Bild, in die linke Brust. „Noch im Tod hatte die Tänzerin den kalten verächtlichen Zug um den Mund.“

Astralia Die Satire ist ein Beispiel dafür, dass der Autor die gleichen Themen, z. B. surreale Phänomene, einmal mit tragischem Ernst, wie bei den Märchen und Legenden sowie den psychiatrischen Studien, ein andermal, wie bei der Verwandlung Göttings aus der Borniertheit in die Verrücktheit, als witzig-freche Schwänke und Parodien ausführt.

Adolf Götting, Denker und Privatgelehrter, Mitglied mehrerer frommer Vereine sowie Gründer der Brüderschaft Astralia, ist „ein gedrücktes Männlein mit verschrumpeltem Gesicht, gelblich, entzündeten Augen und weicher Stimme“. Er hat eine „Geschichte der hauptsächlichen Fehler im menschlichen Handeln seit dem Sündenfall bis in die Gegenwart“ verfasst und schreibt gerade ein Buch über „Das innere Leben und seine körperliche Darstellung“. Seine fürsorgliche und sparsame Frau Elfride, „ein blasses, angenehmes Wesen“, das ihm einen braunen, schwarzgestopften Strumpf um den Hals bindet, damit sich ihr katarrhalischer Mann in der feuchten Herbstwitterung nicht erkältet, und ihn ermahnt, dass er doch auf sich aufpassen solle, wird von ihm ständig mit seinen absurden Gesundheits- und Verwandlungstheorien belehrt. Solche Gespräche mit ihr unterfordern ihn und er ermahnt sie: „Ich sollte dich nicht anhören, Elfriede. Du weißt nicht, was du sprichst. Heut ist Neumond. […] Das Gemüt, das Gemüt. […] Von innen heraus werde ich alles überwinden.“ Adolf verlässt das Haus und „geht spazieren, weil er Denker ist. Er weiß, daß er Denker ist. Seine Frau weiß es nicht.“ Er fühlt sich aber auch als „Verkünder, ein Seher, der seine Zeit abwartet. […] Eines Tages aber wird ein Wunder geschehen. […] wenn das Gemüt sich hoch genug gestaut hat; es wird ihn verwandeln.“ Danach nimmt er an der nächtlichen Sitzung seiner Brüderschaft teil. Der kleine Kreis trinkt Most und raucht viel. Sie preisen die unvergängliche Seele, fordern die Gütergleichheit und das Verbot, Tiere zu töten. Götting prophezeit den bevorstehenden Weltuntergang. In der Neumondnacht „geschehen seltsame Dinge“.

Am nächsten Morgen taumelt ein halbnacktes Männlein, Adolf Götting, aus der Tür des Lokals und sinniert. „Wenn es geschehen wäre, das Unglaubliche, die Verwandlung, heut über Nacht!“ Er erregt die befremdeten Blicke der Passanten. Er wird von Rolljungen, Bäckern und Barbieren verlacht und von einer Schülergruppe bedrängt, doch er empfindet nur Dankbarkeit: „[E]s ist geschehen. Das Wunder hat sich vollzogen, der Herr hat es vollzogen.“ Er singt: „Das Leid aller Jahre ist vergessen. […] Hosianna, dir Herr.“ Zurückgekehrt in seine Wohnung, erschrickt Elfriede vor ihrem verwirrten Mann. Während er ihr freudig von seiner Verwandlung erzählt, interessiert sie sich nur für seine Kleidung. Darauf beschimpft er sie: „Bist du auch von der Rotte Korah? Heb dich von mir, auf daß ich nicht unrein an dir werde.“ Als er das Lachen der Nachbarn im Treppenhaus hört, brüllt er: „Nicht lachen, nicht lachen! Hier gibt es nichts zu lachen!“ Schließlich verkriecht er sich ins Bett und fleht darum, dass sie aufhören sollen zu lachen, und Elfriede muss ihr zitterndes Männlein trösten.

Mariä Empfängnis Die kleine Erzählung wird der romantischen Phase des Autors zugerechnet, in der er das seelische Abenteuer der Protagonisten in das Stilkostüm des Märchens oder der katholisierenden Legende kleidet.Walter Muschg: Nachwort zu Alfred Döblin: Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1965, S. 164.

Der Erzähler beschreibt am Anfang Maria im Einklang mit der Natur. Sie läuft „bleich und stilläugig“ durch eine feuchte Wiese und blickt empor zum Laub eines breitästigen Baumes, der in einem von Männern gemiedenen Wald steht. Während des Regens sitzt sie unter den Gespielinnen in der Halle, und gemeinsam beschwören sie singend den Regengott. Sie hat Sehnsucht nach einem Kind, blickt ahnungsvoll zum „schwerblauen Himmel“ hoch und „schauert plötzlich zusammen“, aber den um sie werbenden Freund Josef weist sie jungfräulich ab.

„Als die Mädchen einmal in sanftem Glück unter jenem breitästigen Baum ihre Jugend mit Küssen und Umarmen [genießen]“, zieht ein Gewittersturm auf, und sie sehen eine „schwarze, unermeßlich breit und riesig greifende Wolkenhand, unentrinnbar Willens gleichsam wie eine Gotteshand“ und ein helles Licht blickt wie ein Auge auf sie. Die Mädchen flüchten, Marias Freund eilt herbei und sie sinkt ihm schutzsuchend in die Arme. „In dem dichten Dunkel fuhren Hände ihr über Gesicht und Haare, sie hörte nach dem herrisch befehlenden Donnerschlage heiße Flüsterworte.“