mini|links|Dörfer mit wotischsprachiger Bevölkerung 1943 (rot), 1915 (rot & violett) und 1848 (rot, violett & dunkelgelb) neben ischorischen (ingrischen) Dörfern 1943 (blau) und finnischen Dörfern 1943 (grün) in der Oblast Leningrad, Kingiseppski Rajon. Karte des Linguarium-Projektes der Lomonossow-Universität (russisch).

Die wotische Sprache ist eine vom Aussterben bedrohte Sprache der finno-ugrischen Sprachfamilie.

Die Woten, die ursprünglichen Sprecher dieser Sprache, sind die zweite Bevölkerungsgruppe in Ingermanland im heutigen Russland neben den Ingriern. Laut den Angaben von H. Heinsoo aus dem Jahre 1989, von dem die letzten Daten über diese Sprache stammen, gaben 112 Menschen bei der Volkszählung in Russland an, diese Sprache zu sprechen. Die Eigenbezeichnung ist vad’d’alain, deren Bedeutung und Ursprung unbekannt ist.

Man kennt vier Hauptdialekte dieser Sprache, die aber zum Großteil schon ausgestorben sind: Westwotisch Kukkusi-Wotisch (ausgestorben) Ostwotisch (ausgestorben in den 1960er Jahren) Krewinisch in Südlettland (ausgestorben im 19. Jahrhundert)

Es existiert keine Schriftsprache.

Sprachlich ist Wotisch am nächsten mit dem Estnischen verwandt. Wotisch gehört zur südlichen Gruppe der ostseefinnischen Sprachen innerhalb der finno-ugrischen Sprachen und weist deren typische Merkmale auf.

Wotisch verfügt über vierzehn Kasus und als Besonderheit innerhalb der finno-ugrischen Sprachen sechs Tempora, darunter das für finno-ugrische Sprachen völlig untypische Futur.

In der Phonetik des Wotischen fällt auf, dass es zwar sehr reich an Diphthongen ist, aber ein vergleichsweise schwach ausgebildetes Konsonantensystem aufweist, insbesondere der Mangel an stimmhaften Frikativen. Demgegenüber fällt die Häufigkeit von š und tš auf, die das Ergebnis einer wotischen Lautverschiebung ist. Dabei wurde beispielsweise ostseefinnisches k vor e, ä und i zu tš, vgl. finnisch kenkä, mäki, kieli, wotisch tšentšä, mätši, tšeeli.

Während andere finno-ugrische Sprachen wie beispielsweise das Wepsische den Stufenwechsel nahezu aufgegeben haben, hat er sich im Wotischen nicht nur erhalten, sondern auch noch weiterentwickelt.

Der Wortschatz des Wotischen weist starke Einflüsse aus dem Russischen auf.

Phonologie

Vokale und Diphthonge Das Wotische verfügt über 10 Vokale (angegeben in UPA-Lautschrift). Der geschlossene Zentralvokal i̮ kommt nur in russischen Lehnwörtern vor. +Vokale der wotischen Sprachevornezentralhintenungerundetgerundetgeschlosseniüi̮uhalboffeneöe̮ooffenäa Luuditsa-Wotisch Der Luuditsa-Dialekt des Wotischen unterscheidet hingegen zwischen 12 Vokalen (angegeben in UPA-Lautschrift). Durch Einflüsse des angrenzenden Ischorischen kam es in den Sprechern der letzten Generation zu einer Verschiebung des ɨ, nur aufkommend in russischen Lehnwörtern, zu i. Bis auf ɨ und die halboffenen Vokale ə und ə̂ können alle Vokale lang oder kurz sein. Der Längenkontrast in der ersten Silbe stark ausgeprägt, z. B. roka („Kohlsuppe“) und rooka („Essen“). +Vokale des Luuditsa-Dialektesvornehintenungerundetgerundetungerundetgerundetgeschlosseniü(ɨ)uhalbgeschlosseneöõohalboffenəə̂offenäa

Diphthonge Wotisch weist viele Diphthonge, aber keine Triphthonge auf. In seltenen Fällen, wie z. B. pehmiäj („weich“), wird das finale j wie ein Konsonant behandelt. Der Luuditsa-Dialekt unterscheidet nicht zwischen Diphthongen und Vokalpaaren, welche von einer Silbengrenze separiert werden.

Bis auf ɨ und die halboffenen Vokale ə und ə̂ kann jeder Vokal den ersten Teil eines Diphthongs mit finaler j-Komponente bilden, z. B. harakkoj („Elster“), ämmij („Großmutter“), päjvə („Tag“).

Die meisten Vokale können ebenfalls einen Diphthong endend in -a/-ä oder -u/-ü bilden, z. B. appia („helfen“), peukoлo („Daumen“).

Weniger verbreitete Diphtonge sind beispielsweise mao („Schlange“), suõ („Wolf“), näen („(ich) sehe“), süe („Kohle“) und pietä („(sie) halten“). ea ist ein weiterer Diphthong, welcher nur in Form von Eigennamen auftreten kann, z. B. okkea („Ksenia“, ein weiblicher Name).

