mini|hochkant|Carl Rogers (Zeichnung)

Carl Ransom Rogers (* 8. Januar 1902 in Oak Park, Illinois; † 4. Februar 1987 in La Jolla, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Psychologe und Psychotherapeut, dessen herausragende Leistung in der Entwicklung der Personzentrierten Psychotherapie (auch: Klientenzentrierten Psychotherapie) und dem Ausbau der Humanistischen Psychologie besteht. Der von Rogers geschaffene Personzentrierte Ansatz ist heute unter anderem sowohl fester Bestandteil der Gesprächsführung im Rahmen von Therapiegesprächen, als auch in der generellen Gesprächsführung der alltäglichen pädagogischen Arbeit mit Klienten.

Biographie Rogers wurde 1902 in Oak Park, Illinois, einem Vorort von Chicago, als viertes von sechs Kindern geboren. Die Eltern, die „von eng fundamentalistischer Einstellung“ waren,C. Rogers: Partnerschule. 1975, S. 11. kümmerten sich sehr um das Wohl der Kinder und kontrollierten deren Verhalten. Die häusliche Atmosphäre war durch „enge Familienbindungen“, „viel Arbeit“ sowie durch „strenge und kompromisslose religiöse und ethische“ Überzeugungen gekennzeichnet, so dass Rogers „ein ziemlich alleindastehender Junge [war], der ununterbrochen las“.Carl R. Rogers: Entwicklung der Persönlichkeit: Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten. Klett-Cotta, Stuttgart 1973, S. 21.

Nach seiner Schulzeit begann er sein Studium an der Universität von Wisconsin im Fachbereich Agrarwissenschaft, wechselte dann aber zur Theologie. Auf einer internationalen christlichen Studentenkonferenz, an der Rogers 1922 in China teilnahm, emanzipierte er sich von den religiösen Ansichten seiner Eltern, obwohl es ihm schwer fiel und die „interfamiliären Beziehungen“ (Anm.: bekanntes, fehlerhaftes Zitat; Rogers meinte vielmehr intrafamiliäre Beziehungen) dadurch sehr belastet wurden. Rogers bezeichnet diese sechsmonatige Reise nach dem Fernen Osten als den Zeitpunkt, zu dem er „ein unabhängiger Mensch“ wurde.Carl R. Rogers: Entwicklung der Persönlichkeit: Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten. Klett-Cotta, Stuttgart 1973, S. 23.

Ab 1924 besuchte er das liberale Union Theological Seminary in New York. Dort fand zu dieser Zeit ein von Studenten selbständig geführtes Seminar statt, das für Rogers „zutiefst befriedigend und klärend“ verlief und ihm half, seine eigene Lebensphilosophie zu finden. Zugleich wurde ihm aber klar, dass er nicht in einem Bereich arbeiten konnte, in dem verlangt wurde, „an eine bestimmte religiöse Doktrin zu glauben“.Carl R. Rogers: Entwicklung der Persönlichkeit: Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten. Klett-Cotta, Stuttgart 1973, S. 24. Er wechselte daher zum „Teachers College“, an dem er das Studium 1928 mit dem Mastergrad (MA) abschloss und schließlich 1931 promovierte. Am Teachers College galt Rogers’ besonderes Interesse dem Fachbereich Erziehungsberatung.

Während seiner Assistentenzeit am neu gegründeten „Institute for Child Guidance“ (Institut für Erziehungsberatung) lernte er die Ansichten des Kollegiums über die Psychoanalyse Freuds kennen. Nach seiner Studienzeit nahm er eine Stelle am „Child Study Department of the Society for the Prevention of Cruelty to Children“ in Rochester, New York an. Rogers bemerkte dort sehr bald, dass eine Erziehungsberatungsstelle keinesfalls „einem Diagnostik-Service für Autos ähnlich“ sein sollte.C. Rogers: Partnerschule. 1975, S. 15. In den zwölf Jahren seiner Tätigkeit als klinischer Psychologe mit delinquenten und unterprivilegierten Kindern stellte er immer mehr fest, „dass der Klient derjenige ist, der weiß, wo der Schuh drückt, welche Richtung einzuschlagen [ist], welche Probleme entscheidend, welche Erfahrungen tief begraben gewesen sind“.Carl R. Rogers: Entwicklung der Persönlichkeit: Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten. Klett-Cotta, Stuttgart 1973, S. 27–28. Beeinflusst und unterstützt wurde er neben seinen praktischen Erfahrungen durch die Arbeit einiger Sozialarbeiter in Rochester, die ebenfalls die Fähigkeit des Klienten zur eigenständigen Lösung ihrer Probleme betonten, und durch die Auffassungen des Freud-Schülers Otto Rank, der „besonders den Aspekt der Sicherheit und der Geborgenheit in der therapeutischen Beziehung“ betonte.F.-G. Pavel: Die Entwicklung der klientenzentrierten Psychotherapie in den USA von 1942–1973. In: Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (GwG) (Hrsg.): Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie. München 1975, S. 27. 1940 erhielt Rogers für sein ein Jahr zuvor erschienenes Buch über die klinische Behandlung des Problemkindes eine Professur an der „Ohio State University“. Bei der Vermittlung seiner Ansichten über klinische Arbeit wurde ihm klar, dass er „einen ausgeprägten eigenen Standpunkt entwickelt hatte“.Carl R. Rogers: Entwicklung der Persönlichkeit: Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten. Klett-Cotta, Stuttgart 1973, S. 29. Daraufhin schrieb er das Buch „Counseling and Psychotherapy“, das 1941 veröffentlicht wurde. Darin beschreibt er die Methode der nicht-direktiven Beratung.

