Wattenscheid ist ein Stadtbezirk der kreisfreien Stadt Bochum und war von 1926 bis 1974 eine kreisfreie Stadt im mittleren Ruhrgebiet. Im Rahmen der Gebietsreform wurde Wattenscheid mit Wirkung vom 1. Januar 1975 mit Bochum zusammengeschlossen. Aktuell (Stand 30. Juni 2025) hat Wattenscheid als Stadtbezirk 2 Bochum-Wattenscheid 73.783 Einwohner.
Lage und Gliederung Wattenscheid liegt im Westen von Bochum, mitten im Ruhrgebiet. Im Westen grenzt Wattenscheid an Gelsenkirchen und Essen, im Norden an Herne. Es zählt zur Hellwegbörde nördlich der Ruhr.
Den Stadtbezirk Wattenscheid bilden die Gemarkungen
mini|Siegel der Stadt Wattenscheid
Wattenscheid (Mitte) mit Südfeldmark Eppendorf Günnigfeld mit Südfeldmark Munscheid Höntrop Leithe Sevinghausen (mit Stalleicken) Westenfeld
Geschichte mini|Die Freiheit Wattenscheid auf einer Karte von 1775 mini|Alter Straßenzug in der Innenstadt, 2008. Das Haus in der linken Mitte ist inzwischen abgebrochen. mini|Blick auf die Straße: Hochstraße mini|hochkant|Fußgängerzone mit ev. Friedenskirche → Hauptartikel: Geschichte der Stadt Wattenscheid
Die erste urkundliche Erwähnung von Wattenscheid als Wattanscethe findet sich um das Jahr 900Stefan Pätzold: Bochum. Kleine Stadtgeschichte. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2017, S. 14. im Heberegister des Klosters Werden (Werdener Urbar A), welches viele Bauerschaften (villae) im Borahtron-Gau auflistete.
Wattenscheid gehörte seit dem Mittelalter zu der Grafschaft Mark und darin zum Amt Bochum. Vor 1417 erhielt Wattenscheid von Graf Adolf IV. von Kleve-Mark die stadtähnlichen Rechte einer Freiheit. Im Jahr 1426 gehörte Wattenscheid als eine von sechs Freiheiten, neben sieben größeren und vier kleineren Städten, zum Märkischen Städtebund. Ab 1554 war Wattenscheid eine innerländische Hansestadt, dies jedoch als eine der zahlreichen westfälischen „Beistädte“ ohne Mitspracherecht.
Anfang des 17. Jahrhunderts war Wattenscheid mit ungefähr 700 Einwohnern die bevölkerungsreichste Freiheit der Grafschaft Mark. Spanische Truppen, die im Achtzigjährigen Krieg gegen die Niederlande kämpfen, beziehen mehrfach Winterquartier. Der Winter von 1598/99 wird auch „Spanischer Winter“ genannt. Vermutlich wurde in der Zeit der Brauch des Gänsereitens nach Wattenscheid gebracht. Im Vertrag von Xanten von 1614 fallen das Herzogtum Kleve und die Grafschaft Mark an die Hohenzollern aus Brandenburg. Während des Dreißigjährigen Krieges war Wattenscheid oft von fremden Truppen besetzt. Das größte Unglück, das das alte Wattenscheid traf, war der große Stadtbrand vom 15. September 1635, über den es nur spärliche Quellen gibt. Dabei wurde es nahezu vollständig zerstört.
Der Kohlebergbau begann auf dem Gebiet des Amtes Wattenscheid, wie an vielen Stellen an den Hängen und Siepen der Ruhr, in Munscheid und Eiberg. Urkundliche Erwähnungen lassen sich bis in das Jahr 1735 mit der Zeche Storksbank, dem Vorläufer der Zeche Engelsburg zurückverfolgen.
1763 wurde die erste evangelische Kirche nach fast 90 Jahren Bauzeit eingeweiht. Preußen baute seit der Regierungszeit Friedrichs des Großen seine westlichen Provinzen aus. Dazu gehörte auch die Anlage einer Chaussee von Witten über Bochum nach Steele, die von Bochum an zum großen Teil über den alten Hellweg und durch den südlichen Teil des Niederamtes Wattenscheid führte. Die Verkehrsanbindungen wurden so erheblich verbessert.
Im Jahr 1816 wurde Wattenscheid bei der Entstehung der preußischen Provinz Westfalen Sitz einer Bürgermeisterei (1844 umbenannt in Amt).
Während der Zeit der Industrialisierung beschleunigte der Bergbau auch die Weiterentwicklung der Stadt, unter anderem mit dem Zuzug von Arbeitskräften. Um 1855 waren in sechs Bergwerken rund 1000 Männer beschäftigt, um 1900 waren es in acht Bergwerken schon über 10.000 Bergleute.
