Taschelhit oder Schlöh, auch Tassussit, französisch Chleuh oder Souss-Tamazight, Eigenbezeichnung je nach Dialekt tašǝlḥit ~ tašǝlḥᵃit ~ tašǝlḥiyt, ist eine in Marokko vom Volk der Schlöh gesprochene Berbersprache.

Die Sprecherzahl wird auf etwa 6 bis 8 Millionen geschätzt.J. el Hannouche: Ghomara Berber. Leiden 2008, S. 17. Die Schätzung ist deswegen unsicher, weil die Sprache nach Nordosten hin fließend in das Zentralatlas-Tamazight übergeht, mit dem ein Dialektkontinuum besteht. Wenn die Zahl korrekt ist, handelt es sich noch vor dem Kabylischen um die größte lebende Berbersprache. In Frankreich und Belgien lebt eine große Gemeinde aus Südmarokko, die die Sprache weiterhin pflegt.

Das Taschelhit verfügt über eine reiche und alte Schrifttradition in Nordafrika. Schon aus dem Mittelalter seit etwa 1100 n. Chr. liegen berbersprachliche Zeugnisse vor, die als Frühform des Taschelhit angesehen werden.N. van den Boogert: Medieval Berber Orthography. In: S. Chaker (Hrsg.): Étude berbères et chamito-sémitiques. Mélanges offerts à Karl-G. Prasse. Paris 2000, S. 357–377. Umfangreichere Werke setzen mit dem Dichter Muhammad Awzal (1680–1758) ein. Seit den 1970er Jahren liegen neue literarische Produktionen in dieser Sprache vor. Der Koran wurde in den letzten Jahren in diese Sprache übersetzt.

Der historische Sprachraum des Taschelhit ist Südmarokko (Essaouira, Marrakesch, Agadir, Tiznit, Taroudannt, Ouarzazate). Sprecher des Taschelhit sind oft dreisprachig: Neben Taschelhit sprechen sie Arabisch und Französisch.

Lautsystem Konsonanten Das Taschelhit unterscheidet folgende Konsonanten:

Labiale Dentale emphatischeDentale Palatale Velare Labiovelare Postvelare stimmlose Plosive t ṭ č k kw q stimmhafte Plosive b d ḍ ǧ g gw stimmlose Frikative f s š x xw stimmhafte Frikative z ẓ ž ɣ ɣw

Dazu kommen m, n, l, r, w, y, sowie nur in arabischen Wörtern auch h und die Pharyngale ḥ (stimmlos) und ʕ (stimmhaft).

Die Konsonanten ṭ und q steht meist nur als Längen (ṭṭ, qq) und entsprechen dann einem einfachen ḍ bzw. ɣ, die normalerweise nicht gelängt werden. Wegen des Vorhandenseins arabischer Fremdwörter, in denen auch einzelne ṭ und q vorkommen, gilt diese Regel aber nicht konsequent.

Die emphatischen Konsonanten entsprechen in der Aussprache den entsprechenden Lauten des Arabischen, werden also mit verengtem Mundraum gesprochen und führen zu einer charakteristischen Verfärbung (Zentralisierung) benachbarter Vokale.

Vokale Es werden nur vier Vokale unterschieden: a, i, u und ǝ. Im Gegensatz zu den Konsonanten unterscheiden die Vokale des Taschelhit nicht zwischen Kürzen und Längen, abgesehen davon, dass ǝ generell kurz zu sprechen ist, a, i und u dagegen mittellang sein können.

