Rißtissen ist ein Teilort der Großen Kreisstadt Ehingen (Donau) im Alb-Donau-Kreis in Baden-Württemberg. Der Ort wurde im Jahr 1975 nach Ehingen eingemeindet. Ortsvorsteherin ist Dagmar Jöchle-Leutz (Stand: 2024).
Geographie Lage Das Straßendorf Rißtissen ist ein ostsüdöstlicher Stadtteil von Ehingen an der Donau. Es befindet sich knapp zwei Kilometer südlich der Mündung der Riß in die von Südwesten kommende Donau. Rißtissen, das auf 490 bis liegt, erstreckt sich über eine Fläche von 12,1 km² und beheimatet 1225 Einwohner.
Nachbargemeinden Rißtissen ist eine Exklave des Ehinger Stadtgebiets, zehn Kilometer östlich des Stadtkerns gelegen, und grenzt (im Uhrzeigersinn, beginnend im Westen) an die Gemeinden Griesingen, Öpfingen, die Stadt Erbach (alle Alb-Donau-Kreis), Achstetten und die Stadt Laupheim (Landkreis Biberach).
Geschichte Antike Kastell Rißtissen Rißtissen war in der zweiten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts ein kleiner Standort des römischen Militärs unmittelbar südlich der oberen Donau (lat. Danubius), die zu dieser Zeit die römische Grenze bildete. Das römische Kastell Rißtissen lag zwischen den Nachbarkastellen Emerkingen im Westen und Unterkirchberg im Osten auf einem flachen Hügel und nur 50 Meter nördlich der römischen Donausüdstraße, die in der Nähe die Riß überquerte. Heute befinden sich an der Stelle des Römerkastells die Schule und der weithin sichtbare Wasserturm. Die obere Donau begrenzte vom Jahre 15 vor Christus bis etwa 100 n. Chr. in diesem Abschnitt das römische Reich und zugleich die Provinz Rätien im Norden. Das befestigte Militärlager wurde in einem Zuge mit dem Bau der Donausüdstraße 45 n. Chr. errichtet. Es sollte den Rißübergang der Straße und die nahe Donaugrenze sichern.
Donausüdstraße Vor dem Bau der Donausüdstraße wurde der militärische und zivile Verkehr von der aufstrebenden, künftigen Provinzhauptstadt Augsburg (Augusta Vindelicorum) zu den Legionslagern Straßburg (Argentoratum) und Mainz (Mogontiacum) ausschließlich über die heute so genannte Allgäustraße abgewickelt. Die Streckenführung dieser Straße war für den Verkehr von Augsburg nach Mainz ungünstig. Sie führte von Augsburg über Kempten (Cambodunum), Bregenz (Brigantium), Basel und Straßburg nach Mainz. Nach dem Jahr 45 übernahm die neue, gut ausgebaute Donausüdstraße auf der kürzeren Streckenführung von Augsburg über Günzburg (Guntia), Rißtissen, Hüfingen (Brigobannis), Windisch (Vindonissa), Basel und Straßburg nach Mainz einen großen Teil des wachsenden Verkehrs. Das Verkehrsaufkommen dieser neuen Straße sollte nicht unterschätzt werden, denn schließlich gab es damals nördlich des Hochrheins und des Bodensees keine vergleichbar ausgebaute und kürzere Ost-West-Verbindung zwischen den militärischen und wirtschaftlichen Schwerpunkten der römischen Provinzen nördlich der Alpen.
Der Ortsname zu Zeiten der Römer mini|Ausschnitt aus der für Rißtissen interessanten Karte des Ptolemäus nach Gerhard Mercator, Köln 1584
Es bleibt ungeklärt, wie das Kastell von den Römern genannt wurde. Die Spekulationen richten sich hauptsächlich auf die von dem römischen Geographen Ptolemäus im zweiten Jahrhundert n. Chr. in seinem Buch Geographike Hyphegesis erwähnten Ortsnamen Riusiava, Viana und Febianis. Ptolemaeus zählt in seinem erwähnten Werk in Buch II „Germania“, Kapitel 10, von Westen nach Osten, also vom oberen Rhein bis ins heutige Österreich, eine Reihe von 19 entlang der Donau gelegenen Ortschaften auf. Diese Aufzählung beginnt im Westen mit Kirchzarten (Tarodonum) und führt in östlicher Richtung über Rottweil (Arae Flaviae) an dritter Stelle zu einem Ort mit Namen Riusiavu. Östlich von Riusiavu lokalisiert Ptolemaeus einen Ort mit der Bezeichnung „Viana“. Einige Historiker glauben, dass mit der Bezeichnung Riusiavu Rißtissen gemeint sein könnte.
