Die Frage nach dem Anteil der Großindustrie am Aufstieg der NSDAP ist in der Geschichtswissenschaft ein zentraler Gegenstand in der politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Endphase der Weimarer Republik. Umstritten ist dabei vor allem, ob und wie weit die Großindustrie die NSDAP in den entscheidenden Jahren nach der Reichstagswahl von 1930 bis zum Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 förderte.
Im Wesentlichen standen sich dabei drei Interpretationsrichtungen gegenüber: Der marxistisch-leninistischen Agententheorie, nach der die Nazis bezahlte Interessenvertreter der Industrie waren, widersprach der amerikanische Historiker Henry Ashby Turner seit den 1970er Jahren in verschiedenen Publikationen. Er bestritt einen systematischen Zusammenhang zwischen großindustriellen Interessen und nationalsozialistischer Politik vor 1933. Mit seinen Forschungsergebnissen löste er eine scharf geführte Kontroverse aus. Eine mittlere Position erklärte den Aufstieg des Nationalsozialismus aus den sozialökonomischen Bedingungen heraus, sah die NSDAP aber keineswegs komplett abhängig von großindustriellen Interessen.Gerhard Schreiber: Hitler Interpretationen 1923–1983. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1984, S. 187 f. Turners Positionen wurden aber hauptsächlich bestätigt. Heute wird die These, die finanzielle Unterstützung durch Industrielle sei ein entscheidender Faktor für den Aufstieg der NSDAP zur Macht gewesen, von der Lehrmeinung in der Geschichtswissenschaft abgelehnt.
mini|Berlin/Sportpalast, 1932, NS-Betriebszellenversammlung: „Jagt die Bonzen aus den Sesseln!“ Die Weimarer Republik wurde von NS-Seite als Bonzokratie („Korruptionsstaat“) verhöhnt. Nach der Gleichschaltung 1933 nahm die Verwendung dieses Begriffs jedoch ab.Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1998, ISBN 3-11-013379-2, S. 126.
Einschätzung von Zeitgenossen Bereits in der Weimarer Republik sahen linksdemokratische Publizisten in Hitler eine „Kreatur der Industrie“ (Carl von Ossietzky, 1930) und den Nationalsozialismus „im Solde der Industriellen“ (Kurt Hiller, 1930).Volker Ullrich: Adolf Hitler. Die Jahre des Aufstiegs, 1889–1939. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013, S. 283, 907, Anm. 120. Ihren bildlichen Ausdruck fand die Überzeugung, die NS-Bewegung wäre nur ein Instrument der sie finanzierenden Kapitalisten, in John Heartfields Fotomontage, die im Oktober 1932 auf dem Titelbild der Arbeiter-Illustrierte-Zeitung erschien. Unter der Schlagzeile: „Der Sinn des Hitlergrußes“ sieht man Hitler mit grüßend nach hinten gewinkeltem Arm; hinter ihm stehend legt eine überdimensionierte Figur im Anzug mehrere Tausend-Mark-Scheine in seine Hand; der Text „Millionen stehen hinter mir“ persifliert kalauernd Hitlers Sprache.Das AIZ-Titelbild im LeMO; Carsten Jakobi: Der kleine Sieg über den Antisemitismus. Darstellung und Deutung der nationalsozialistischen Judenverfolgung im deutschsprachigen Zeitstück des Exils 1933–1945. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2005, S. 34 ff.
Die in Heartfields Montage ausgedrückte These ähnelt der Ausformulierung der marxistisch-leninistischen Faschismustheorie durch das 13. Plenum des Exekutivkomitees der Komintern (EKKI) vom Dezember 1933, die Georgi Dimitroff auf dem 7. Weltkongress der Kommunistischen Internationale im August 1935 übernahm:
Wenn die Nationalsozialisten die Agenten der Monopolkapitalisten waren, dann war es naheliegend, dass diese sie auch bezahlt hatten. Diese Überzeugung wurde als Agententheorie fester Bestandteil der sowjetkommunistischen Ideologie.