Murmelvokal Der Murmelvokal ǝ steht nur zwischen schwer aussprechbaren Konsonantengruppen, wobei sich seine Position praktisch vollkommen vorhersagen lässt. Daher könnte man es in der Notation fortlassen und nicht als Phonem betrachten. Hier wird es aber notiert wie auch u. a. in der Grammatik von Aspinion.Aspinion schreibt nicht ǝ, sondern e nach französischem Usus. In der Morphologie wird das ǝ häufig verschoben, um eine bessere Silbenstruktur zu erreichen; man vergleiche: fǝhmǝɣ „ich habe verstanden“, aber ifhǝm „er hat verstanden“ tǝskǝrt „du tust“, aber tǝskǝrm „ihr tut“ issǝn „er weiß“, aber ssnǝɣ „ich weiß“

Die Regeln für das Einfügen von ǝ sind nicht ganz einfach, doch lassen sich zwei wichtige Grundsätze angeben:Mehr Details in F. Dell, M. Elmedlaoui: Syllabic Consonants and Syllabification in Imdlawn Tashlhiyt Berber. In: Journal of African Languages and Linguistics, 7, 1985, S. 105–130. ǝ steht nie in offener Silbe ǝ wird bevorzugt vor Konsonanten mit hoher Sonorität eingefügt, also z. B. lieber vor m, n, r, l als vor t, k, s.

Aufgrund der letzteren Regel sagt man skǝr „tun“, aber sǝrs „legen“ (beide Verben gehören zur selben Konjugationsklasse).

Betonung Die Betonung gilt im Taschelhit als wenig relevant und wird selten notiert oder in Grammatiken besprochen.

Grammatik

Personalpronomen Die Pronomina des Taschelhit machen in den meisten grammatischen Personen (außer in der 1. Pers. Sg.) einen Genusunterschied, während das Deutsche nur in der 3. Pers. Sg. zwischen „er“ und „sie“ differenziert.

selbständig Suffixe nachPräposition Possessivsuffixe akkusativischeObjektsuffixe dativischeObjektsuffixe 1. sg. „ich“ nəkki Ø oder -i -inu -yyi -yyi 2. sg. mask. „du“ kiyyi -k -nnək -k -ak 2. sg. fem. „du“ kəmmi -m -nnəm -kəm -am 3. sg. mask. „er“ nətta -s -nnəs -t -as 3. sg. fem. „sie“ nəttat -s -nnəs -tt -as 1. pl. mask. „wir“ nəkkni -nəɣ -nnəɣ -aɣ -aɣ 1. pl. fem. „wir“ nəkkənti -nəɣ -nnəɣ -aɣ -aɣ 2. pl. mask. „ihr“ kwənni -un -nnun -kwən -awən 2. pl. fem. „ihr“ kwənnimti -unt -nnunt -kwənt -awənt 3. pl. mask. „sie“ nəttni -sən -nnsən -tən -asən 3. pl. fem. „sie“ nəttənti -sənt -nnsənt -tənt -asənt

Substantiv Genus Die Substantive unterscheiden zwei Genera: Maskulinum und Femininum. Das Genus kann man im Allgemeinen an der Form erkennen:

Maskulina beginnen meist mit einem Vokal a- oder i-, seltener mit u- oder wa-. Feminina setzen noch ein t- davor und beginnen mit ta-, ti oder tu- und sie haben zusätzlich eine Endung -t, die nach Konsonant immer steht, nach Vokal aber fehlen kann. Die Bildung der Genera kann man an Beispielen wie den folgenden illustrieren: afullus „Hahn“ – tafullust „Huhn“ izǝm „Löwe“ – tizǝmt „Löwin“ aɣaḍ „männliche Ziege“ – taɣaṭṭ „weibliche Ziege“ (ṭṭ aus ḍ + t) ašǝlḥi „Schǝlh-Mann“ – tašǝlḥit „Schǝlh-Frau“ (gleichzeitig auch Name der Sprache)

Man erkennt an Erscheinungen in der Morphologie (Details unten), dass mindestens die Präfixvokale a- und i- ursprünglich meist nicht zum Stamm gehörten. Insbesondere das a- fällt noch heute in gewissen Formen des Substantivs fort. Es gibt aber auch Substantive, bei denen a- oder i- als Bestandteil des Stammes anzunehmen ist und daher immer erhalten bleibt.

