mini|Kartenindex der Internationalen Weltkarte mini|Kartenindex der Internationalen Weltkarte für Nord- und Zentralasien. Die Nordhalbkugel erhält das Präfix N. mini|Blattschnitt NL 39
Die Internationale Weltkarte (Abkürzung IWK, engl. International Map of the World, kurz IMW) ist ein von 1891 bis ca. 1980 international bearbeitetes, standardisiertes und im unvollständigen Zustand abgebrochenes Projekt zur Erstellung eines Kartenwerkes der Erde im Maßstab 1:1.000.000. Es stellt ein System globaler Übersichtskarten dar, dessen Maßstab noch eine generalisierte Darstellung des Geländes erlaubt.
Für 90 % der Erdoberfläche beträgt der Blattschnitt des Kartenwerks in geografischer Breite 4°, in Länge 6°. Dies entspricht einer Nord-Süd-Ausdehnung der Kartenblätter von 445 km, während sie in Ost-West-Richtung am Äquator 670 km, in 60° Breite die Hälfte beträgt. Für die wenigen Blätter jenseits von 60° ist der Längenbereich auf 12° verdoppelt, weil die Meridiane zu den Polen hin zusammenlaufen.
Von den vorgesehenen 1800 Kartenblättern (30 Breitenzonen à 60 Blätter) wurden aber nur knapp die Hälfte gedruckt, weil die Herstellung einer Luftfahrtkarte desselben Maßstabs dringlicher war.
Konzeption 1891 und frühe internationale Reaktionen
Die Idee zur Erstellung eines weltweit standardisierten Kartenwerks geht auf den deutschen Geografen Albrecht Penck (1858–1945) zurück, der 1891 auf dem Internationalen Geographischen Kongress in Bern anregte, insgesamt 2500 an einheitlichen Standards orientierte Karten der gesamten Erdoberfläche zu erstellen.Albrecht Penck: Die Herstellung einer einheitlichen Erdkarte im Maßstabe von 1:1.000.000. In: Anonymus: Verhandlungen des fünften Internationalen Kongresses der geographischen Wissenschaften zu Bern, 10.–14. August 1891. Bern 1892, S. 191–198. Jede dieser Karten sollte vier Breiten- und sechs Längengrade erfassen. Penck vertrat den Standpunkt, dass das Festland des Erdballs durch zahlreiche Forschungsreisen ausreichend bekannt sei, um die Fertigstellung eines Kartenwerkes von internationalem Format mit einheitlichem Maßstab, Projektions- und Zeichenschlüssel in Angriff zu nehmen. Er wies auf das große Bedürfnis der Gelehrten und Ingenieure, der Wirtschaft und des Militärs hin.
Penck kritisierte die große Verschiedenheit der bereits vorhandenen Kartenwerke, die in unterschiedlichen Ländern erarbeitet wurden. Er schlug vor, den Nullmeridian der IWK in Greenwich zu verorten und als Maßeinheit das metrische System zu verwenden.A. Penck: Herstellung einer einheitlichen Erdkarte im Maßstabe 1:1000000. In: Verhandlungen des fünften internationalen Kongresses der geographischen Wissenschaft zu Bern, 10. bis 14. August 1891. 1892, S. 191–198, hier 194. Da ein Kartenwerk dieser Größe nie zu einem Stück zusammengesetzt werden würde, schlug Penck eine polyedrische Projektion vor.F. Grenacher: Die internationale Weltkarte 1:1000000 im Zeitgeschehen. In: Geographica Helvetica. Band 2, Heft 2, 1947, S. 112–122, hier 112. (gh.copernicus.org) Pearson/Taylor/Kline/Heffernan stellen die These auf, dass die IWK auch als Reaktion auf den zu jener Zeit vorherrschenden Nationalismus und Imperialismus zu verstehen ist.A. Pearson, F. Taylor, K. D. Kline, M. Heffernan: Cartographic Ideals and geopolitical realities: international maps of the world from the 1890s to the present. In: The Canadian Geographer/Le géographe canadien. Band 50, Heft 2, 2006, S. 149–176, hier 150. In Pencks eigenen Texten zur Weltkarten-Idee klingen hingegen eher imperiale Ambitionen an. So erläuterte er bspw. im Geographical Journal 1893, dass die IWK „would be a work of great practical as well as scientific value, especially for nations having considerable Colonial possessions“.A. Penck: The Construction of a Map of the World on a Scale of 1:1,000,000. In: The Geographical Journal. Band 3, Heft 1, 1893, S. 253–261, hier 254.