In den 1920er Jahren war das Gerücht verbreitet, der amerikanische Industrielle Henry Ford, der stark zur Publizität der antisemitischen Hetzschrift Protokolle der Weisen von Zion beigetragen hatte, würde die NSDAP finanziell unterstützen. Dies wurde 1928 von Hitler unter Hinweis auf Fords Mitgliedschaft in der Demokratischen Partei dementiert, eine lobende Erwähnung Fords wurde 1931 aus der Neuauflage von Mein Kampf gestrichen.Sven Felix Kellerhoff: Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder. Klett-Cotta, Stuttgart 2017, S. 193 f.; Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Töppel (Hrsg.): Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Bd. 2. Institut für Zeitgeschichte München, Berlin/München 2016, S. 1619.
mini|Fritz Thyssen (1928) Auch viele konservative Zeitgenossen glaubten an eine großindustrielle Unterstützung für die NSDAP.Siehe z. B. Otto Meissner: Staatssekretär unter Ebert – Hindenburg – Hitler. Hamburg 1950, S. 276. Für den ehemaligen Reichskanzler Heinrich Brüning war die Finanzierung durch die Großindustrie die Ursache für den Aufstieg Hitlers. Er schrieb am 28. August 1937, aus seinem Exil, in einem privaten Brief an Winston Churchill:
Einzelne Industrielle wie Fritz Thyssen und Emil Kirdorf machten aus ihrer Unterstützung für die junge Partei Hitlers keinen Hehl. Die Nationalsozialisten selbst gaben gelegentlich ebenfalls freimütig zu, dass sie Spenden aus der Industrie annahmen. So beschreibt Heinrich Brüning in seinen Memoiren seine Empörung, als er „aus Nazi-Kreisen“ erfahren habe, dass die Vereinigten Stahlwerke im Präsidentschaftswahlkampf 1932 eine halbe Million RM an Hitler gespendet hätten, der von ihm unterstützte Paul von Hindenburg dagegen nur 5000 RM erhalten habe.Heinrich Brüning: Memoiren 1918–1934. DVA, Stuttgart 1970, S. 531. Die Reichskanzlei setzte daraufhin eine Untersuchung in Gang, die auf der Grundlage von Schätzungen und Pressespekulationen zu der Ansicht kam, dass von April 1931 bis April 1932 40 bis 45 Millionen Reichsmark von ausländischen Industriellen an die NSDAP gezahlt wurden. Von inländischen Unternehmern seien aber nur fünf Millionen gezahlt worden, was einem Anteil von sieben bis acht Prozent der jährlichen Parteieinnahmen entsprach.Gerhard Schulz, Aufstieg des Nationalsozialismus. Krise und Revolution in Deutschland, Propyläen Verlag, Frankfurt am Main 1975, S. 635. Dafür, dass der übergroße Anteil des Jahresbudgets der NSDAP von ausländischen Spendern stammte, gibt es keine anderen Quellen. Als gegenwärtige oder ehemalige Spender nannte die Untersuchung Thyssen, den jüdischen Warenhausbesitzer Oscar Tietz († 17. Januar 1923 in Klosters), den französischen Interessenverband der Schwerindustrie Comité des Forges, den griechischen Waffenhändler Basil Zaharoff, den britischen Rüstungskonzern Vickers, Henri Deterding und Ivar Kreuger.Aktennotiz Hermann Pünder vom 16. April 1932; Bundesarchiv, Akten der Reichskanzlei, Nachlass Pünder, Nr. 154, Bl. 48–49 (online). Untersuchungen der preußischen Polizei, die sich im Sommer 1930 mit nachrichtendienstlichen Methoden die internen Abrechnungen des Bergbauvereins und des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller beschafft hatte, fand dagegen keine Belege für eine Unterstützung der NSDAP.Sven Felix Kellerhoff: Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder. Klett-Cotta, Stuttgart 2017, S. 193.
Die Bemühungen Hitlers und seiner Partei, diese Geldquelle noch üppiger sprudeln zu lassen, wie etwa seine Rede vor dem Düsseldorfer Industrie-Club am 26. Januar 1932, wurden von der kommunistischen Presse stark skandalisiert, was ebenfalls dazu beitrug, dass weite Kreise der Zeitgenossen glaubten, dass sie durchaus erfolgreich gewesen seien.Gustav Luntowski: Hitler und die Herren an der Ruhr. Wirtschaftsmacht und Staatsmacht im Dritten Reich. Peter Lang, Frankfurt am Main 2000, S. 43.