Seit dem 1. Januar 1868 war Wattenscheid mit dem Bahnhof Wattenscheid RhE (Bahnhof der Rheinischen Eisenbahn-Gesellschaft) auch an das schnell wachsende Schienennetz angeschlossen. Durch das Bevölkerungswachstum von Wattenscheid im späten 19. Jahrhundert erhielt Wattenscheid am 15. Januar 1876 die Stadtrechte. 1883 entstand ein neues Rathaus, welches als Seitenanbau noch immer existiert. Von 1885 bis 1926 gehörte Wattenscheid als amtsfreie Stadt zum Landkreis Gelsenkirchen.
Der 1909 gegründete Ballspiel-Verein 1909 Wattenscheid ist einer der Vorläufer des heutigen SG Wattenscheid 09. Durch das Inkrafttreten des Gesetzes über die Neuregelung der kommunalen Grenzen im rheinisch-westfälischen Industriebezirke am 1. April 1926 wurde Wattenscheid durch die Eingemeindung von Munscheid und von Teilen der Gemeinden Eppendorf, Günnigfeld, Höntrop, Königssteele, Leithe (Westfalen), Sevinghausen und Westenfeld eine kreisfreie Stadt mit 62.780 Einwohnern.
Im April 1933 wurden bei der ersten Stadtverordnetenversammlung nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Hindenburg und Hitler als Ehrenbürger aufgenommen, der August-Bebel-Platz zum Adolf-Hitler-Platz umbenannt und der bisherige Oberbürgermeister Paul Ueberhorst in sogenannte „Schutzhaft“ genommen.Bochumer Anzeiger, 4. April 1933 Die Einweihung des Wattenscheider Ehrenmals erfolgte 1934, die der Wattenscheider Freilichtbühne 1936. Im September 1936 übernahm Helmut Horten im Rahmen der Arisierung mit dem jüdischen Kaufhaus HessStolperstein für Alfred Hess sein zweites KaufhausDer Wattenscheider, Heft 2, Juni 2000, ein Teil des Grundstocks für sein späteres Kaufhausimperium. Die kleine Synagoge in Wattenscheid wurde auch in der Pogromnacht 1938 zerstört. Eine Metalltafel und eine Glasstele erinnern heute an sie. Am 1. Juli 1943, im Rahmen des Battle of the Ruhr, erfolgte der schwerste Luftangriff auf Wattenscheid mit 165 Toten.Günter Gleising: Ende und Anfang. Die Befreiung von Faschismus und Krieg. 1. Auflage. RuhrEcho, Mai 2005. Insgesamt gab es 328 Tote durch die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg. In Wattenscheid wurde hauptsächlich Wohnraum zerstört. Die Kriegsschäden waren nicht unerheblich, aber wesentlich weniger als in andere Städte im Ruhrgebiet.Verwaltungsbericht Stadt Wattenscheid 1938–1945, S. 37 Noch kurz vor dem Ende des Krieges im Ruhrgebiet fanden auch in Wattenscheid Kriegsendphasenverbrechen statt. So wurden bei dem Zwangsarbeiterlager Mariannenplatz in Höntrop etwa 20 Zwangsarbeiter erschossen. Eine kleine Tafel an der Talstraße erinnert an das Verbrechen. Am 10. April 1945 marschierte die US-Armee in Wattenscheid von Westen und Nordwesten ein. Es gab nur vereinzelte Kämpfe.Verwaltungsbericht Stadt Wattenscheid 1945–1950, S. 4
Im Jahr 1959 arbeiteten von 33.833 Beschäftigten 7218 im Bergbau und 7800 in der Stahlindustrie. Die Wattenscheider Innenstadt, die den Weltkrieg halbwegs unbeschadet überstanden hatte, wurde in den 1950er und 1960er Jahren, im Stil der Zeit, mit einem Neuordnungsplan umgestaltet. In dieser Zeit wurde auch das neue Rathaus gebaut und im November 1957 eröffnet.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgte ein Strukturwandel: Zechen wurden nach und nach geschlossen und neue Industriebetriebe siedelten sich an. Darunter fiel auch die später europaweit agierende Modefirma Steilmann. Der damalige Bürgermeister Erwin Topp bemühte sich ab 1968 erfolgreich, eine Verarmung durch das Ende der Zechen und auch eine Eingemeindung Wattenscheids nach Bochum zu verhindern. Bei einer Dienstreise 1971 kamen die Wattenscheider Stadtspitze mit Topp, Oberstadtdirektor Georg Schmitz sowie Stadtbaurat Kurt Wille bei einem Flugunfall im Taunus ums Leben. Am 15. Januar 1974 wurde mit der Zeche Holland die letzte Wattenscheider Zeche stillgelegt.
Am 1. Januar 1975 wurden die Städte Bochum und Wattenscheid dennoch vom Landtag Nordrhein-Westfalens im Rahmen einer umfangreichen Gebietsreform (Ruhrgebiet-Gesetz) zu einer neuen Stadt mit dem Namen „Bochum“ zusammengeschlossen, da im Ruhrgebiet keine kreisfreien Städte mit weniger als 200.000 Einwohnern mehr existieren sollten. Das von Verein Aktion Bürgerwille initiierte gleichnamige Volksbegehren, bei dem sich 71,43 Prozent der Wattenscheider für die Beibehaltung der Selbstständigkeit aussprachen, scheiterte.Sabine Mecking: Bürgerwille und Gebietsreform. Demokratieentwicklung und Neuordnung von Staat und Gesellschaft in Nordrhein-Westfalen 1965–2000 (Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 85). Oldenbourg, München 2012, ISBN 978-3-486-70314-6.
