Berufsgerichte (früher auch Ehrengerichte) sind Gerichte für besondere Sachgebiete im Sinne des Abs. 2 GG.BVerfG, Beschluss vom 11. Juni 1969 - 2 BvR 518/66 Rz. 20 ff. für die Ehrengerichtsbarkeit für Rechtsanwälte.für die ärztlichen Berufsgerichte: BVerfGE 18, 241, 257; 22, 42, 47. Als staatliche Gerichte sind sie für die Ahndung von Verstößen gegen das Berufsrecht, das Standesrecht oder die Standesregeln zuständig.

Für Personen, die zum Bund in einem öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis stehen, bestehen Bundesgerichte zur Entscheidung in Disziplinar- und Beschwerdeverfahren gem. Abs. 4 GG. Diese waren bzw. sind das Bundesdisziplinargericht (bis 2003) und die Truppendienstgerichte. Für die Richter im Bundesdienst wurde als Dienstgericht des Bundes ein besonderer Senat des Bundesgerichtshofs gebildet ( DRiG).

Allgemeines Errichtung und Verfahren GG, Abs. 2 GG erlaubt den Ländern die Errichtung von Berufsgerichten, soweit sie für das jeweilige Berufsrecht gesetzgebungsbefugt sind. Abs. 1 VwGO ermöglicht dem Landesgesetzgeber, die Berufsgerichte den Verwaltungsgerichten anzugliedern; dabei darf er die Besetzung und das berufsgerichtliche Verfahren selbstständig und abweichend von den Vorschriften der Verwaltungsgerichtsordnung regeln.BVerwG, Beschluss vom 14. Mai 2013 - 3 B 13.13 Rz. 3 f.

Da die Gesetzgebungskompetenz des Bundes bei den Heilberufen auf das Zulassungswesen beschränkt ist ( Abs. 1 Nr. 19 GG), erstreckt sich auch der Kompetenztitel für die Gerichtsverfassung und das gerichtliche Verfahren nach Abs. 1 Nr. 1 GG nicht auf die ärztliche Berufsgerichtsbarkeit.BVerfG, Beschluss vom 21. Oktober 1954 - 1 BvL 9/51 u. a. - BVerfGE 4, 74, 82 ff.; Urteil vom 24. Oktober 2002 - 2 BvF 1/01 - BVerfGE 106, 62, 125, 132. Diese ist Ländersache.

Anders verhält es sich mit der Rechtsanwaltschaft und dem Notariat. Da dem Bund insoweit die Gesetzgebungskompetenz für das Berufsrecht zusteht ( Abs. 1 Nr. 1 GG), ist auch die Berufsgerichtsbarkeit bundesgesetzlich geregelt (Fünfter Teil der Bundesrechtsanwaltsordnung, Teil 3 der Bundesnotarordnung).

Berufsgerichtliche Maßnahmen Berufsgerichtliche Maßnahmen sindvgl. Thomas Gerst, Birgit Hibbeler: Berufsrecht: Wenn Ärzte ihre Pflicht verletzen Deutsches Ärzteblatt 2011; 108(10): A-499 / B-407 / C-407.Bernd Halbe: Berufsrecht: Das berufsgerichtliche Verfahren Deutsches Ärzteblatt 2019; 116(6): A-282 / B-230 / C-230. Verwarnung Verweis Geldbuße die Entziehung des Berufswahlrechts (Aberkennung des aktiven und passiven Wahlrechts bzw. der Mitgliedschaft in den Organen der Kammer) die Feststellung, dass das beschuldigte Mitglied unwürdig ist, seinen Beruf auszuüben (Ausschluss aus der Rechtsanwaltskammer; bei Ärzten: Widerruf der Approbation durch die Aufsichtsbehörde möglich) die Feststellung, dass das beschuldigte Mitglied für einen bestimmten Zeitraum ungeeignet ist, Weiterbildung verantwortlich zu leiten.

