mini|Viktor Frankl, Wien, 1965 Viktor Emil Frankl (* 26. März 1905 in Wien, Österreich-Ungarn;Geburtenbuch der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, 1905, Buch 58, Nr. 813, 5. Eintrag (Faksimile bei FamilySearch, kostenlose Registrierung erforderlich). † 2. September 1997 in Wien, Österreich) war ein österreichischer Neurologe und Psychiater. Er begründete die Logotherapie und Existenzanalyse, die vielfach auch als die „dritte Wiener Schule der Psychotherapie“ bezeichnet wird. Eines seiner bekanntesten Werke ist das im Jahr 1946 erschienene Buch … trotzdem Ja zum Leben sagen, in dem Frankl seine Erlebnisse und Erfahrungen in vier verschiedenen Konzentrationslagern, darunter Auschwitz, während des Zweiten Weltkriegs schildert.
Leben und Wirken mini|Gedenktafel am Geburtshaus, Czerningasse 6 in Wien
Viktor Emil Frankl wurde am 26. März 1905 in Wien-Leopoldstadt, Czerningasse 6, als zweites Kind von drei Kindern des Ministerialbeamten Gabriel Frankl (1861–1943) und dessen Ehefrau Elsa geb. Lion (1879–1944) geboren. Susanne Mauthner-Weber: „Frankl hat mein Leben gerettet“, kurier.at, 26. März 2015. Die Ehe seiner Eltern wurde am 24. Februar 1901 in Wien geschlossen.Trauungsbuch der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, M 1900–1902, Buch 215, Nr. 485. (Faksimile bei FamilySearch, kostenlose Registrierung erforderlich). Heute weist eine Gedenktafel am Geburtshaus darauf hin, dass Frankl hier bis zum Tag seiner Deportation ins Konzentrationslager im Jahr 1942 wohnte.
Schon als Gymnasiast begann Frankl eine Korrespondenz mit Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse. 1923 legte er die Matura unter anderem mit einer Abhandlung über Die Psychologie des philosophischen Denkens ab.
1924 begann Frankl sein Studium der Medizin, zugleich war er 1924/1925 Obmann der Sozialistischen Mittelschüler Österreichs. Er kam in Kontakt mit Alfred Adler, von dessen Individualpsychologie er sich angezogen fühlte, und nahm regelmäßig an den Treffen des Kreises um Adler teil. 1927 wurde er wegen „unorthodoxem Verhalten (Fragen nach dem Sinn)“ durch Alfred Adler aus der Gesellschaft für Individualpsychologie ausgeschlossen.Harald Mori: Existenzanalyse und Logotherapie. facultas Universitätsverlag, Wien 2020, ISBN 978-3-7089-1934-8. Während Adler sich mit der Sinnfrage im Zusammenhang mit Sorgen, Nöten und Beschwerden bei seelisch gesunden Menschen beschäftigte,Alfred Adler: Wozu leben wir? 1931 (What life should mean to you) (= Fischer-Taschenbücher, Bd. 6708, Bücher des Wissens). Deutsche Erstausgabe. Mit einer Einführung von Wolfgang Metzger. Aus dem Amerikanischen von Elisabeth und Wolfgang Schmidbauer. Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-596-26708-0; 31.–32. Tsd., 1994. stellte Frankl die Sinnfrage ins Zentrum seiner Arbeit zur Suizidprävention. In der Studienzeit waren Depressionen und Suizid Frankls Schwerpunktthemen. 1928 gründete er Jugendberatungsstellen in Wien (bei Wilhelm Börner). 1930 organisierte er zur Zeit der Zeugnisverteilung eine Aktion, um Schüler mit schlechten Zeugnissen vom Suizid abzuhalten. Im selben Jahr schloss er seine medizinische Dissertation ab.
Von 1933 bis 1937 leitete er im Psychiatrischen Krankenhaus in Wien den „Selbstmörderinnenpavillon“. Hier betreute er als Oberarzt jährlich bis zu 3000 suizidgefährdete Frauen.
Leben unter dem Nationalsozialismus Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 wurde ihm wegen seiner jüdischen Herkunft untersagt, „arische“ Patienten zu behandeln. 1940 übernahm er die Leitung der neurologischen Abteilung des Rothschild-Spitals, des einzigen Krankenhauses, in dem in Wien noch jüdische Patienten behandelt wurden. Einige seiner Gutachten aus dieser Zeit sollten Patienten davor bewahren, dem nationalsozialistischen Euthanasieprogramm zum Opfer zu fallen. 1941 erhielt er die Aufforderung, zur Ausstellung des beantragten Visums im US-Konsulat in Wien zu erscheinen. Er zog es aber vor, seine Eltern nicht allein zu lassen, und verzichtete auf das Visum.Viktor Frankl: Ein Stein des Anstoßes. In: Zusammenhang – Kirchenzeitung der Caritasgemeinde. Wien, Nr. 74, Dezember 2014 [irrtümlich mit 2015 datiert], S. 15.
