Der 10-Tage-Krieg (auch Slowenienkrieg; Slowenischer Unabhängigkeitskrieg) war ein vom 26. Juni bis zum 7. Juli 1991 andauernder militärischer Konflikt zwischen der Jugoslawischen Volksarmee und der slowenischen Territorialverteidigung in Jugoslawien infolge der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens vom 25. Juni 1991. Der Krieg wurde durch Unterzeichnung des Brioni-Abkommens beendet. Er gilt als Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien.
Der Konflikt Nachdem die kommunistischen slowenischen Abgeordneten im Frühjahr 1989 das Nationalparlament Jugoslawiens aus Protest endgültig verlassen hatten, wurden im September 1989 die ersten demokratischen Wahlen in Slowenien eingeleitet. Die bis dahin allein regierende slowenische kommunistische Partei stimmte den Wahlen im November 1989 zu, obwohl die Belgrader Parteizentrale auf ein Verbot drängte. Im April 1990 wurden daher trotz massiver Drohungen Belgrads die ersten freien Parlaments- sowie Präsidentschaftswahlen durchgeführt. Die neue, demokratisch legitimierte Regierung Sloweniens versuchte daraufhin, sich mit der jugoslawischen Staatsführung auf eine Art konföderative Staatsstruktur zu einigen, jedoch scheiterte dies. Die slowenische Regierung und der slowenische Präsident Milan Kučan sowie die katholische Kirche begannen im Juli 1990 mit der Aufarbeitung der Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs im Kočevski Rog, um einen unbelasteten Neuanfang Sloweniens zu beginnen, mit weitgehender Zustimmung der Bevölkerung.derStandard.at vom 12. Juni 2016: Unabhängigkeit Slowenien: Nichts mehr so, wie es war, RÜCKBLICK: Samo Kobenter erinnert an den Beginn des Jugoslawienkrieges und führt die einzigartige innerslowenische Versöhnungspolitik als Beispiel möglicher Gründe an, dass der Krieg für Slowenien kurz und glimpflich ablief, im Unterschied zu Kroatien, das damals unter Franjo Tudjman ideologisch gar auf faschistische Traditionen zurückgriff.
Am 23. Dezember 1990 fand ein Referendum über die Unabhängigkeit Sloweniens statt. Mit einem Ergebnis von 88,2 % stimmten die Slowenen für die Eigenstaatlichkeit. Im Frühjahr 1991 versuchte die slowenische Regierung zum letzten Mal einen Konsens in Form einer Konföderation Sloweniens mit der jugoslawischen Staatsführung zu finden, auch dieser Versuch scheiterte.
Am 25. Juni 1991 lösten sich Slowenien und Kroatien aus dem Staatsverband Jugoslawien und erklärten ihre Unabhängigkeit. Die slowenische Polizei und die Streitkräfte der slowenischen Territorialverteidigung Teritorialna Obramba (TO) übernahmen unmittelbar danach die Kontrolle an den Grenzübergängen zu Italien, Österreich und Ungarn und die Sicherung der Luftkontrolle auf den slowenischen Flughäfen. Der jugoslawische Ministerpräsident Ante Marković ermächtigte daraufhin die Jugoslawische Volksarmee (JNA), „die Staatsgrenzen zu schützen, sowohl an Grenzübergängen als auch in Regionen, die im Grenzgebiet liegen“.
Die Kämpfe begannen am 27. Juni. Es kam zu mehreren Gefechten zwischen slowenischen Polizisten und der slowenischen Territorialverteidigung einerseits und der jugoslawischen Volksarmee andererseits. Besonders an internationalen Grenzübergängen, wie z. B. Spielfeld, wurde während der kriegerischen Handlungen häufig eine Gefahr darin gesehen, dass Österreich in diese bewaffneten Auseinandersetzungen mit hineingezogen werden könnte. Aus diesem Grund verlegte das Österreichische Bundesheer Truppen an die Grenze zu Slowenien. An Grenzübergängen in der Nähe von Kasernen gab es heftige Kämpfe, hohe Schäden und einige Todesopfer.
Viele Panzereinheiten der jugoslawischen Volksarmee erreichten nie ihre Ziele im Norden Sloweniens, da die slowenische Territorialverteidigung nach monatelanger Vorbereitung in der Lage war, sich mit Panzersperren an den wichtigen Verkehrspunkten erfolgreich zur Wehr zu setzen. Da das nördliche Slowenien alpines Gebiet ist, konnte die gut gerüstete Jugoslawische Volksarmee nicht mit Luftschlägen kontern. Dennoch verirrten sich jugoslawische MIGs bis weit in den österreichischen Luftraum (Graz).
