mini|hochkant=2|Reichstagswahlergebnis Landkreis Dieburg 5. März 1933Daten aus: Verein zur Bewahrung der Groß-Umstädter Synagoge, „Groß-Umstadt – Zur Geschichte der Juden und ihrer Synagoge“, Groß-Umstadt, 1988, S. 84. Dieburg war, im Gegensatz zu seinen Nachbarorten, Groß-Umstadt und Babenhausen, in denen die NSDAP bei der Reichstagswahl 1933 über 60 Prozent erlangte, keine vom Grunde her nationalsozialistische Stadt. Durch die starke Bindung zum Bistum Mainz, historisch zu Kurmainz, erfuhr die Kreisstadt eine katholische Prägung. So entschieden sich die Wähler in Dieburg bei der Reichstagswahl 1933 mit 41 Prozent mehrheitlich für die Zentrumspartei, doch auch in Dieburg übernahmen die Nationalsozialisten, wie im gesamten Deutschen Reich, 1933 die Macht.

Politik Vorkriegszeit In Dieburg spielten die Nationalsozialisten bis zur Machtergreifung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 kaum eine Rolle. Der einzige öffentlich Auftritt der Nationalsozialisten fand bis dahin in einem Lokal mit dem Namen „Zur Traube“ in der Zuckerstraße statt, welche im Volksmund schnell als „braunes Haus“ bekannt wurde. Heute befindet sich an diesem Ort eine Drogerie.hps, „Was sollten wir denn gegen die Nazis machen?“, Dieburg.

Bei der letzten Gemeindewahl am 17. November 1929 traten sie nicht an. Auf die Zentrumspartei entfielen 9 von 18 Sitzen, 4 auf die SPD, 2 auf die Deutsche Demokratische Partei, 2 Sitze auf die Bürgerliche Vereinigung und 1 Sitz auf die KPD. Die KPD erlangte infolge der hohen Arbeitslosigkeit, ausgelöst durch die Weltwirtschaftskrise 1929, erstmals einen Sitz im Gemeinderat.hps, „Fahnen und Führerbilder an allen öffentlichen Gebäuden“, Dieburg. In den Jahren kurz vor dem Nationalsozialismus wird von großer Not in Dieburg berichtet. 700 Dieburger waren ohne Arbeit. Die Stadt war in Geldnöten, doch versuchte sie durch verschiedene in Auftrag gegebene Aufträge, hauptsächlich Straßenbau, und Hilfszahlungen die Arbeitslosigkeit zu lindern. Ab dem Mai 1930 zahlte die Stadt den Arbeitslosen sogar die Krankenversicherungsbeiträge. Im Gemeinderat gab es starke Auseinandersetzungen mit dem KPD-Mitglied. Die Gemeinderatssitzungen fanden große Beachtung.Adi Simon, Dieburg – Beiträge zur Geschichte einer Stadt, Dieburg, 1977, S. 167–169.

Die Reichstagswahl am 5. März 1933 erbrachte Hitler einen großen Wahlerfolg im Deutschen Reich. Schon zwei Tage nach dieser Wahl, am 7. März besetzten SA und SS früh morgens alle öffentlichen Gebäude der Stadt und hissten Hakenkreuzfahnen. Die Schlüssel mussten übergeben werden. Dem 1. Stadtverordnetenbeisitzer Heinrich Knapp, durch Krankheit von Bürgermeister Wick stellvertretender Bürgermeister, wurde der Zugang zum Rathaus verwehrt. Nach Abzug der Wachen am 9. März durfte er sein Amt wieder ausüben, wurde jedoch von den Nazis terrorisiert. Am 10. März um 4:30 Uhr durchsuchte ein 25 Mann starker Sturmtrupp sein Haus. Es wurde zwar nichts Verdächtiges gefunden, er wurde jedoch am nächsten Tag beurlaubt. Schon am 9. März wurden die ersten Straßen umbenannt.

Um auch in den kommunalen Körperschaften die absolute Macht zu erhalten, erließ die Reichsregierung am 31. März das „Gleichschaltungsgesetz“. Nach § 12 dieses Gesetzes waren die gemeindlichen Selbstverwaltungskörper aufzulösen und gemäß den bei der Reichstagswahl vom 5. März im Gebiet der Wahlkörperschaft abgegebenen Stimmen neu zu bilden. Der Gemeindewahlkommissar forderte die lokalen Parteien am 5. März 1933 auf, ihre Wahlvorschläge bis zum 18. April abzugeben.Stadtarchiv Dieburg, A 1284, Gemeindevertretung während der NS-Zeit, 1933.

