mini|hochkant|Louise als Kind (Gemälde in der Kasseler Neuen Galerie) Gräfin Louise Wilhelmine von Bose, geb. Gräfin von Reichenbach-Lessonitz, genannt auch Luise von Bose, (* 26. Februar 1813 in Berlin; † 3. Oktober 1883 in Baden-Baden) war eine Wohltäterin der Armen und galt als Förderin von Kunst und Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaften.
Sie war die älteste Tochter des Kurfürsten Wilhelm II. von Hessen-Kassel und Emilie von Reichenbach-Lessonitz. Aufgrund ihrer Herkunft nahm sie eine besondere gesellschaftliche Stellung ein, die sowohl mit Privilegien als auch mit Abgrenzung verbunden war.
Nach ihrer Heirat mit Karl August von Bose lebte sie zurückgezogen, widmete sich naturkundlichen Interessen und setzte ihr Vermögen gezielt für gemeinnützige Zwecke ein. Sie unterstützte insbesondere die Kinderheilkunde, den Ausbau ländlicher Schulen sowie die Hilfe für Menschen in Not.
Bedeutende Teile ihres Erbes gingen an die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung sowie an die Universitäten Berlin, Jena und Marburg. Darüber hinaus stellte sie finanzielle Mittel in Form von Renten für Freunde, Vertraute und Angestellte bereit. Ihre Grabinschrift fasst ihr Lebenswerk zusammen: „Sie ruht von ihrer Arbeit. Ihre Werke folgen ihr nach.“
Leben Kindheit und Jugend in Kassel Louise Wilhelmine wurde am 26. Februar 1813 in Berlin geboren. Sie war die Tochter des hessischen Kurfürsten Wilhelm II. und seiner Mätresse Emilie Ortlepp, die er später in zweiter Ehe heiratete und in den Adelsstand erhob und zur Gräfin Reichenbach machte. Louise war die älteste von acht Geschwistern.
Zum Zeitpunkt von Louises Geburt stand Wilhelm als Erbprinz an der Spitze der hessischen Thronfolge; Emilie hingegen stammte aus bürgerlichen Verhältnissen als Tochter eines Berliner Juweliers. Die Verbindung der beiden war damit aus Sicht der zeitgenössischen Standesnormen nicht ebenbürtig und wurde zunächst ohne formale Eheschließung geführt.
Die Beziehung zwischen Wilhelm und Emilie begann um 1812, als Wilhelm noch unglücklich mit Prinzessin Auguste von Preußen verheiratet war. Wilhelm lernte Emilie auf einem Besuch in Berlin kennen und brachte Emilie und die gemeinsame Tochter Louise 1813 nach Kassel, was die Spannungen in seine Ehe zu Auguste verstärkte. Im Jahr 1815 trennten Wilhelm und Auguste sich schließlich.
Auch wenn es zu diesem Zeitpunkt keine Vermählung zwischen Louises Eltern gab, erreichte Emilie früh eine Art „Gewissensehe“, die sie besserstellen sollte als die anderen Geliebten.
Im Jahr 1821 wurde Wilhelm II. zum neuen Kurfürsten von Hessen ernannt und Emilie und ihre inzwischen fünf Kinder, darunter Louise, zogen in das Kurfürstliche Palais am Friedrichsplatz in Kassel. Im selben Jahr erhielt Emilie auch den Titel Gräfin Reichenbach nach einer Burg bei Waldkappel und 1824 den Zusatz Lessonitz nach einem Besitz in Böhmen. Louise wurde 1828 in der Schlosskapelle Wilhelmshöhe konfirmiert.
Erst 1841, nach dem Tod seiner ersten Frau Auguste, heiratete Wilhelm Emilie. Diese Ehe war jedoch „morganatisch“ – das bedeutete, dass Emilie und die Kinder zwar offiziell anerkannt wurden, aber nicht denselben Rang wie die übrigen Mitglieder des Fürstenhauses erhielten. Louise und ihre Geschwister blieben daher von der Thronfolge ausgeschlossen. Ihre Stellung war dadurch eine besondere: Sie gehörten weder vollständig zum Fürstenhaus noch ganz zum Bürgertum.
Die bürgerliche Herkunft ihrer Mutter Emilie brachte für die Familie in Kassel erhebliche Schwierigkeiten mit sich. In der Bevölkerung stieß die Verbindung zwischen Kurfürst Wilhelm II. und Emilie Ortlepp auf Ablehnung. Nach dem Tod der Kurfürstin Auguste verurteilte man die schnelle Vermählung des Kurfürsten mit Emilie als unmoralisch und verdächtigte die neue Gräfin, das Land finanziell zu belasten. Auch Louise selbst wurde Opfer dieser Anfeindungen: Mit 17 Jahren wurde sie auf offener Straße belästigt, da man sie für ihre Mutter hielt.
