Der bemannte Torpedo Kaiten (jap. ) (auch Kaiten igyo)USNTMJ O-01-1 war ein maritimes Kleinkampfmittel der Kaiserlich Japanischen Marine gegen Ende des Zweiten Weltkrieges.
Er folgte dem Funktionsprinzip des U-Boots, sah aber vor, dass der Pilot sein Fahrzeug gegen ein Zielschiff rammte und dabei eine große Sprengladung zur Explosion brachte. Die Explosion zerstörte dabei sowohl das Ziel als auch das Kleinkampfmittel und tötete den Piloten.
Vorgeschichte mini|links|Die Mitentwickler des Kaiten: Sekio Nishina und Hiroshi Kuroki 1943 Idee und Planung Zwei japanische Offiziere, Fähnrich Nishina und Leutnant Kuroki, die an Mini-U-Booten ausgebildet worden waren, hatten deren konstruktionsbedingte Schwächen in Punkten Bewaffnung und Geschwindigkeit erkannt. Sie entwickelten den Plan, auf Basis des Typ-93-Torpedos ein Fahrzeug zu entwerfen, das die vorteilhaften Fähigkeiten der Mini-U-Boote, wie ihre Beweglichkeit und ihren guten Schutz vor Entdeckung durch Sonar und feindliche Beobachter, mit der Geschwindigkeit und Zerstörungskraft des Torpedos verbinden sollte.
Der Plan wurde mit Hilfe eines Ingenieurs der Marine 1942 ausgearbeitet, aber zunächst vom Marinestab abgelehnt. Erst als sich der Pazifikkrieg 1944 deutlich zu Ungunsten Japans entwickelte, wurde der Bau eines Prototyps genehmigt. Besorgt darüber, dass der Plan des Kaiten ein Überleben des Piloten nicht vorsah, verlangte der Stab den Einbau einer Fluchtluke in den Kaiten-Prototyp.Kamikaze Attacks of World War II: A Complete History of Japanese Suicide Strikes on American Ships, by Aircraft and Other Means. S. 90
Bau Der Kaiten-Prototyp wurde in den Werkstätten der Marinewerft Kure gebaut. Für die spätere Serienproduktion wurden Komponenten auch von anderen Marinewerften gebaut. Die Konstruktion der Motoren, die insbesondere beim Kaiten II recht komplex war, verteilte sich dagegen auf mehrere Hersteller. So listeten die Amerikaner 1946 die Marinewerften in KureDas schließt sowohl das Kurearsenal, als auch das in Hiro (Hiro Kaigun Kosho) bei Kure ein., Yokosuka, Sasebo, Maizuru und Hikari, gemeinsam mit den Privatunternehmen Mitsubishi und Kawasaki als Produzenten auf.USNTMJ O-01-1, S. 402
Personal und Ausbildung Die Piloten für Kaiten-Einsätze rekrutierten sich zum Teil aus Freiwilligen für die Shimpū-Tokkōtai-Missionen der Luftwaffe, die mangels verfügbarer Flugzeuge auf den Kaiten umgeschult wurden. Die Anforderungen waren dabei deutlich höher als beispielsweise für Besatzungen der Sprengboote der Shin’yō-Klasse, da die Kaiten-Piloten mit kleineren technischen Defekten im Einsatz umgehen mussten, während sie für längere Zeit in der kleinen Kapsel ohne Außensicht ausharrten. Die hohen physischen und psychischen Anforderungen sorgten dann auch dafür, dass viele Bewerber nicht für das Programm geeignet waren. Das Alter der Piloten lag zwischen 17 und 28 Jahren. Nach den Eignungstests wurden die Piloten einer ausgiebigen theoretischen Schulung unterzogen und dann für die praktische Ausbildung auf einen anderen Stützpunkt verlegt. Bis zum Kriegsende wurden 1375 Soldaten zu Kaiten-Piloten ausgebildet.Making sense of suicide missions. S. 12
Modelle Kaiten I mini|Schematischer Aufbau Typ 1 Für Details zum Antriebssystem siehe: Funktionsweise des Typ-93-Torpedos
Der Kaiten I wurde auf Basis des Typ-93-Torpedos entwickelt. Er hatte mit 1550 kg Sprengstoff im Vorderteil jedoch deutlich mehr Zerstörungskraft als der ursprüngliche unbemannte Torpedo. Für den Piloten gab es einen kleinen Steuerstand in der Mitte des Fahrzeuges, den er über zwei Luken besteigen konnte. Eine Luke befand sich an der Oberseite, eine weitere, für den Einsatz vom Deck großer, getauchter U-Boote aus, war an der Unterseite eingelassen. Im Steuerstand befanden sich die Steuerorgane und ein Periskop, das bei Bedarf ein- oder bis auf 70 cm ausgefahren werden konnte.
