mini|hochkant=2|Rathaus Mainz, mit Jockel-Fuchs-Platz und der seit September 1982 dort aufgestellten Skulptur Lebenskraft, ein Geschenk der spanischen Partnerstadt ValenciaKlaus Reinhardt: 128. Deutscher Ärztetag in Mainz. Öffentliche Einladung an die Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. In: Deutsches Ärzteblatt. Jahrgang 121, Heft 7, 5. April 2024, S. B 382–383, hier: S. B 382. mini|Ratssaal aus Sicht des Oberbürgermeisters Das Rathaus der Stadt Mainz, am Rheinufer unweit der Theodor-Heuss-Brücke gelegen, wurde von Arne Jacobsen und Otto Weitling 1968/1970 entworfen und von 1970 bis 1974 erbaut. Nach dem Tod Jacobsens 1971 vollendete die Architektengemeinschaft Dissing+Weitling dessen begonnene Arbeit. Mit dem Brandzentrum, dem Hilton-Hotel und der Rheingoldhalle bildet das denkmalgeschützte Gebäude einen eindrucksvollen Komplex der Nachkriegsmoderne.
Vorgeschichte Vor dem Neubau 1974 hatte es in Mainz seit 1462, als Adolf von Nassau als Ergebnis der Mainzer Stiftsfehde den Stadtrat auflöste und die Stadt nur noch von den Vertretern des Erzbischofs und Kurfürsten regiert wurde, kein eigentliches Rathaus mehr gegeben. Der Stadtrat, der bis zur „Franzosenzeit“ seiner Kompetenzen beraubt war, tagte ein halbes Jahrtausend lang in verschiedenen Gebäuden, die meistens als „Stadthaus“ firmierten.
Seit den 1930er Jahren sind verschiedene Standorte für ein neues Rathaus diskutiert worden,Das Mainzer Rathaus; S. 58. darunter die 1934 vom Stadtplanungsamt vorgelegten Pläne für einen Neubau im Bereich der Golden-Ross-Kaserne, wobei alte und neue Bausubstanz harmonisch vereint werden sollte. Kühle Klassizistik und Monumentalität der NS-Architektur sind in diese Pläne eingeflossen, es fehlte ihnen aber an Härte und Brutalität, da der Maßstab normal blieb in der Synthese von alt und neu.Das Mainzer Rathaus; S. 59 Die Pläne wurden jedoch nicht verwirklicht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das noch von den Luftangriffen auf Mainz gezeichnete Stadtzentrum erheblich umgestaltet und ausgebaut. Erstmals gab es 1954 wieder Vorschläge für ein neues Rathaus. Die FDP-Stadtratsfraktion schlug vor, das Gelände einer Schule in der Mitternacht zu benutzen. Fünf Jahre später beschloss der Stadtrat den Ausbau des bisher genutzten Stadthauses am Pulverturm. Am 12. Juli 1962 beschloss der Stadtrat, das neue Rathaus auf dem Gelände „Am Brand“ aufzubauen und das bisher genutzte Gelände am Pulverturm zu verkaufen.Das Mainzer Rathaus; S. 58 und 65–66. Ein knappes Jahr später, am 27. Juni 1963 lag dem Stadtrat eine umfangreiche Beschlussvorlage vor. Nachdem festgestellt wurde, dass die bisherigen Pläne die Finanzkraft der Stadt mit dem „100-Millionen-Projekt“ sprengen würden, wurde die nochmalige Überprüfung des gesamten Projektes im Bauausschuss „unter Hinzuziehung der Fachleute des Hochbauamtes und Tiefbauamtes“ angeregt. Die Abstimmung über einen Beschluss wurde auf einen späteren Zeitpunkt zurückgestellt.Das Mainzer Rathaus; S. 66.