Zugleich wurden in Kroatien (das gerade selbst nach staatlicher Unabhängigkeit strebte) viele Kasernen blockiert und sabotiert. Kroaten und Bosnier in der jugoslawischen Volksarmee ergaben sich sofort der slowenischen Territorialverteidigung, da sie nicht für Jugoslawien kämpfen wollten. Innerhalb weniger Tage ergaben sich etwa 3800 Soldaten der jugoslawischen Volksarmee der slowenischen TO. Laut offiziellen Angaben nahm die slowenische Territorialverteidigung 4693 Angehörige der JNA und 252 Bundespolizisten gefangen.Brigadier Janez J. Svajncer: War for Slovenia 1991. Slovenska vojska, Mai 2001.
Nach zehn Tagen wurde ein Waffenstillstand vereinbart. Daher spricht man bis heute vom 10-Tage-Krieg.
Im Oktober 1991 verließ der letzte jugoslawische Soldat slowenischen Boden.
Die Streitkräfte Bei dem Konflikt standen etwa 30.000 (Angaben des Stabes) bis 35.200 (Angaben der NATO) Mann der Jugoslawischen Volksarmee rund 26.000 (Angaben der NATO) bis 30.000 (Angaben des Generalstabes der slowenischen TO) der slowenischen Territorialverteidigung gegenüber. Diese wurden vom neuen Staat Slowenien hauptsächlich aus Verbänden der früheren jugoslawischen Territorialverteidigung Sloweniens und der Polizei rekrutiert. Allerdings sind die Zahlen der JNA kritisch zu bewerten, da unterschiedliche Angaben des Stabes der JNA und verschiedene Pressemitteilungen aus dieser Zeit vorliegen. Auch aufgrund vieler Fahnenflüchtiger, Überläufer zur slowenischen Territorialverteidigung und blockierter Einheiten in den Kasernen und Straßen werden wohl die Hälfte der entsandten Einheiten der jugoslawischen Volksarmee tatsächlich ihre Stellungsziele erreicht, bzw. den slowenischen Einheiten gegenübergestanden haben. 30 % der Gesamtstärke der RV i PVO (jugoslawische Luftwaffe) und in einigen Einheiten bis zu 76 % der Piloten waren slowenischer Abstammung. Etwa 200 Mann der RV i PVO entschieden sich dazu, noch vor dem Ende des Konflikts die Seite zu wechseln.Brigadier Janez J. Svajncer: War for Slovenia 1991. Slovenska vojska, May 2001 + Slovenian Government + NATO Statistics 1991.
Ablauf mini|Karte mit den Operationen der JNA während des 10-Tage-Krieges
26. Juni Am Morgen des 26. Juni verließen Einheiten des 13. Korps der Jugoslawischen Volksarmee ihre Kasernen in Rijeka, Kroatien, um sich in Richtung der slowenisch-italienischen Grenze zu bewegen. Dies führte unmittelbar zu starken Reaktionen lokaler Slowenen, die spontan Barrikaden errichteten und Demonstrationen gegen die Aktionen der Jugoslawischen Volksarmee organisierten. Noch gab es keine Kämpfe; beide Seiten bemühten sich anscheinend darum, nicht den ersten Schuss abzufeuern.
Zu diesem Zeitpunkt setzte die slowenische Regierung bereits ihren Plan in die Tat um, die Kontrolle über die Grenzposten der Republik und über den Flughafen der Hauptstadt Ljubljana zu erlangen. Die Grenzposten waren ohnehin überwiegend mit Slowenen besetzt, so dass die Übernahme meist ohne Kämpfe ablief und nur in einem Austausch der Uniformen und Rangabzeichen bestand. Ziel war es laut Janez Janša, die Souveränität des Landes zunächst in den kritischen Bereichen Grenzkontrolle, Zoll und Luftüberwachung durchzusetzen.
Die Besetzung der Grenzübergänge hatte sowohl ökonomische als auch strategische Bedeutung. Zolleinnahmen stellten einen bedeutenden Anteil an den Einnahmen der jugoslawischen Föderation dar. Außerdem brachte sich Slowenien hierdurch vor dem Hintergrund des erwarteten Eingreifens der jugoslawischen Volksarmee in die Position des Verteidigers. Eine wichtige strategische Bedeutung lag vor allem darin, dass Slowenien im Falle einer Besetzung der Grenzen durch die Jugoslawische Volksarmee vom Ausland isoliert gewesen wäre.
