mini|Spiegel und die Eule auf dem Besenstiel der Hexe. Kreidezeichnung von Frank Buchser (1869) Spiegel, das Kätzchen (Untertitel: Ein Märchen) ist eine Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller. Sie bildet den Schluss des ersten Bandes der 1856 erschienenen Novellensammlung Die Leute von Seldwyla.

Mit ihr setzte der Realist Keller die Tradition der Tierfabel und des klassisch-romantischen Kunstmärchens fort. Sein Kater Spiegel, so genannt wegen seines glänzenden Pelzes, ist höflich und weltmännisch wie der gestiefelte Kater, neigt wie Kater Murr zur philosophischen Betrachtung und besitzt wie Reineke Fuchs die Gabe, durch Lügengeschichten und schlau eingefädelte Intrigen seinen Kopf zu retten. Die Novelle gehört zu den bekanntesten Erzählungen Kellers, ist in vielen, oft illustrierten Einzelausgaben verbreitet und wurde musikalisch und literarisch mehrfach adaptiert.

Inhalt Die Novelle ist gegliedert in eine Rahmenhandlung und eine Binnenerzählung.

Der Kater Spiegel genießt als echter Gentleman ein anständiges und sorgenfreies Dasein bei einer unverheirateten älteren Dame. Er geht auf die Jagd und genießt die Liebe. Als seine Herrin stirbt, werfen ihn die Erben auf die Straße. Seine Schönheit, der Glanz seines Fells und auch seine Moral und sein Lebensmut schwinden dahin. Halb verhungert lässt er sich mit Menschen ein, um die er sonst einen Bogen gemacht hätte, so mit dem Stadthexenmeister Pineiß. Dieser braucht für seine Hexerei Katzenschmer und er schließt mit Spiegel einen Vertrag, ihn mit leckeren Speisen solange zu versorgen, bis er wieder rund und fett ist, unter der Bedingung, dass er ihm sein Fett überlässt, was seinen Tod bedeutet. Spiegel unterschreibt, nachdem der noch eine Aufschiebung des Schlachttags über den Zustand der Wohlbeleibtheit hinaus bis zum nächsten Vollmond ausgehandelt hat. Er zieht in das Haus des Hexenmeisters, wo ihm ein kleines Schlaraffenland eingerichtet wird. Durch das gute Futter kehren mit seinen Lebensgeistern auch Verstand und Sinn für Würde zurück, so dass er sich fragt, ob es die Sache wert ist, einen Vertrag abschließen, um „sein Leben noch eine Weile fristen zu lassen, um es dann um diesen Preis doch zu verlieren?“. Er beschließt das Schlaraffenland zu meiden, sich wieder den Anstrengungen der Jagd zu unterziehen und dabei schlank und geschmeidig zu bleiben.

Als der Hexenmeister bemerkt, dass sein Kater trotz guter Pflege nicht fett werden will, stellt er ihn zur Rede und erklärt ihn für schlachtreif. Als der Kater auf dem Dach des Hexenmeisterhauses über seine Zukunft nachdenkt, trifft er auf eine schneeweiße Katze, macht ihr den Hof und verwickelt sich in einen Kampf mit einem Nebenbuhler, aus dem er zerzaust und abgemagert hervorgeht. Außer sich vor Wut, sperrt ihn der Hexenmeister in einen Gänsestall, um ihn zu mästen. Im Käfig denkt sich Spiegel einen Plan aus, wie er dem Hexenmeister entkommen kann. Als der ihn zum Schlachten aus dem Käfig holt, gibt er sich reumütig, spinnt ihm Lügengeschichten vor, erwähnt einen Schatz von zehntausend Goldgülden aus dem Besitz seiner verstorbenen Herrin und malt dem Junggesellen ein Leben im Reichtum mit einer Ehefrau aus.

Spiegels Erzählung Seine selige Herrin war in ihrer Jugend ein schönes und wohlhabendes Fräulein, umworben von vielen, aber misstrauisch gegen jeden. Sie bildete sich nämlich ein, alle begehrten nur ihren Reichtum, keiner wolle sie allein wegen ihrer Schönheit und guten Sitten zur Frau. Um sich die Qual der Wahl zu erleichtern, verfiel sie darauf, die Uneigennützigkeit und Selbstlosigkeit ihrer Freier auf die Probe zu stellen, etwa indem sie sie zu großen Spenden für mildtätige Zwecke veranlasste. Doch vergeblich; denn nun zogen sich die ehrlichen Bewerber zurück und bald war sie nur noch von durchtriebenen Heiratsspekulanten umgeben.

Verzweifelt – so Spiegel – schloss sie ihr Haus und floh über den Gotthard nach Mailand, wo sie sich zum ersten Mal wirklich verliebte, und zwar in einen jungen Landsmann, der dort als Seidenhändler tätig war. Diesem schönen und reichen Jüngling und aufrichtigen Menschen zeigte sie so deutlich ihr Wohlgefallen, dass er in tiefer Liebe zu ihr entbrannte. Beglückt genoss sie das Gefühl, endlich um ihrer selbst willen geliebt zu werden.

Doch kaum hatte er seinen Mut zusammengenommen und ihr seine Liebe gestanden, überfiel sie das alte Misstrauen. Um seine Selbstlosigkeit zu prüfen, verbarg sie ihr Herz und stellte sich so, als ob sie einen anderen liebe. Mit diesem, erzählte sie dem Jüngling, sei sie verlobt und die Hochzeit schon anberaumt; doch gebe es neuerdings ein Hindernis, das ihr großen Kummer bereite: Ihr Bräutigam sei ein Kaufmann, aber so arm wie eine Maus; darum hätten sie den Plan gefasst, dass er aus den Mitteln der Braut einen Handel begründen solle. Ebendiese Mittel fehlten jetzt, da sie wegen eines Gerichtsprozesses nicht auf ihr Vermögen zugreifen könne. Auch sei ihr Verlobter bereits Verbindlichkeiten in Höhe von zehntausend Goldgülden eingegangen. So stehe seine Kaufmannsehre, ihrer beider Heirat und damit ihr ganzes Lebensglück auf dem Spiel.

mini|hochkant|Ein Reisläufer im seidenen Kriegskleid (um 1550) Der junge Mann erbleichte und glaubte ihr jedes Wort. Dann eilte er traurig auf den Handelsplatz, verkaufte sein eben gegründetes Geschäft, kehrte zu ihr zurück und bot ihr die erlösten zehntausend Goldgulden an. Sie dankte ihm überschwänglich, erklärte aber, sie werde das Opfer nur annehmen, wenn er ihr bei seiner ewigen Seligkeit schwöre, als Ehrengast und treuster Freund an ihrer Hochzeit teilzunehmen. Er flehte sie an, ihm dies zu erlassen, doch sie bestand darauf, wies sogar sein Gold zurück, sodass er endlich einwilligte. Darauf reiste sie hocherfreut heimwärts, schmückte ihr Haus und konnte den Tag, an dem ihr Liebster eintreffen sollte, kaum erwarten.

Doch er blieb aus. Denn er hatte sich von seinem letzten Stück Seide ein Kriegskleid machen lassen, war unter die Reisläufer gegangen und in der Schlacht bei Pavia tödlich verwundet worden. Sterbend sandte er ihr die Botschaft: „Betet nicht etwa für mich, schönstes Fräulein, denn ich kann und werde nie selig werden ohne Euch, sei es hier oder dort, und somit lebt glücklich und seid gegrüßt!“ Als sie dies vernahm, war sie vor Schmerz viele Tage wie von Sinnen, weinte und schrie, küsste und liebkoste die Goldstücke, „als ob der verlorene Geliebte darin zugegen wäre“. Dann raffte sie den Schatz zusammen, warf ihn in den Brunnen hinter ihrem Haus, und verfluchte ihn, damit ihn niemals mehr jemand anderes besitzen solle.

Ob das schöne Geld noch in dem Brunnen liege, möchte der Hexenmeister an dieser Stelle wissen. Spiegel bejaht, ergänzt jedoch: „[N]ur ich kann es herausbringen und habe es bis zur Stunde noch nicht getan!“ „Ei ja so, richtig!“ sagt Pineiß, „ich habe es ganz vergessen über deiner Geschichte! Du kannst nicht übel erzählen, du Sapperlöter! Und es ist mir ganz gelüstig worden nach einem Weibchen, die so für mich eingenommen wäre; aber sehr schön müsste sie sein! Doch erzähle jetzt schnell noch, wie die Sache eigentlich zusammenhängt!“ Spiegel kommt zum Schluss:

Auf ihrem Sterbebett bereute das Fräulein den Fluch und ordnete an, dass das Gold einer schönen, sittsamen, aber unbemittelten Jungfrau gehören solle, der es wegen ihrer Armut an Aussicht fehle, einen verständigen, rechtlichen und hübschen Mann zu bekommen, der sie aus reiner Liebe heirate.

Spiegel schließt seine Erzählung, das Fräulein habe ihn beauftragt, ein solches Paar zusammenzubringen, damit die Braut den Bräutigam am Hochzeitsmorgen mit einer Mitgift von zehntausend Goldgülden überraschen könne.

Der Vertrag wird gelöst Unverzüglich lässt sich Pineiß nun von Spiegel zum Brunnen führen, legt ihm dabei aber eine Schlinge um den Hals, damit er nicht entwischen kann. Und wirklich, im Schein einer Laterne funkelt unten das Gold. Er solle bloß nicht meinen, es einfach heraufholen zu können, warnt Spiegel den Hexenmeister: „[M]an würde Euch unfehlbar das Genick umdrehen; denn es ist nicht ganz geheuer in dem Brunnen.“ Doch diesen lockt inzwischen das in Aussicht stehende Weibchen fast noch mehr als das Gold. „Da wäre nun der Schatz!“ sagt Pineiß, „und hier wäre auch der Mann dazu; fehlt nur noch das bildschöne Weib! […] Ich meine, es fehlt nur noch diejenige, welche die Zehntausend als Mitgift bekommen soll, um mich damit zu überraschen am Hochzeitsmorgen.“ Er irre sich, meint Spiegel, das Weib habe er bereits ausgekundschaftet, nur an Freiern fehle es, denn heutzutage müsse „die Schönheit obenein vergoldet sein wie die Weihnachtsnüsse.“ Dann schildert er beredt und kundig den Luxus, welchen Mitgiftjäger mit erheiratetem Weibergut treiben. Pineiß wässert jetzt der Mund so sehr, dass er kaum noch an sich halten kann. Wütend zerrt er an der Schlinge: „Genug, du Plappermaul! Sag jetzt unverzüglich, wo sie ist, von der du weißt.“ Spiegel gibt ihm kaltblütig zu verstehen, dass der Handel allein durch seine Hand geht. Darauf wird Pineiß hellhörig und er diskutiert mit Spiegel: „Ich merke, du willst unseren Kontrakt aufheben und deinen Kopf salvieren!“ – „Schiene Euch das so uneben und unnatürlich?“ – „Du betrügst mich am Ende und belügst mich wie ein Schelm!“ – „Dies ist auch möglich!“ […] „Ich sage dir: betrüge mich nicht!“ […] „Gut, so betrüge ich Euch nicht!“ […] „Wenn du’s tust!“ – „So tu ichs.“ – „Quäle mich nicht, Spiegelchen!“

Es bedarf keiner langen Überredung mehr, bis der Hexenmeister tut, wie von Spiegel geheißen. Er löst die Schlinge, zieht den Vertrag hervor und legt ihn auf den Brunnenrand. Spiegel schnappt danach und verschlingt ihn. Dann verabschiedet er sich – Pineiß werde von ihm hören und solle sich einstweilen bereit machen, recht verliebt zu sein. Beim Weggehen freut Spiegel sich „über die Dummheit des Hexenmeisters, welcher glaubte, sich selbst und alle Welt betrügen zu können, indem er ja die gehoffte Braut nicht uneigennützig aus bloßer Liebe zur Schönheit ehelichen wollte, sondern den Umstand mit den zehntausend Goldgülden vorher wusste.“

Pineiß bekommt eine Hexe zur Frau Gegenüber dem Hexenmeisterhaus wohnt hinter sauber geweißter Fassade eine alte Beghine. Weiß sind auch ihre Fenstervorhänge, ihr Brusttuch und ihre Haube, unter welcher eine lange scharfe Nase und ein spitzes Kinn hervorsticht. Wenn sie sich auf der Gasse zeigt, laufen die Kinder furchtsam davon. Da sie täglich dreimal zur Kirche geht, steht sie im Ruf großer Frömmigkeit, aber selbst die Pfaffen vermeiden den Kontakt mit ihr. Ansonsten lässt sie die Leute in Ruhe; nur dem Hexenmeister wirft sie manchmal böse Blicke zu; dieser fürchtet sie wie das Feuer.

Auf der finstern Rückseite ihres Hauses, die nur Katzen und Vögel zu Gesicht bekommen, ragt unheimlich ein großer, rußiger Schornstein, aus dem bisweilen nachts eine Hexe in die Luft fährt, „jung und schön und splitternackt, wie Gott die Weiber geschaffen und der Teufel sie gern sieht“. Dorthin begibt sich nun Spiegel, um eine alte Bekannte aufzusuchen, eine Eule, die der Luftfahrerin den Wach- und Wetterdienst macht. Er erzählt der Eule, was geschehen ist und stellt ihr seinen Plan vor: „Der Mann muss seine Frau und seine Goldgülden haben!“ Auf den Einwand der Eule „Seid ihr von Sinnen, dem Schelm auch noch wohlzutun, der Euch das Fell abziehen wollte?“ erwidert Spiegel, das Wohltun werde sich in Grenzen halten, denn das Gold sei ein ererbtes ungerechtes Gut, welches seine frühere Herrin – eine schlichte Person und niemals in ihrem Leben verliebt – aus Furcht vor Unglück im Brunnen versenkt und verflucht habe. Was aber die Ehefrau betreffe, so wolle er Pineiß mit der Hexe verkuppeln. Ob die Eule nie daran gedacht habe, sich aus deren Bann zu lösen und wieder frei zu sein?

mini|hochkant|Ein Schnepfengarn, (Vogelfalle um 1500)