Weitere Beispiele für Maskulina: amlal „Sand“ iḍ „Nacht“ ul „Herz“ warǝẓẓan „Wespe“ laẓ „Hunger“ (eines der selteneren Beispiele ohne initialen Vokal) amjut „Glatzkopf“

Weitere Beispiele für Feminina: tafukt „Sonne“ tiyni „Dattel“ (ein Beispiel ohne auslautendes -t) tuẓẓumt „Mitte“

Manchmal bezeichnet ein maskuliner Ausdruck ein Kollektivum und das entsprechende Femininum das Individuum: aẓalim „Zwiebel(n) (kollektiv)“ – taẓalimt „(einzelne) Zwiebel“

In einigen Fällen kann die Feminin-Ableitung die Bedeutung eines Diminutivs haben: afus „Hand“ – tafust „Händchen“

Arabische Substantive In das Taschelhit wurden zahlreiche arabische Substantive entlehnt. Diese sind ebenfalls entweder Maskulina oder Feminina, zeigen aber in den meisten Fällen nicht die charakteristischen Präfixe, wohl aber das Femininsuffix -t. Stattdessen beinhalten sie am Anfang den arabischen bestimmten Artikel (l-, oft assimiliert, was zu einem Doppelkonsonanten führt), der allerdings die Bedeutung eines Artikels verloren hat, denn im Taschelhit wird grundsätzlich nicht zwischen bestimmten und unbestimmten Substantiven unterschieden:

Beispiele für Maskulina arabischen Ursprungs: lkas „Glas“ ttažǝr „Händler“ ssuq „Markt“

Beispiele für Feminina arabischen Ursprungs: lǝʕfit „Feuer“ nnqwǝrt „Silber“ ddunit „Welt“

Plural Substantive unterscheiden die zwei Numeri Singular und Plural. Die Bildungsweise ist kompliziert und schwer vorhersagbar. Folgende Regeln lassen sich angeben:

Die typischen Endungen lauten -ǝn für Maskulina und -in für Feminina, wobei -in die Endung -t des Singulars ersetzt. Außerdem wird bei den meisten mit a- beginnenden Substantiven dieser Vokal durch i- ersetzt, entsprechend bei Feminina ta- durch ti-. Hier ist anzunehmen, dass a- nicht zum Stamm des Substantivs gehört, sondern ein Singularzeichen ist, das durch ein Pluralzeichen i- ersetzt wird. Beispiele für Maskulina: adrar „Berg“ – idrarǝn „Berge“ argaz „Mann“ – irgazǝn „Männer“ ašǝlḥi „Schǝlh-Mann“ – išǝlḥiyn „Schǝlh-Männer“ (-i wird vor der Pluralendung zu -iy)

Beispiele für Feminina: tamɣart „Frau“ – timɣarin „Frauen“ tafullust „Huhn“ – tifullusin „Hühner“ tašǝlḥit „Schǝlh-Frau“ – tišǝlḥiyin „Schǝlh-Frauen“

In anderen Substantiven bleibt ein a- hingegen stabil. Hier ist anzunehmen, dass das a- zum Stamm des Substantivs gehört: agwmar „Pferd“ – agwmarǝn „Pferde“ tagant „Wald“ – taganin „Wälder“

Initiales i- und u- bleibt generell unverändert: igigil „Waise“ – igigilǝn „Waisen“ tizlǝft „Ähre“ – tizǝlfin „Ähren“ urar „Lied“ – urarǝn „Lieder“

Viele Substantive zeigen abweichende Endungsvarianten, z. B.: usu „Bett“ – usutǝn „Betten“ igǝr „Feld“ – igran „Felder“ isǝm „Name“ – ismawǝn „Namen“ taɣawsa „Sache“ – tiɣawsiwin „Sachen“ itri „Stern“ – itran „Sterne“ awal „Wort“ – iwaliwǝn „Wörter“

Ein weiteres Kennzeichen des Plurals kann sein, dass im Stamm ein Vokal -a- eingefügt oder ein anderer Vokal durch -a- ersetzt wird. Bei längeren Wörtern kommt auch Einfügung von -i-a- oder -u-a- vor. Bei Vorhandensein solcher Vokalwechsel wird meist auf die Pluralendung verzichtet. Beispiele für Maskulina: usmǝn „Blitz“ – usman „Blitze“ amǝddakkul „Freund“ – imǝddukkal „Freunde“ iḍ „Nacht“ – aḍan „Nächte“ amǝẓẓuɣ „Ohr“ – imǝẓẓaɣ „Ohren“ uššǝn „Schakal“ – uššann „Schakale“ ass „Tag“ – ussan „Tage“ agḍiḍ „Vogel“ – igḍaḍ „Vögel“ amǝdlu „Wolke“ – imǝdla „Wolken“

