mini|Lodovico Gallina: Porträt des Dogen, um 1779, Öl auf Leinwand, 135 × 100 cm, Museo Correr mini|Alessandro Longhi: Porträt des Paolo Renier, um 1779 Paolo Renier (* 21. November 1710 in Venedig; † 13. Februar 1789 ebenda) war der vorletzte Doge von Venedig. Er trat zunächst als Reformer auf, war Gesandter in Rom beim Papst, dann jeweils mehrere Jahre Botschafter am Hof des Kaisers in Wien und am Hof des Sultans in Konstantinopel; die Eheschließung mit einer Bürgerlichen aus Konstantinopel wurde, da er selbst dem venezianischen Adel angehörte, abgelehnt.

Vor seiner Wahl zum Dogen wechselte er zu den Konservativen. Als Doge amtierte er mehr als zehn Jahre lang von seiner Wahl am 14. Januar 1779 bis zu seinem Tod. Sein bedeutendster Eingriff in die politischen Tagesgeschäfte bestand darin, die Gemüter im Großen Rat zu beruhigen, als es zum Streit zwischen Konservativen und Reformern kam.

Herkunft, Familie Die Renier gehörten zu denjenigen Familien, die erst während des Chioggia-Krieges zum Großen Rat zugelassen worden waren, also im späten 14. Jahrhundert. Nach der in der Familie überlieferten Tradition waren sie jedoch schon seit 970 in Venedig ansässig. Im 18. Jahrhundert gehörte die Familie zu den ärmeren Patriziern, erst Paolo Renier gelang es, durch Getreidehandel mit dem Orient ein beachtliches Vermögen zu erwirtschaften.

Renier wurde als Sohn des Andrea di Daniele und der Elisabetta Morosini di Girolamo am 21. November 1710 im Palast der Familie bei San Stae geboren.Staatsarchiv Venedig, Avogaria di Comun, reg. 63 (=XIII), c. 316v. Dieser Palazzo Renier S. Stae, dessen Fassade auf den Rio del Megio blickte, wurde 1823 abgerissen. Die Morosini, die Vorfahren auf der mütterlichen Seite also, hatten sich in der Geschichte Venedigs in wichtigen Ämtern ausgezeichnet. Drei Dogen trugen diesen Namen.

Sein Taufpate war Almorò Grimani di Marino, seinerzeit Savio di Terraferma (also einer der für das venezianische Gebiet in Oberitalien, die Terraferma, zuständigen Adligen), der ihn am 2. Dezember aus dem Taufbecken hob.Archiv des Patriarchen von Venedig, Chiesa S. Stae, Battesimi (Taufen), reg. 1, c. 312r.

Paolo war der fünfte von acht Brüdern. Die Brüder Daniele und Paolo starben schon sehr früh, die anderen fünf Brüder stiegen hingegen in zentrale Ämter auf. Girolamo wurde Provveditore in Zecca (arbeitete also für die venezianische Münzprägestätte), Podestà von Brescia sowie Consigliere für das Sestiere S. Croce, einen der sechs Stadtteile der Kernstadt Venedigs. Antonio wurde Sopracomito, Capitano in Golfo (er führte also eine Flotte in der oberen Adria), Provveditore generale in Dalmatien, Provveditore generale da Mar, dann aber auch Zensor, Capitano in Padua, schließlich Senator. Alvise erhielt das Amt eines Avvogadore di Comun, einer Art Ankläger der Stadt, er wurde Consigliere im selben Stadtsechstel wie sein Bruder Girolamo. Daniele avancierte zunächst zum Savio agli Ordini, der in seiner Zeit typischen Einstiegsposition in die Ämterlaufbahn. Dann wurde er zum Camerlengo di Comun, doch endete seine Karriere bereits früh dadurch, dass er am 2. Juni 1758 eine Nichtadlige heiratete, nämlich Agnese Rota. Der jüngste Bruder, Angelo Maria, wurde gleichfalls Senator.

Leben Bildung, Ämterlaufbahn Renier war ein sehr gebildeter Mann, der seine frühe Bildung Pater Pietro Antonio Muazzo verdankte, der die prestigeträchtige Bibliothek des Hauses Manin aufbaute, und der aus Candia stammte, der Hauptstadt der von den Osmanen eroberten Insel Kreta,Dorit Raines: La biblioteca-museo patrizia e il suo 'capitale sociale' – modelli illuministici veneziani e l’imitazione dei nuovi aggregati, in: Caterina Furlan (Hrsg.): Arte, storia, cultura e musica in Friuli nell’età del Tiepolo. Atti del convegno internazionale di studi, Udine 19–20 dicembre 1996, Forum, Udine 1997, S. 63–84, hier: S. 81 (online, PDF). die rund 450 Jahre venezianisch gewesen war. Renier kannte sich dementsprechend bestens in der klassischen Literatur aus – es wurde gar behauptet, er kenne die Ilias und die Odyssee auswendig – und er galt als begabter Redner. Er erhielt zudem eine gute Ausbildung in Geschichte und Philosophie. Von ihm stammt eine venezianische Ausgabe von Werken Platos, die er selbst übersetzt hatte. Er galt darüber hinaus als politisch begabt und als geschickter Taktiker.