Sie berufen sich dabei auf Knorr, der 1932 in der Fachzeitschrift „Germania“ einen Artikel Rißtissen, das Riusiava des Ptolemäus geschrieben hat.Knorr, Germania 16, 1932; de Gruyter, Berlin, S. 143 f.Oscar Paret: Württemberg in vor- und frühgeschichtlicher Zeit. Kohlhammer, Stuttgart 1961, S. 402. Knorr argumentierte, die Donaukastelle seien in der Regel nach den den Kastellen benachbarten Nebenflüssen der Donau benannt worden. Er verwies beispielsweise auf das Kastell Hüfingen (Brigobannis), das westlichste der Donaukastelle. Brigobannis wurde von den Römern nach dem nahen Fluss Breg benannt. Das Kastell Günzburg (Guntia) heißt nach dem Fluss Günz, das Kastell Unterkirchberg habe nach dem an der Garnison vorbeifließenden Flüsschen Weihung (lateinisch: Viana) Viana geheißen. Wenn das Römerkastell in Unterkirchberg Viana geheißen habe, dann müsse Rißtissen – nach der Reihenfolge der Ortsnamen in der Aufzählung des Ptolemäus – Riusiavu gewesen sein.
Die neuere Forschungen lehnen diese These zum Teil ab. So haben zuerst Rolf Nierhaus,Zu den topografischen Angaben in der Geographie des Klaudios Ptolemaios über das heutige Süddeutschland. Fundberichte aus Baden-Württemberg, Stuttgart 1981, S. 475ff, doi:10.11588/fbbw.1981.0.26395. und in der Folge Thomas KnopfDer Heidengraben bei Grabenstätten, Band 141 der Reihe Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie, Bonn 2007, S. 119. Riusiava in die nördlich der Donau gelegene keltische Großsiedlung Heidengraben bei Grabenstetten verlegt. Die Wissenschaftler argumentieren, Riusiava werde im 10. Kapitel des 2. Buchs der Geographike Hyphegesis genannt. Dieses 10. Kapitel ist Germanien (Germania Magna) geweiht. Der südlich der Donau gelegenen römischen Provinz Rätien habe Ptolemäus im gleichen Buch das 11. Kapitel gewidmet. Riusiava wird nur im 10. Kapitel und nicht im 11. Kapitel, das Raetien beschreibt erwähnt. Damit müsse Riusiava wie Rottweil (= Arae Flaviae) nördlich der Donau im damaligen Germanien (Germania Magna) gelegen haben. Das damals rätische, südlich der Donau gelegene Rißtissen könne deshalb nicht Riusiavu gewesen sein. Die Prähistorikerin und Archäologin Sabine Rieckhoff hat 2005 diese These abgelehnt. Sie stellt fest, dass die „althistorisch-philologisch orientierte Forschung“ an der Gleichsetzung von Riusiava mit Heidengraben „entgegen dem archäologischen Befund“ festhalte. Der Mythos Riusiava sei inzwischen fester Bestandteil einer Literatur geworden, „die archäologische Befunde negiert“. Raetien habe zu Lebzeiten des Ptolemäus um 150 nach Christus nach Norden bis zum Limes über die Donau hinausgereicht. Auch das nördlich der Donau gelegene Rottweil habe sich nicht im freien Germanien (Germania magna), sondern in der römischen Provinz Germania Superior befunden.Sabine Rieckhoff: Wo sind sie geblieben? – Zur archäologischen Evidenz der Kelten in Süddeutschland im 1. Jahrhundert v. Chr. In: Kelten-Einfälle an der Donau. Akten des Vierten Symposiums deutschsprachiger Keltologinnen und Keltologen. Linz/Donau, 17.-21. Juli 2005. Konrad Spindler (1939–2005) zum Gedenken. Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften, ISBN 3-7001-3670-6, S. 429. Einer Gleichsetzung von Riusiava. mit Rißtissen hat Rieckhoff nicht das Wort gesprochen. Auch bei der Beschreibung anderer ehemals römischer Vici (Dörfern) wird versucht, einen Zusammenhang zum sagenhaften Riusiavu des Ptolemaeus herzustellen (vgl. diesbezügliche Ausführungen unter Vicus von Eriskirch).