Im Dezember 1941 heiratete er Mathilde (meist Tilly genannt) Grosser. 1942 erwarteten sie ein gemeinsames Kind, das sie unter Zwang abtreiben mussten. Viktor Frankl widmet dem ungeborenen Kind das nur auf Englisch erschienene Buch The Unheard Cry for Meaning mit den Worten „To Harry or Marion – an unborn child“.
Erfahrungen in Konzentrationslagern mini|Eine Selektion in Auschwitz, wie sie auch Frankl erleben musste: Arbeitstaugliche Häftlinge werden zu Zwangsarbeit verpflichtet; Arbeitsuntaugliche werden vergast. Am 25. September 1942 wurden er, seine Frau und seine Eltern aufgrund deren jüdischer Abstammung ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort unternahm er zusammen mit Regina Jonas psychologische Betreuung der traumatisierten und selbstmordgefährdeten Neuankömmlinge. Sein Vater starb dort am 13. Februar 1943.EHRI documents 1944 wurde der Rest seiner Familie ins KZ Auschwitz deportiert; seine Mutter und sein Bruder Walter wurden direkt ausgesondert und in der Gaskammer ermordet,Elly Frankl: Viktor Frankl, Wien IX – Erlebnisse und Begegnungen in der Mariannengasse 1; eine Biographie in Bildern. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2005, ISBN 3-7022-2633-8, S. 32. seine Frau wurde ins KZ Bergen-Belsen deportiert und dort ermordet. Frankl wurde am 19. Oktober 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz gebrachtListe der Vortragenden im Ghetto Theresienstadt und einige Tage später ins KZ-Außenlager Kaufering III – Kaufering und am 5. März 1945 ins KZ-Außenlager Kaufering VI – Türkheim, ein Außenlager des KZ Dachau, transportiert. Am 27. April 1945 wurde er in Türkheim von der US-Armee befreit.Alois Epple: KZ Türkheim. Das Dachauer Außenlager Kaufering VI. Lorbeer, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-938969-07-6.
Nach dem Krieg Seine Eindrücke und Erfahrungen in den Konzentrationslagern verarbeitete er in dem Buch … trotzdem Ja zum Leben sagen (Untertitel: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager), das 1946 erschien. Schon kurz nach Ende des Krieges vertrat er die Ansicht, dass vor allem Versöhnung einen sinnvollen Ausweg aus den Katastrophen des Weltkrieges und der Schoah weisen könne und es insbesondere keine kollektive Schuld geben könne. 1946 wurde er zum Vorstand der Wiener Neurologischen Poliklinik berufen und war dies bis 1971.
Am 18. Juli 1947 heiratete Viktor Frankl in zweiter Ehe Eleonore (meist Elly genannt) Katharina Schwindt (1925–2026),Pfarre Kaisermühlen, Taufbuch 01-03, 1925–1938, S. 27, Reihezahl 78., abgerufen am 1. Jänner 2026. die über 50 Jahre nicht nur seine Lebensgefährtin war, sondern ihn auch wissenschaftlich unterstützte. Zusammen hatten sie eine Tochter, Gabriele Vesely-Frankl.
1948 stand Frankl Heinz von Förster bei der Veröffentlichung von dessen erster wichtiger wissenschaftlicher Veröffentlichung (Das Gedächtnis. Eine quantenphysikalische Untersuchung) zur Seite. 1948/49, fast zwei Jahrzehnte nach seiner medizinischen Dissertation, legte er eine philosophische Dissertation mit dem Titel Der unbewußte Gott vor.
1950 gründete er die Österreichische Ärztegesellschaft für Psychotherapie. Er war deren erster und einziger Präsident.
1955 erhielt er den Professorentitel für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien. Gastprofessuren führten ihn in die USA (Harvard University, Dallas und Pittsburgh). 1970 wurde an der U.S. International University in San Diego (Kalifornien) eigens für ihn eine Internationale Professur für Logotherapie eingerichtet.
