mini|Heinrich Bullinger
Heinrich Bullinger (* 18. Juli 1504 in Bremgarten, Aargau; † 17. September 1575 in Zürich) war ein Schweizer Reformator und während 44 Jahren Antistes der Zürcher reformierten Kirche. Er war einer der führenden Theologen des Protestantismus im 16. Jahrhundert, hielt zahlreiche Predigten und schrieb 124 Werke, sein Briefwechsel umfasste über 12'000 Briefe. Er verfasste auch das Zweite Helvetische Bekenntnis, das von den Reformierten in Schottland, Ungarn, Polen, Österreich, Rumänien, Böhmen und der Slowakei als Glaubensbekenntnis übernommen wurde.Christof Bauernfeind: 450 Jahre Zweites Helvetisches Bekenntnis. IdeaSpektrum, Liestal, 12. Oktober 2016, S. 7.
Kirchengeschichtliche Zeitumstände Bullingers Studienjahre fielen in die Anfangszeit der Reformation, und während seiner langen Amtszeit in Zürich kam es zu bedeutenden Ereignissen wie der Reformation in England, der Reformation in Genf durch Johannes Calvin, dem Schmalkaldischen Krieg, dem Augsburger Religionsfrieden und der Bartholomäusnacht in Frankreich.
Leben Heinrich Bullinger wurde 1504 in der Kleinstadt Bremgarten als eines von fünf Kindern des im Konkubinat lebenden katholischen Pfarrers Heinrich Bullinger geboren (1529 bekehrte sich auch der Vater zur Reformation und legalisierte seine Ehe mit Anna Wiederkehr).Rudolf Gamper: Die lateinische Bibel von Johannes Bullinger. In: Querblicke, Zürcher Reformationsgeschichten (= Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich. Band 86). Hrsg. von Peter Niederhäuser, Regula Schmid. Chronos Verlag, Zürich 2019, ISBN 978-3-0340-1498-4, S. 78–83, S. 84–89, betr. den älteren Bruder Hans Reinhart, genannt Johannes Bullinger, bes. S. 85. Bereits mit fünf Jahren besuchte der junge Bullinger die Lateinschule, 1516 ging der Zwölfjährige als Lateinschüler nach Emmerich in die humanistisch reformierte Stiftsschule.Fritz Blanke: Heinrich Bullinger: Vater der reformierten Kirche. Theologischer Verlag Zürich, Zürich 1990, ISBN 3-290-10079-0, S. 23. Er studierte bei Matthias Aquensis an der Universität Köln, einer ausgeprägt katholischen Hochschule, das Kirchenrecht, die Kirchenväter und alte Sprachen, dabei wurde er von den Humanisten Johannes PhrissemiusAuch Phrysemius; Frishemius; von Vryssem u. ä., wohl identisch mit «Johan Ott de Fryckenhusen d[iocoesis] Herbipol[ensis]», 1508 Student in Leipzig, 1510 immatrikuliert in Köln, Mitglied der Montana-Burse, 1522 Baccalauréat, 1525 Dr. der Dekretalien, kurfürstlicher Rat, Dekan der Artistenfakultät, Regens der Montana-Burse. Wahrscheinlich ist er identisch mit dem Kanzler des Erzstiftes Köln «Joannes Matthaeus Phrissemius» (Frischheim) († 1533), der 1523 in Köln Rudolph Agricolas «De inventione dialectica» neu herausgab und Lehrer von Heinrich Bullinger war. und Arnold von Wesel geprägt. Er las auch die Schriften von Martin Luther und Philipp Melanchthon und schloss sich in dieser Zeit der Reformation an.
1523 wurde er mit 19 Jahren als Lehrer im Zisterzienserkloster Kappel am Albis vom Abt Wolfgang Joner berufen. Er unterrichtete nicht nur Klassiker, sondern auch Philipp Melanchthons Loci communes. Sein Unterricht war so interessant, dass nicht nur der Abt und alle Mönche, sondern auch Leute aus der Umgebung daran teilnahmen. Bullinger hatte die Stelle unter der Bedingung angetreten, dass er selbst nicht an der Messe und dem Chorgebet teilnehmen müsse. In seiner Kappeler Zeit verfasste er u. a. 30 lateinische und 22 deutsche Schriften, vor allem zur Auslegung der Evangelien und zu den Briefen des Apostels Paulus.Patrik Müller: Heinrich Bullinger. Reformator, Kirchenpolitiker, Historiker. Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2004, ISBN 3-290-17288-0, S. 21, 23.
Im Januar 1528 ging er mit seinem Freund Ulrich Zwingli zur Berner Disputation, auf die hin sich die Stadt Bern zur Reformation bekannte. Auch das Kloster Kappel schloss sich der Reformation an, und Bullinger wurde neben seinem Lehramt auch Prediger im benachbarten Hausen am Albis.Christian Moser: Zwinglis Erbe. In: NZZ Geschichte. Nr. 14, Zürich 2018, S. 61–71.