Am 5. Mai fand sich der so gebildete Gemeinderat erstmals zusammen. Er bestand aus acht Mitgliedern der Zentrumspartei, vier der NSDAP und drei der SPD. Die drei Mitglieder der KPD waren bereits von der Sitzung ausgeschlossen. Schon im Vorfeld wurden von Mitgliedern der NSDAP im Sitzungssaal Hakenkreuzfahnen und ein Hitlerporträt aufgehängt. Während Bürgermeister Wick, Mitglied des Zentrums, die Sitzung eröffnete, wurde der Saal von SA-Männern gestürmt. Einige Personen aus dem Publikum wurden aus dem Sitzungssaal hinausgeworfen. Die Nationalsozialisten stellten unter der Führung des NSDAP-Kreisvorsitzenden Franz Burkart den Antrag, einen Beamten zu suspendieren, der Wick sehr nahestand. Dies wurde abgelehnt. Der Beamte wurde zum Schriftführer der Sitzung ernannt. Wenige Tage später wurde er dann jedoch aus dem Rathaus entlassen und die neuen Ratsherren wurden verpflichtet. Bürgermeister Wick dankte in seiner Rede den alten Ratsherren, mit Ausnahme des KPD-Mitglieds, und all denen, „die mit dazu beigetragen haben, Deutschland und somit auch Dieburg vom Bolschewismus zu befreien“. Im Folgenden wurden die Ratsausschüsse gebildet. Am Ende der Sitzung beschloss der Rat auf Antrag von Burkart einstimmig, Adolf Hitler zum Ehrenbürger Dieburgs zu ernennen.hps, „Rausschmisse bei der ersten Raatssitzung“, Dieburg.

Am 23. Juli wurde die SPD per Verfügung der Reichsregierung aufgelöst. Ihre Gemeinderatsmitglieder in Dieburg durften den Sitzungen nicht mehr beiwohnen. Das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 sicherte den Nazis durch eine Verfassungsänderung, mit der Zustimmung des Zentrums, die absolute Macht im Reich zu. Nach der Selbstauflösung der Zentrumspartei am 5. Juli bestand der Dieburger Gemeinderat nur noch aus Mitgliedern der NSDAP. Am 10. Juli wurde Bürgermeister Wick seines Amtes enthoben. Franz Burkart wurde zum kommissarischen Bürgermeister ernannt.

Im Jahre 1937 wurde die zuvor nur ehrenamtlich besetzte Bürgermeisterstelle in Dieburg hauptamtlich besetzt. Mit „Rücksicht auf das Ansehen der Stadt Dieburg als Kreisstadt“ und „auf die mit dem Amt des Bürgermeisters verbundenen Mehrarbeit infolge der Verwaltung eines Elektrizitätswerks, sowie eines Schlachthofes und nicht zuletzt eines 5000 Morgen großen Waldes“ wurde am 26. Mai 1937 Burkart durch Regierungsrat Walter als hauptamtlicher Bürgermeister eingeführt. Dazu wurde die Hauptsatzung am 23. Februar geändert. Burkart wurde für 12 Jahre eingestellt.Stadtarchiv Dieburg, A 2133 und A 2134 Erlaß der Hauptsatzung, 1937.

Doch schon im Jahre 1938 übernahm der 2. Beigeordnete Rödler, ehemals Zentrum, die Bürgermeistergeschäfte bis ins Jahr 1940, weil Bürgermeister Burkart und der 1. Beigeordnete Reiß suspendiert wurden. Am 3. Februar 1940 wurde das Bürgermeisteramt von Peter Diehl, welcher vorher Bürgermeister in Gernsheim war, übernommen. Burkart übernahm das Bürgermeisteramt in Gernsheim.Adi Simon, Dieburg – Beiträge zur Geschichte einer Stadt, Dieburg, 1977, S. 172.

Zweiter Weltkrieg Der Zweite Weltkrieg begann mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939. Der Großteil der männlichen Bevölkerung wurde zum Kriegsdienst verpflichtet. Im Oktober 1944 fielen erstmals Bomben auf das Dieburger Stadtgebiet. Nach massiven Luftangriffen, in denen viele Menschen starben, darunter auch Kinder, und viele Gebäude, auch die Dieburger Stadtkirche, große Schäden erlitten hatten, wurde Dieburg am Palmsonntag, dem 25. März 1945 von US-Truppen besetzt. Offenbar wurde mit massivem Widerstand gerechnet. In der Nacht wurde jedoch gemeldet, dass die Stadt nicht verteidigt werden sollte. Um 7:00 Uhr griffen amerikanische Bomber die Stadt mit Spreng- und Phosphorbomben, sowie den Bordwaffen an. Nur eine kleine Gruppe der Hitlerjugend unter der Führung eines Majors leistete Widerstand gegen die sich aus Südwesten nähernden amerikanischen Streitkräfte. Gegen 10:00 Uhr wurde Dieburg für 20 Minuten von Panzern und Geschützen bombardiert. Als die französischen Kriegsgefangenen, die im Konvikt als Sanitäter im dort eingerichteten Offiziers-Kriegsgefangenen-Lazarett dienten, weiße Tücher schwenkten und die Amerikaner anschließend überzeugten, dass in Dieburg mit keinem starken Widerstand zu rechnen sei, stellten diese den Artilleriebeschuss ein. An diesem Tag starben in Dieburg neben etlichen Wehrmachtssoldaten 24 Menschen. Viele Gebäude und Straßen wurden zerstört. Nachdem Dieburg eingenommen worden war, begannen die Amerikaner mit der Übernahme des Munageländes nordwestlich von Dieburg. Gegen 16:00 Uhr nahmen sie Münster ein.Adi Simon, Dieburg – Beiträge zur Geschichte einer Stadt, Dieburg, 1977, S. 175–179.

