Die Tlicho (sprich: ‘Tlee-chon’) oder Tłı̨chǫ (PDF; 1,3 MB) ("Hunderippe", daher früher als Dogrib bezeichnet), sind eine First Nation der North Slave Region der Nordwestterritorien von Kanada. Der englische Name Dogrib ist eine Übersetzung ihrer Eigenbezeichnung als Tłįchǫ Done bzw. Tłı̨chǫ got'ı̨ı̨̀ / Tłı̨tsǫ got'ı̨ı̨̀ (auch: Thlingchadinne - ‘Dog-Flank People’, ‘Dogrib People’ – "Hunderippen-Volk"), die Bezug nahm auf ihre sagenhafte Abstammung von einem übernatürlichen Hund-Menschen.

Zusammen mit den South Slavey (Deh Cho Dene, Dene Tha und Deh Gá´Got'ine), North Slavey (Sahtu) (K'ahsho Got'ine/Hare(skin) Dene, Shita Got'ine/Mountain Dene und Sahtu Dene/(Great) Bear Lake Dene), Chipewyan (Denésoliné oder Dënesųłiné) und den Yellowknife (T'atsaot'ine) bilden sie die fünf Bands (Stammesgruppen) der Dene (Dené), die sprachlich zu den Nördlichen Athapasken der Na-Dené-Sprachfamilie zählen. Die Dene (Dene ist der unter Athapasken übliche Begriff für „Volk“) in Denendeh („Land der Dene“, heutige Nordwest-Territorien), Nunavuts sowie der im Süden angrenzenden Gebiete von Manitoba, Saskatchewan, Alberta und British Columbia sind besonders eng verwandt mit den ebenfalls sprachlich zu den Nördlichen Athapasken zählenden Stämmen Alaskas, den Alaska Dene, die sich Dinaa oder Dena („Volk“) nannten.One way of saying Dene?

Die Diné (Navajo) und Apachen (T'Inde, Inde, N'de, N'ne) haben ähnliche Namen wie die Dene (Nördlichen Athapasken), zählen jedoch zu den Südlichen Athapasken.

Die Tłįchǫ/Tåîchô bezeichnen sich meist einfach wie die benachbarten athapaskischen First Nations als Dǫ ("Person") bzw. Done (sprich: ‘don-ay’- "Volk"), Dene (sprich: ‘den-ay’ – "Volk") oder Done Do ("Dene Volk"). Heute jedoch bevorzugen sie die Bezeichnungen Tłįchǫ / Tłı̨tsǫ / Tåîchô oder einfach Done gegenüber der englischen Bezeichnung "Dogrib", um sich gegenüber den anderen Dene-Gruppen abzugrenzen.

Mit dem Land, auf und von dem sie lebten, waren die Tłįchǫ spirituell tief verbunden, was sich auch in dessen Bezeichnung widerspiegelt – sie nannten es einfach Ndé, Dé, Dèe oder Né.

Sprache Die Sprache Dogrib oder Tłįchǫ Yatiì ("Sprache der Tłįchǫ") bzw. Dǫ yatıı̀ ("Sprache des Volkes/der Done") gehört zu der athapaskischen Gruppe der Sprachfamilie Na-Dené und wird lt. Canadian Census von 2006 noch von ca. 2.640 Tłįchǫ gesprochen.Tłįchǫ Yatiì Der sog. Detah-Ndilo-Dialekt (oder Weledeh-Dialekt, auch Weledeh Dogrib), der in den Gemeinden Dettah und N'Dilo gesprochen wird, entwickelte sich aus Mischehen zwischen Yellowknife und Tłįchǫ. Während in anderen Gemeinden der Tłįchǫ die Sprache immer noch von Kindern erworben und beherrscht wird, gibt es wegen der Nähe zur Großstadt Yellowknife, nur noch wenige Stammesmitglieder der Yellowknives Dene First Nation unter 40 Jahren, die fließend Weledeh-Tłįchǫ Yatiì sprechen.Weledeh Dogrib

Wohngebiet Ihr fast 295.000 km² umfassendes traditionelles Gebiet Tłı̨chǫ dèe ("Land der Tłįchǫ") erstreckte sich in den Waldtundren, Fluss- und Seengebieten der North Slave Region in Denendeh (Nordwest-Territorien) westlich des Nordufers des Großen Sklavensees (Tideh, Tindi – ‘Großer See’) bis nach Norden zum Großen Bärensee (Sahti Deè, Sahti – ‘Bärensee’), im Westen bis zum Mackenzie River (Dehtso – ‘Großer Fluss’) und bis zum Contwoyto Lake (Kok'eeti), Aylmer Lake (Ts'eehgooti) und Artillery Lake (ʔedaatsoti) in der Tundra im Osten, manche Gruppen zogen bis nach Nunavut. (PDF; 1,2 MB)

Im Osten und Süden der Tłįchǫ (Dogrib) lebten die Chipewyan (Dënesųłiné), im Osten entlang des nordöstlichen Ufers des Großen Sklavensees, am Yellowknife River nordwärts bis zum Coppermine River und Großen Bärensee die Yellowknife (T'atsaot'ine), im Westen am West- und Südufer des Großen Sklavensees bis zum Mackenzie River und Liard River verschiedene Gruppen der South Slavey, im Norden westlich und nördlich des Großen Barensees die North Slavey (Hare(skin) Dene) sowie westlich des Mackenzie River die North Slavey (Mountain Dene). Zu ihren Hauptfeinden zählten die Chipewyan, Yellowknife und die in ihren Jagdgründen Raub- und Sklavenzüge unternehmenden Algonkin-sprachigen Cree. Zu den verschiedenen Slavey-Gruppen hingegen unterhielten sie meist ein freundschaftliches Verhältnis.