Während des Krieges arbeitete Rogers in New York und bildete Personen für die psychologische Betreuung von heimkehrenden Kriegsteilnehmern aus. Nach dem Krieg erhielt Rogers zunächst eine Gastprofessur an der University of Chicago und wurde schließlich dauerhaft berufen, um ein Beratungszentrum zu gründen. 1951 erschien das Buch „Client-Centered Therapy“ („Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie“).

In den folgenden Jahren entwickelte Rogers seine Ansichten von einem nicht-direktiven zu einem klientenzentrierten Ansatz. Der Klient rückte also immer mehr in den Mittelpunkt seines Interesses. In der Folge entstand daraus dann der personzentrierte Ansatz.

1957 bis 1963 war er an der University of Wisconsin im Bereich der Psychotherapieforschung tätig. 1961 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Er initiierte ein umfassendes Projekt zur Psychotherapie bei Schizophrenie, gemeinsam mit Eugene T. Gendlin, Donald J. Kiesler und Charles B. Truax.Rogers, C.R., Gendlin, E.T., Kiesler, D.J., & Truax, C.B. (Hrsg.): The therapeutic relationship and its impact. A study of psychotherapy with schizophrenics. Madison, Wisconsin Univer. of Wisconsin Press, 1967.

1961 erschien On Becoming a Person (deutsch: „Die Entwicklung der Persönlichkeit“), das wohl Rogers einflussreichstes Buch war. Rogers geht in diesem Buch ausführlich auf den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung und darüber hinaus auf Anwendungsgebiete des personzentrierten Ansatzes ein. Nachdem er 1963 seinen Lehrauftrag als Professor für Psychologie und Psychiatrie an der Universität von Wisconsin zurückgegeben hatte, gründete er in La Jolla, einem Vorort von San Diego, Kalifornien, das Center for Studies of the Person. Ab 1964 beschäftigte sich Rogers in La Jolla mit sogenannten Encounter-Gruppen (wörtlich: „Begegnungsgruppen“). 1969 erschien dann das Buch Freedom to Learn („Lernen in Freiheit“).

In seinen letzten 15 Lebensjahren interessierte sich Rogers zunehmend für soziale Fragen und Friedenspolitik. Er engagierte sich im Konflikt irischer Katholiken und Protestanten, gründete 1985 das Carl Rogers Peace Project, und engagierte sich in Südafrika in der Rassenproblematik. Zwischenzeitlich setzte er sich außerdem mit der Möglichkeit und der Vermeidung eines atomaren Konflikts auseinander.Peter F. Schmid: In: pfs-online.at. 2002 (adaptierte Fassung des Kapitels 3.1.1 aus: Derselbe: Personale Begegnung. 2. Auflage. Echter, Würzburg 1995, S. 76–90) Anfang 1987 wurde Rogers für den Friedensnobelpreis nominiert. Er stürzte kurz nach seinem 85. Geburtstag und brach sich die Hüfte. Von der Operation erholte sich Rogers nicht mehr. Er starb am 4. Februar 1987 in La Jolla.

