Die Kompressionstherapie ist eine Therapieform, die durch lokalen Druck auf das venöse Beingefäßsystem zu einer Steigerung der Fließgeschwindigkeit des Blutes führt. Dieser Druck kann durch Bandagieren des Beines mit Kompressionsbinden oder durch spezielle Strümpfe erzeugt werden. Die Kompressionstherapie wird bei verschiedenen Krankheitsbildern eingesetzt.372x372px|mini|Bandagierung mit Kurzzugbinden für die Kompressionstherapie der Unterschenkel. Ausgeführt in Achter-Touren

Ziele Durch Entwicklung und Gewährleistung eines permanenten Druckes werden die venösen Beingefäße verengt. Dadurch steigert sich die Fließgeschwindigkeit des Blutes. Der Rückfluss zum Herzen erhöht sich, Ödeme werden reduziert und Schmerzen mindern sich. Weitere erwünschte Effekte sind die Beschleunigung der Abheilung eventueller Wunden,Expertenstandard zur Pflege von Menschen mit chronischen Wunden. DNQP (Hrsg.), S. 108–112. das Vorbeugen gegenüber Rezidiven sowie Thrombosen und somit schließlich die Erhöhung der Lebensqualität des Patienten.

Einsatzgebiete Eine Kompressionstherapie kommt bei einer Vielzahl von Krankheitsbildern und pathologischen ZuständenStandard zur Kompressionstherapie. Wundzentrum Hamburg e. V., 2009, S. 1 f. zum Einsatz: Chronisch-venöse Insuffizienz Postthrombotisches Syndrom primäres und sekundäres Lymphödem Lipödem primäre und sekundäre Varikosis Thrombophlebitis tiefe Beinvenenthrombose Schwangerschaftsödeme nach Varizenstripping oder –verödung zyklisches und idiopathisches Ödem Angiodysplasie

Darüber hinaus wird die Kompressionstherapie auch präventiv eingesetzt, und zwar bei Erkrankungen, bei denen ein Thromboserisiko besteht sowie bei immobilen Patienten, bei denen sich Stauungszustände entwickeln, wie z. B. bei Paresen oder Teilparesen der Beine.

Phasen der Kompressionstherapie Die Kompressionstherapie unterscheidet sich in drei aufeinander abfolgende und klar abzugrenzende Phasen: Entstauungsphase, Erhaltungsphase und Prävention.Kerstin Protz, Joachim Dissemond, Knut Kröger: Kompressionstherapie. Ein Überblick für die Praxis. Springer Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-662-49743-2, S. 60–62. In jeder Phase stehen andere Therapieziele im Vordergrund, zudem werden unterschiedliche Produkte (=phasengerecht) eingesetzt. Initiale Entstauungsphase Zu Beginn der Kompressionstherapie wird die betroffene Extremität entstaut, so dass der Umfang abnimmt und die Abheilung eventuell bestehender Wunden unterstützt wird. In dieser Phase kommen Kompressionsverbände aus wiederverwendbaren Kompressionsbinden oder spezielle Bindensysteme („Mehrkomponentensysteme“) zum Einsatz.Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit Medizinischem Kompressionsstrumpf MKS, Phlebologischem Kompressionsverband PKV und Medizinischen adaptiven Kompressionssystemen MAK Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie, AWMF-Registernummer 037/005 (online) Aufgerufen am 22. Januar 2021. Diese Produkte lassen sich dem variierenden Umfang der Extremitäten leicht anpassen. Erhaltungsphase Der Entstauungserfolg wird durch entsprechende Maßnahmen und Versorgungsoptionen gewährleistet, solange noch eine Wunde besteht. In dieser Phase sollten keine Kurzzugbinden mehr zum Einsatz kommen.Stefanie Reich-Schupke in Joachim Dissemond, Knut Kröger (Hrsg.): Chronische Wunden. Diagnostik – Therapie – Versorgung, Urban & Fischer Verlag, München 2020, ISBN 978-3-437-25641-7, Seite 267–268. Prävention Durch individuell auf die Situation des Patienten abgestimmte Maßnahmen wird dem Wiederauftreten von Wunden und Ödemen vorgebeugt. Bei der Behandlung von Menschen mit Lymphödemen ist die Kompressionstherapie Bestandteil der Komplexen Physikalischen Entstauungstherapie. Sie kommt hierbei im Anschluss an die Manuelle Lymphdrainage zum Einsatz. Kompressionsbandagierungen mit Kurzzugbinden gewährleisten den erzielten Entstauungserfolg bei Menschen mit Lymphödemen und fördern die Lockerung des Gewebes durch Massagewirkung, wenn der Patient sich mit dem Kompressionsverband bewegt.Horst Weissleder, Christian Schuchhardt (Hrsg.): Erkrankungen des Lymphgefäßsystems. 4. Auflage. Viavital, Köln 2006, ISBN 3-934371-36-1, S. 419–420.