Mit 67 Jahren erwarb er den Pilotenschein.Vgl. Elly Frankl, 2005, S. 89–99.mini|hochkant|Grab von Viktor Frankl auf dem Wiener Zentralfriedhof, „Alte Israelitische Abteilung“Anlässlich des Gedenktages zum 50. Jahrestag des Einmarschs des NS-Regimes in Österreich hielt Frankl im Jahr 1988 auf dem Wiener Rathausplatz eine viel beachtete Rede, in der er sich gegen das Kollektivschuld-Narrativ aussprach. Ab dem Studienjahr 1990/1991 setzte Prof. Frankl, damals im 86. Lebensjahr, seine Vorlesungstätigkeit an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien fort, und zwar fanden seine Vorlesungen wie bereits im Jahr 1946 in einem Hörsaal in der Mariannengasse 1, 1090 Wien statt. Frankl verstand es trotz seines fortgeschrittenen Lebensalters in den 1990er Jahren, die Hörer in freier Rede über seine Logotherapie und Existenzanalyse aus erster Hand zu informieren und zugleich zu faszinieren. Am selben Ort in der Mariannengasse befindet sich heute das Viktor Frankl Zentrum Wien. Am 2. September 1997 starb Viktor Frankl an Herzversagen.https://www.franklzentrum.org/zentrum/viktor-frankl-leben-und-lehre.html
Frankl verfasste mehr als 30 Bücher. Der Sinn des Lebens ist Thema in vielen seiner Bücher. Die letzten beiden noch zu seinen Lebzeiten erschienenen Bücher sind die Autobiographie Was nicht in meinen Büchern steht (1995) und Man’s Search for Ultimate Meaning (1997).https://www.franklzentrum.org/zentrum/viktor-frankl-leben-und-lehre.html
Viktor Frankl ist auf dem Wiener Zentralfriedhof in der „Alten Israelitischen Abteilung“ begraben.
Bergsteiger und Kletterer mini|hochkant|Frankl als Kletterer, Fotografie im Viktor Frankl Museum Wien Viktor Frankl gehörte der Sektion Donauland des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins an und war einer der besten Alpinisten in dieser Sektion. Diese Sektion war insbesondere von jüdischen Bergsteigern in Wien gegründet worden, da die meisten anderen Sektionen Juden ausschlossen. Frankl war auch Mitglied bei den österreichischen Naturfreunden, einer sozialistischen, eher an Arbeiter gerichteten Vereinigung für Wanderer und Bergsteiger.
Zum Klettern war er gekommen, weil er Angst vor dem Blick in die Tiefe hatte. Er hatte sich selbst therapiert, indem er mit Klettern angefangen und Gefallen daran gefunden hatte.
Er wurde Bergführer und unternahm schwierige Hoch- und Klettertouren; die Rax war sein Lieblingsberg. Drei schwierige Klettereien auf der Rax und am Peilstein wurden nach ihm benannt, die Viktor-Frankl-Kante (UIAA IV, eine Stelle V) am Peilstein wurde von Rudolf Reif 1949 erstbegangen. Reif war auch Jude und aus der Sektion Donauland, der sich nach Shanghai retten konnte und dort viel an Frankl und gemeinsame Bergausfahrten dachte.
Auf sein Bergführerabzeichen war Frankl so stolz, dass er es sogar bis ins Konzentrationslager mitnahm. Später führte er sein Überleben auch darauf zurück, dass er eine langjährige Erfahrung als Alpinist hatte, die ihm eine große Frustrationstoleranz antrainiert hatte.
Werk Logotherapie und Existenzanalyse
Viktor Frankl schuf bereits um 19261926: https://viktorfrankl.org/biographie.html Frankl hält öffentliche Vorträge auf Kongressen in Düsseldorf, Frankfurt, Berlin. Er legt zum ersten Mal die Idee eines sinnzentrierten Ansatzes für die Psychotherapie vor und verwendet dafür den Begriff Logotherapie, basierend auf dem griechischen Wort logos für Sinn. die Logotherapie und um 1938 ein dazugehöriges Konzept des menschlichen Daseins, das er „Existenzanalyse“ nannte. Die Logotherapie beruht auf Frankls Überzeugung, dass der Mensch nach einem Sinn im Leben strebt und dass er krank wird, wenn er keinen Sinn in seinem Leben sieht. Die Existenzanalyse Frankls hebt entsprechend die Bedeutung des Geistigen hervor: Zur menschlichen Existenz gehöre nicht nur der Leib und die Seele (das Psychische), sondern unbedingt auch die geistige Dimension (siehe Dimensionalontologie). Frankls neuer Ansatz wird mit Blick auf Sigmund Freud und Alfred Adler, die ebenfalls in Wien wirkten, als „dritte Wiener Schule der Psychotherapie“ bezeichnet.