27. Juni Eine Einheit des 306. Luftabwehrregiments der JNA, stationiert in Karlovac, Kroatien, überquerte die slowenische Grenze bei Metlika. Einige Stunden später verließ eine Kolonne aus Panzern und Schützenpanzerwagen der JNA ihre Kasernen in Vrhnika (Oberlaibach) nahe der slowenischen Hauptstadt Ljubljana in Richtung des Flughafens der Hauptstadt. Sie trafen einige Stunden später ein und besetzten die Gebäude. Im Osten verließen Einheiten der JNA Maribor in Richtung des nahegelegenen Grenzübergangs Šentilj und der etwas weiter westlich gelegenen Grenzstadt Dravograd. Die Jugoslawische Luftwaffe verteilte Flugblätter über verschiedenen Teilen Sloweniens.
Die slowenische Führung wurde früh über die Truppenbewegungen der JNA informiert. Die Militärführung des 5. Militärbezirks, der auch Slowenien umfasste, stand in telefonischem Kontakt mit dem slowenischen Präsidenten Milan Kučan und informierte ihn darüber, dass es die Aufgabe der Einheiten war, die Grenzübergänge und den Flughafen zu übernehmen. Eine Sitzung des slowenischen Kabinetts wurde eilig einberufen, in der Kučan und die anderen Mitglieder den bewaffneten Widerstand beschlossen.Laura Silber, Allan Little: The Death of Yugoslavia. Penguin, London 1995.
Die slowenische Regierung war gewarnt worden, dass die JNA Spezialeinheiten mit Hubschraubern an strategischen Orten absetzen würde. Sie warnte die Führung des 5. Militärbezirks in der kroatischen Hauptstadt Zagreb, dass alle militärischen Hubschrauber abgeschossen werden würden. Die Führung der JNA ließ die Warnung unbeachtet, da sie annahm, dass die Slowenen keinen ernsthaften Widerstand leisten würden. Dies stellte sich als gravierende Fehleinschätzung heraus. Am Nachmittag des 27. Juni schossen Einheiten der slowenischen Territorialstreitkräfte (TO) über Ljubljana zwei Hubschrauber der JNA ab, wobei deren Insassen ums Leben kamen, unter ihnen auch ein slowenischer Pilot.
Die slowenischen Territorialstreitkräfte bezogen außerdem Stellung um verschiedene Kasernen der JNA und führten einige Angriffe auf JNA-Einheiten in Slowenien durch. Eine Einheit der TO griff die JNA-Einheiten an, die den Flughafen der Hauptstadt besetzt hielten. In Trzin starben bei einem Feuergefecht vier Soldaten der JNA, die restlichen ergaben sich; auf Seiten der TO starb dabei ein Soldat. In Pesnica, Ormož und Koseze (Gemeinde Ilirska Bistrica) griffen Einheiten der TO Panzerkolonnen der JNA an. Eine Panzerkolonne der 32. Mechanisierten Brigade, die aus Varaždin in Kroatien vorstieß, wurde in Ormož nahe der slowenisch-kroatischen Grenze gestoppt und konnte die slowenischen Barrikaden nicht aus eigener Kraft durchbrechen.
Ungeachtet der Verwirrung und der Kämpfe war die JNA in der Lage, den Großteil ihrer Mission erfolgreich zu bewältigen. Am Ende des 27. Juni waren alle Übergänge nach Italien, alle bis auf drei Übergänge nach Österreich und mehrere der neu nach Kroatien errichteten Übergänge eingenommen worden. Viele Einheiten der JNA steckten jedoch noch in ungeschützten Stellungen innerhalb Sloweniens fest.
28. Juni In der Nacht auf den 28. Juni erhielten die Einheiten der slowenischen Territorialstreitkräfte den Befehl, eine allgemeine Offensive gegen die JNA-Einheiten zu beginnen. Das slowenische Verteidigungsministerium ordnete an:
Im Laufe des Tages wurde die Panzerkolonne der JNA, die am Vortag bei Pesnica angegriffen worden war, bei Štrihovec einige Kilometer vor der österreichischen Grenze durch eine aus LKW gebildete Barrikade aufgehalten und geriet unter Beschuss durch Einheiten der TO und der Polizei. Die jugoslawische Luftwaffe flog zwei Angriffe gegen die slowenischen Stellungen und tötete dabei vier Lkw-Fahrer. Bei Medvedjek in Zentral-Slowenien starben bei einer anderen Lkw-Barrikade sechs Lkw-Fahrer bei Luftangriffen. Schwere Kämpfe brachen bei Nova Gorica an der italienischen Grenze aus, dort zerstörten slowenische Spezialeinheiten drei T-55-Panzer der JNA und erbeuteten drei weitere. Vier Soldaten der JNA starben und nahezu 100 ergaben sich.