mini|Walter Benjamin, 1928
Walter Bendix Schoenflies Benjamin (* 15. Juli 1892 in Berlin; † 26. September 1940 in Portbou, Spanien) war ein deutscher Philosoph, Kulturkritiker und Übersetzer.
Als unabhängiger Denker wird er wegen seiner engen Freundschaft zu Theodor W. Adorno zum weiteren Wirkungskreis der Frankfurter Schule gerechnet. Ebenso prägend für sein Denken und Schreiben erwies sich die Freundschaft und Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht. Er gilt als wichtigster Vordenker der Kulturwissenschaften. Seine Schriften zu einer sozial verstandenen Ästhetik werden in den verschiedensten Disziplinen rezipiert, ihre Ausstrahlung reicht über die akademischen Domänen hinaus in die Bereiche von Literatur, Künsten, Medien(-theorie) und Publizistik.
Er übersetzte Werke von Honoré de Balzac, Charles Baudelaire und Marcel Proust.
Als gebürtiger Berliner lebte er nach Studium und gescheiterter Habilitation, die ihm die angestrebte Universitätskarriere verwehrte, als freier Schriftsteller wieder in seiner Geburtsstadt, unterbrochen von ausgedehnten Auslandsaufenthalten. Als liberaler Intellektueller und säkularer Jude ging er 1933 zu Beginn der NS-Herrschaft ins Pariser Exil. Nach der Besetzung Frankreichs durch die deutschen Truppen nahm er sich auf einer missglückten Flucht in der spanischen Grenzstadt Portbou das Leben.
Leben mini|hochkant|Walter Benjamin (rechts) mit seinen Eltern Emil und Pauline Benjamin und Bruder Georg, 1896
Walter Benjamin wurde als Sohn des Antiquitäten- und Kunsthändlers Emil Benjamin (1856–1926) und dessen Frau Pauline (1869–1930) (geborene Schoenflies) in Berlin-Tiergarten, Magdeburger Platz, geboren. Susan Sontag, die in ihm den großen Melancholiker sieht, zitiert ihn mit den Worten: „dass ich unterm Saturn zur Welt kam – dem Gestirn der langsamsten Umdrehung, dem Planeten der Umwege und der Verspätungen.“Susan Sontag: Im Zeichen des Saturns. In: Dies.: Im Zeichen des Saturns. Essays. 4. Auflage. Fischer, Frankfurt am Main 2018, S. 127–148, hier S. 128. Er wuchs in einer vollständig assimilierten jüdischen Familie des Berliner Großbürgertums auf.Howard Eiland, Michael W. Jennings: Walter Benjamin. Eine Biographie. Suhrkamp, Berlin 2020, S. 26. Walter Benjamin war der Älteste von drei Geschwistern, Dora (1901–1946) und Georg Benjamin (1895–1942), und damit Schwager von Hilde Benjamin, Georgs Frau, zudem war er Cousin von Gertrud Kolmar und Clara Stern, der Ehefrau des bekannten deutschen Psychologen William Stern, und damit ein Onkel 2. Grades von Günther Anders (→ Familien Schoenflies und Hirschfeld), dem Sohn von Clara und William Stern. Seine Kindheit, deren Erinnerungen in Berliner Kindheit um neunzehnhundert festgehalten sind, verbrachte Benjamin überwiegend in Berlin. Das Wohnhaus der Familie, Delbrückstraße 23 in Berlin-Grunewald, ist heute nicht mehr erhalten.Werner Kraft: Zeit aus den Fugen. Aufzeichnungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1968, S. 201.