Eintritt in den Großen Rat (1730), 1. Ehe mit Giustina Donà di Leonardo In den Großen Rat, die Generalversammlung des städtischen Adels, in den die jungen Männer normalerweise mit dem 25. Lebensjahr aufstiegen, gelangte er durch die Balla d’oro bereits vorzeitig am 4. Dezember 1730. mini|Lodovico Gallina (1752–1787): Giustina Donà dalle Rose (1715–1751), 1. Ehefrau Paolo Reniers, Öl auf Leinwand, Ca’ Rezzonico Am 28. April 1733 heiratete er Giustina Donà di Leonardo,Staatsarchiv Venedig, Avogaria di Comun, reg. 94 (=VII), c. 213v. die allerdings 1751 starb.Sonia Pellizzer: Dalmet, Margherita, in: Dizionario Biografico degli Italiani 32 (1986). Das Paar hatte zwei Söhne. Giustina Donà war Nutznießerin eines komplexen Erbganges der Familien Bergonzi und Tasca, auch wenn die Höhe dieses Gesamterbes nicht zu ermitteln ist. Beide Familien hatten sich während des Krieges um Kreta, der im Kern von 1645 bis 1669 dauerte, und der die Adelsrepublik zwang, auf diese Art den Krieg zu finanzieren, für 100.000 Dukaten in den Adel eingekauft.

Ihr Sohn Andrea war von 1775 bis 1777 Botschafter in Rom; er heiratete Cecilia Manin am 2. September 1754. Der zweite Sohn hieß Leonardo.

Savio di Terraferma (1737–1750), Savio del Consiglio (1751–1761), Senator (1746–1764) Wie viele seiner Standesgenossen, so begann Paolo Renier seine politische Karriere mit der Wahl zum Savio agli Ordini durch den Großen Rat am 28. Juni 1736. Am 16. März 1737 wurde er erneut in dieses Amt gewählt, dann am 12. Mai desselben Jahres wurde er zum Esecutore alle Acque gewählt. Bereits zu dieser frühen Zeit wurde er in das Collegio aufgenommen, zunächst als Savio di Terraferma. Damit hatte er sich als Kenner der Lagune, aber auch der Terraferma ausgewiesen.

In dieses Amt wurde er nun jedes Jahr gewählt, nämlich von 1737 bis 1750, wobei er fast immer das Amt des Kassierers übernahm. Damit erreichte er endgültig den Zugang zum innersten Machtzirkel, denn er wurde nun von 1751 bis 1761 elf Mal zum Savio del Consiglio gewählt. Folgerichtig wurde er am 27. März 1746 in den Senat aufgenommen, wo er bis 1764 einen Sitz hatte.

Wortführer der Reformer, weitere Ämter, Gesandter in Rom Bald spielte er eine bedeutende Rolle unter den Männern, die zu Reformen des Staatswesens entschlossen waren, wie die Brüder Memmo, Andrea und Bernardo di Pietro, oder Angelo Querini di Lauro, aus dem Familienzweig von S. Severo. Dabei wurde Renier zum Sprecher der Gruppe, die sich mit Rom anlegte, und die das Ende des Patriarchats von Aquileia bewirkte. Der Sitz der Diözese wurde 1751 nach Udine verlegt, zugleich erhielt das Patriarchat nur noch den Rang eines Erzbistums. Kardinal Daniele Dolfin durfte allerdings persönlich bis an sein Lebensende den Titel eines Patriarchen behalten.

Renier wurde in den nächsten Jahren, nunmehr durch den Senat, in eine Reihe höchst angesehener Ämter gewählt. So wurde er am 8. Juli 1750 Sopra provveditore alla Giustizia nuova, am 8. Januar 1753 Savio alle Acque (erneut am 22. Januar 1757 und am 4. Januar 1758), dann Esecutore sopra la Bestemmia – dieser Gerichtshof war 1537 eingerichtet worden, um gegen Gewalt in kirchlichen Einrichtungen aller Art vorzugehen, aber auch Gotteslästerung fiel in seinen Zuständigkeitsbereich –, am 18. Januar 1755 und erneut am 8. Februar 1759. Allerdings war der Gerichtshof in seiner Amtszeit bereits weit weniger aktiv, als in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens.

Renier war einer der acht Gesandten, die Papst Clemens XIII. zu seiner Wahl gratulieren sollten. Er wurde Deputato alla Provvisione del denaro (19. Januar 1759), dann Provveditore sopra i Monasteri (10. Januar 1761), womit er die Frauenklöster der Stadt zu beaufsichtigen hatte.