Da der ursprüngliche Torpedo über keine Sauerstoffversorgung für einen Piloten verfügte, mussten die Kaiten-Piloten Natriumperoxid in einer Blechdose im Steuerstand mitführen, das Kohlendioxid aus der Atemluft filterte und dabei Sauerstoff freisetzte.USNTMJ S-02, S. 22 Dieses Prinzip entsprach dem des Tauchretters, wie er auf U-Booten verwendet wurde.
Der Typ-93-Torpedomotor wurde mit rund 550 PS betrieben. Die maximale Reichweite lag bei 78 Kilometern bei 12 Knoten (kn), bei der Höchstgeschwindigkeit von 30 kn sank die Reichweite auf 23 Kilometer. Bei einer mittleren Geschwindigkeit von 20 kn, konnten 43 Kilometer erreicht werden.
Die japanischen Ingenieure mussten Änderungen an der Torpedomechanik des Typ 93 vornehmen, um die Bauteile auch für die längeren Einsatzzeiten des Kaiten funktionsfähig zu halten. Sie tauschten das einfache Kreiselinstrument, das mit Druckluft betrieben wurde, durch ein Pendant mit Elektromotor aus. Der Pilot konnte manuell einen Kurs steuern oder dem Kreiselinstrument das Verfolgen eines bestimmten Kurses überlassen. Die Tiefensteuerung erlaubte Voreinstellungen von 0 bis 35 Metern, die über einen Tiefenmesser gesteuert wurden. Dazu wurden wie im Typ-93-Torpedo Druckluft genutzt, um die Ruder für Korrekturen der Tiefe zu betreiben. Die maximale Tauchtiefe sollte 100 Meter betragen, jedoch traten bei Tests in dieser Tiefe diverse Lecks auf. 60 Meter wurde schließlich als maximale Tauchtiefe angegeben.USNTMJ S-02, S. 24 Die Steuerflächen, also Tiefen- und Seitenruder, die der Pilot bedienen konnte, waren beim Kaiten gegenüber dem Torpedo größer ausgeführt, damit der Kaiten sehr viel schneller auf manuelle Steuerkommandos ansprach.USNTMJ S-02, S. 22 Die Steuerflächen, die automatisch vom Kreiselinstrument gesteuert wurden, waren dagegen kleiner, damit der Pilot mit seinen Steuerbefehlen die Auswirkungen der automatisch erzeugten Ruderbewegungen einfach übersteuern konnte.
Die Länge des Kaiten I betrug 14,50 m, der zylindrische Rumpf hatte einen Meter Durchmesser und die Waffe wog 8,0 Tonnen.
Der Kaiten I wurde ab Juni 1944 produziert. Eine Modifikation des Kaiten I wurde ab 1945 produziert. Diese Version war 14,74 m lang und wog 8,3 t, trug 40 Liter zusätzliche Druckluft zum Betrieb der Steuerflächen,USNTMJ O-01-1, S. 326 entsprach aber ansonsten ihrem Vorgänger.
Die Produktionszahlen für den Kaiten Typ 1 lagen bei etwa 100 Stück und von der ab 1945 produzierten Modifikation wurden rund 230 Stück hergestellt.USNTMJ O-01-1, S. 324
Daten: Verdrängung unter Wasser 18,8 Tonnen; Länge über alles 14,8 Meter; Bewaffnung ein Sprengkopf mit 1550 kg TNT; Gesamtleistung 550 WPS; Konstruktionsgeschwindigkeit 30 kn; Laufstrecke 23 km bei 30 kn
Kaiten II mini|Schematischer Aufbau Typ 2 mini|Zeichnung des Generators im Kaiten II mit der Brennkammer und Details der Mischanlage für die Flüssigkeiten A und B
Während der Kaiten I in Serienproduktion ging, entstand zur selben Zeit bereits der Prototyp des Kaiten II. Nachdem Japan vom verbündeten Deutschen Reich technische Daten, Zeichnungen und Fotos erhalten hatte, die Details zur Verwendung von Wasserstoffperoxid im Walter-HWK-109-509-Raketenantrieb deutscher Flugzeuge wie der Me 163 oder der Ba 349 „Natter“ enthielten, beschloss die Marine, diesen Antrieb auch für den Kaiten zu verwenden. Die Entwicklung eines eigenen Peroxid-Antriebes für den Abfangjäger J8M Shūsui hatte Mitte des Jahres 1944 bei Mitsubishi in Nagasaki begonnen. Die Marine entsandte ihre Ingenieure zu Mitsubishi, um auf Basis der Erkenntnisse den Antrieb für den Kaiten II zu entwickeln.