Konsonanten Das Wotische verfügt über 28 Konsonanten. Sie können entweder einzeln oder als Doppelkonsonanten auftreten. Die Konsonantengeminationim Luuditsa-Wotischen ist wahrscheinlich ein Produkt von Sprachkontakt mit den angrenzenden ischorischen Dialekten. Im heutigen Wotisch treffen keine kurzen Geminaten auf, sie waren jedoc in anderen Wotisch-Varianten beobachtbar. +Konsonanten des heutigen WotischLabialAlveolarpalatalisierter AlveolarPalatalVelar und LaryngalPlosivstimmlosptt'kstimmhaftbd(d')gNasalmnńFrikativstimmlos(f)sśš (~ šʼ)hstimmhaftvzźžAffrikattstšlateraler Approximantll'velarisierter, lateraler Approximantлzentraler Approximantr(ŕ)j Das Phonem n hat ein Allophon [ŋ], welches normalerweise vor einem velaren Plosiv auftritt, z. B. /panki/ [paŋki] („Eimer“).

Russische Lehnwörtern, dessen Ursprung den palatalisierten Konsonanten šʼ beinhalten, weisen eine freie Variation der Konsonanten šʼ und š auf, z. B. jaššikkə̂ ~ jašʼšʼikkə̂ („Box“).

Der Konsonant f tritt nur in Lehnwörtern auf, z. B. föklə („Rote Beete“).

Ursprünglich trat der Konsonant d' lediglich als Doppelkonsonant auf und wurde größtenteils durch jj ersetzt, z. B. äd'd'ə ~ äjjə („Großvater“). Im heutigen, Luuditsa-Wotisch kann d'd' nur noch in den Wörtern lad'd'ə̂ („breit“) und vad'd'a („Wotisch“) gefunden werden. Als Einzelkonsonant taucht d' nur in russischen Lehnwörtern, wie dem männlichen Namen fed'a, auf.

Der palatalisierte Alveolar ŕ erscheint oft in Eigennamen, z. B. maŕo, kann jedoch auch aus der Assimilation vom Konsonanten r und dem folgenden i resultieren, z. B. ŕuuku („Pfahl“) < riuku.

Der Frikativ ś taucht in Koseformen von Eigennamen und Lehnwörtern auf, z. B. lišo, vešoлə̂ („fröhlich“).

Es gibt drei laterale Approximanten in Wotisch. Die zwei Lateralapproximanten l' und л sind phonologisch kontrastiv, z. B. paллo („Klumpen“) und pal'l'o („viele“). Die Verteilung von den Konsonanten l und л hingegen ist vom Vokal abhängig. l tritt vor einem vorderen Vokal auf, z. B. lekko („Flamme“), und л tritt vor einem hinteren Vokal auf, z. B. лukku („Schloss“). Auch vor Konsonanten oder am Ende eines Wortes ist die Wahl des Lateralapproximanten abhängig vom Vokal, z. B. pilvi („Wolke“), põлvi („Knie“). Es handelt sich um Vokalharmonie.

Palatalisierung ist im heutigen Wotisch sehr häufig. Dabei kann in folgende Arten der Palatalisierung unterschieden werden:

Palatalisierung von alveolaren Konsonanten von Kosenamen und expressiven und Onomatopeias, welche nicht durch den phonetischen Kontext ausgelöst wird, z. B. pot'o („kleiner Junge“), ńaukku- („Miau“), vaśo (männlicher Name). Phonetische Palatalisierung verschiedener Konsonanten vor vorderen Vokalen, z. B. pilvi [pʲilvʲi] („Wolke“). Palatalisierung ausgelöst durch die Assimilation eines Konsonanten mit dem folgenden i, z. B. mińńə̂ (< miniä ~ minia) („Schwiegertochter“). Beibehalten der palatalisierten Konsonanten in vielen russischen Lehnwörtern, z. B. pлat't'ə̂ („Kleid“).

Wortbetonung Die primäre Wortbetonung liegt auf der ersten Silbe. Die sekundäre Wortbetonung liegt auf einer ungeraden Silbe. Bei Wörtern, die aus Kompositionen oder Lehnwörtern entstammen, kann die Betonung auch auf andere Silben fallen, z. B. pa'rajka („jetzt“) oder di'rektõra („Schulleiter“).

Phonotaktik, Wort- und Silbenstruktur Die häufigsten Wortstrukturen sind (C)VCV, (C)VCCV (wobei CC ein Doppelkonsonant oder ein Konsonantencluster ist), (C)VVCV (wobei VV ein langer Vokal oder ein Diphthong ist), und (C)VCVCV.

Konsonantencluster stehen normalerweise nicht am Anfang vom Wort, bis auf Wörter mit lautmalerischen Ursprung und Lehnwörtern. Innerhalb des Wortes sind die Cluster meist eine Kombination von Sonoranten oder h + einen Plosiv, den Affrikat tš oder den Frikativen v, s, z. Typische Cluster, die mit einem Plosiv beginnen, sind tk, dg, gr, dr und gл.