Kompression und Bewegung Die Kompressionstherapie mindert den Umfang derjenigen blutleitenden Gefäße des Körpers, die unterhalb des Kompressionsverbands liegen. Auf physikalische Weise erhöht sich die Fließgeschwindigkeit des Blutes, da dieses einen geringeren Raum zu passieren hat. Entscheidend für die Fließgeschwindigkeit und somit für den Erfolg der Kompressionstherapie ist die Eigenbewegung des Körpers, denn die Anspannung der Muskulatur des Beines verstärkt den Blutfluss. Der Blutrückfluss in Richtung des Herzens wird durch die sogenannte „Muskelpumpe“ unterstützt, die aktiv wird, wenn die Wade sich an- und entspannt. Ebenfalls blutrückflussfördernde Funktion haben die „Gelenkpumpen“ im Sprunggelenk. Über diese Aspekte sollte der Patient umfassend aufgeklärt werden, unter anderem um ihn zu motivieren,EWMA Positionsdokument: Zum Verständnis der Kompressionstherapie. London 2003, S. 16. sich bei angelegter Kompression im Sinne einer „Varizengymnastik“Georg Hohmann: Ruhe und Bewegung. Zwei orthopädische Heilprinzipien. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. 19–22, hier: S. 22. zu bewegen. Verständliche und auf die Situation des Betroffenen angepasste Patientenbroschüren klären über die Möglichkeiten, sich in die Kompressionstherapie einzubringen, auf. Bettlägerige Patienten können gymnastische Übungen auszuführen, wie Fußkreisen, Zehenballen oder Fußwippen. Die Kompressionstherapie mindert sowohl Schmerzen als auch das Aufquellen von Gewebe und die Ausbildung von Ödemen. Als Merksatz gilt die so genannte 3-S, 3-L Regel, die besagt: „Sitzen und Stehen ist schlecht, lieber Laufen und Liegen.“Pflege von Menschen mit chronischen Wunden. Bern 2009, S. 261.

Materialien und Versorgungsformen Eine Kompression kann sowohl durch die Anwickelung von Binden als auch durch das Anziehen speziell dafür entwickelter und nach den Maßen des Patienten gefertigter oder darauf passender Strümpfe gewährleistet werden. Der erzeugte Druck unterscheidet sich in Arbeits- und Ruhedruck.Arbeitsdruck Ergibt sich durch den Widerstand, den der Verband der Ausdehnung der Muskulatur bei der Muskelkontraktion entgegensetzt, d. h. wenn das Bein in Bewegung gerät und ist umso höher, je unelastischer die Kompression ist.Ruhedruck entspricht dem Anlagedruck, d. h. der Kraft, die zum Dehnen der Binde beim Anlegen aufzuwenden ist, wird aber zusätzlich durch das individuelle Rückstellvermögen einer Binde beeinflusst.

Binden mini|200px|Angelegter Kompressionsverband Kompressionsbinden kommen in erster Linie in der initialen Entstauungsphase bei Patienten mit chronisch venöser Insuffizienz (CVI), bei Lymphödemen und bei weiteren Ödemen an den Unterschenkeln zum Einsatz. Nur in Ausnahmefällen werden sie über die Entstauungsphase hinaus angewendet. Sie sind weniger alltagstauglich und kostenintensiver, als Kompressionsstrümpfe und werden daher in den meisten Einsatzbereichen heutzutage gegen diese ersetzt.Stefanie Reich-Schupke, Markus Stücker: Moderne Kompressionstherapie. Ein praktischer Leitfaden. Viavital Verlag, Köln 2013, ISBN 978-3-934371-50-7, S. 65.

