mini|hochkant=0.9|Blick auf die Stiftskirche von Südost mini|hochkant=0.9|Innenansicht mini|hochkant=0.9|Chorraum mit Altar, Sakramentsnische, Pulthalterfiguren, Leuchtern und Taufstein
Die Kirche des Stifts Unserer lieben Frauen Ebersdorf im Chemnitzer Stadtteil Ebersdorf kann in ihren Ursprüngen auf das 12. Jahrhundert zurückgeführt werden und war ab dem 14. Jahrhundert eine Marien-Wallfahrtsstätte. Die anfangs kleine romanische Dorfkirche erhielt ihre heutige Gestalt durch Umbau und Vergrößerung im 15. Jahrhundert. Ihre kostbare, künstlerisch hochwertige Ausstattung stammt überwiegend aus dem 15. und frühen 16. Jahrhundert, als an der Kirche ein Kollegiatstift angesiedelt war. Erhalten sind ebenfalls einige Votivgaben der Pilger, um die sich verschiedene Sagen ranken.
Das geschlossene Ensemble der ehemals befestigten spätgotischen Kirchhofanlage mit zwei Wehrtürmen und der achteckigen Marienkapelle ist fast vollständig erhalten und steht als „Sachgesamtheit Stiftskirche Chemnitz-Ebersdorf, mit den Einzeldenkmalen: ehemalige Stiftskirche Unserer Lieben Fraun (heute Pfarrkirche), Umfassungsmauern, zwei Wehr- bzw. Tortürme und Kapelle sowie dem Kirchhof“ unter der Objektnummer 09302742 in der Liste der Kulturdenkmale in Chemnitz-Ebersdorf. Ergänzt wurde die Anlage durch das aus der Barockzeit stammende Pfarramtsgebäude an der Ostseite.
Die Kirche gehört zur Segenskirchgemeinde Chemnitz-Nord innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.
Lage Die Kirche steht an der Mittweidaer Straße 77 im 1919 nach Chemnitz eingemeindeten Ebersdorf auf einer Anhöhe 318 m über NN etwas exponiert mitten im Waldhufendorf Ebersdorf, das sich auf beiden Seiten des Dorfbachs erstreckt. Sie ist von einer Befestigungsanlage umgeben.Dehio-Handbuch. Sachsen II, S. 141. In nördlicher Nachbarschaft zur Kirche befindet sich der Stiftsfriedhof Ebersdorf.
Geschichte Die am nördlichen Strebepfeiler, verdeckt vom Dachwerk der Sakristei gefundene Zahl 914 regte zu Vermutungen an, die Geschichte der Ebersdorfer Kirche reiche bereits auf die Zeit der Ausweitung des Ostfrankenreichs nach Osten kurz nach der Gründung des Bistums Meißen zurück. Für diese Annahme gibt es jedoch keinerlei Belege.
Durch archäologische Grabungen in den Jahren 1959/61 ist ein erster, auf etwa 1160 datierter romanischer Kirchenbau nachgewiesen, der demzufolge gleichzeitig mit dem Dorf Ebirhardisdorf in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstand. Es war eine kleine, nur 10 × 8 Meter große Saalkirche aus Langhaus, eingezogenem rechteckigem Chor und einer daran angebauten halbkreisförmigen Apsis, aber ohne Turm. Die romanische Kirche war ebenso wie ihr Nachfolgebau nicht geostet, sondern nach Nordosten ausgerichtet. Das Langhaus des Vorgängerbaus war ursprünglich so breit wie der heutige gotische Chor. Der Triumphbogen, der Langhaus und Chor trennt, befand sich an derselben Stelle wie heute, war aber deutlich schmaler. Es ist anzunehmen, dass diese romanische Kirche spätestens seit den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts ein Marien-Patrozinium hatte.
Die direkte urkundliche Ersterwähnung des Ortes und der Kirche findet sich erst in der Meißner Bistumsmatrikel von 1346. Zu dieser Zeit hatte Ebersdorf bereits als Wallfahrtskirche an Bedeutung gewonnen, darauf lassen jedenfalls die ihr verliehenen Privilegien und Lehnsrechte schließen.
Dorf und Kirche unterstanden zunächst den Grafen von Rochlitz und nach dem Erlöschen des Geschlechts 1210 den Markgrafen von Meißen, die Schloss Lichtenwalde errichteten, das sie an ihre Gefolgsleute verlehnten. Die jeweiligen markgräflichen Lehnsleute hatten die Grundherrschaft und damit auch das Kirchenpatronat inne.
Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau mini|hochkant|Sitzmadonna, vermutlich Kultbild der Wallfahrt Die Wallfahrt zu Unserer lieben Frau hatte ein als wundertätig geltendes Marienbild zum Ziel. Dieses Marienbild war vermutlich die noch immer in der Kirche vorhandene Thronende Madonna. Die Marienwallfahrt nach Ebersdorf steht im Zusammenhang mit der allgemeinen Zunahme der Marienverehrung im 14. Jahrhundert. Allein in Sachsen entstanden zu dieser Zeit etwa dreißig weitere mit Maria verbundene Wallfahrtsorte. Diese Nahwallfahrtsorte ermöglichten der Bevölkerung spirituelle Erfahrungen auch ohne aufwendige Fernreisen, wie sie etwa Pilgerfahrten auf dem Jakobsweg oder nach Jerusalem erforderten. Ein Indiz dafür, dass bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts nach Ebersdorf gepilgert wurde, ist die in der Kirche ausgestellte, auf etwa 1330 datierte Krücke, die als Votivgabe für eine Heilung in die Kirche kam. Zu diesen Votivgaben gehörte neben weiteren in den Quellen genannten Krücken auch das Ebersdorfer Koggenmodell.
Die erste namentlich bekannte Pilgerin war Markgräfin Katharina, die am 15. November 1420 (nach anderen Angaben 1421) die Kirche besuchte. Ihr Ehemann, der damalige Markgraf Friedrich „der Streitbare“ von Sachsen, der 1423 Herzog und Kurfürst wurde, beauftragte wohl 1425 den gotischen Neubau der Kirche. Das fürstliche Paar stiftete einen Altar, auf dem es sich als Verehrer der Gottesmutter abbilden ließ.
mini|hochkant|Die Kleider der Prinzen
Die bekannteste Wallfahrt fand 1455 im Zusammenhang mit dem sächsischen Prinzenraub statt: Die jugendlichen Prinzen Ernst und Albrecht waren in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1455 von Kunz von Kauffungen aus dem Altenburger Schloss entführt worden, der auf diese Weise seine Ansprüche gegen den Vater der Prinzen, Kurfürst Friedrich den Sanftmütigen, durchzusetzen gedachte. Während Albrecht selbst die Flucht gelang, kam Ernst erst nach einigen Tagen aus der Prinzenhöhle im Erzgebirge, wo er festgehalten worden war, frei. Kauffungen wurde einer Überlieferung nach nur wenig später von einem Köhler gefangen genommen und am 13. Juli hingerichtet. Am 15. Juli 1455 unternahmen die Eltern der geretteten Prinzen, Kurfürst Friedrich und seine Frau Margaretha, eine Wallfahrt nach Ebersdorf, um für die Rettung ihrer Kinder ein Dankopfer darzubringen. Margaretha machte der Kirche eine Stiftung, und zum Andenken wurden die Gewänder der Prinzen und die Kappe des Köhlers, der Kunz von Kauffungen dingfest gemacht hatte, fortan als Votivgaben präsentiert. Ein zeitgenössischer Bericht über diese Vorgänge hat sich jedoch nicht erhalten. Erst Petrus Albinus erwähnte in seiner Meißnischen Land- und Berg-Chronica von 1590 ein „Stifftlein“, wo die Kleider der „jungen Herren“ aufgehängt worden seien. Die angeblich von 1456 stammende Urkunde von Papst Calixt III. über eine Altarstiftung ist nur in Johannes Vulpius’ 1704 verfassten Darstellung der Entführung und Rettung der Prinzen überliefert. Darin betont Vulpius, dass diese Urkunde ihm nicht als Original vorgelegen habe, sondern er sie vielmehr einer seiner Quellen entnommen habe. Er schrieb weiter, dass die Kurfürstin jeden Dienstag, bei allen Marienfesten und am Tag nach Kiliani, dem Jahrestag der Entführung, zu haltende Dankmessen an der Ebersdorfer Kirche gestiftet habe, nach deren Feier Bedürftigen Almosen zu reichen seien. Die Glaubwürdigkeit dieser Angaben, insbesondere der Papsturkunde selbst, ist jedoch fragwürdig, da der „Vielschreiber“ Vulpius (1645–1714) schon zu Lebzeiten als Fälscher verrufen war. Glaubwürdig ist dagegen Vulpius’ Beschreibung der Kleider, die der Kirche zur Erinnerung übergeben wurden. Diese seien rund zweihundert Jahre nach den Ereignissen erneuert worden. Die noch heute in einer Vitrine in der Stiftskirche aufbewahrten, weitgehend zerfallenen Kleidungsstücke, zwei weiße Hemden sowie die Reste zweier roter Jacken mit grünem Besatz, sind demnach wahrscheinlich Kopien des 17. Jahrhunderts.