Wie oben erwähnt ist in der älteren Forschung der Kastellplatz von Illerkirchberg immer wieder mit den antiken Namen Viana, Phaeniana oder Febianis in Verbindung gebracht worden. Aufgrund jüngerer Funde, durch die der Name Phaeniana aber recht eindeutig dem Ort Faimingen zugewiesen werden konnte, dürfte zumindest dieser Name für Spekulationen im Zusammenhang mit diesem Kastell nicht mehr zur Verfügung stehen.Gerhard Weber: Faimingen. Stadt Launingen/Donau, Lkr. Dillingen a. d. Donau, Schw. In Thomas Fischer und Günter Ulbert: Der Limes in Bayern. Von Dinkelsbühl bis Eining. Theiss, Stuttgart 1983, ISBN 3-8062-0351-2, S. 441 ff., insbesondere S. 443 f.Gundelfingen auf der Webpräsenz des „Donautal-Aktiv e. V.“
Historisch belegbar ist der Name „Tussa“ für Rißtissen seit dem Jahr 838. Der Ortsname Tussa oder Tissa wurde sehr viel später, um Verwechslungen zu vermeiden, um den Namen des benachbarten Flusses Riß als Präfix erweitert. In der Umgebung gab es ein Tissen an der Iller (heute Illertissen) und ein Tissen bei Saulgau (heute Groß- und Kleintissen, Ortsteile von Bad Saulgau). In der örtlichen, schwäbischen Umgangssprache wird Rißtissen noch heute als „Dissa“ und werden die Rißtisser als „Dissemer“ bezeichnet.
Römische Nachfolgesiedlung Während der sorgfältigen logistischen Vorbereitung der Dakerkriege durch Kaiser Trajan erlebte der Rißtissener Vicus um die Jahrhundertwende zum 2. Jahrhundert eine zweite Blüte.Martin Kemkes: Das Kastell Rißtissen und die militärische Sicherung der Donau im 1. Jahrhundert (1996, s. #Literatur), S. 9 ff. Spätestens 105, nach dem Ende der Dakerkriege, wurde das Kastell als militärischer Stützpunkt aufgegeben. Die Räumung bedeutete jedoch nicht das Ende der zivilen Siedlung. Sie hatte ausreichend Eigendynamik, um sich an der Kreuzung zweier Handelsstraßen zu behaupten und zu entwickeln. Die westöstliche Donausüdstraße kreuzte sich hier mit einer von Süden von Bregenz (Brigantium) kommenden Straße (vgl. Bundesstraße 30 Geschichte), der „Schussenrißtalstraße“. Die Schussenrißtalstraße mündete in Rißtissen möglicherweise in die nach Nordwesten führende römische „Enz-Donau-Straße“, die nach einer nicht dokumentierten Hypothese schon im ersten Jahrhundert über Nasgenstadt (Donauübergang) und Münsingen nach Pforzheim führte und dort Anschluss an eine Straße nach Baden-Baden hatte. Es erscheint wegen der kurzen Entfernung und des Bedürfnisses einer Anbindung an das vorhandene und ausgebaute Straßensystem südlich der Donau wahrscheinlich, dass es ab Anfang des 2. Jahrhunderts auch eine direkte Straßenverbindung von den Kastellen am Obergermanisch-Raetischen Limes zu dem römischen Vorgängerort Rißtissens gab. Die von Rißtissen nach Süden zum Bodensee führende Schussen-Riß-Straße war ursprünglich, um die Mitte des 1. Jahrhunderts, aus militärischen Überlegungen als rückwärtige Kommunikations- und Nachschublinie sowie als möglicher Rückzugs- und Fluchtweg für die Besatzungen der Donaukastelle Rißtissen, Emerkingen und Ennetach angelegt worden. Mit Beginn des 2. Jahrhunderts wurde die Schussen-Riß-Straße mit ihrer ab Rißtissen vermuteten Verlängerung nach Norden zur kürzesten Verbindung vom westlichen rätischen Limes über Rißtissen, Bregenz, Chur (Curia) und den Septimerpass in das zentrale Oberitalien. Um 99 n. Chr. wurde diese Straße, die vermutlich schon bei den Kelten als Naturweg bestand, zur winterfesten, befahrbaren und begradigten Römerstraße ausgebaut.