Der Ortsteil Höntrop erlangte im Januar 2000 mit dem Krater von Wattenscheid nationale Bekanntheit, durch den am 2. Januar der Zugang zu mehreren Wohnhäusern plötzlich abgeschnitten war und diese direkt am Abgrund standen. Beim Pfingststurm Ela im Juni 2014 wurde auch Wattenscheid, insbesondere der Park am Ehrenmal und die ehemaligen Sportflächen an der Berliner Straße, stark in Mitleidenschaft gezogen.
Politik Bezirksvertretung
Die Bezirksvertretung Wattenscheid hat 19 Sitze. Die Sitzverteilung in der aktuellen Wahlperiode (2025–2030) sieht wie folgt aus: SPD 5, CDU 4, Bündnis 90/Die Grünen 2, Unabhängige Wählergemeinschaft 2, AfD 4, DIE LINKE 1, WASC 1.Stadt Bochum - 2 Bochum-Wattenscheid Bezirksvertretungswahl 14.09.2025, auf wahlen.regioit.de Derzeitiger Bezirksbürgermeister ist Holger Dünnebacke (SPD), die stellvertretenden Bezirksbürgermeister sind Marc Westerhoff (CDU) und Katja Kanthack (UWG) nach der Abwahl des Bezirksbürgermeisters Cedric Sontowski (AfD). Die Bezirksverwaltungsstelle Wattenscheid betreut die Bezirksvertretung organisatorisch und bietet darüber hinaus noch einige Verwaltungsdienstleistungen an. Das Bürgerbüro ist inzwischen organisatorisch an das Einwohneramt angebunden. Leiter der Wattenscheider Bezirksverwaltungsstelle ist Max Grossmann. Er ist auch Schriftführer der Bezirksvertretung.
In Wattenscheid befand sich die Landesgeschäftsstelle des NPD-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, die jetzt in Essen beheimatet ist.
Siehe auch: Ergebnisse der Kommunalwahlen in Wattenscheid
Stadtoberhäupter Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges waren die Bürgermeister bzw. Oberbürgermeister Hauptgemeindebeamte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das britische System einer zweiteiligen Gemeindeführung in der Stadt übernommen, wonach der Oberstadtdirektor als besoldeter Hauptgemeindebeamter die Stadtverwaltung leitet, während der ehrenamtliche Oberbürgermeister dem Rat der Stadt vorsteht.Stadtkreis Wattenscheid, auf territorial.deF.-W. Bröker: Wattenscheid, eine illustrierte Stadtgeschichte. Hrsg.: Heimat- und Bürgerverein Wattenscheid e. V., 5., erw. Auflage, Bochum 1998.
Bürgermeister Hauptamtliche Bürgermeister 1877–1879: Eduard Schaub 1880–1893: Otto Pokorny 1894–1920: Anton Wibberding 1920–1927: Paul Ueberhorst (SPD) aus Eschwege
Oberbürgermeister Hauptamtlicher Oberbürgermeister 1927–1933: Paul Ueberhorst (SPD) aus Eschwege ab 16. April 1933–1939: Gerichtsassessor Hans Petri (NSDAP) vom Landgericht Bielefeld als Staatskommissar ab 10. März 1939 Oberbürgermeister Otto Leopold Piclum (NSDAP) in Bochum (kommissarisch), ab 4. April 1939: Amtsbürgermeister August Düsterloh (NSDAP) aus Hattingen (kommissarisch). 1945–1946: Johann Noll (KPD) Ehrenamtliche Oberbürgermeister 1946–1946: Gustav Herrmann (SPD) 1946–1948: Hugo Bungenberg (CDU) 1948–1949: Kurt Kötzsch (SPD) 1950–1964: Hermann Sievers (SPD) 1964–1968: Georg Schmitz (SPD) 1968–1971: Erwin Topp (SPD) 1971–1974: Herbert Schwirtz (SPD)
Oberstadtdirektor 1946: Johann Noll (KPD) 1946–1959: Georg Hollenkamp 1959–1966: Paul Herzog 1966–1968: Kommissarische Verwaltung durch Georg Schmitz 1968–1971: Georg Schmitz 1971–1974: Erwin Schlarbaum Bezirksbürgermeister (bis 2008 Bezirksvorsteher)
Bezirksbürgermeister (bis 2008 Bezirksvorsteher) 1975–1977: Herbert Schwirtz (SPD) 1977–1980: Dieter Fleskes (SPD) 1980–1989: Jürgen Thiemann (SPD) 1989–1994: Helene Lückenbach (SPD) 1994–1999: Willy Fritsch (SPD) 1999–2004: Ludwig Urmonelt (CDU) 2004–2014: Hans Balbach (CDU) 2014–2020: Manfred Molszich (SPD) 2020–2024: Hans-Peter Herzog (SPD) 2024–2025: Marc Westerhoff (CDU)