Der Einzugsbereich des Ebersdorfer Wallfahrt war mit etwa 50 Meilen für einen Nahwallfahrtsort vergleichsweise groß. Dazu mögen auch das Vorbild und die Förderung durch die Landesherrschaft beigetragen haben. Finanziell war die Wallfahrt sehr einträglich: Mit den Spenden der Pilger konnte die Kirche zwei Dörfer erwerben und besaß genügend Kapital, das sie gegen Zinsen verleihen konnte. Für die Versorgung der Pilger mit Getränken erteilte die Landesherrschaft Privilegien. Eine Urkunde von 1399, in der die Ebersdorfer Wallfahrt zum ersten Mal erwähnt wird, dokumentiert ein solches Privileg, das damals einem Chemnitzer Geistlichen erteilt worden war. Rund zwanzig Jahre später teilten sich der örtliche Priester und der Patronatsherr Heinrich von Honsberg aus Lichtenwalde das Schankrecht. Im Erbgericht in der Lichtenauer Straße 54, direkt neben der Kirche, entstand die Erbschenke. Diese Schenke blieb in den darauffolgenden Jahrzehnten Streitpunkt zwischen der Kirche und dem Chemnitzer Rat, der ungern auf die erzielten Einnahmen verzichtete.
Kirchenneubau und Stiftsgründung Die offensichtlich sehr einträgliche Wallfahrt erlaubte es, die kleine romanische Kirche im Laufe von rund fünf Jahrzehnten – mit zahlreichen Unterbrechungen – im spätgotischen Stil zu vergrößern. Den Auftrag zu dieser Umgestaltung der Kirche gab Kurfürst Friedrich der Streitbare. Zusammen mit seinem Bruder Wilhelm erbat er von Papst Martin V. 1425 die Gewährung eines Ablasses zur Finanzierung der Baumaßnahmen, der im folgenden Jahr erteilt wurde. Der Umbau begann mit dem Abbruch des romanischen Chors und der Apsis und dem Neubau eines um ein Joch verlängerten Langchores mit Fünfachtelabschluss. Der neue Chor war noch nicht fertiggestellt, als man sich entschied, auch das Langhaus zu vergrößern. Um die Kirche während des Umbaus weiter nutzen zu können, wurde der Neubau um das bestehende, deutlich niedrigere Langhaus herum aufgeführt. Erst anschließend wurde das romanische Gemäuer entfernt, wobei die alten Strebepfeiler als Stützen für die neuen Mauern erhalten blieben. Dieser Baumethode ist die asymmetrische Raumdisposition zu verdanken, bei der es sich laut Tilo Richter um ein „künstlerisches Konzept“ handelte.
In Ebersdorf bestand ein Kollegiatstift der Diözese Meißen. Der Zeitpunkt der Begründung ist nicht belegt. Eine 1469 in Rom ausgestellte Urkunde, die die bereits bestehende Einrichtung bestätigt, ist der älteste Beleg. Initiiert hatte die Stiftsgründung möglicherweise Nikolaus Rotenfels, der als Domherr in Meißen und Naumburg seit spätestens 1443 gleichzeitig Pleban der Wallfahrtskirche in Ebersdorf war. Sein Name findet sich auf der Weiheinschrift eines 1446 geweihten Altars. Zum Stift gehörten neben dem Pleban und dem Senior sechs Vikare oder Altaristen, die an den Nebenaltären Messe lasen. Unter ihnen finden sich wiederholt Verwandte der Chemnitzer Ratsfamilien. Die Häuser aller Kleriker lagen rings um die Kirche und waren von Abgaben befreit.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erhielt die Kirche mit dem Hochaltar und weiteren Schnitzwerken eine neue Ausstattung. Der auf der Rückseite mit 1513 datierte Altaraufsatz selbst und ein Chorgestühl tragen die Wappen des Kirchenpatrons Georg von Harras und seiner aus der Familie Minckwitz stammenden Ehefrau Margarethe. Nicht datiert, aber stilistisch derselben Zeit zuzuordnen sind drei hochwertige, dem Meister H. W. zugeschriebene Stücke, zwei Pulthalterfiguren und ein Triumphkreuz, die die Neuausstattung des Chorraumes vervollständigten. Mehrere spätgotische Glasmalereien in den Chorfenstern, darunter eine mit 1513 datierte Wappenscheibe Herzog Heinrichs des Frommen und weitere Wappenscheiben, die auf die in Chemnitz ansässige Familie Freiberger und die Söhne des um 1505 verstorbenen Chemnitzer Bergbauunternehmers und Bürgermeisters Ulrich Schütz hinweisen, lassen darauf schließen, dass neben dem Kirchenpatron auch der Herzog und führende Chemnitzer Familien an der Stiftung der neuen Ausstattung beteiligt waren. Einer der Brüder Schütz war der 1520 verstorbene Balthasar Schütz, der neben seiner Stelle als Pfarrer der Chemnitzer Stadtkirche ausweislich einer Inschriftentafel in Ebersdorf zugleich eine Pfründe als Priester am dortigen Stift innehatte.
Nach der Reformation