mini|hochkant|Farinelli mit Mantel und Kette des Ordens von Calatrava, Gemälde von Corrado Giaquinto (etwa 1753). Das Oval im Hintergrund zeigt Fernando VI. und Maria Barbara de Bragança.
Farinelli (oder Farinello), eigentlich Carlo Maria Michelangelo Nicola BroschiAlicia Garcia-Falgueras - Netherlands Institute for Neuroscience, Amsterdam: Music and Hormones. In: Todd K. Shackelford, Viviana A. Weekes-Shackelford: Encyclopedia of Evolutionary Psychological Science. E-Book, Springer International Publishing Imprint, Cham 2019, ISBN 978-3-319-16999-6, doi:10.1007/978-3-319-16999-6_2844-1.Alberto Zanatta, Fabio Zampieri, Giuliano Scattolin, Maurizio Rippa Bonati: Occupational markers and pathology of the castrato singer Gaspare Pacchierotti (1740–1821). In: Scientific Reports. Band 6, 2016, Artikel 28463, doi:10.1038/srep28463 - mit Hinweis auf Carlo Maria Michelangelo Nicola Broschi in Introduction. 3. Absatz, 1. Satz., (* 24. Januar 1705 in Andria/Königreich Neapel; † 16. September 1782 in Bologna) war ein italienischer Sänger und der bis heute wohl berühmteste aller Kastraten.
Leben mini|hochkant|Farinelli, Kupferstich nach Jacopo Amigoni, 1735
Herkunft und Jugend Carlos Eltern, Salvatore Broschi (1680 oder 1681–1717) und Caterina Barrese, gehörten beide zum niederen Adel Süditaliens;Patrick Barbier: Farinelli. Der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf 1995, S. 21 f.Patrick Barbier: Farinelli. Le castrat des Lumières. Paris 1995. Farinelli hatte zwei ältere Geschwister, Riccardo (* 1698) und Dorotea (* 1701).Patrick Barbier: Farinelli. Der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf 1995, S. 22. Sein Vater war begeisterter Musikliebhaber, wurde 1706 Gouverneur von Maratea und 1709 für kurze Zeit von Cisternino.Christian von Deuster: Wie sangen die Kastraten? Historische Betrachtungen. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 25, 2006, S. 140.
Um Carlos schöne Gesangsstimme zu erhalten, wurde er mit Einverständnis (oder auf Wunsch?) seines Vaters vermutlich um 1714 kastriert und anschließend nach Neapel geschickt. Dort wurde er zunächst der Magistratsfamilie Farina anvertraut und studierte am Conservatorio Sant’Onofrio Gesang. Bald wurde er Privatschüler des Komponisten Nicola Porpora, wobei er sich eine ungewöhnlich virtuose Atem- und Gesangstechnik erwarb.
Seinen Künstlernamen Farinelli wählte Carlo wahrscheinlich zu Ehren der Familie Farina, insbesondere der Brüder Farina, die als große Kenner und Liebhaber der Musik galten und bei denen er während seiner Ausbildungszeit bei Porpora öfter gesungen hatte.Christian von Deuster: Wie sangen die Kastraten? Historische Betrachtungen. 2006; Hubert Ortkemper: Engel wider Willen. Die Welt der Kastraten. Berlin 1993; Reinhard Strohm: Wer ist Farinelli? Im Begleitheft zur CD „Arias for Farinelli“. Vivica Genaux, Harmonia mundi (2002 / 2003).In der Literatur (u. a. von Barbier: Farinelli. Der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf 1995, S. 33) wird immer wieder behauptet, Carlo habe sich nicht Porporino nennen können, da er nicht der erste Schüler Porporas war und vor ihm bereits Antonio Uberti (1719–1783) als angeblich erster Schüler Porporas diesen Namen wählte. Da Uberti jedoch erst 1719 geboren ist, kann Farinelli nicht auf dessen Namenswahl Rücksicht genommen haben. Abgesehen davon hatten viele berühmte Kastraten einen Künstlernamen, der nichts mit ihrem Lehrer zu tun hatte, wie z. B. Domenico Cecchi gen. „il Cortona“ (1650–1718), Siface (1653–1697), Matteuccio (1667–1737), Nicola Grimaldi genannt „Nicolino“ (1673–1732), oder Senesino (1686–1758). Eine andere Theorie lautet, dass Carlo möglicherweise ein Neffe des mit Arcangelo Corelli befreundeten Komponisten und Violinisten Farinelli war.