Stadtwappen mini|Stadtwappen Dieburg Das Dieburger Stadtwappen zeigt Martin von Tours. Dieser Wappenheilige lässt sich auf das Siegel aus den Jahren 1421 und 1538 zurückführen.Jakob Ebersmann, „Dieburger Siegel“ Für eine stark katholisch geprägte Stadt ist es normal, dass das Stadtwappen einen Heiligen zeigt.

Der in der Zeit des Nationalsozialismus regierende Bürgermeister Peter Diehl änderte das Stadtwappen jedoch. Er verwendete statt Martin von Tours den mutmaßlichen Stadtgründer Heinrich von Dieburg als Wappensymbol. Die Verwendung des Martinus wurde als untaugliche Notlösung bezeichnet und erklärt: „Einmal muss der Entschluss zur Annahme des richtigen, altehrwürdigen Wappens (des Gründers) gefasst werden und diese Gelegenheit ist jetzt gegeben!“.Stadtarchiv Dieburg, Valentin Karst, Betr.: Ortswappen und der durch Kriegseinwirkung vernichteten Akten, Dieburg, 5. Dezember 1955.

Der Hessische Minister des Innern hat der Stadt Dieburg im Jahre 1952 die Genehmigung erteilt, das ursprüngliche Stadtwappen zu führen.

Straßenumbenennungen Einige Beispiele von Umbenennungen von Straßen in der Zeit des Nationalsozialismus: Groß-Umstädter Straße: Adolf-Hitler-Straße, soll auch mal Ernst-Ludwig-Str. geheißen haben; Häuser um 1900. Hinter der Schießmauer: in Jahnstraße Klosterstraße: in Memelstraße umbenannt Leuschner-Straße: in Horst-Wessel-Straße Marienplatz: 1929 neu gestaltet, Madonna aus Muschelkalk von Adam Winter, auf Säule, Brunnen, Häuser um 1900, Abb.: Schmidt, Dbg., Bilder zur * Geschichte einer Stadt Nr. 69, 70, in Jakob-Sprenger-Platz umbenannt. Marienstraße: Häuser um 1900: int Hermann-Göring-Str. Zuckerstraße: in Straße der SA Minnefelder Seestraße: in Hindenburgstraße Quelle: Monika Rohde-Reith, Stadtarchiv Dieburg, Straßenbenennung in NS-Zeit.doc

Judentum Die erste urkundliche Erwähnung eines Juden in Dieburg lässt sich nach dem heutigen Forschungsstand auf das Jahr 1328 zurückführen. Ab diesem Zeitpunkt finden sich kontinuierlich Erwähnungen über jüdisches Leben in Dieburg. Im Jahre 1349, zur Zeit des schwarzen Todes, wurde die jüdische Gemeinde in Dieburg durch die damalige Judenverfolgung und die Pest fast völlig ausgelöscht.Günter Keim, „Beiträge zur Geschichte der Juden in Dieburg“, S. 8–9. Der jüdische Friedhof wurde erstmals 1530 erwähnt. Er wurde von allen jüdischen Gemeinden in der näheren Umgebung als Begräbnisstätte verwendet. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Grabsteine abgeräumt und in einer Treppe verbaut, nach 1945 wurden diese zurückgeführt. Die erste Synagoge wurde in Dieburg am 5. Februar 1869 eingeweiht.hps, „Das Ende der jüdischen Gemeinde in Dieburg“, Dieburg. Da diese verfiel, baute man eine neue Synagoge, die am 7. Juni 1929 feierlich eingeweiht wurde. Der Entwurf stammte von Emanuel Josef Margold. Das Holz für ihren Bau spendete die Stadt Dieburg. Bürgermeister Wick und auch die Pfarrer der katholischen und evangelischen Kirche kamen zur Einweihung.Günter Keim, „Beiträge zur Geschichte der Juden in Dieburg“, S. 163. 1910 lebten 175 Juden in Dieburg, 1933 waren es 150, anderen Quellen zufolge sogar 300. Das Zusammenleben mit den Juden verlief bis in das Jahr 1933 in Dieburg sehr friedlich. Die verschiedenen Religionsgemeinschaften zeigten große Toleranz zueinander.

Der sogenannte Judenboykott am 1. April 1933 war die erste antijüdische Aktion in Dieburg. Die jüdischen Geschäfte wurden von den Nationalsozialisten plakatiert. Ob es auch in Dieburg SA-Posten gab, ist nicht bekannt. Da an diesem Tag Schabbes war, waren die jüdischen Geschäfte sowieso geschlossen.