Einzelne Berufsgerichte Eine Berufsgerichtsbarkeit existiert in Deutschland für freie Berufe, deren Angehörige in berufsständischen Kammern des öffentlichen Rechts zusammengeschlossen sind, nämlich rechts- und wirtschaftsberatende Berufe, d. h. Rechtsanwälte (Anwaltsgericht → Anwaltsgerichtshof → BGH; ff., , ff. BRAO; verwaltungsrechtliche Anwaltssachen: BRAO) Patentanwälte (LG München I → OLG München → BGH; ff., , ff. PAO; verwaltungsrechtliche Patentanwaltssachen: PAO) Steuerberater (LG → OLG/BayObLG → BGH; , , StBerG) Wirtschaftsprüfer (LG Berlin → KG → BGH; , , WiPrO) Notare (OLG/BayObLG → BGH; BNotO) Heilberufe (Ärzte, Zahnärzte, Tierärzte, Apotheker, Psychotherapeuten: Heilberufe-Kammergesetze der Länder) technische Berufe (Architekten, Ingenieure: Landesrecht; früher auch Lotsen (1994)).

Aus der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts siehe zu Anwälten: BVerfGE 48, 300 (1978); 26, 186 (1969); 18, 216 (1964) zu Heilberufen: BVerfGE 4, 74 (1954, NI); 18, 241 (1964, RP); 22, 42 (1967, NI); 27, 355 (1970, BW).

Heilberufe Die Berufsgerichte für Heilberufe bestehen in den meisten deutschen Bundesländern bei den Verwaltungsgerichten in Bayern und Sachsen bei den ordentlichen Gerichten in Baden-Württemberg, Niedersachsen und dem Saarland bei den Kammern.

Land Berufsgerichte 1. Instanz Berufsgerichte 2. Instanz Rechtsgrundlage 14 Bezirksberufsgerichte(Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg, Reutlingen, Tübingen) 5 Landesberufsgerichte (Stuttgart) § 21 HBKG Berufsgerichte (OLG München und Nürnberg) Landesberufsgericht (BayObLG) Art. 68 HKaG Berufsgericht (VG Berlin) Berufsobergericht (OVG Berlin-Brandenburg) § 67 BlnHKG Berufsgericht (VG Potsdam) Landesberufsgericht (OVG Berlin-Brandenburg) § 60 HeilBerG Berufsgericht (VG Bremen) Gerichtshof (OVG Bremen) § 66 HeilBerG Berufsgericht (VG Hamburg) Berufsgerichtshof (OVG Hamburg) § 5 HeilBerGerG Berufsgericht (VG Gießen) Landesberufsgericht (VGH Kassel) § 51 HeilBerG Berufsgericht (VG Greifswald) Berufsgerichtshof (OVG Greifswald) § 65 HeilBerG 5 Berufsgerichte (Hannover), darunter das ärztliche Gerichtshof (Hannover) § 67 HKG Berufsgerichte (VG Köln und Münster) Landesberufsgericht (Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen) § 61 HeilBerG Berufsgericht (VG Mainz) Landesberufsgericht (OVG Koblenz) § 59 HeilBG 4 Berufsgerichte (Saarbrücken) 4 Berufsgerichtshöfe (Saarbrücken) § 34 SHKG Berufsgericht (LG Dresden) Landesberufsgericht (OLG Dresden) § 62 SächsHKaG Berufsgericht (VG Magdeburg) Landesberufsgericht (OVG Magdeburg) § 49 KGHB-LSA Berufsgericht (VG Schleswig) Berufsgerichtshof (OVG Schleswig) § 59 HBKG, § 41 PBKG Berufsgerichte (VG Gera, Meiningen, Weimar) Landesberufsgericht (OVG Weimar) § 49 ThürHeilBG

In Österreich gibt es für Ärzte Disziplinarkommissionen ( ÄrzteG 1998), in der Schweiz Standeskommissionen ( der FMH).

Technische Berufe Für Architekten und Ingenieure sind teilweise Berufsgerichte, teilweise Ehrenausschüsse zuständig.