Baugeschichte Standortfestlegung und Ausschreibung Eine erneute Standortdiskussion kam erst wieder, nachdem zwischenzeitlich auch das Kurfürstliche Schloss ins Gespräch gebracht wurde, zwischen Februar und Mai 1967 auf die Tagesordnungen des Stadtrates. Am 31. Mai 1967 billigteAntrag Nr. 5/1967 der FDP-Fraktion und Antrag Nr. 13/1967 der SPD-Fraktion die Mehrheit des Stadtrates endgültig den Standort am Platz der ehemaligen Stadthalle, dem nur noch der Brand auf der gegenüberliegenden Straßenseite entgegengesetzt worden war.Das Mainzer Rathaus; S. 72. Am 29. November 1967 wurde der Architekturwettbewerb veröffentlicht, der bis zum 1. April 1968 dauerte. In den Wettbewerb wurden unter anderem folgende Punkte aufgenommen:Das Mainzer Rathaus; S. 76. Wenn die Stadt Mainz sich anschickt, erstmals nach fünfhundert Jahren wieder ein Rathaus zu bauen, dann erwartet die Bürgerschaft mit Recht mehr als nur die Erfüllung bestimmter Nützlichkeitsaufgaben. Bereits den früheren, durch die neue Standortbestimmung überholten Rathausplanungen wurde – ebenso wie den Vorbereitungen für den jetzigen Wettbewerb – allgemein größtes Interesse entgegengebracht. In diesem Bauwerk sollten das Zusammenwirken und die Zusammengehörigkeit von Stadtrat und Stadtverwaltung ihren sichtbaren Ausdruck finden. Darüber hinaus sollt ein Rathaus – als ein Zentrum kommunaler Demokratie – den Bürgern demokratische Gesellschaftsordnung und parlamentarische Bildung innerhalb ihres vertrauten Lebensbereichs, der Stadt, anschaulich und erlebbar vermitteln. Wenn ein Rathaus in der heutigen Zeit mehr sein soll und mehr sein kann als nur ein Verwaltungsgebäude mit einem Sitzungssaal, dann darf es zugleich etwas von dem ausdrücken, was man unter Bürgersinn und Bürgerstolz versteht. Um Mißverständnissen vorzubeugen sei hierzu jedoch gesagt, daß in diesem Gedanken nicht etwa die Absicht anklingt, das Mainzer Stadtbild durch einen neuen gigantischen Akzent oder mit einem neuen Wahrzeichen gewaltsam zu ändern.
Erwartet wurde ein mit vertretbarem Aufwand realisierbarer Vorentwurf für ein funktionsfähiges Rathaus, dessen städtebauliche Note wie folgt beschrieben wurde:
Die elfköpfige Jury setzte sich aus den sieben Fachjuroren Egon Eiermann, Rudolf Hillebrecht, Hans Jacobi (Mainzer Baudezernent), Jürgen Joedicke, Johannes Krahn, Arthur Schech, Heinrich Schmidt und den vier Sachpreisrichtern Jockel Fuchs sowie den Stadtratsfraktionsmitglieder Paul Distelhut (SPD), Fritz Grebner (CDU) und Günter Stroch (FDP) zusammen und begutachtete die 22 eingereichten Entwürfe.Das Mainzer Rathaus; S. 76.
Der dritte Platz ging mit 10.000 DM an Hans Maurer und Horst Mauder. Der zweite Platz wurde zweimal mit je 20.000 DM an Hentrich-Petschnigg in Zusammenarbeit mit H. J. Stutz aus Düsseldorf/Köln und an die Werkgemeinschaft Freier Architekten Wolfgang Hirsch, Rudolf Hoinkis, Martin Lanz, Paul Schütz, Dieter Stahl vergeben. Zwei weitere Entwürfe wurden für je 5000 DM von den aus Mainz stammenden Architekten angekauft.Das Mainzer Rathaus; S. 76.
Der erste Platz mit 30.000 DM wurde einstimmig unter Vorsitz von Rudolf Hillebrecht an Arne Jacobsen und Otto Weitling vergeben.Das Mainzer Rathaus; S. 77 Diese schrieben in ihrem Erläuterungsbericht:
Bauausführung und Einweihung Auch als der Bau und der Standort beschlossen waren, gingen die Diskussionen weiter, diesmal entzündeten sie sich an den Kosten und der Architektur. Dennoch billigte der Stadtrat den Architektenentwurf am 18. Dezember 1969.Bebauungsplan: Rathaus am Rhein (A 155) in der Fassung vom 20. März 1969Das Mainzer Rathaus; S. 79. Das Bauleitbüro wurde am 1. April 1970 in der Nähe am Fischtorplatz eingerichtet, die eigentliche Baustelle erst am 12. Oktober 1970 mit dem offiziellen ersten Spatenstich. Das Gießen des Fundamentes erfolgte am 1. Februar 1971.Das Mainzer Rathaus; S. 115. Am 24. März 1971 starb Arne Jacobsen, Otto Weitling übernahm allein die Ausführung, da die Planungen bis ins Detail abgeschlossen waren. Die Grundsteinlegung erfolgte am 4. Juni 1971.Das Mainzer Rathaus; S. 120.