Karriere in Italien und Wien, 1720–1734 1720 trat der 15-jährige Farinelli als Sopranist in die bedeutende Cappella del Tesoro di San Gennaro (im Dom von Neapel) einDiese Kirchenstelle gab er 1723 auf. Juliane Riepe: Sänger in der Kirche, Zur Praxis in italienischen Musikzentren des 18. Jahrhunderts. Online auf Academia, S. 67. und hatte einen ersten Auftritt während einer Privataufführung im Palast des Fürsten von Torella in Neapel in einer Nebenrolle als Schäfer Tirsi in der Pastorale Angelica e Medoro.Patrick Barbier: Historia dos Castrados. (portugiesische Version; Titel des französischen Originals: Histoire des Castrats.), Lissabon 1991 (ursprünglich: Editions Grasset & Fasquelle, Paris, 1989), S. 104. Die Musik zur letzteren stammte von seinem Lehrer Porpora und das Libretto von Pietro Metastasio, mit dem sich für Farinelli eine lebenslange Freundschaft entwickeln sollte.Patrick Barbier: Historia dos Castrados. (portugiesische Version; Titel des französischen Originals: Histoire des Castrats.), Lissabon 1991 (ursprünglich: Editions Grasset & Fasquelle, Paris, 1989), S. 104.
Seine Anfangsjahre auf der Opernbühne erlebte er vor allem in Rom und Neapel. Weil auf den Bühnen der päpstlichen Staaten keine Frauen auftreten durften und sich daraus eine entsprechende Tradition entwickelte, sang der jugendliche Farinelli zu Beginn seiner Karriere zunächst vor allem Frauenrollen, und zwar im römischen Teatro Alibert als Placidia in Porporas Flavio Anicio Olibrio (Rom, Karneval 1722), als Palmira in Cosroe von Carlo Francesco Pollarolo (Karneval 1722), als Sofonisba in Luca Antonio Predieris gleichnamiger Oper (Karneval 1722), als Adelaide in Porporas Adelaide (Karneval 1723) und als Salonice in Predieris Scipione (Karneval 1724).
1722 soll Farinelli auch in Porporas Oper Eumene aufgetreten sein, Farinellis Biograf Barbier bestreitet jedoch seine Teilnahme in dieser Oper.Patrick Barbier: Farinelli. Der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf 1995, S. 37. Laut einer bekannten Anekdote, die Charles Burney berichtet und anscheinend von Farinelli selber hatte, kam es in Rom während einer Arie zu einem Wettstreit mit einem Solo-Trompeter, den Farinelli im Halten und An- und Abschwellen (messa di voce) eines Tones in erstaunlicher Länge und in währendem Trillern, und mit anschließend improvisierten „schnellesten und schwersten Läufen“ übertraf.Charles Burney: Tagebuch einer Musikalischen Reise. (übersetzt von C. D. Ebeling), Hamburg 1772–1773, Facsimile-Neuausgabe bei Bärenreiter, Kassel 2003. Band I: durch Frankreich und Italien, Spalte 153.Patrick Barbier: Farinelli. Der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf 1995, S. 37–38. Das Publikum war außer sich vor Begeisterung, und bald war Carlo Broschi überall in Süditalien als il ragazzo (der Junge) bekannt.
Burney behauptete später, Farinelli sei 1724 erstmals in Wien aufgetreten (und ein zweites Mal 1728), aber dafür gibt es bisher keine Belege.Patrick Barbier: Farinelli. Der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf 1995, S. 52. Stattdessen ist er zwischen 1724 und 1726 in Neapel und singt am Teatro San Bartolomeo neben Vittoria Tesi und Anna Maria Strada del Po in verschiedenen Opern der jungen neapolitanischen Komponisten Leonardo Vinci,.. Domenico Natale Sarro,. und Leonardo Leo.. Gemeinsam mit der Tesi sang er auch in einer oft erwähnten Konzertaufführung von Johann Adolph Hasses Serenata Marc’Antonio e Cleopatra (Neapel 1725),Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse. L’Epos, 2004, S. 39–40 (italienisch).Michael Lorenz: The Will of Vittoria Tesi Tramontini. 31. März 2016 (update: 30. Juli 2018), auf: Michael Lorenz – Musical Trifles and Biographical Paralipomena, online (abgerufen am 23. Oktober 2019). wo die beiden mit vertauschten Rollen auftraten, Farinelli als Cleopatra und die Sängerin als Marc’Antonio, was im nicht auf Realismus, sondern auf Schönheit angelegten Barocktheater nichts Ungewöhnliches war.Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse. L’Epos, 2004, S. 197 (italienisch).Reinhard Strohm: Wer ist Farinelli? Booklettext zur CD: Arias for Farinelli. mit Vivica Genaux, Akademie für Alte Musik Berlin, René Jacobs; harmonia mundi, 2002–2003. S. 38–44, hier: 41.Adriana De Feo: Johann Adolf Hasses Marc’Antonio e Cleopatra. Auf der Website des Mozart-Opern Instituts der Universität Mozarteum Salzburg, auf (abgerufen am 22. Oktober 2019). Die Tesi wurde auch längerfristig eine Freundin, mit der er gern zusammenwirkte und die er zuweilen in seinen Briefen erwähnt.Patrick Barbier: Farinelli, der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf, 1995, S. 37, 47f, 50f, 62, 65, 73, 141, 167.