Das Wotische demonstriert eine Auslautverhärtung wenn die Konsonanten b, d, g und z am Ende des Wortes vor einer Pause oder einem stimmlosen Konsonanten stehen, z. B. tämä meeb kotto [meep kotto] („er/sie geht nachhause“) und tämä meeb linna [meeb linna] („er/sie geht in die Stadt“).

Der Konsonant л kann am Ende von einem Wort zu einem l werden, wenn das darauffolgende Wort mit einem vorderen Vokal beginnt, z. B. täll on suur koto [täлл on] („er/sie hat ein großes Haus“). Ebenfalls kann ein l am Ende eines Wortes zu einem л werden, wenn das folgende Wort mit einem hinteren Vokal beginnt, z. B. miлл eb õõ suurtə̂ kottoa [mill eb õ] („ich habe nicht ein großes Haus“).

Das Sandhi-Phänomen kann im Wotischen nachgewiesen werden.

Morphophonologische Phänomene

Vokalharmonie Wotisch weist Vokalharmonie auf.

Vordere und hintere Vokale sind in der Regel nicht gleichzeitig in einem Wort aufzufinden, wobei sich zentrale Vokale wie hinteren Vokale verhalten. Suffixe verfügen größtenteils über zwei Formen, eine mit vorderen und eine mit hinteren Vokalen, und der Vokal im Wortstamm bestimmt, welches der Suffixallomorphe angehängt wird, z. B. tuлõ-ma („kommen“) und elä-mä („leben“).

Der Vokal i ist neutral und kann mit vorderen und hinteren Vokalen auftreten, z. B. pimmiä („dunkel“), pikari („Shotglass“).

Der Vokal e ist innerhalb des Wortstammes, solange er nicht am Ende steht, neutral, z. B. peлduškə̂ („Ohrring“). Am Ende des Wortstammes oder in Affixen ist e kontrastiv mit õ, z. B. лagõ („(Zimmer-)Decke“) und järve („See“).

Es existieren ein paar Suffixe, die nur mit hinteren Vokalen auftreten und kein Gegenstück mit vorderen Vokalen aufweisen, z. B. -kkõjn und -ikko. Sie werden sowohl an Stämme mit hinteren wie auch vorderen Vokalen angehängt. Vordere Vokale im Stamm werden durch den Anhang zu hinteren Vokalen, z. B. süsälikkossə̂ („Eidechse“).

Onomatopeotika können auch gegen diese Vokalharmonieregeln verstoßen, z. B. räkuma („schreien“).

Stufenwechsel Der in ostseefinnischen Sprachen beobachtbare Stufenwechsel, bei dem sich Wortstamm in Schrift- und Lautform verändert, ist Teil des Wotischen, z. B. лampad und лammaz („Schaf“).

Die häufigsten Arten des Studenwechsels sind:

Alternation von den verdoppelten stimmlosen Plosiven s, š und Affrikaten mit Einzelkonsonanten, wenn sie zwischen Vokalen oder nach l, л, r, m oder n auftreten, z. B. aukko („Loch“), aukod („Löcher“). Alternation stimmloser Einzelkonsonanten zwischen Vokalen mit ihrem stimmhaften Gegenstück, z. B. täti („(die) Tante“), tädi („(der) Tante“). Wenn die Konsonanten in einem Konsonantencluster stimmhafte Gegenstücke habe, dann alternieren alle möglichen Konsonanten, z. B. itkõma („weinen“), idgõma („ich weine“); aлkuma („starten“), aлgub („er/sie startet“). Alternation des stimmlosen Plosivs p mit dem stimmhaften Frikativ v zwischen Vokalen und nach л, l und r, z. B. repo („(der) Fuchs“), revo („(des) Fuchses“). Alternation des stimmlosen Plosivs t und des Affrikats tš mit nichts zwischen Vokalen und nach h und r, z. B. lehto („Blatt“), lehod („Blätter“). Alternation von einem Cluster bestehend aus den Sonoranten m, n, l, л oder r und p, t oder tš mit den jeweiligen verdoppelten Sonoranten, z. B. nältšä („Hunger“), nällä („(des) Hungers“).

Andere Arten des Stufenwechsels sind seltener.

Konsonantengemination Die meisten Konsonanten können in Dialekten, wenn sie einzeln im Wortstamm vor einem kurzen Vokal stehen, verdoppelt werden, z. B. kaлa und kaллa („Fisch“). Die Konsonantenverdopplung ist beschränkt auf bestimmte morphologische Formen.

Für Nomen:

Partitiv Singular Illativ Singular

Für Verben:

Supinum Infinitiv Imperativ 2. Person Singular Präsens (bis auf 3. Person Plural)

Für Pronomen:

negative Form

Die Konsonantenverdopplung kann auch auf russische Lehnwörter angewandt werden, welches stimmhafte Doppelkonsonanten hervorbringt, welche zuvor nicht Teil des wotischen phonologischen Inventars waren, z. B. gribba („Pilz“).

Fusionsprozesse an der Morphemgrenze