Das Rathaus wurde am 31. Dezember 1973 eingeweiht. Zur Einweihung gratulierten vor Ort Bundespräsident Gustav Heinemann, Ministerpräsident Helmut Kohl, Hans Koschnick vom Deutschen Städtetag, Rudi Schmitt aus dem benachbarten Wiesbaden sowie Vertreter aus den Partnerstädten Dijon, Watford und Zagreb. Einen Tag später, am Neujahrstag 1974, stürmten Narren der Mainzer Fastnacht unter dem Kommando des Prinzenpaares „Rolf I. und Marion I.“ das Rathaus.
Baukosten Für den gesamten Rathaus-Komplex inklusive Rathausplateau und Brückenturm wurden 1969 45 Mio. DM veranschlagt.Das Mainzer Rathaus; S. 80. (genau: 44.848.719,– DM) 1973, ein Jahr vor der Fertigstellung, wurden bereits 67 Mio. DM kalkuliert, davon 40,125 Mio. DM für das Gebäude, 20,5 Mio. DM für Rathausplatz, Parkhaus und Café-Restaurant und 6,342 Mio. DM für den Brückenturm einschließlich der Brücke zum Brand.Das Mainzer Rathaus; S. 153.
Letztendlich kostete der Rathauskomplex die Stadt Mainz circa 80 Mio. DM, nach heutiger Kaufkraft ca. Mio. Euro.
Rathausplatz Der Rathausplatz wurde ein Jahr nach dem Tod des langjährigen Oberbürgermeisters und ersten Hausherrn des Rathauses Jockel Fuchs 2002 in Jockel-Fuchs-Platz umbenannt. Das Gebäude wird von den Mainzern auch als Fuchsbau, gelegentlich scherzhaft als Beamtengefängnis bezeichnet.
Zustand und Sanierung Zu Beginn des 21. Jahrhunderts traten in dem Gebäude immer mehr Probleme auf. Waren dies erst technische Mängel, so zum Beispiel bei der veralteten Lüftungsanlage, so nahmen später auch bauliche Mängel deutlich zu. Nach einem Gutachten der Mainzer Gebäudewirtschaft, eines städtischen Unternehmens, von 2009 sollte die energetische Instandsetzung etwa 14,5 Millionen Euro kosten. Einkalkuliert waren sämtliche Installationen, die zum Teil noch im Zustand von 1973 waren. Damals kam eine Sanierung des Gebäudes durch die stark verschuldete Stadt Mainz aus Kostengründen nicht in Frage.
mini|links|Selten genutzter Zugang zur Straße Am Rathaus mini|hochkant|Gesperrte Treppe zum Adenauerufer
Der Ehrenpräsident der Landesarchitektenkammer Rheinland-Pfalz, Günther Franz, sah die Gründe für den Verfall in der Verwendung nicht ausreichend erforschter Materialien sowie in Fehlern bei der Planung und Instandhaltung. Er stellte fest, dass „gerade die Architektur jener Zeit nur schwer in Würde altern kann.“Allgemeine Zeitung Mainz: Der Architekt ist nicht an allem schuld. 10. August 2009 (Genios Pressearchiv, nur Artikelanfang nicht kostenpflichtig) Zum 26. November 2011 wurde von der Mainzer Aufbaugesellschaft eine Machbarkeitsstudie zur Sanierung des Gebäudes vorgelegt.Mainzer Aufbaugesellschaft mbH: Machbarkeitsstudie Sanierung Rathaus der Landeshauptstadt Mainz 26. Oktober 2011, 10 MB 26. Oktober 2011, 21 MB Darin wurden die Sanierungskosten auf nunmehr rund 47,6 Mio. € geschätzt. Der Architekturtheoretiker Werner Durth bemerkte dazu, dass der Neubau des Rathauses auf „billigem Grund“ nicht günstiger als eine Sanierung des Bestandes ausfallen werde. (PDF; 96 kB) S. 4. Durth monierte zudem 2013 im Rahmen einer Bürgerinformation, das Rathaus habe „solche Verwahrlosung – und auch die Vernachlässigung im Bewusstsein der Bürgerschaft – nicht verdient.“ Er attestierte dem bestehenden Gebäude „viel Potential“ und regte an, es „durch überschaubare Maßnahmen […] derart zukunftsfähig“ zu machen, „dass bei gutem Gelingen spätere Generationen Mainzer Bürger stolz [sein] können, ein solches Wahrzeichen zu besitzen.“Werner Durth: Rathaus Mainz. Vortrag am 25. Januar 2013. (PDF; 54 kB)
mini|rechts|Stadthaus Große Bleiche, in dem ein Teil der Stadtverwaltung untergebracht ist