mini|hochkant|links|Farinelli, Gemälde von Jacopo Amigoni (Detail), um 1734
Mit stetig steigendem Erfolg trat Farinelli in fast allen großen Städten Italiens auf. In Parma und Mailand sang er zum ersten Mal 1726 und in Bologna 1727.Patrick Barbier: Farinelli, der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf, 1995, S. 40 ff. Dort kam es in einer Aufführung von Orlandinis Fedeltá coronata ossia l’Antigona zu einem spontanen musikalischen Wettstreit mit dem berühmten Antonio Bernacchi (geboren 1685) und Farinelli musste sich zum ersten Mal geschlagen geben; zwischen den beiden Sängern entstand jedoch keine Feindschaft, sondern ein freundschaftlicher Respekt.Patrick Barbier: Farinelli. Der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf 1995, S. 40 f. In Bologna lernte Farinelli außerdem den Impresario Graf Sicinio Pepoli kennen, mit dem sich eine längere (Brief-)Freundschaft entwickelte.Patrick Barbier: Farinelli. Der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf 1995, S. 41.
Zurück in Rom trat er 1728 zum ersten Mal in einer Oper seines Bruders Riccardo auf: in dessen L’Isola d’Alcina.Patrick Barbier: Farinelli. Der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf 1995, S. 42. Zweimal (Herbst 1728 und 1729) wurde er nach München eingeladen, um in Werken von Pietro Torri zu singen.In Nicomede. (UA: Oktober 1728; ) und in Edipo. (UA: 22. Oktober 1729, ).Barbier erwähnt diese Reisen nur beiläufig und spricht von 1727. Patrick Barbier: Farinelli. Der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf 1995, S. 43.
Im Karneval 1728–1729 war Farinelli dann in Venedig im Teatro San Giovanni Grisostomo, wo er in Leonardo Leos Catone in Utica, Porporas Semiramide riconosciuta und Ezio, und in Antonio Pollarolos L’Abbandono di Armida sang.Patrick Barbier: Farinelli à Venise. In: La Venise de Vivaldi. Editions Grasset, Paris 2002, S. 200–209, hier: 200 & 202. Mittlerweile war er so berühmt, dass er mit seinen sensationellen Auftritten ein Vermögen verdiente.Patrick Barbier: Farinelli. Der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf 1995, S. 44. Im folgenden Jahr kehrte er zurück und trat u. a. in der Uraufführung der Oper Idaspe seines Bruders Riccardo auf, der in der Bravourarie Son qual guerriero in campo armato die Sensationsgier des Publikums bediente und Carlos virtuose Qualitäten und riesigen Stimmumfang (g bis c’’’) rückhaltlos zur Schau stellte.Patrick Barbier: Farinelli à Venise. In: La Venise de Vivaldi. Editions Grasset, Paris 2002, S. 200–209, hier: S. 202–203. Die Arie wurde eines von Farinellis Paradestücken.
Nach Auftritten in Turin, Mailand und Ferrara folgte 1732 ein Abstecher nach Wien. Die kaiserliche Familie, die er in zahlreichen privaten Konzerten mit seinem Gesang entzückte, nahm ihn besonders freundlich und wohlwollend auf.Patrick Barbier: Farinelli. Der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf 1995, S. 46–51. Er wurde zum kaiserlichen „Hof- und Kammer Musicus“ ernannt und außer zahllosen kostbaren Geschenken erhielt er dank Kaiserin Elisabeth Christine eine jährliche Rente von 1000 Gulden.Patrick Barbier: Farinelli. Der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf 1995, S. 58. Bei einer Gelegenheit meinte Kaiser Karl VI., der ein großer Musikkenner und -liebhaber war, dass „bey seinem Singen … Alles übernatürlich sei“,Charles Burney: Tagebuch einer Musikalischen Reise (übersetzt von C. D. Ebeling), Hamburg 1772–1773, Facsimile-Neuausgabe bei Bärenreiter, Kassel 2003. Band I: durch Frankreich und Italien. Spalte 154. aber er übte auch eine gutgemeinte Kritik: