Das Fürststift Kempten (lat. Abbatia principalis Campidunensis) war das historische Territorium der ehemaligen gefürsteten und exemten Benediktinerabtei Kempten im Schwäbischen Reichskreis des Heiligen Römischen Reiches. Landesherr war der jeweilige Fürstabt. Das Zentrum der Fürstabtei waren zuletzt das Kloster (Fürstäbtliche Residenz) und die Stiftskirche St. Lorenz in Kempten (Allgäu). 1802 wurde das Fürststift von Truppen des Kurfürstentums Churpfalz-Baiern besetzt und ein Jahr später im Zuge der Säkularisation aufgelöst.

Geographie Auf dem Gebiet des heutigen bayerischen Regierungsbezirks Schwaben war das Fürststift mit etwa 1000 km² das zweitgrößte Territorium nach dem Hochstift Augsburg. Bis zur Aufhebung der geistlichen Fürstentümer im Rahmen der Säkularisation 1802/03 umfasste es im Süden den Ortsteil Martinszell von Waltenhofen, im Nordwesten Legau, im Norden Grönenbach, im Nordosten Ronsberg und im Osten Unterthingau. Zu dem geschlossenen Herrschaftsgebiet zu beiden Seiten der Iller gehörten außer der Stiftsstadt Kempten als der Residenz des Fürstabts noch neun Märkte, 85 Dörfer und einige hundert Weiler und Einzelhöfe. Eine Enklave im stiftkemptischen Gebiet bildete die Reichsstadt Kempten, eine Exklave des Fürststifts befand sich mit Lachen zwischen Memmingen und Ottobeuren.

Geschichte Gründung Das den Heiligen Maria und Gordian und Epimachus geweihte Kloster wurde 752 von Abt Audogar gegründet.

Die Karolinger, vor allem Königin Hildegard und ihr Sohn Ludwig der Fromme, förderten laut Legenden das Kloster nachhaltig. So fand 773 angeblich durch Hildegard ein offizieller Gründungsakt für das Kloster statt. 853 wurde die Marca Campidonensis als Verfügungsbereich der Äbte bestätigt. Der Umfang der Mark deckte sich annähernd mit der späteren Grafschaft Kempten. Das Stift pflegte einen großen Aufwand um als karolingisches Kloster einen besseren Rang in der damaligen Zeit zu erlangen. Dazu gehörte auch das Fälschen von Dokumenten über die angebliche Beteiligung Hildegards und Karls des Großen bei der Gründung des Klosters.

Aufstieg zum Reichsfürstentum miniatur|links|Das mittelalterliche Reichskloster Kempten Kaiser Heinrich IV. bestätigte 1062 die Reichsunmittelbarkeit des Klosters. Seit dem 12. Jahrhundert führten die Kemptener Äbte den Fürstentitel. Schon früh erlangte das Kloster ein Herrschaftsgebiet, in dem es ab 1213 auch die Grafen- und Vogteirechte besaß, die vorher die nun ausgestorbenen Markgrafen Ronsberg ausgeübt hatten. 1218 trat Friedrich II. die Vogtei an den Abt ab, der dafür eine jährliche Zahlung von 50 Mark Silber und den Verzicht auf das Münzrecht zusagen musste. Heinrich VII. bestätigte im Jahr 1224 die Abtretung der Vogtei an das Stift. Unter Konrad IV. geriet die Vogtei auf unbekannte Weise wieder in königliche Hand, hier der Staufer, doch Konradin verpfändete sie im Jahr 1262 erneut an das Stift. Verschiedene Versuche von König Rudolf I., sie für das Reich einzuziehen, und von Kaiser Karl IV., sie dem Herzog Friedrich III. von Teck zuzuwenden, wurden beendet durch wiederholte Verpfändungen an das Stift selbst, endgültig im Jahr 1353.

Zusammen mit den Bestimmungen aus dem Jahr 1220 schuf der Erwerb einer Hochvogtei gute Grundlagen für die Leitung des Klosters, eine Landesherrschaft innerhalb des Bezirks der Grafschaft zu errichten. Damit war die Basis dafür geschaffen, dass es Kempten als einzigem Königskloster Ostschwabens gelang, zu einem Reichsfürstentum aufzusteigen – ein Status, der schließlich 1548 mit der Zuerkennung einer Virilstimme auf dem Reichstag einen Höhepunkt fand.

Herrschafts- und Territorialentwicklung im 14. und 15. Jahrhundert mini|links|Situation vor dem Dreißigjährigen Krieg: Das Marienmünster des Fürststifts Kempten vor den Toren der Reichsstadt Kempten mini|links|Situation nach dem Dreißigjährigen Krieg: Das Zentrum des Fürststifts waren die Fürstäbtliche Residenz mit der Stiftskirche St. Lorenz (2022). mini|links|Plan des 17. Jahrhunderts für die Bebauung der Stiftsstadt Kempten Im Spätmittelalter wurde das Gebiet durch Lehen und Leibeigenschaften erweitert. Es handelte sich um eine zum regionalen Gewohnheitsrecht fixierte Sicht, wonach Steuerhoheit, Gerichtszwang und Wehrhoheit nicht am Land, sondern an der personenrechtlichen Zugehörigkeit hafteten. Im übrigen Schwaben hingegen resultierten Niedergerichtsrechte über Personen an der Grundherrschaft. Neben Leibeigenen gab es in der Grafschaft Kempten noch zahlreiche unabhängige Bauern. Sie konnten sich in den Schutz und Schirm eines Gerichtsherren begeben oder den Status eines Pfahlbürgers einer Reichsstadt annehmen und ihren Herrn frei auswählen. Nur ein kleiner Teil des bäuerlichen Eigentums in der Grafschaft befand sich unter der Grundherrschaft des Klosters, viele Einzelhöfe hatten einen Adelsgrundherrn oder waren freier Besitz der Bauern.

Diese Gründe motivierten die Fürstäbte, ein geschlossenes Territorium zu haben. Die Hochgerichtsbarkeit des Landgerichts der Grafschaft Kempten war ein Weg, dies zu ermöglichen. Die Äbte versuchten, die in den Grafschaftsgrenzen lebenden Bauern in den Stand Leibeigener des Stifts herabzustufen. Diese Erniedrigung erzeugte Unwillen und Aggression der Untertanen, die 1491/1492 in einem Bauernaufstand eskalierten. Nach dem Abklingen des Konflikts nahm das Stift seine vorherigen Lehensverfügungen dennoch erneut auf, so dass sich die Aggression der Untertanen verschärfte und schließlich im Großen Bauernkrieg von 1525 mündete.

Bauernkrieg und Allgäuer Haufen

Eine bedeutende Rolle im Bauernkrieg hatte der Allgäuer Haufen. Der Fürstabt Sebastian von Breitenstein, der sich 1525 auf der stiftkemptischen Hauptburg Liebenthann vor den Bauern versteckte, wurde durch die Belagerung gezwungen, seine Zuflucht zu verlassen; die Bauern gewährten ihm freien Abzug. Er suchte Asyl innerhalb der Mauern der Reichsstadt, die ihn allerdings nötigte, einen Vertrag zu unterschreiben, mit dem das Stift die Rechte über die Reichsstadt für 30.000 Gulden abtrat.Wolfgang Petz, Josef Kirmeier, Wolfgang Jahn und Evamaria Brockhoff (Hrsg.): „Bürgerfleiß und Fürstenglanz.“ Reichsstadt und Fürstabtei Kempten. Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg 1998, ISBN 3-927233-60-9, S. 89–91. Ein Jahr später, 1526, erwarb Sebastian von Breitenstein für diesen Betrag die Herrschaft Sulzberg.

Die Aufstände der Bauern gegen den Fürstabt wurden mithilfe des Schwäbischen Bundes niedergeschlagen, doch war es das Ziel des Bundes, den Frieden im Fürststift wiederherzustellen. Die Rahmenbedingungen hierfür bildete der Memminger Vertrag von 1525, durch den Steuererhebungen und Gebühren fix geregelt wurden.

Zerstörung und Wiederaufbau Stift und Stiftskirche wurden im Dreißigjährigen Krieg 1632 durch schwedische Truppen niedergebrannt. Von 1651 an wurde das Stift als erste monumentale Barockklosteranlage in Deutschland neu errichtet. Fürstabt Roman Giel von Gielsberg berief den Auer Baumeister Michael Beer, der die Fürstäbtliche Residenz und Stiftskirche im Barockstil entwarf. Die Grundsteinlegung war am 16. April 1652, 1654 trat der Graubündner Baumeister Johann Serro Beers Nachfolge an. Der Rohbau war 1656 beendet, der Hauptbau der Residenz wurde 1670 mit der Sakristei zwischen Residenz und Kirche abgeschlossen. Die Arbeiten an den Türmen der Kirche wurden 1673 eingestellt, ohne dass sie abgeschlossen waren.

Am 19. April 1728 wurde die Siedlung um die Residenz und die Stiftskirche St. Lorenz durch ein Diplom von Kaiser Karl VI. zur Stadt erhoben. Dies bedeutete für die Stiftsstadt zwar das Stadtrecht, aber dennoch verzichtete man auf eine bürgerliche Selbstverwaltung.Wolfgang Petz: Zweimal Kempten. Geschichte einer Doppelstadt (1694–1836), 1. Auflage, Ernst Vögel Verlag, München 1998, ISBN 3-89650-027-9, S. 504–506.

Säkularisation Mit dem Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 wurden Kloster und Fürststift aufgelöst. Die Säkularisation des Klosters ermöglichte gemeinsam mit der Mediatisierung der Reichsstadt Kempten erste Schritte zu einem Zusammenschluss der beiden nebeneinander entwickelten Stadtstrukturen, der dann 1818 erfolgte.