In den ersten Jahren nach Pencks Vorschlag war die Diskussion über die IWK von technischen Fragen bestimmt, und es entstanden Zweifel an der praktischen Durchführbarkeit des Unternehmens. Der deutsche Kartograf Richard Lüddecke beispielsweise hielt die Umsetzung des Plans zum damaligen Zeitpunkt nicht für realisierbar, da die Erforschung der Erde noch nicht abgeschlossen sei. Er bezweifelte auch, „ob diese Einheit des Maassstabes [...] mit allen Mitteln anzustreben wäre“.R. Lüddecke: Zur Erdkarte im Massstab 1:1000000. In: Das Ausland. Wochenschrift für Erd- und Völkerkunde. Band 64, Heft 46, 1891, S. 902–908, hier 905. (archive.org) Darüber hinaus entwickelten sich vor allem zwischen Frankreich und Großbritannien Streitigkeiten über die Festlegung des Nullmeridians in Greenwich oder Paris und darüber, welche Maßeinheit (metrisches System oder Imperiales System) verwendet werden solle. Während ein anonymer französischer Autor eines Berichtes über den Kongress von Bern die Annahme des Meters als selbstverständlich erachtete, wies der britische Geograf J.Y. Buchanan darauf hin, dass durch solch eine Umstellung erhebliche Probleme und Mehrarbeit auf Wissenschaftler zukämen, die mit dem imperialen System vertraut seien.P. Diercke: Der VII. internationale Geographenkongress zu Berlin (Schluss). In: Geographische Zeitschrift. Band 6, Heft 2, 1900, S. 104–113, hier 107. "Buchanan hebt hervor, dass man bei der Einführung von Maßeinheiten in erster Linie auf die Leute Rücksicht nehmen müsse, die draußen arbeiten".
Die Internationalen Geographie-Kongresse der folgenden Jahre offenbarten die Herausforderung, die nationalen Regierungen zur Zusammenarbeit zu bewegen. So beklagte bspw. Alexander Supan, Geograf und Mitglied des 1891 eingesetzten Komitees zur IWK, dass es auf dem Kongress von 1895 nicht gelungen war, wichtige Staaten wie Großbritannien, Russland und die USA von der Nützlichkeit des Plans zu überzeugen.A. Supan: Der sechste internationale geographische Kongreß zu London 26. Juli bis 3. August 1895. In: Dr. A Petermanns Mitteilungen aus Justus Perthes' Geographischer Anstalt. Band 41, 1895, S. 208–216, hier 211: „ein eklatanter Misserfolg“. Weiterhin bestand das Problem, dass die Klärung von Detailfragen viel Zeit beanspruchte und dadurch das übergeordnete Ziel eines gemeinsam zu schaffenden Weltkartenwerks bisweilen aus dem Blick geriet.Steinmetz: International Geographical Congress; International Geographical Union. General Assembly, exemplarisch S. 104: „Vielleicht liesse sich jedes Missverständniss durch eine ganz kleine Änderung beseitigen, indem wir sagen: 'ist dem graphischen Maassstab die Bezeichnung 1:x beizusetzen'.“
Parallel zu den laufenden Verhandlungen über die Herstellung einer IWK erschienen in mehreren Ländern Karten und Kartenwerke, deren Erscheinungsbild der IWK sehr nahe kamen. Dazu gehört bspw. ein Kartenwerk Asiens 1:1 Mio. des Service Geographique de l'Armee (Paris), das ursprünglich als eine Vorstudie des internationalen Werkes gedacht war, ebenso ein Kartenwerk Afrikas 1:1 Mio. der britischen Geographical Section of the General Staff (G.S.G.S.). Das Reichsamt für Landesaufnahme (Berlin) begann mit dem Kartenwerk Chinas 1:1 Mio. und Britisch-Indien fertigte eine solche seines eigenen Subkontinents an. Japan erarbeitete eine 1:1 Mio.