1529 wurde Bullingers Vater in Bremgarten wegen seines evangelischen Bekenntnisses abgesetzt. Kurz darauf hielt jedoch sein Sohn eine Probepredigt in seiner Heimatstadt, in deren Folge die Bürger ihre Heiligenbilder verbrannten und den jungen Pfarrer zu ihrem Seelsorger wählten.
Im selben Jahr heiratete er Anna Adlischwyler, die Tochter von Hans Waldmanns Leibkoch und eine der letzten Nonnen aus dem Kloster Oetenbach in Zürich.Fred Rihner: Illustrierte Geschichte der Zürcher Altstadt. Bosch, Zürich 1975. Seit der Reformation war das Kloster schon geschlossen. Anna lebte aber noch im Klostergebäude.Patrik Müller: Heinrich Bullinger. Reformator, Kirchenpolitiker, Historiker. Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2004, ISBN 3-290-17288-0, S. 28. Die beiden führten eine glückliche und als vorbildlich geltende Ehe.Vgl. auch Jutta Eming, Ulrike Gaebel: Wie man zwei Rinder in ein Joch spannt. Zu Heinrich Bullingers «Der christliche Ehestand». In: Maria E. Müller (Hrsg.): Eheglück und Liebesjoch. Bilder von Liebe, Ehe und Familie in der Literatur des 15. und 16. Jahrhunderts (= Ergebnisse der Frauenforschung. Band 14). Weinheim/Basel 1988, S. 125–154. Er war den gemeinsamen elf Kindern ein liebevoller Vater, spielte gerne mit ihnen und schrieb ihnen zu Weihnachten Verse. Sein Haus war ständig angefüllt mit Flüchtlingen, Pfarrerkollegen und Rat- und Hilfesuchenden. Alle seine Söhne wurden Pfarrer.
mini|Bullinger-Denkmal an der nordöstlichen Aussenmauer des Grossmünsters
Nach der Niederlage im Zweiten Kappelerkrieg 1531, wo Zwingli am 11. Oktober von gegnerischen Soldaten gefangen und getötet wurde, musste Bremgarten mit dem übrigen Freiamt zum katholischen Glauben zurückkehren. Bullinger und zwei Amtsbrüder mussten die Stadt verlassen, auch wenn die Bevölkerung sie ungern gehen sah. Bullinger kam mit seiner Frau Anna und zwei kleinen Kindern als Flüchtling nach Zürich, wo er schon am Sonntag nach seiner Ankunft auf Zwinglis Kanzel im Grossmünster «eine Predigt herunterdonnerte, dass es vielen vorkam, Zwingli sei nicht tot, sondern gleich dem Phoenix wieder auferstanden» (Oswald Myconius).Brief von Oswald Myconius an Simprecht Schenck vom 29. November 1531 (d. h. knapp eine Woche nach der Predigt), vgl. Carl Pestalozzi: Heinrich Bullinger. Elberfeld 1858, S. 72. Am 9. Dezember desselben Jahres wurde er mit 27 Jahren zum Nachfolger Zwinglis als Antistes der Zürcher Kirche gewählt. Er nahm die Wahl erst an, als ihm der Rat ausdrücklich zugesichert hatte, er könne seine Verkündigung «frei, ungebunden und ohne Einschränkung» halten, auch wenn dabei Kritik an der Obrigkeit nötig sei. Er blieb in diesem Amt bis zu seinem Tod am 17. September 1575.
1536 verfasste er zusammen mit Oswald Myconius und Leo Jud das Erste Helvetische Bekenntnis, das von Zürich, Bern, Basel, Schaffhausen, St. Gallen, Mülhausen und Biel gemeinsam herausgegeben wurde.
Bullingers Gastfreundschaft gab in Zürich ein Beispiel, und die Stadt nahm viele protestantische Flüchtlinge auf, beispielsweise 1555 aus LocarnoDie Protestanten von Locarno. und nach dem Tod von Heinrich VIII. aus England. Als diese Flüchtlinge nach dem Tod von Maria I. Tudor wieder nach England zurückkehrten, nahmen sie Bullingers Schriften mit, die dort starke Verbreitung fanden. Von 1550 bis 1560 gab es in England 77 Auflagen von Bullingers Dekaden und 137 Auflagen seines Hausbuchs (zum Vergleich: die Institutiones von Calvin erlebten in der gleichen Zeit zwei englische Auflagen).