Langzugbinden – Diese Binden haben ein sehr hohes Dehnungsvermögen von bis zum Doppelten der eigenen Länge. Sie erzeugen einen geringen Arbeitsdruck, aber einen hohen Ruhedruck. Das ist bei Venenerkrankungen in der Regel nicht erwünscht. Daher werden Langzugbinden in der Phlebologie (Venenheilkunde) nur selten verwendet. Bei Langzugbinden besteht zudem das Risiko, dass sich bei immobilen Patienten erhebliche Einschnürungen entwickeln, daher kommen sie insbesondere bei diesen Patienten nicht mehr zum Einsatz.

Kurzzugbinden – Kurzzugbinden bestehen aus unelastischem Textil und weisen daher nur ein sehr geringes Dehnungsvermögen auf. Sie ermöglichen den bei Venenerkrankungen erwünschten hohen Arbeits- und niedrigen Ruhedruck. Kurzzugbinden sind die Binden der Wahl bei mobilen Patienten, z. B. bei Venenentzündungen, nach einer Venenoperation oder beim offenen Bein (Ulcus cruris).

Zinkleimbinden – Das Textilgewebe der Zinkleimbinden ist mit Leim angereichert, der sich verhärtet, wenn die feucht angelegte Binde trocknet. Durch das Aushärten entsteht der Kompressionsdruck. Nimmt der Beinumfang ab, mindert sich dieser entsprechend. Ein Zinkleimverband hinterlässt in der Patientenumgebung Spuren, verschmutzt Möbel, Bettwäsche und Kleidung und muss täglich gewechselt werden.

Bindensysteme Hersteller bieten fertige Sets von konfektionierten Bindensystemen an, die Kompressions-, Fixier- und Polsterbinden enthalten. Für das Anlegen solcher sogenannter Mehrkomponentensysteme ist es nicht notwendig, Kenntnisse über umfangreiche Wickeltechniken zu beherrschen.Kerstin Protz, Stefan Eder, Severin Läuchli, Hugo Partsch, Markus Stücker, Jürg Traber, Joachim Dissemond: "Einteilung und Nomenklatur der aktuellen Materialien zur Kompressionstherapie" in Die Dermatologie, 4/2023. Die Mehrkomponentensysteme sind seit 2000 auf dem deutschen Markt erhältlich, aber bereits seit 1988 im Vereinigten Königreich in Gebrauch. Daher leitet sich auch die ursprüngliche Benennung „Mehrlagensysteme“ – von englisch: „multi layered system“ – ab, die allerdings irreführend ist, da jeder sachgerechte Kompressionsverband aus mehreren Lagen besteht.Susam O’Meara, Nicky Cullum, Andrea Nelson, Jo Cumville: "Compression for venous leg ulcers", Cochrane Database Review, aufgerufen am 29. Januar 2024.

Kompressionsstrümpfe mini|Rundgestrickte medizinische Kompressionsstrümpfe Kompressionsstrümpfe gibt es konfektioniert oder als maßgefertigte Einzelstücke im Sanitätsfachhandel. Sie kommen in der Erhaltungsphase und während der Prävention zum Einsatz.Leitlinie Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten. (PDF; 0,4 MB) AWMF Register 037/005, federführend erstellt von der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie, (online) aufgerufen am 23. Januar 2021.

Kompressionsstrümpfe – Es gibt zwei Arten von Kompressionsstrümpfen, die sich durch die Strickart unterscheiden. Flachgestrickte Kompressionsstrümpfe mit Naht sowie ein- und doppelflächig rundgestrickte nahtlose Strümpfe.

Strumpfsysteme – Die Strumpfsysteme zur Kompressionstherapie bestehen meist aus zwei Komponenten, einem Unter- und einem Überziehstrumpf. Der Kompressionsdruck des Unterziehstrumpfes ist geringer als der des Überziehstrumpfes; beide Drücke addieren sich auf. Der Unterziehstrumpf verbleibt über Nacht am Bein des Patienten, Der Überziehstrumpfs wird nur tagsüber darüber angelegt.

Adaptive Kompressionsbandagen