-Karte ganz Ostasiens; Russland stellte eine 40-Werst-Karte von ganz Asien her. Am Gelingen eines internationalen Werkes traten daher immer wieder Zweifel auf, doch siegte auf dem Internationalen Geographentag 1908 in Genf die Tatkraft: Die Teilnehmer einigten sich, eine eigene Weltkarten-Konferenz in London einzuberufen, auf der verbindliche Beschlüsse über Maßstab, Kartensignatur, Beschriftung, Blattschnitt, Höhenschichtendarstellung usw. getroffen werden sollten.F. Grenacher: Die internationale Weltkarte 1:1000000 im Zeitgeschehen. In: Geographica Helvetica. Band 2, Heft 2, 1947, S. 112–122, hier 112f. (gh.copernicus.org)
Die Weltkarten-Konferenz 1909 in London
Die Weltkarten-Konferenz vom 16. bis 22. November 1909 in London war die erste ihrer Art mit Beschlussfähigkeit auf Regierungsebene.A. Penck: Die Weltkarten-Konferenz in London im November 1909. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. 1910, S. 114–127, hier 123. (digizeitschriften.de, 28. Juni 2020): „Während aber diese letzteren [allgemeinen Kongresse] lediglich von mandatlosen Mitgliedern getragen werden, liegt es nunmehr anders: es sind Regierungsvertreter...“ Die teilnehmenden Staaten (Deutschland, Österreich-Ungarn, Spanien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Russland, Kanada, Australien und die USA) entsandten Delegierte für die Verhandlungen.A. Penck: Die Weltkarten-Konferenz in London im November 1909. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. 1910, S. 114–127, hier 116. (digizeitschriften.de, 28. Juni 2020): „...und diese Konferenz wurde von allen eingeladenen Staaten mit Ausnahme des fernen Japan beschickt. Sie fand in London vom 16. bis 22. November 1909 statt“. Vor der Konferenz aufgekommene Probleme und Uneinigkeiten zwischen den Staaten konnten nun teilweise gelöst werden. So einigte man sich nicht nur auf das metrische System, sondern auch auf Greenwich als Nullmeridian.Anonymous: Geographical Record. In: Bulletin of the American Geographical Society. Band 42, Heft 4, 1910, S. 286–287, hier 286. (, 28. Juni 2020)A. Penck: Die Weltkarten-Konferenz in London im November 1909. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. 1910, S. 114–127, hier 123. (digizeitschriften.de, 28. Juni 2020)A. Fitzau: Geographische Neuigkeiten. In: Geographische Zeitschrift. Band 16, Heft 5, 1910, S. 281–282, hier 281. (, 28. Juni 2020): „So ist von großer Bedeutung, dass Frankreich und einige andere Staaten, welche sich bisher ablehnend verhielten, den Meridian von Greenwich als Anfangsmeridian angenommen haben. Ebenso wichtig ist die Annahme des metrischen Systems durch Groß-Britannien und die Vereinigten Staaten...“.
Neben diesen beiden Kernpunkten konnte man sich auf viele weitere Bestimmungen für die Internationale Weltkarte einigen. So wurden Beschreibung, Beschriftung und Begrenzung der Blätter vereinheitlicht, die Flächengröße pro Blatt definiert und die lateinische Schrift als Grundlage genommen. Hinzu kamen Einigungen zur Schreibung geografischer Namen und zur Darstellung topographischer Charakteristika. Des Weiteren verständigten sich die Teilnehmer auf eine modifizierte polykonische Projektion mit geradlinigen Meridianen.A. Fitzau: Geographische Neuigkeiten. In: Geographische Zeitschrift. Band 16, Heft 5, 1910, S. 281–282, hier 281. (, 28. Juni 2020)A. Penck: Die Weltkarten-Konferenz in London im November 1909. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. 1910, S. 114–127, hier 117–124. (digizeitschriften.de, 28. Juni 2020)