Schulzeit Von 1901 bis 1912 besuchte er den gymnasialen Zweig der Kaiser-Friedrich-Schule in Charlottenburg, das damals noch nicht zu Berlin gehörte. Dazwischen lag ein zweijähriger Aufenthalt (1905–1907) an der Hermann-Lietz-Schule Haubinda, einem reformpädagogischen Internat in Thüringen. Dort lernte er neben Martin LuserkeFlorian Telsnig: Das Aufbegehren der Jugend gegen die Kriegsbegeisterung ihrer Lehrer: Benjamin – Wyneken, Scholem – Buber, Kraft – Borchardt. In: Yearbook for European Jewish Literature Studies. Walter de Gruyter, Berlin 2014, . den Lehrer Gustav Wyneken kennen, der ihn tief beeindruckte und zu einem Engagement in der Jugendbewegung veranlasste. In der Folge arbeitete er neben Siegfried Bernfeld, Georg Gretor (Pseudonym Georges Barbizon), Otto Gründler, Erich Krems, den Brüdern Hans und Peter Kollwitz sowie Wyneken an der ebenso legendären wie berüchtigten Jugendzeitschrift Der Anfang mit.Peter Kollwitz: 1914 mit nur 18 Jahren gefallen. In: vrt.be, 22. Oktober 2014. Diese wurde in Bayern an allen Schulen verboten.Ulrich Grober: Das kurze Leben des Peter Kollwitz. Bericht einer Spurensuche. In: zeit.de, 22. November 1996, abgerufen am 15. Juli 2022 (Registrierung benötigt). Wynekens These, dass eine neue Jugend einem revolutionären kulturellen Wandel den Weg bereiten müsse, wurde zum Hauptthema aller Veröffentlichungen des Studenten Benjamin.Howard Eiland, Michael W. Jennings: Walter Benjamin. Eine Biographie. Suhrkamp, Berlin 2020, S. 47. 1912 legte er am Kaiser-Friedrich-Gymnasium in Charlottenburg das Abitur ab.Ein Schulfreund aus dieser Zeit war Ernst Schoen, mit dem er in Briefkontakt blieb. Schoen verschaffte Benjamin später die Möglichkeit, das Hörspiel Radau um Kasperl (1932) zu realisieren, zu dem Schoen die Musik schrieb.
Studium und Jugendbewegung Benjamins Studium war, auch kriegsbedingt, von Diskontinuität gekennzeichnet. Er studierte in Freiburg und Berlin (1912–1915), München (1915–1917) und Bern (1917–1919). Bis zum Kriegsausbruch widmete er einen Großteil seiner Zeit der Organisierung von Studentengruppen auf der Grundlage von Wynekens Schriften, die eine unabhängige Jugendkultur im Hochschulbereich propagierten.Bernd Witte: Walter Benjamin mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1985, S. 18.
Er begann das Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität im Sommersemester 1912 in Freiburg im Breisgau. Philosophie hörte er bei dem Neukantianer Heinrich Rickert. In Freiburg schloss er Freundschaft mit den expressionistischen Dichtern Philipp Keller und Christoph Friedrich Heinle. Im Wintersemester 1912/13 setzten Benjamin und Heinle ihr Studium in Berlin fort. Aber im Sommersemester 1913 kehrte Benjamin nach Freiburg zurück, zu seinem Dichterfreund Philipp Keller. Nach Wynekens Wunsch sollte er dort die Abteilung für Schulreform unter seine Kontrolle bringen, die im Wintersemester 1911/12 nach einem Aufruf Wynekens im Rahmen der Freideutschen Bewegung gegründet worden war. Sie hatte sich unterdessen in einen literarischen Zirkel von sieben bis neun Studenten unter der „despotischen“ Leitung von Philipp Keller entwickelt. Benjamins persönliche Beziehung zu Keller kühlte ab, wenngleich er dessen expressionistische Schriften unverändert wertschätzte.Howard Eiland, Michael W. Jennings: Walter Benjamin. Eine Biographie. Suhrkamp, Berlin 2020, S. 77. Im Wintersemester 1913/14 studierte er wieder in Berlin und ließ sich zum Präsidenten der Berliner Freien Studentenschaft wählen.Bernd Witte: Walter Benjamin mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1985, S. 23 f. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs löste der Suizid Heinles am 8. August 1914 tiefe Bestürzung bei Benjamin aus. Er widmete dem verstorbenen Freund 30 SonetteSie wurden erstmals 1986 veröffentlicht. Vgl. Walter Benjamin: Sonette. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Rolf Tiedemann. (= Bibliothek Suhrkamp. 876). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986. und bemühte sich vergeblich, für dessen hinterlassenes Werk einen Verleger zu finden.Eine erste selbstständige Buchveröffentlichung von Heinles literarischen Werken erfolgte 2016 unter dem Titel Christoph Friedrich Heinle. Lyrik und Prosa durch Johannes Steizinger. Das heute bekannte Werk Heinles umfasst vor allem Lyrik, daneben einige Prosastücke. Neun Briefe sind erhalten. Vgl. Johannes Steizinger (Hrsg.): Christoph Friedrich Heinle. Lyrik und Prosa. Mit einem Geleitwort von Giorgio Agamben. Kadmos, Berlin 2016, ISBN 978-3-86599-257-4.
