Der Prostatakrebs oder das Prostatakarzinom (PCa) ist eine bösartige Tumorerkrankung und geht vom Drüsengewebe der Vorsteherdrüse (Prostata) aus. In Deutschland ist das Prostatakarzinom beim Mann der häufigste bösartige Tumor und nach Lungenkrebs die häufigste Tumorlokalisation aller Krebssterbefälle.

Die Erkrankung ist im Frühstadium symptomlos. Im fortgeschrittenen Stadium können Beschwerden wie Blasenentleerungsstörungen, Knochenschmerzen und später Gewichtsverlust und Blutarmut auftreten. Wird die Diagnose erst gestellt, wenn bereits Symptome aufgetreten sind, hat häufig schon eine Metastasierung stattgefunden, vorrangig in die lokalen Lymphknoten oder in das Skelett (Knochenmetastasen).

Eine Behandlung mit Aussicht auf Heilung ist nur möglich, wenn das entartete Gewebe die Organgrenzen noch nicht überschritten hat und keine Metastasen vorliegen. Da es in der Regel erst bei fortgeschrittener Erkrankung zu Beschwerden kommt, wird in Deutschland eine regelmäßige Früherkennungsuntersuchung für Männer über 45 Jahren (ab dem 41. Lebensjahr für Männer mit positiver Familienanamnese) angeboten, um die Krebsdiagnose möglichst früh in einem noch heilbaren Stadium zu stellen.

Das Prostatakarzinom tritt überwiegend bei älteren Männern auf, die eine Symptomatik vielfach nicht mehr erleben würden. So hat sich seit zirka Anfang dieses Jahrtausends das »aktive Beobachten« (siehe unten) als brauchbares Konzept für Männer entwickelt, die sich (zumindest zunächst) keiner invasiven Therapie unterziehen möchten. Die Entscheidung zur Behandlung ist schwierig und vom Einzelfall abhängig. Therapeutische Optionen sind die Operation mit kompletter Entfernung der Prostata (Prostatektomie), die Strahlentherapie, die Hormontherapie und in manchen Fällen die Chemotherapie.

Prostatakrebs ist auch bei Tieren beschrieben; unter den Haustieren ist er beim Hund am häufigsten.

Die Prostata

Die Prostata oder Vorsteherdrüse ist eine akzessorische Geschlechtsdrüse aller männlichen Säugetiere einschließlich des Menschen. Sie liegt beim Menschen unterhalb der Harnblase und umkleidet die Harnröhre bis zum Beckenboden. Sie ähnelt in Größe und Form einer Kastanie. An ihrer Rückseite grenzt die Prostata an den Mastdarm (Rectum). Deswegen kann sie von dort aus mit dem Finger teilweise ertastet und eingeschränkt beurteilt werden. Aufgabe der Prostata ist die Abgabe eines Sekrets, das zusammen mit dem der Bläschendrüse, der Bulbourethraldrüse und den aus dem Hoden stammenden Samenzellen das Sperma bildet. Wachstum und Funktion der Vorsteherdrüse werden vorwiegend vom Geschlechtshormon Testosteron gesteuert.

Epidemiologie mini|hochkant|Verlauf der Sterblichkeit (Ordinate in Todesfälle pro 100.000 Einwohner) beim Prostatakrebs in Abhängigkeit vom Alter (Abszisse)

Das Prostatakarzinom ist in Deutschland die häufigste diagnostizierte Krebserkrankung des Mannes und steht nach dem Bronchialkarzinom an zweiter Stelle bei den krebsbedingten Todesursachen der Männer. Rund 25 Prozent aller bei Männern jährlich neu auftretenden Krebserkrankungen betreffen die Prostata. Das entspricht einer altersstandardisierten Inzidenzrate von etwa 99,1 auf 100.000 männliche Personen. Nach einer aktuellen Statistik erkrankten in Deutschland 2018 jährlich ca. 65.000 Männer neu an Prostatakrebs. Die beobachtbare, vermeintlich starke Zunahme in den letzten Jahrzehnten ist eher auf verbesserte diagnostische Methoden und eine allgemein höhere Lebenserwartung zurückzuführen als auf eine tatsächliche Zunahme der Fallzahlen. Jahr1980198519901995200020162018 Jährliche Neuerkrankungen in Deutschland16.80021.60027.50035.40044.80058.78065.200

Die jährliche Mortalität (Gesamtzahl der Todesfälle) liegt um 15.000. Nach einer Übersichtsstudie von 2015 stieg die Rate von „schlafendem“ (latentem) Prostatakrebs bei der Autopsie von Personen, die durch andere Ursachen gestorben waren, von 5 % in der Altersgruppe bis 30 Jahre auf 59 % in der Altersgruppe ab 80 Jahre.K. J. Bell, C. Del Mar, G. Wright, J. Dickinson, P. Glasziou: Prevalence of incidental prostate cancer: A systematic review of autopsy studies. In: International Journal of Cancer. Band 137, Nummer 7, Oktober 2015, S. 1749–1757, doi:10.1002/ijc.29538. PMID 25821151, (Review). Eine ähnliche Übersichtsstudie, ebenfalls von 2015, zeigte auf einer etwas abweichenden Datengrundlage denselben Trend.J. L. Jahn, E. L. Giovannucci, M. J. Stampfer: The high prevalence of undiagnosed prostate cancer at autopsy: implications for epidemiology and treatment of prostate cancer in the Prostate-specific Antigen-era. In: International Journal of Cancer, Dezember 2015, Band 137, Nummer 12, S. 2795–2802, doi:10.1002/ijc.29408. PMID 25557753, (Review).

Es gibt starke geographische und ethnische Unterschiede in der Häufigkeit: Männer schwarzafrikanischen Ursprungs haben die höchste Inzidenzrate, am niedrigsten ist sie bei Asiaten. Auszüge aus nationalen Krebsregistern aus der Zeit bis 1980 erbrachten, dass die altersstandardisierte Erkrankungsrate mit etwa 100/100.000 Personen in Deutschland und Österreich in den letzten 20 Jahren relativ stabil war, sie aber in vielen europäischen Ländern auf das 2 bis 3-fache angestiegen war, namentlich in Litauen um das Achtfache. Im gleichen Zeitraum nahm die Mortalität in den meisten europäischen Ländern (außer in einigen osteuropäischen Ländern) langsam ab und lag im Mittel zwischen 23 und 35 pro 100.000 Personen. Die Autoren der Analyse führen diesen Anstieg der Inzidenz auf eine Überdiagnostik durch ein anlassloses PSA-Screening zurück.

Die Daten für die weltweiten Erkrankungsraten sind nicht zuverlässig, da sie zum Teil auf Schätzungen beruhen und die diagnostischen Möglichkeiten in den einzelnen Regionen sehr differieren. Die auf Daten der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) beruhende Erhebung GLOBOCAN gibt für das Jahr 2002 insgesamt knapp 680.000 Neuerkrankungen und etwa 220.000 Todesfälle an. Hiernach ist die jährliche Inzidenzrate in Zentralasien mit weniger als 3/100.000 Einwohnern am niedrigsten, die höchste ist auf dem nordamerikanischen Kontinent mit über 160/100.000 Einwohnern zu verzeichnen.GLOBOCAN – Estimated cancer Incidence, Mortality, Prevalence and Disability-adjusted life years (DALYs). International Agency for Research on Cancer, Datenbankabfragen.

Risikofaktoren und protektive Faktoren

Alter Der wichtigste Risikofaktor ist das Alter. Das zeigen epidemiologische Untersuchungen des Zentrums für Krebsregisterdaten. In der Altersgruppe 45–49 Jahre kommt es in Deutschland bei 100.000 Männern zu 17,3 Neuerkrankungen pro Jahr. In der Altersgruppe 70–74 Jahre sind es 653,7.

Genetik Die Ursache der Erkrankung ist bisher weitgehend unbekannt. Die genetische Disposition spielt bei der Entstehung der Erkrankung eine Rolle (familiäre Häufung). Daher gelten Männer, deren Väter oder Brüder Prostatakrebs hatten, als Risikopatienten mit etwa doppeltem Erkrankungsrisiko.G. D. Steinberg et al.: Family history and the risk of prostate cancer. In: The Prostate. Band 17, Nummer 4, 1990, S. 337–347. PMID 2251225. Das gilt insbesondere, wenn die Vorerkrankten bereits in jungen Jahren betroffen waren. Nun konnte auch in einer Studie gezeigt werden, dass dem beim jungen Mann auftretenden Adenokarzinom der Prostata eine andere Pathophysiologie zugrunde liegt. Es zeigte sich, dass der testosteronbindende Androgenrezeptor eine erhöhte Aktivität aufweist, wodurch eine ganze Reihe von Genen verändert und die Entstehung eines Karzinoms erleichtert wird.A. F. Olumi: Commentary on „integrative genomic analyses reveal an androgen-driven somatic alteration landscape in early-onset prostate cancer.“; Genome Biology Unit, European Molecular Biology Laboratory (EMBL), Heidelberg, Germany.: Cancer Cell 23(2), 2013, S. 159–70. In: Urologic oncology. Band 32, Nummer 2, Februar 2014, S. 212, doi:10.1016/j.urolonc.2013.08.018. PMID 24445294. Männer mit familiärem Risiko sollen ab 45 Jahren, Männer mit pathologischen Genvarianten sollen ab dem Alter von 40 Jahren auf eine Frühuntersuchung angesprochen werden.

Lebensweise Die Leitlinienautoren sahen 2025 keine eindeutigen Belege für eine Beeinflussung des Risikos speziell für Prostatakrebs durch die Ernährung. Vielmehr wird eine allgemein gesunde Lebensführung empfohlen. Man unterstützt die Punkte, die auch in der US-amerikanischen Leitlinie aufgeführt werden:

normales Körpergewicht (Vermeiden einer Adipositas) körperliche Aktivität (mindestens 30 Minuten am Tag, 5 Mal pro Woche) gesunde Ernährung mit Schwerpunkt auf pflanzlicher Kost, wenig rotes Fleisch wenig Alkohol (maximal 2 Drinks pro Tag)

Diese Empfehlung erfolgt in dem Bewusstsein, dass eine Lebensführung, die das Risiko für das Prostatakarzinom senken soll, auch das gesundheitliche Gesamtrisiko senken soll. Für weitere Ernährungsempfehlungen reicht die Datenlage nicht aus.

Es konnten keine Hinweise darauf gefunden werden, dass die Sterilisation (Vasektomie) das Erkrankungsrisiko erhöht.M. A. Khan, A. W. Partin: Vasectomy and prostate cancer. In: Reviews in urology. Band 6, Nummer 1, 2004, S. 46–47. PMID 16985574. .

Nach einer 2003 veröffentlichten Studie soll häufiges Ejakulieren in jüngeren Jahren das Erkrankungsrisiko senken.G. G. Giles et al.: Sexual factors and prostate cancer. In: BJU International. 92, 2003, S. 211–216. PMID 12887469. doi:10.1046/j.1464-410X.2003.04319.x Australische Wissenschaftler verglichen Daten zu Sexualpraktiken von 1079 Prostatakrebs-Patienten mit denen von 1259 gesunden Männern im Alter zwischen 20 und 50 Jahren. Ihr Ergebnis: Zwanzigjährige, die öfter als viermal pro Woche ejakulieren, senken ihr Risiko für Prostatakrebs um ein Drittel. Methodisch ist hierbei das Ursache-Wirkungs-Verhältnis nicht geklärt; es könnte sein, dass Männer mit einem gesunden, leistungsfähigen Genitaltrakt öfter ejakulieren und die Gesundheit der Genitalien die eigentliche Ursache ist, weshalb sie später auch nicht so häufig erkranken. Im Gegensatz dazu hatten frühere Studien häufige Sexualkontakte mit einem deutlich erhöhten Risiko für Prostatakrebs in Zusammenhang gebracht. Dies könnte jedoch, nach Ansicht der australischen Forscher, durch die höhere Infektionsgefahr bedingt sein. Betrachtet man die Zahl der Ejakulationen insgesamt, so hätten diese einen schützenden Effekt, weil durch die häufige Bildung von Samenflüssigkeit krebserregende Substanzen aus der Prostata herausgeschwemmt werden. Auch würden die Prostatazellen auf diese Art zum Ausreifen angeregt, was sie für Karzinogene weniger anfällig machen könnte. Eine 2016 veröffentlichte Studie (Datenbasis über 30.000 Männer) zieht ebenfalls den Schluss, dass das Erkrankungsrisiko mit steigender Ejakulationsfrequenz sinkt. Die Autoren räumen aber auch ein, dass sexuell aktive Männer möglicherweise seltener zu Vorsorgeuntersuchungen gehen, so dass potentielle Erkrankungen in dieser Untersuchungsgruppe häufiger unentdeckt bleiben. Für ein gesenktes Erkrankungsrisiko werden verschiedene physiologische Gründe vorgeschlagen. So kann häufiges Ejakulieren die Funktion und Teilungsgeschwindigkeit der randständigen Epithelzellen beeinflussen, so dass eine frühe Tumorgenese behindert wird.

Testosteronbehandlung Man kann davon ausgehen, dass eine Behandlung mit Testosteron ein vorbestehendes Prostatakarzinom im Wachstum beschleunigt. Deshalb soll vor einer Testosteronbehandlung ein Prostatakarzinom mittels PSA-Wertbestimmung und digital-rektaler Untersuchung ausgeschlossen werden.

Molekularbiologische Aspekte des Prostatakarzinoms