Obwohl Bullinger selbst die Schweiz nie mehr verliess, seitdem er Antistes von Zürich wurde, hatte er Briefwechsel mit Menschen in ganz Europa, war dadurch ausgezeichnet informiert und gab eine Art Zeitung über politische Ereignisse heraus.Jan-Andrea Bernhard: Briefe an Heinrich Bullinger im Blick auf Entstehung, Abfassung und Rezeption der «Confessio Raetica» (1552/53). In: Zwingliana. 40, Zürich 2013, , S. 37–71.
Zusammen mit Johannes Calvin erarbeitete er den Consensus Tigurinus von 1549, der eine Einigung in der Abendmahlfrage zwischen Zwinglianern und Calvinisten bedeutete, wodurch in der Schweiz eine Separatentwicklung der verschiedenen reformierten Richtungen verhindert wurde.
Selbst schwer erkrankt und von dem Zürcher Stadtphysicus Conrad Gessner zusammen mit dem Exulantenarzt Johannes Muralt gepflegt, verlor Bullinger im Jahr 1565 durch eine Pestepidemie seine Frau und drei Töchter.
1571 schrieb Bullinger in seiner Schrift Wider die schwarzen kunst dem Teufel eine grosse Macht selbst über Unschuldige zu und forderte unter Hinweis auf göttliches und menschliches Recht eine harte Bestrafung der «Schwarzkünstler» durch die Todesstrafe.Rainer Henrich: Heinrich Bullinger: Wider die schwarzen Künste (1571).
Ethelbert William Bullinger (1837–1913), ein führender Theologe des amerikanischen Protestantismus und Herausgeber der Companion Bible, ist ein direkter Nachfahre.
Ansichten
Wahrnehmungen
Werke mini|1560
Theologische Werke Bullingers theologische Werke umfassen 124 Titel, darunter Dekaden, auch Hausbuch genannt. – Bullingers theologisches Hauptwerk. Es handelt sich um eine Zusammenstellung von fünfzig lateinischen Lehrpredigten (fünf Bücher zu je zehn Predigten, daher «Dekaden»), die zwischen 1549 und 1552 in Zürich erschienen sind. Sie behandeln alle wichtigen Punkte des reformierten Glaubens. Die Dekaden wurden auf Deutsch, Englisch, Französisch und Holländisch übersetzt und hatten einen grossen Einfluss auf Calvin, auf den Heidelberger Katechismus und insbesondere auch die englische und später amerikanische reformierte Frömmigkeit. Die Dekaden waren Pflichtlektüre der anglikanischen Pfarrer und Massstab für die reformierte Predigt.Patrik Müller: Heinrich Bullinger. Reformator, Kirchenpolitiker, Historiker. Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2004, ISBN 3-290-17288-0, S. 41. Zweites Helvetisches Bekenntnis – von Bullinger als persönliches Glaubensbekenntnis verfasst und auf Bitte von Friedrich III. 1566 veröffentlicht. Der Wiedertäufern Ursprung, Fürgang, Sekten (1560) – Bullingers polemische Sicht auf den Ursprung der Täufer (Abstreitung, dass diese aus der Zürcher Reformation heraus entstanden sind), diese Sicht wirkte bis weit ins 20. Jahrhundert, gilt jetzt aber als widerlegt (). Geschichtswerke: eine Reformationsgeschichte (1564) (eine der wichtigsten historischen Quellen für die Reformation), eine Geschichte der Eidgenossen (1568), eine Zürcher Geschichte (1574), aber auch eine Abhandlung über aargauische Geschichte (1570).Beat Hodler: Aargau ist überall. Bullingers (fast) vergessene Schriften zu Habsburg und Sempach. In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte. 72/1, 2022, S. 127–138. 12 vorformulierte Feldpredigten für die Zürcher Truppen im Februar 1547 während des Schmalkaldischen Krieges, als Konstanz bedroht war und mit ihm die Eidgenossenschaft.Hans Ulrich Bächtold: Heinrich Bullinger, die Geschichte und der Krieg. In: Librarium. 65, 2022, S. 84–96, ill., mit Abdruck der 12. Predigt nach dem Autograph (Zentralbibliothek Zürich, Ms. T 432.5). Lateinische Bibelkommentare über alle Bücher des Neuen Testaments. Zahlreiche Predigten, darunter 66 über Daniel, 170 über Jeremia und 190 über Jesaja Studiorum ratio – eine Studienanleitung für Studenten. Eine Schrift über die Verfolgung der Christen von der Antike bis ins 16. Jahrhundert. Summa Christenlicher Religion. Froschower, Zürich 1558 (neu: Limache, ISBN 3-9520867-0-3). Apokalypse. Eine Sammlung von 100 Predigten über die Offenbarung des Johannes von 1554 bis 1556 lösten in England einen gewaltigen Boom von Endzeit-Predigten und ‑Kommentaren aus.Patrik Müller: Heinrich Bullinger. Reformator, Kirchenpolitiker, Historiker. Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2004, ISBN 3-290-17288-0, S. 54.
Bullingers Briefwechsel