Ihre Kindheit und Jugend verbrachte Louise überwiegend in Kassel, wo ihr Vater als Kurprinz residierte. Gemeinsam mit ihren Geschwistern wuchs sie in einem bildungsorientierten, kunstnahen Umfeld auf. Privatlehrer, darunter Pastor Cornelius Grimm, unterrichteten die Kinder. So konnte Louise auch Freundschaften zu anderen adligen Töchtern schließen, mit denen sie teilweise ihr ganzes Leben lang im Briefkontakt blieb.
Ihre schulische und häusliche Ausbildung orientierte sich an den Maßstäben des höheren Adels in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Neben Fremdsprachen (insbesondere Französisch) und Musik wurde Louise auch in naturwissenschaftlichen Grundkenntnissen sowie Zeichnen und Literaturvermittlung unterrichtet. Dieser umfassende Unterricht diente nicht zuletzt dazu, die bürgerliche Herkunft der Mutter zu überdecken und Louise für eine standesgemäße Ehe vorzubereiten – ein erklärtes Ziel Emilies.
Ihr Vater Wilhelm II. mochte seine Tochter Louise ganz besonders, schätzte ihre Klugheit und Tüchtigkeit und ihr liebevolles und fröhliches Wesen. Anders als zu seiner legitimen Familie zeigte er zu seinen Kindern mit Emilie eine ausgeprägte Zuneigung. Louise verbrachte viel Zeit mit ihrem Vater, begleitete ihn auf Spaziergängen und Ausritten und kümmerte sich um sein körperliches Wohlbefinden. Auch während der Revolution 1830 blieb sie bei ihm in Kassel zurück, während ihre Mutter und ihre Geschwister bereits evakuiert worden waren.
In Briefen sprach Louise den Kurfürsten ungewöhnlich herzlich an, ohne dessen offiziellen Titel zu verwenden, und nannte ihn schlicht „Lieber Papa“ oder „Mein lieber guter Papa“. Louise lebte meistens bei der Mutter, pflegte später jedoch viele Jahre ihren kranken Vater.
Diese familiären Bindungen und die Erfahrungen ihrer Jugend prägten Louise nachhaltig. Einerseits war sie sich ihrer adligen Abstammung bewusst und grenzte sich vom einfachen Volk ab. Andererseits zeigte sie schon früh eine große Bereitschaft, Bedürftigen zu helfen – oft, ohne ihren Namen preiszugeben. Diese Ambivalenz sollte für ihr weiteres Leben charakteristisch bleiben.
Umzug nach Frankfurt und Ehe Ab 1831 lebte die Familie in Frankfurt am Main. Der Umzug hing mit der Ernennung von Friedrich Wilhelm, dem Sohn des Kurfürsten Wilhelm II. aus erster Ehe, zum Mitregenten zusammen. Dadurch verlor Wilhelm II. zunehmend an politischem Einfluss und verbrachte weniger Zeit in den Residenzen Hanau oder Philippsruhe. Mit seiner zweiten Familie ließ er sich daher in Frankfurt-Sachsenhausen nieder. Die Sommermonate verbrachten sie regelmäßig in Baden-Baden
Neben dem Hofgut Goldstein bewohnte die Familie zunächst hauptsächlich das Rote Haus an der Zeil, bevor sie 1838 in ein neu errichtetes Palais in der Mainzer Straße 42 (heute Nr. 52) zog. Der Bau war nach Plänen des Architekten Maximilian Hessemer entstanden und fiel durch seine repräsentative Lage und Gestaltung auf. Louise erbte das Palais später und vermachte es testamentarisch der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Das Stadthaus sollte den Zugang zu bürgerlichen und diplomatischen Kreisen erleichtern, doch gestaltete sich die gesellschaftliche Integration schwierig.
Emilie blieb in der öffentlichen Wahrnehmung die ehemalige Geliebte des Kurfürsten, was ihr Ansehen schmälerte. Louise gelang es dennoch, einige dauerhafte Freundschaften zu schließen, darunter die enge Verbindung zu Antonie von Blittersdorff, die sie in ihrem Testament mit einer lebenslangen Rente bedachte.
In den Memoiren der Malwida von Meysenbug wird Louise trotz ihrer Abstammung mütterlicherseits stets positiv beschrieben: „ein Engel […] Louise, diese treffliche Tochter einer solchen Mutter“.
Nach Emilies Tod im Jahr 1843 erhielten die sieben Kinder gleiche Anteile am Nachlass, der ein Vermögen von über acht Millionen Gulden umfasste. Zusätzlich erbten Louise und ihre Schwester Helene Juwelen und Perlen. Louise bewies, ähnlich wie ihre Mutter, Geschick im Umgang mit Kapital. Sie verwaltete ihr Vermögen umsichtig und investierte unter anderem in Eisenbahnaktien.