Heeresreform (1760), Niederlage der Reformer Gemeinsam mit Andrea Tron di Nicolò gelang es ihm im September 1760 auf Vorschlag des schottischen Generals William Graham, der das Landheer der Republik kommandierte, eine Heeresreform durchzusetzen.Piero Del Negro: Introduzione, in: Ders., Paolo Preto (Hrsg.): Storia di Venezia, Bd. VIII, Rom/Venedig 1998, S. 58. Am 14. Januar 1761 wurde er zum Provveditore alla Sanità gewählt.

Nun jedoch erlitt er einen schweren politischen Rückschlag, der dennoch seinem Aufstieg letztlich wenig schadete. Wegen eines relativ unbedeutenden Streites zwischen Orden und Bruderschaften um die bei Beerdigungen fälligen Abgaben kam es zu einem schweren Konflikt um die Befugnisse der Staatsinquisitoren. Im Verlauf dieses Streits bezog sich Renier auf den Avogadore di Comun, auf Angelo Querini, der nach Verona verbannt wurde. Damit wurde Renier geradezu zum Sprecher der Querini-Partei. Er intervenierte mehrfach im Großen Rat zu dessen Gunsten, obwohl er nicht zu den fünf Korrektoren gehörte, die die entsprechenden Gesetze reformieren sollten. Damit richtete er sich vor allem gegen den Staatsanwalt von San Marco di Sopra, gegen den späteren Dogen Marco Foscarini di Nicolò; er beantragte die Freilassung Querinis und zugleich, den von den fünf Korrektoren vorgelegten Text zurückzuziehen. Dieser Vorschlag wurde abgelehnt.

Weiterer Aufstieg, Botschafter an den Höfen in Wien (1765–1769) und Konstantinopel (1771–1775) Trotz dieses herben Rückschlags nahm sein politischer Einfluss weiter zu: Er wurde zwei Mal nacheinander Correttore della Promissione ducale (25. Mai 1762), nämlich gelegentlich der Wahl seines Gegners Marco Foscarini, ebenso wie bei der Wahl Alvise Mocenigos IV. zum Dogen. Derlei Korrektoren hatten die Aufgabe, den Amtseid des Dogen, die Promissio ducale, jeweils zu überarbeiten.

Am 28. November 1764 wurde er zum Botschafter am kaiserlichen Hof gewählt. Am 28. September des folgenden Jahres erreichte er Wien, wenige Wochen nachdem Kaiser Franz gestorben war. Die Beziehungen zu seiner Witwe, Maria Theresia, zugleich Königin von Böhmen, und zu ihrem Sohn Joseph II. waren von weitgehendem Vertrauen geprägt. Man verhandelte über die Grenzen im Gebiet des Gardasees, zwischen Cadore und Ampezzo, sowie auf Istrien. Hinzu kamen Verhandlungen um die jeweiligen Zölle und Abgaben. Renier bewunderte die Effizienz der kaiserlichen Armee und drängte auf Reformen in seiner Heimatstadt. Auch betonte er die dortigen erfolgreichen Maßnahmen in der Handelspolitik und bei der Errichtung neuer Manufakturen. Zudem gelang es ihm, einen diplomatischen Konflikt zu lösen. Am 13. September 1769 wurde er vom neuen Kaiser zum Ritter geschlagen.

Als Renier am 29. Dezember 1769 seinen Bericht (relazione) vor dem Senat hielt, hatte er bereits Auftrag erhalten, nach Konstantinopel zu reisen (15. Mai 1769), um dort als Bailò Girolamo Ascanio Giustinian abzulösen. Die Commissione erhielt er am 14. März 1771. Er erreichte Pera gut vier Monate später, am 17. Juli. Das Osmanenreich litt erheblich unter den Folgen des russisch-türkischen Krieges. Es herrschte starker Mangel an Lebensmitteln. Paolo Renier gelang es, das Vertrauen Sultan Mustafas III. zu gewinnen, ebenso wie das seines Bruders und auch das des Nachfolgers Abdülhamid I. Bei ihm wurde er am 5. Mai 1774 außerordentlicher Botschafter. In dieser Funktion stellte er venezianische Schiffe zur Verfügung, um Lebensmittel in die Metropole zu bringen. Er selbst habe, wie behauptet wurde, erhebliche Gewinne daraus gezogen.

Mit Fürst Alexander Galitzin verhandelte er danach in Wien, um für die venezianischen Schiffe den Handel im Schwarzen Meer zu öffnen. Immerhin durfte die Madonna del Rosario die Krim ansteuern, wenn auch unter russischer Flagge.

2. Ehe mit Giovanna Margherita Dalmet (1776), Wechsel zu den Konservativen