Nach mehreren Tests entschied man sich für die Vermischung und anschließende Verbrennung folgender Stoffe:USNTMJ O-01-1, S. 343
Flüssigkeit A Wasserstoffperoxid mit einem Verbrauch von 17,8 kg/min Flüssigkeit B Hydrazinhydrat mit einem Verbrauch von 1,53 kg/min Treibstoff (Petroleum) mit einem Verbrauch von 3,57 kg/min Wasser mit einem Verbrauch von 33,6 kg/min
Der Kaiten-Pilot öffnete beim Start zunächst ein Ventil für die Druckluft, die den Achtzylinder-Motor in Bewegung setzte. Beim Betätigen des Gashebels wurde langsam Öl in den Motor eingelassen, das mit steigendem Pegel nacheinander die Schalter der Ventile für die Flüssigkeiten B, A, Treibstoff und Wasser öffnete und schließlich das Druckluftventil schloss. Die Flüssigkeiten wurden in der Folge über ihre Ventile aus ihren Tanks zunächst zum Generator geführt und an dessen Oberseite eingebracht. Verbrauchte Mengen wurden in ihren Tanks durch Wasser ersetzt, um konstanten Druck und Trimmung zu gewährleisten.
Im Generator reagierten in einem ersten Schritt die im Verhältnis von etwa 10:1 eingebrachten Komponenten Wasserstoffperoxid und Hydrazinhydrat am oberen Ende. Dabei entstand Sauerstoff. Dieser Sauerstoff hatte eine hohe Temperatur von 700 bis knapp unter 1000 °C und wurde nun mit dem Petroleum und dem Wasser angereichert, die etwas tiefer in den Generator eingespritzt wurden. Das extrem heiße Gasgemisch wurde über zwei besonders gekühlte Rohrleitungen mit einem Innendurchmesser von 92,5 mm an der Generatorunterseite zu den beiden Motorblöcken des Typ-6-Motors geleitet, wo es dann die Zylinder betrieb.USNTMJ O-01-1, S. 380USNTMJ S-02 S. 29
Die so erreichte Geschwindigkeit lag in der Grundstellung bei 20 kn, bei einem erneuten Betätigen des Gashebels auf eine höhere Stufe (30 beziehungsweise 40 kn) wurden bis zu zwei weitere Ventile für jede Komponente geöffnet und so der Zufluss der Flüssigkeiten zum Generator verstärkt und die Leistung auf bis zu 1600 PS1.500 PS nach USNTMJ O-01-1, S. 335 erhöht. Die Energie wurde auf eine innere und eine äußere Welle übertragen, an denen je ein dreiflügeliger Propeller befestigt war. Die Propeller, der vordere mit 1060 mm Durchmesser, der hintere mit 970 mm Durchmesser, waren aus Bronze gefertigt und funktionierten wie die des Typ-93-Torpedos.USNTMJ O-01-1, S. 398
Bis zum Kriegsende wurden nur zwei einsatzbereite Kaiten II produziert. Die Waffe wog 18,307 metrische Tonnen, trug eine 1,55 t schwere Sprengladung, die wie bei ihrem Vorgänger mit zwei separaten Zündern ausgelöst werden konnte. Die maximale Reichweite lag bei 83 Kilometern bei 20 kn.
Der Antrieb des Kaiten II griff damit das Funktionsprinzip des „Heißen Verfahrens“ im Walter-Antrieb von 1936 auf, auch wenn die japanischen Ingenieure keine Turbine zur Stromerzeugung nachschalteten, sondern eine konventionelle Kolben-Expansionsmaschine mit dem heißen Gas betrieben.
Daten: Verdrängung unter Wasser 18,8 Tonnen; Länge über alles 16,5 Meter; Bewaffnung ein Sprengkopf mit 1550 kp TNT; Gesamtleistung 150 WPS; Konstruktionsgeschwindigkeit 40 kn; Laufstrecke 50.100 m bei 30 kn; Besatzungsstärke 2
Kaiten III Es wurde kein Muster mit der Bezeichnung Kaiten III produziert. Andere Quellen berichten über die Planung eines Prototyps, welcher eine Motorenleistung von 1800 PS und damit 33 kn als Höchstgeschwindigkeit erreichen sollte.
Kaiten IV mini|Schematischer Aufbau Typ 4 Wegen der schwierigen Versorgungslage bei Wasserstoffperoxid für den Kaiten II entschied die Marine, den Kaiten IV zu entwickeln, der die Abmessungen des Kaiten II beibehielt, aber mit Sauerstoff, Petroleum und Wasser für einen modifizierten Kaiten-II-Motor angetrieben werden sollte. Die Antriebsmaschine mit der Bezeichnung „Typ 6“, die ähnlich schon im Typ 2 verwendet worden war, wurde unter großem Zeitdruck modifiziert. Mehrere Ingenieure wehrten sich gegen die Verschwendung von Ressourcen für dieses Projekt, da sie den Kaiten I für ausreichend hielten und sie der Überzeugung waren, dass die „Typ 6“-Maschine zu viel Sauerstoff verbrauchte, wodurch die Reichweite des Kaiten IV zu klein werden würde.
Nach mehreren Tests bestätigten sich die Befürchtungen, und der Kaiten IV wurde nach der Erprobung von fertigen Modellen nicht weiter verfolgt.Es könnten die Komponenten für bis zu 50 Kaiten IV produziert worden sein, so nach USNTMJ O-01-1, S. 403