Am 15. Mai 1845 heiratete Louise im Alter von 32 Jahren Carl August Graf von Bose, einen Angehörigen des alten sächsischen Adels. Die Eheschließung fand in Baden-Baden in der Villa statt, die einst ihrer Mutter gehört hatte. Karl August hatte einen Teil seiner Kindheit in Kassel verbracht ohne, dass die beiden sich begegneten. Er verfügte über eine umfassende Bildung, hatte in Dresden und in Paris studiert und zeigte besonderes Interesse an Naturwissenschaften, was Louise bei der Wahl ihres Ehepartners wichtig war. In ihrem Ehemann fand Louise einen zurückhaltenden und feinsinnigen Menschen, der ihr soziales Engagements stets unterstützte.
Unmittelbar nach der Hochzeit reiste das Paar nach Livland, wo Karl August zuvor ein Gut verwaltet und für naturwissenschaftliche Studien genutzt hatte. Dort entstand der Plan, das Hofgut Goldstein bei Frankfurt, das Louise aus dem Erbe ihrer Mutter erhalten hatte, umfassend neu zu gestalten. Unter ihrer Leitung wurden Wassergräben aufgefüllt, alte Gebäudereste entfernt und eine neue Hofanlage im Stil des von Nicolas Alexandre Salins de Monfort entworfenen Riedhofs errichtet. Der dazugehörige Park entstand nach englischem Vorbild und ist in verkleinerter Form bis heute erhalten. Louise legte dort sogar Tiergräber für ihre geliebten Hunde an, darunter für die Hündin „Molli“ († 1864).
In den 1860er- und 1870er-Jahren übernahm Louise die Verwaltung des Anwesens weitgehend selbst. Sie zeigte dabei organisatorisches Geschick, verbrachte regelmäßig längere Zeit auf dem Hofgut und unternahm ausgedehnte Ausritte, da sie eine besondere Vorliebe für Pferde hatte. Die Sommermonate nutzte das Ehepaar für Aufenthalte auf Goldstein und lud Freunde aus Frankfurt ein, insbesondere solche mit Interesse an Landwirtschaft und Naturkunde. Karl August ergänzte das Anwesen durch den Bau eines Gewächshauses mit exotischen Pflanzen, das seine naturwissenschaftliche Leidenschaft widerspiegelte.
Die mittleren Jahre Während ihrer Ehe lebte Louise mit ihrem Mann abwechselnd in Frankfurt am Main, Wiesbaden und Baden-Baden.
Anstelle der für ihre Herkunftsfamilie typischen Kuren und Bäderreisen unternahm das Ehepaar nun längere Reisen nach Italien, Frankreich und England, um Kunstwerke zu studieren. Ein zentrales Element ihres gemeinsamen Lebens blieb die naturkundliche Beschäftigung: Karl August erforschte das Verhalten von Landschnecken, Louise beobachtete Singvögel und Schmetterlinge. Die enge Beziehung der Eheleute spiegelt sich in zahlreichen erhaltenen Briefen wider, in denen sie einander ihre Tagesabläufe und Reiseeindrücke schilderten.
Beide pflegten einen gastfreundlichen Umgang mit Familienangehörigen und Freunden. Louise bereitete ausgewählte, hochwertige Geschenke vor, darunter Toilettengegenstände, feine Stoffe oder Spielzeug für Kinder. Gäste des Hauses kamen sowohl aus adligen Kreisen als auch aus dem Umfeld naturwissenschaftlich und künstlerisch tätiger Bekannter.
Eine besondere Stellung nahm die Freundschaft zu Charlotte von Schubert ein, die Louise fast fünf Jahrzehnte lang pflegte. Diese Verbindung umfasste regelmäßige Besuche und praktische Unterstützung, etwa die Bereitstellung von Lebensmitteln während Krankheitsphasen oder die finanzielle Hilfe beim Hauskauf 1863. Trotz enger persönlicher Bindung bestanden deutliche weltanschauliche Unterschiede: Louise vertrat eine religionskritische Haltung, während Charlotte christlich geprägt war und versuchte, ihre Freundin für den Glauben zu gewinnen, unter anderem durch gemeinsame Besuche eines Pfarrers.
Die mittleren Jahre waren zudem von einem schweren persönlichen Verlust geprägt: 1851 starb, als Louise 38 Jahre alt war, das einzige Kind des Ehepaares kurz nach der Geburt. Dieser Schicksalsschlag hinterließ eine tiefe Prägung auf ihr weiteres Leben.
Die späten Jahre