mini|Bericht der New York Times vom 1. Februar 1933 über einen Boom an der deutschen Börse nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler
Laut Turner reagierte die Berliner Börse vorsichtig und schwankend auf die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Nach drei Wochen hätten sich die Aktienkurse ungefähr auf dem Niveau von Ende Januar befunden.Henry Ashby Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler Verlag, Berlin 1985, S. 390 f. Eine Statistik der Aktienkurse, die der amerikanische Politikwissenschaftler Thomas Ferguson und der Schweizer Ökonom Hans-Joachim Voth veröffentlichten, zeigt einen positiven Börsentrend seit November 1932, der bis Mai 1933 anhielt. Sie zitieren die New York Times vom 1. Februar 1933, die von einem regelrechten Boom mit Kurssteigerungen von 3 bis 5 Prozent schrieb.Thomas Ferguson, Hans-JoachimVoth: Betting on Hitler—the value of political connections in Nazi Germany. In: The Quarterly Journal of Economics. 2008, Nr. 1, S. 1–29, hier S. 6 f. (online).
Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte unter den Siegermächten und bei vielen Deutschen eine heute erstaunlich wirkende Einmütigkeit darüber, die Oberschichten pauschal für das NS-Regime mitverantwortlich zu machen.Walther L. Bernecker: Kapitalismus und Nationalsozialismus. Zum Problem der Unterstützung Hitlers durch die Wirtschaft. In: Josef Becker (Hrsg.): 1933 – Fünfzig Jahre danach. Die nationalsozialistische Machtergreifung in historischer Perspektive. München 1983, S. 51. Der amerikanische Hauptankläger im Nürnberger Prozess, Telford Taylor, sagte 1947 in Nürnberg:
Ein Sonderausschuss des US-Senats unter der Leitung von Harley M. Kilgore kam zu dem Schluss, dass „die Unterstützung seitens der deutschen Schwerindustrie und Hochfinanz […] den Nationalsozialisten die Machtergreifung“ ermöglicht habe.Dietrich Eichholtz, Wolfgang Schumann (Hrsg.): Anatomie des Krieges. VEB Deutscher Verlag, Berlin (Ost) 1969, S. 493.
Quellen- und Begriffsproblematik Der Problembereich „Industrie und Nationalsozialismus vor 1933“ wurde, so die Einschätzung Eberhard Kolbs, von der nichtmarxistischen Forschung zunächst vernachlässigt. Erst mit dem wachsenden Interesse an faschismustheoretischen Deutungen Ende der 1960er Jahre rückte das Verhältnis von Faschismus und Kapitalismus in den Blickpunkt.Eberhard Kolb, Dirk Schumann: Die Weimarer Republik (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte 16). 8. Aufl., Oldenbourg, München 2013, S. 273. Probleme bereitete dabei die Quellenlage. Die Unterlagen zu den Finanzen der NSDAP wurden in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges auf Anweisung Hitlers von der Münchner Parteikanzlei vernichtet.Hans-Ulrich Thamer: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933–1945. Siedler Verlag, Berlin 1994, S. 207. Ferner liegen Quellen von Unternehmerseite in den Firmenarchiven in großer Zahl vor, doch hieraus ergibt sich zum einen das Problem der schieren Quellenfülle, zum anderen die Frage, ob die Archive nicht eventuell nach Kriegsende von belastenden Dokumenten bereinigt worden sind.Henry Ashby Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler Verlag, Berlin 1985, S. 8–11. Laut dem Archivar Gustav Luntowski (2000) gibt es auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Industrie und Nationalsozialismus, auch mehr als fünfzig Jahre danach, , da die Quellenlage zumeist unzureichend sei, weil man kaum belastendes Schrifttum aufbewahre. Selten vermittelten die wenigen Quellen auch ein geschlossenes Bild. Zum wichtigsten Mann an der Ruhr, Albert Vögler, ist die Überlieferung äußerst disparat, da die Archivbestände der Vereinigten Stahlwerke stark dezimiert sind.Gustav Luntowski: Hitler und die Herren an der Ruhr. Frankfurt am Main 2000, S. 231 f. Laut dem Historiker Karsten Heinz Schönbach fehlen im Nachlass Reusch im Briefwechsel mit Großindustriellen, die nachweislich der NSDAP nahegestanden haben, bis auf .Karsten Heinz Schönbach: Faschismus und Kapitalismus. Bündnis zur Zerschlagung von Demokratie und Arbeiterbewegung. Berlin 2020, S. 201.