Kultur und Lebensweise Die Tłįchǫ waren Jäger und Sammler – vor allem Karibujäger, die für ihre Raffinesse und Eleganz in der Dekoration der Karibuhäute für ihre Behausungen bekannt waren. Zudem jagten sie auch verschiedene Vogelarten, sowie Elche, Waldbisons, Moschusochsen, Wapitis, Luchse, Hasen und sammelten Wurzeln, Beeren und Flechten. Die Flüsse und Seen boten zudem zahlreichen Fischarten einen Lebensraum, darunter vielen Lachsarten. Für ihre Kleidung sowie später als Handelsgut im Pelzhandel erbeuteten sie zudem Vielfraßfelle, Minkfelle, Hermelinfelle, Biberfelle und Otterfelle.

Die übliche Behausung der Tłįchǫ war ein mit Karibuhäuten bedecktes Zelt, wobei in harten und strengen Wintern sie manchmal mit Sträuchern und Unterholz bedeckte Holzhütten bauten.

Wie benachbarte subarktische Völker auch, bestand ihre soziale Organisation aus vielen unabhängigen, egalitär geführten Lokalgruppen bzw. Jagdgruppen (engl. regional bands), jede mit ihrem eigenen Territorium. Diese Gruppen bestanden aus einer oder mehreren Großfamilien (engl. extended families), die die meiste Zeit des Jahres unabhängig von der Regional-Gruppe nomadisierend durch das gemeinsam genutzte Gebiet zogen. Wie die anderen Dene-Stämme auch, bildeten sie daher keine Stämme im kolonialen Sinn und waren nur lose in kleinen Gruppen organisiert – und ähnelten hierbei stark ihren traditionellen Erzfeinden im Osten, den Yellowknife. Diese, bis ins 19. Jahrhundert einer der bedeutendsten und bevölkerungsreichsten Dene-Völker, waren im Unterschied zu ihren Dene-Nachbarn jedoch als kühne und wagemutige Krieger bekannt, die skrupellos die Gutmütigkeit ihrer Nachbarn oft zu ihrem Vorteil nutzten, und anmaßend und selbstherrlich gegenüber diesen auftraten. Aus Vergeltung wurden die Yellowknife schließlich von den benachbarten Völkern, darunter den Tłįchǫ, im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert mit Rachezügen überzogen und langsam dezimiert.Frederick Webb Hodge: Handbook of American Indians North of Mexico V. 4/4, Verlag: Digital Scanning Inc, 2003, ISBN 978-1582187518

Trotz der feindlichen Stämme besaßen die Tłįchǫ – gleich anderen Dene – kein System der organisierten Kriegsführung mit Militär- und Kriegsgesellschaften, da sie in ihrer Kultur traditionell individuelle Freiheit hochschätzten. Die Anführer hatten zudem nur begrenzte Autorität, die auf ihrer Führungsqualität, Urteilsfähigkeit sowie Großzügigkeit beruhte.

Religion und Prophetismus Die ursprüngliche Religion der Tłįchǫ war animistisch (Allbeseeltheit) und entsprach der Religion der anderen nördlichen Athabasken. Heute sind die meisten offiziell katholisch.Barry M. Pritzker: A Native American Encyclopedia. History, Culture and Peoples. Oxford University Press, New York 2000, ISBN 978-0-19-513877-1. S. 500. Seit alter Zeit spielen Visionen zur Erlangung von „Ink´on“ (Wissen bzw. Kraft, sowie deren Spender und Empfänger) bei den Athabasken eine wesentliche Rolle. Bereits gegenüber den ersten Missionaren im 19. Jahrhundert äußerten die Visionäre der Tłįchǫ, dass sie direkt mit (ihrem höchsten) Gott gesprochen hätten. Dies hat sich bis heute erhalten: Moderne Tłįchǫ-Propheten sprechen mit dem Christengott und in Gegenwart katholischer Priester sagen sie, dass Gott ihnen aufgetragen habe, moralische Besserung und vor allem den Verzicht auf Kartenspiel und Alkohol zu predigen, sofern sie ihr eigenes Ink´on vorher ablegen würden. Bis auf das Singen erträumter Lieder und traditionelle Rituale werden die Predigten dieser Propheten von der Kirche gebilligt.Christian F. Feest: Beseelte Welten – Die Religionen der Indianer Nordamerikas. In: Kleine Bibliothek der Religionen, Bd. 9, Herder, Freiburg / Basel / Wien 1998, ISBN 3-451-23849-7. S. 191. Außerhalb des christlichen Einflussbereiches haben sich bis heute noch mehr oder weniger viele Elemente des traditionellen Glaubens erhalten (siehe auch: Synkretismus).