Die ehemalige Stifts- und Pfarrkirche St. Lorenz dient heute als reine Pfarrkirche der Pfarrei St. Lorenz. Die Räume der Residenz werden von der Staatsanwaltschaft und von Amts- und Landgericht genutzt. Die Prunkräume der Residenz sind im Rahmen von Führungen zu besichtigen.

Kulturgüter des Fürststifts nach der Säkularisation Nach der Auflösung kamen 94 Bilder aus der fürstlichen Sammlung nach München. Das Archiv wurde in das Allgemeine Reichsarchiv übernommen. Ein Teil der Bibliothek ging nach Augsburg; viele Bücher blieben auf dem Dachboden des Klosters zurück, Reste erhielt später das Kloster Metten. Ein Teil der Arbeitsbibliothek kehrte durch eine Schenkung von Paul Huber (1917–2010), dem früheren Inhaber des Kösel-Verlags, 2010 in die Residenz zurück. Heute befinden sich die reichhaltigen Archivbestände des Fürststifts im Staatsarchiv Augsburg; ihre Rekonstruktion durch Gerhard Immler gilt als archivischer Musterfall der Erschließung einer Behördenregistratur für eine bedeutende Territorialherrschaft des Alten Reichs. Die differenzierte Verwaltungsstruktur des Stiftsverbunds wird, auch wegen der Erschließung durch den Stiftsarchivar Pater Feigele im 18. Jahrhundert, von der Geschichtsforschung aufgegriffen.

Innere Entwicklung Verwaltung Vogteien und Pflegämtern Die Verwaltung des großen Territoriums wurde zunächst durch Landvögte in den jeweiligen Bezirken wahrgenommen. miniatur|500px|Territorium der exemten Fürstabtei Kempten (Karte von 1791) Roman Giel von Gielsberg ordnete 1642 die territoriale Verwaltung des Herrschaftsgebiets neu, indem er das Amt des Landvogts abschaffte und sieben Pflegämter sowie weitere Zentralbehörden einrichtete. Diese orientierten sich zwar an den bisherigen Vogteien, waren aber auch zuständig für den im jeweiligen Einzugsbereich gelegenen alten Stiftsbesitz:

Pflegamt diesseits der Iller mit Sitz in Kempten Pflegamt Hohenthann mit Sitz in der gleichnamigen Burg Hohentann, später im Dorf Lautrach Pflegamt Falken mit Sitz auf der gleichnamigen Burg Falken, später – exterritorial – in der Stiftsstadt Kempten Pflegamt Liebenthann mit Sitz auf der gleichnamigen Burg Liebenthann, später im Markt Obergünzburg Pflegamt Kemnat mit Sitz auf der gleichnamigen Burg Kemnat Pflegamt Thingau mit Sitz im Markt Unterthingau Pflegamt Sulzberg und Wolkenberg mit Sitz zunächst auf der Burg Wolkenberg (heute Gemeinde Wildpoldsried, seit 1642 im Dorf Lenzfried) (die Herrschaft Wolkenberg wurde 1398 vom Fürststift erworben)

Rupert von Bodman richtete 1695 ein achtes Pflegamt mit dem Erwerb der Herrschaften Rothenstein und Grönenbach ein.

Die Pflegämter waren in Pfarreien und Hauptmannschaften untergliedert, größere Pfarreien umfassten jeweils mehrere Hauptmannschaften.Gerhard Immler: Kempten, Fürstabtei: Territorium und Verwaltung, in: Historisches Lexikon Bayerns

Hoheitsrechte Dritter Teilweise überschnitten sich die Rechte des Fürststifts über einige Gebiete mit anderen Herrschaften: In der Reichsvogtei Aitrang wurde die Landesherrschaft durch das Fürststift ausgeübt, das Kloster St. Mang in Füssen besaß aber die Grundherrschaft und das Niedergericht. Für Wollmuths (Waltenhofen) war der Inhaber die Herrschaft Rauhenzell (St. Immenstadt), sie besaßen dort die niedere Gerichtsbarkeit. Im Pflegamt Unterthingau lebten 180 hochstiftisch-augsburgische Familien, dagegen einige kemptische im bischöflichen Pflegamt Markt Oberdorf. In der Herrschaft Ronsberg übte das Haus Österreich gewisse zur Landeshoheit gehörige Rechte aus. In Steinbach übte das Stift die Hochgerichtsbarkeit und einige Regalien aus; es gehörte Prämonstratenserkloster Rot an der Rot. In Ausnang bei Hofs übte das Stift die Hochgerichtsbarkeit und Grafenrechte aus; Ausnang war im Besitz der Abtei Weingarten.

Eine weit abgelegene Exklave bildete ab 1767 die Lehensherrschaft Binswangen.