Beispiele für Feminina: tazzwit „Biene“ – tizzwa „Bienen“ taḥanut „Geschäft“ – tiḥuna „Geschäfte“ tamazirt „Land“ – timizar „Länder“ tagǝrtilt „Matte“ – tigǝrtal „Matten“ timǝzgida „Moschee“ – timǝzgadiwin „Moscheen“ tasarut „(der) Schlüssel“ – tisura „(die) Schlüssel“

Vereinzelt tritt im Plural eine Konsonantenverdopplung auf: afus „Hand“ – ifassǝn „Hände“

Einige Ausdrücke, die keines der gängigen Präfixe aufweisen, bilden ihren Plural durch Voranstellung eines Elements id-: baba „mein Vater“ – id-baba „meine Väter“ warǝẓẓan „Wespe“ – id-warǝẓẓan „Wespen“

Ganz unregelmäßig sind u. a.: tiṭṭ „Auge“ – allǝn „Augen“ gwma „mein Bruder“ – aytma „meine Brüder“ aydi „Hund“ – iḍan „Hunde“ illi „meine Tochter“ – isti „meine Töchter“

Substantive arabischer Herkunft behalten typischerweise ihre arabische Pluralform, die z. B. im Taschelhit sonst unübliche Vokalwechsel zeigt: lktab „Buch“ – lktub „Bücher“ ssuq „Markt“ – laswaq „Märkte“ lbhimt „Tier“ – lbhaym „Tiere“ luqt „Zeit“ – lawqat „Zeiten“

Einige Substantive, darunter manche Bezeichnungen für Flüssigkeiten, kommen nur im Plural vor: idammǝn „Blut“ tillas „Dunkelheit“ (fem.pl.) lflus „Geld“ mǝddǝn „Leute“ aman „Wasser“

État d’annexion Mit diesem französischen Begriff (etwa „verbundener Status“, die Berberologie ist traditionell französisch geprägt) wird eine spezielle Form des Substantivs bezeichnet und von der Normalform, dem état libre („freier Status“), unterschieden. Diese Form wird verwendet: für das Subjekt, sofern es unmittelbar nach dem Verb steht nach Präpositionen einschließlich der Genitivpartikel n

Den état d’annexion bildet man durch Veränderungen am Wortanfang. Als Beispiele werden hier Vorkommen nach Präpositionen gegeben. Die Regeln sind wie folgt:

Das Nominalpräfix a- maskuliner Substantive entfällt und wird durch u- ersetzt. Das Präfix ta- femininer Substantive wird zu t(ǝ)-. In beiden Fällen geht also das a verloren: argaz „Mann“ – i-urgaz „dem Mann“ amɣar „Chef“ – d-umɣar „mit dem Chef“ tamɣart „Frau“ – i-tǝmɣart „der Frau“ taḥanut „Geschäft“ – ɣ-tḥanut „im Geschäft“ tašǝlḥit „Taschelhit (Sprache)“ – s-tšǝlḥit „auf taschelhit (sprechen)“

Einige Substantive bewahren jedoch das a- bzw. ta- im état d’annexion. Sofern es sich um Maskulina handelt, bekommen sie außerdem ein Präfix w-. Es handelt sich mehr oder weniger um dieselben Substantive, die auch im Plural das a- bewahren, wenn auch beide Mengen nicht vollkommen deckungsgleich sind. Bei diesen Substantiven ist anzunehmen, dass das a- kein Präfix ist, sondern zum Stamm des Substantivs gehört: aman „Wasser“ – ɣ-waman „im Wasser“ tagant „Wald“ – ɣ-tagant „im Wald“