Kernaussagen und Wirkung Im Gegensatz zu Freud betonte Carl Rogers die Einzigartigkeit des Individuums. Er legte besonderen Wert auf Begegnung im voll-menschlichen Sinn – d. h. unter Einschluss der emotionalen Ebene, der nonverbalen Äußerungen, des gegenseitigen prinzipiellen Wohlwollens. Er hat das Konzept des Encounter = der Begegnung entwickelt sowie jene Definition von „Gefühl“, die zu Empathie, also einer Haltung verstehenden Zuhörens führt:

Gefühl ist eine spontane innere Reaktion in mir – auf eine Person, eine Örtlichkeit oder eine Situation, die ich erlebe oder an die ich denke.

Besondere Anliegen Rogers waren gute gegenseitige Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern und stabile, vertrauensvolle Beziehungen zwischen Ehepartnern, die auch an Konflikten weiter wachsen können.

Anders als viele andere Psychotherapeuten sah Rogers von Grund an das Gute im Menschen. Zitat: Der Mensch ist gut.

Seine von einem humanistischen Menschenbild geprägten Arbeiten hatten Auswirkungen auf viele Bereiche der angewandten Psychologie, der Soziologie, Pädagogik, Sozialen Arbeit, Seelsorge und der Medizin.

Rogers war nicht nur selbst gefragter Psychotherapeut, sondern gründete und erlebte viele Encounter-Gruppen (der Begriff stammt von Viktor Frankl), schrieb motivierende Bücher und hielt Vorträge. Zu Rogers’ Schülern zählen u. a. Eugene T. Gendlin als Nachfolger an der Universität von Wisconsin, Reinhard Tausch, Peter F. Schmid, Marshall B. Rosenberg, Thomas Gordon, Frank Farrelly und Pio Scilligo.

Im späteren Verlauf seiner akademischen Karriere entwickelte er, basierend auf seinen Beratungskonzepten, auch entsprechende Lernkonzepte.

Die Persönlichkeitstheorie Grundlegende Annahmen Grundgedanke der Persönlichkeitstheorie/Personzentrierten Theorie von Rogers ist das Streben des Menschen nach Selbstverwirklichung und Selbstaktualisierung. Dieses Streben nach Selbstaktualisierung ist das grundlegende menschliche Bedürfnis, „sich auszuweiten, auszudehnen, zu entwickeln, autonom zu werden, zu reifen“Carl R. Rogers: Entwicklung der Persönlichkeit: Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten. 20. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2016, S. 49., sowie das Streben nach Autonomie, weg von äußerer Kontrolle und Zwängen. Rogers beschreibt dieses Bedürfnis in seinem bekannten Gleichnis von den Kartoffeln im KellerCarl R. Rogers: Der neue Mensch. 3. Auflage. Stuttgart 1987, S. 69.. Sobald auch nur etwas Licht auf die Kartoffeln im Keller fällt, beginnen diese auszutreiben, obwohl das in dieser Situation gar keinen Sinn mehr ergibt. Aktualisierungstendenz meint also das unbedingte menschliche Bestreben unter allen Umständen, auch unter den lebensfeindlichsten, zu wachsen und zu leben.

Der Mensch setzt sich im Kindes- und Jugendalter mit seiner Umwelt auseinander, und die hierbei erlebten Wahrnehmungen, Eindrücke und Erlebnisse (Erfahrungen) beeinflussen die Entwicklung des Selbstkonzeptes (das Selbst einer Person). Es kann sowohl ein negatives als auch ein positives Selbstkonzept entwickelt werden. Dabei spielen Beziehungsbotschaften eine entscheidende Rolle. Erfährt das Kind in früher Kindheit hohe Wertschätzung durch bedingungsfreie Zuwendung, Echtheit der erziehenden Personen und Empathie (Einfühlungsvermögen oder Hineinversetzen in andere Personen/Kinder) und darf das Kind seine echten Gefühle wie Wut, Ärger, Zorn und Trauer zulassen und zeigen, kann sich eine hohe Selbstachtung und daraus ein positives Selbstkonzept entwickeln. Bei geringer Wertschätzung entsteht im Kind eine mindere Selbstachtung und daraus wahrscheinlich ein negatives Selbstkonzept.

Das Selbstkonzept beinhaltet das Ideal-Selbst (die Erwartungen der Gesellschaft an den Menschen sowie Eigenschaften und Fähigkeiten, auf die die Person selbst den größten Wert legt) und das Real-Selbst (Eigenschaften/Fähigkeiten, die der Mensch glaubt zu haben). Die beiden Pole (Ideal-Selbst und Real-Selbst) dürfen hierbei nicht zu weit voneinander abweichen, da es sonst zu Minderwertigkeitsgefühlen oder anderen psychischen Störungen kommen kann.