Benjamin gehörte zusammen mit Hans Blüher, Ernst Joël, Fritz Klatt, Erich Krems, den Brüdern Hans und Walter Koch, Hans Kollwitz, Alfred Kurella und Alexander Rüstow dem so genannten Westender Kreis an,Ulrike Koch: „Ich erfuhr es von Fritz Klatt“ – Käthe Kollwitz und Fritz Klatt. In: Käthe Kollwitz und ihre Freunde: Katalog zur Sonderausstellung anlässlich des 150. Geburtstages von Käthe Kollwitz. Hrsg. vom Käthe-Kollwitz-Museum Berlin, Lukas Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-86732-282-9, S. 65. der den linken Flügel der bürgerlichen Jugendbewegung zusammenführte.Anna M. Lazzarino Del Grosso: Armut und Reichtum im Denken Gerhohs von Reichersberg. C. H. Beck, München 1973. S. 83. Klatt war wahrscheinlich der geistige und publizistische Motor dieses Bundes.
Bruch mit Wyneken, Freundschaft mit Scholem Der Kriegsausbruch beendete jegliche Mitarbeit in der Jugendbewegung und führte zu einem endgültigen Bruch mit dem kriegsbegeisterten Wyneken. Im November hatte Wyneken in München in seinem Vortrag, Der Krieg und die Jugend, die männliche Jugend aufgerufen, sich freiwillig zur Verteidigung des Vaterlandes zu melden.Howard Eiland, Michael W. Jennings: Walter Benjamin. Eine Biographie. Suhrkamp, Berlin 2020, S. 107. In seinem letzten Berliner Seminar, im Sommer 1915, lernte Benjamin den sechs Jahre jüngeren Mathematik- und Philosophiestudenten Gershom Scholem kennen, der ebenfalls aus einer assimilierten jüdischen Familie, jedoch des kleinbürgerlichen Alt-Berlins, stammte. Der Pazifist, Sozialist und engagierte Zionist Scholem, der sich bereits früh gegen die Abwendung seiner Familie vom Judentum als „radikalen Selbstbetrug“ wandte,Stéphanie Mosès: Gershom Scholem. In: Burkhardt Lindner (Hrsg.): Benjamin-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart 2011, S. 59–76, hier S. 59. wurde einer seiner engsten Freunde und beständigsten Briefpartner.Gershom Scholem: Walter Benjamin – die Geschichte einer Freundschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975. – Walter Benjamin/Gershom Scholem Briefwechsel 1935–1940. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980. Scholem gegenüber äußerte Benjamin, dass er, wie Scholem, auf dem Standpunkt des radikalen Kriegsgegners Karl Liebknecht stehe.Gershom Scholem: Walter Benjamin – die Geschichte einer Freundschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 14. Intensive Diskussionen mit Scholem über Judentum und jüdische Mystik gaben den Anstoß für den 1916 geschriebenen (als Manuskript überlieferten) Text Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen, der, wie Benjamin Scholem wissen ließ, „in immanenter Beziehung auf das Judentum und mit Beziehung auf die ersten Kapitel der Genesis“ stehe.Zitiert nach Bernd Witte: Walter Benjamin mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1985, S. 28. Seit jenem Zeitpunkt „wurde die Theorie der Sprache zu einem bleibenden Thema für Benjamin“; in ihr sah er den „Kanon der Wahrnehmung“.Howard Eiland, Michael W. Jennings: Walter Benjamin. Eine Biographie. Suhrkamp, Berlin 2020, S. 123 f. Mit dieser Freundschaft begannen auch bald, wie Hannah Arendt schrieb, „diese kuriosen endlosen Erwägungen einer Auswanderung nach Palästina, die sich durch nahezu zwanzig Jahre“ hinzogen und bei denen es fraglich war, ob es ihm damit nach der Trennung von seiner aus einem zionistischen Milieu stammenden Frau wirklich ernst war.Hannah Arendt: Walter Benjamin (Essay 1968/71). In: Detlev Schöttker, Erdmut Wizisla (Hrsg.): Arendt und Benjamin. Texte, Briefe, Dokumente. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, S. 45–97, hier S. 82. Dazu gehörten auch die zeitweiligen Lektionen, denen er sich unterzog, um Hebräisch zu erlernen. Wie Scholem in seinen Erinnerungen schreibt, wurde ihm im Laufe des Jahres 1930 klar, dass Benjamin seine „hebräischen Pläne endgültig ad acta gelegt“ hatte.Gershom Scholem: Walter Benjamin – die Geschichte einer Freundschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 199.
Heirat und Studienabschluss