Geschichte Handelsmonopol der Nehiyaw-Pwat Im 17. und 18. Jahrhundert standen Franzosen und Engländer um die Hudson Bay in scharfer Konkurrenz um die Pelze von Füchsen, Bibern und Bisamratten.

Jedoch hatten Swampy Cree und Woodland Cree ab 1670, durch die Errichtung der Handelsstation York Factory der Hudson’s Bay Company bereits früher Kontakt zu den europäischen Händlern und deren Produkten (Eisenwaren, Waffen, Munition, Perlen) und somit einen unmittelbaren militärischen Vorteil gegenüber benachbarten Stämmen. Die südlich lebenden Assiniboine bildeten daraufhin mit den Cree (Anfang des 18. Jahrhunderts kamen die west- und südwestwärts gezogenen Plains Ojibwa (auch Saulteaux) hinzu) eine starke Militärallianz, die als ‘Iron Confederacy’ bezeichnet wurde – die Cree nannten die Allianz jedoch Nehiyaw-Pwat (in Cree: Nehiyaw – ‘Cree’ und Pwat oder Pwat-sak – ‘Sioux-Feinde’).

Dies ermöglichte es den Nehiyaw-Pwat ab 1680 ein umfangreiches Kanu-Handelssystem entlang des Winnipegsees und des Nelson River, des Rainy Lake, des Lake of the Woods, des Winnipeg River und vom Lake Winnipeg nordostwärts bis zur York Factory an der Hudson Bay aufzubauen. Viele Cree-Gruppen siedelten sich in der Nähe der Handelsstationen an, um so zunächst an die für sie wichtigen Güter (besonders Gewehre, Munition, Metallwaren, Messer, Ahlen, Äxte, Tomahawks, Kessel, Tabak und Alkohol) zu gelangen, um dann den Zwischenhandel mit den Völkern im Westen (Blackfoot, Gros Ventre, Sarcee), im Norden (Chipewyan, Tłįchǫ, Daneẕaa (früher Beaver genannt), Slavey, Yellowknife) und im Süden (Hidatsa, Mandan) möglichst zu monopolisieren. Ohne das Handelsmonopol der Nehiyaw-Pwat, die die Kontrolle über die einzigen Transportwege, die mit den sogenannten Pelzhandelskanus befahrenen Flüsse und Seen, innehatten, hätte es den Pelzhandel vor allem der Hudson’s Bay und der North West Company nie gegeben.

Gleichzeitig expandierten sie dank der besseren Waffenausrüstung nach Westen und Norden – wobei sie militärisch gegen die Chipewyan, Daneẕaa und Slavey im Norden und die Dakota im Süden (1670–1700) vorgingen. Viele Cree verließen nun den Hudson-Bay-Raum (ab etwa 1740), wo die Pelzhandelsgesellschaft eine erste Handelsstation am Waswanipi Lake eingerichtet hatte. Zudem gingen die Nehiyaw-Pwat ab 1670 auf Sklavenjagd unter den benachbarten Stämmen, besonders den als nicht so wehrhaft geltenden Dene im Norden, wie Slavey, Chipewyan und Yellowknife, wurden Opfer von Sklavenjagden. Der Pelzhandel verschärfte die bereits existierenden Konflikte um die Ressourcen der Region zwischen den Chipewyan und Cree (von den Chipewyan als ena – ‘Feind’ bezeichnet), nur mehr.

Ausgleich und Allianz mit den Nehiyaw-Pwat Thanadelthur (‘Marten Jumping’), eine junge Chipewyan (nach mancher Überlieferung eine Slavey), wurde 1713 von plündernden Stoßtrupps der Cree am Großen Sklavensee geraubt, konnte jedoch 1714 fliehen. Sie führte William Stewart, einen Händler der HBC, und 150 Cree zum Ostufer des Großen Sklavensees und vermittelte Frieden zwischen Chipewyan und Cree. Daraufhin errichtete die HBC 1717 den Handelsposten Fort Prince of Wales am Churchill River und ermöglichte somit den Chipewyan erstmals direkten Zugang zu einem europäischen Handelsposten als auch den Cree einen ungestörten Zwischenhandel zwischen der HBC und dem Nordwesten.

Die Chipewyan und Cree knüpften zwischen 1716 und 1760 friedliche Kontakte und schlossen eine Allianz gegen ihre gemeinsamen Feinde, den Inuit (die sie hotel ena – ‘Feinde der (Tief-)Ebenen’ nannten), Tłįchǫ, Slavey und Yellowknife – die sie vom direkten Kontakt zu den Handelsposten fernhalten wollten, um ihre Position als Zwischenhändler zu behaupten.Fort Chipewyan