Echte Berufsgerichte bestehen in Bayern und Berlin bei den ordentlichen Gerichten in Bremen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz (nur Architekten) und Sachsen-Anhalt (nur Ingenieure) bei den Verwaltungsgerichten in Baden-Württemberg (nur Architekten) und Niedersachsen bei den Kammern.

Land Berufsgerichte 1. Instanz Berufsgerichte 2. Instanz Rechtsgrundlage (Arch.) Berufsgericht (Stuttgart) Landesberufsgericht (Stuttgart) § 20 Architektengesetz Berufsgericht (LG München I und Nürnberg-Fürth) Landesberufsgericht (BayObLG) Art. 28 BauKaG Berufsgericht (LG Berlin) Landesberufsgericht (KG) § 23 ABKG Berufsgericht (VG Bremen) Berufsgerichtshof (OVG Bremen) § 27 BremArchG, § 29 BremIngG Berufsgericht (Hannover) Berufsgerichtshof (Hannover) § 39 NArchtG, § 42 NIngG Berufsgericht (VG Düsseldorf) Landesberufsgericht (Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen) § 51 BauKaG NRW (Arch.) Berufsgericht (VG Mainz) Berufsgerichtshof (OVG Koblenz) § 33 ArchG (Ing.) Berufsgericht (VG Magdeburg) Berufsgerichtshof (OVG Magdeburg) § 37 IngG LSA

Im Übrigen sind bei den Kammern Ehrenausschüsse eingerichtet. Der Unterschied zu den Berufsgerichten liegt darin, dass die Entscheidungen der Ehrenausschüsse im normalen verwaltungsgerichtlichen Verfahren angegriffen werden können.

Land Bezeichnung Rechtsgrundlage (Ing.) Eintragungsausschuss § 7 IngKammG BW Ehrenausschuss § 30 BbgArchG, § 27 BbgIngG Ehrenausschuss § 20 HmbArchtG, § 17a HmbIngG Berufsordnungsverfahren § 18 HASG, § 25 HIngG Ehrenausschuss § 32 ArchIngG M-V (Ing.) Ehrenausschuss § 38 IngKaG Ehrenausschuss § 49 SAIG Ehrenausschuss § 21 SächsArchG, § 24 SächsIngKG (Arch.) Berufsrechtsausschuss § 22 ArchtG-LSA Ehrenausschuss § 24 ArchIngKG Ehrenausschuss § 35 ThürAIKG

Ehrengericht Ein Ehrengericht oder Ehrenrat ist auch in manchen Vereinen und Nichtregierungsorganisationen eine Institution, die für Streitigkeiten in der Organisation zuständig ist. Diese Organisationen vereinen nicht Vertreter bestimmter Berufe, sondern Mitglieder der lokalen, ethnischen und anderer Gemeinschaften.

In Deutschland schaffte 1919 die Weimarer Verfassung durch Artikel 105 die militärischen Ehrengerichtesiehe etwa Vorschrift der Kaiserlichen Marine – D.E. Nr. 459 – Allerhöchste Verordnung über die Ehrengerichte der Offiziere in der Kaiserlichen Marine vom 13. Mai 1911 ab, die unter Standesgenossen einen schlichten Abschied aussprechen konnten.

Literatur Rüdiger Zuck: Die anwaltliche Berufsgerichtsbarkeit – Entwicklungslinien und Modellvorstellungen. Zeitschrift für Rechtspolitik 1997, S. 276–279. Marion Eickhoff: Berufsaufsicht der freien Berufe in geteilter Verantwortung von Kammern und Staat. Nomos-Verlag, 2007. ISBN 978-3-8329-2666-3. Diana Böse: Verfassungsmäßigkeit, Organisation und Verfahren der ärztlichen Berufsgerichtsbarkeit in Niedersachsen. Reformüberlegungen zum Vierten Teil des Niedersächsischen Kammergesetzes für die Heilberufe. Nomos-Verlag, 2021. ISBN 978-3-8487-8269-7.

Weblinks Christiane Loizides: Das Berufsgericht für Heilberufe

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