Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden ist ein spät vollendeter Roman von Johann Wolfgang von Goethe. Er gilt als die persönlichste aller Goethe’schen Dichtungen. 1821 erschien die erste Fassung, 1829 die vollständige. Ihr fehlen die vorangestellten Gedichte des Fragments von 1821.
Bereits in den Jahren 1807 bis 1810 hatte Goethe an dem Text geschrieben. Die Idee dieser Fortsetzung von Wilhelm Meisters Lehrjahre wurde in dem Brief vom 12. Juli 1796 an Schiller geäußert.Wilpert, S. 1187, 3. Zeile v. u.; Volltext des Briefes auf briefwechsel-schiller-goethe.de. mini| mini|
Handlung Goethes Spätwerk ist kein Roman nach den fachwissenschaftlichen Merkmalen, sondern ein Stationen-Epos um Wilhelm als zentrale Figur mit in die Handlung eingearbeiteten Überlegungen zu wissenschaftlichen Theorien, Bildungs- und Gesellschaftsmodellen. Dazu kommen Beschreibungen z. B. des Spinner- und Weberhandwerks sowie der Baumwoll-Heimindustrie. Auf seiner Wanderschaft lernt Wilhelm verschiedene Betriebe und Gemeinschaftseinrichtungen kennen, deren Vorstände ihm ihre handlungsorientierten Programme vorstellen. Entsprechend zielt die Bildung der Jugendlichen in der Pädagogischen Provinz auf eine praktische Berufstätigkeit hin. Kapitelweise eingeschobene Erzählungen oder Märchen, die Probleme zwischenmenschlicher moralischer Beziehungen ansprechen und v. a. das zentrale Vater-Sohn-Motiv variieren, sind mit der Rahmengeschichte thematisch verbunden. Dementsprechend beschreibt sich der Erzähler im 3. Buch als Herausgeber und Bearbeiter von ihm nach und nach zugänglich gemachten Materialien: „Wir sind also gekommen, dasjenige, was wir damals gewusst und erfahren, ferner auch das, was später zu unserer Kenntnis kam, zusammenzufassen und in diesem Sinne das übernommene ernste Geschäft eines treuen Referenten getrost abzuschließen.“ (III, 14Auf Kapitel im Buch wird mit einem Zahlenpaar in der Form (Buch, Kapitel) verwiesen.)
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Wilhelm unternimmt mit seinem Sohn Felix eine ihm von der geistig-moralischen Turmgesellschaft verordnete Bildungsreise, die ihn als Bewährungsprobe von seiner Seelengeliebten Natalie, seiner „Amazone“ der „Lehrjahre“, trennt. Zu Beginn schreibt er ihr mehrmals, doch im zweiten Buch nur noch einmal, und er bittet die Gesellschaft um Befreiung aus der Vertragsklausel der ständigen Wanderschaft, um wieder sesshaft werden zu können.
Die Flucht nach Ägypten
Im Gebirge begegnen sie einer fünfköpfigen Familie, die ihn an die um zwei Knaben erweiterte heilige Familie erinnert. Die Mutter mit einem Säugling auf einem Esel, „ein sanftes, liebenswürdiges Weib“, erinnert Wilhelm an ein Gemälde Die Flucht nach Ägypten. Der junge, rüstige Mann trägt Handwerkszeug eines Zimmermanns. Er lädt die beiden zur Übernachtung nach Sankt Joseph ein.
Wilhelm an Natalien
Am Abend, und am nächsten Tag, schreibt Wilhelm über seine Reiseerlebnisse an Natalie. Für den Charakter ihrer Beziehung von Bedeutung ist die Symbolik: Er habe „die Höhe des Gebirges, das eine mächtigere Trennung zwischen [ihnen] setzen wird, als der ganze Landraum bisher“ erreicht und er bewege sich in seiner Wanderschaft mit der Verpflichtung des ständigen Ortswechsels räumlich von ihr weg. Ein „wundersames Geschick“ trenne ihn von ihr und schließe „den Himmel, dem [er] so nahe stand, unerwartet zu[…]“. Aber er sieht darin für sich eine Bewährungsprobe. Er hüte sich vor einem „gebietenden Gewissen“ und seine „Fehler stürzen sich nicht mehr wie Gebirgswasser einer über den anderen.“
Zweites Kapitel
Sankt Joseph der Zweite
Sankt Joseph erweist sich als „ein großes, halb in Trümmern liegendes, halb wohlerhaltenes Klostergebäude“, „in dem das Gebäude die Bewohner eigentlich gemacht hat.“ Der Zimmermann hat das Amt des Verwalters von seinem Vater übernommen und ist in doppelter Weise mit der Joseph-Geschichte verbunden, wie Wilhelm erfährt, nachdem er die restaurierte Kapelle mit einem Wandgemälde geführt wird. Es ist eine Bildergeschichte des heiligen Joseph. Joseph ist „mit einer Zimmerarbeit beschäftigt“, er begegnet „Marien“, und eine Lilie sprosst zwischen beiden aus dem Boden. Nach diesem Vorbild verläuft das Leben des Gastgebers: Er erhält aus Dankbarkeit der Eltern für ihr Amt im ehemaligen Kloster den Namen Joseph und fühlt, schon als Kind von dem Gemälde beeinflusst, die Berufung, Zimmermann zu werden.
Die Heimsuchung. Der Lilienstengel
In der Kriegszeit rettet er die schwangere Witwe Marie vor marodierenden Soldaten. Sie gebärt bald darauf „den schönsten Knaben“ und heiratet Joseph nach dem Trauerjahr.
Drittes Kapitel
Wilhelm an Natalien
Wilhelm schreibt ihr über den Zimmermann Joseph: „Jene Verehrung seines Weibes, gleicht sie nicht derjenigen, die ich für dich empfinde? und hat nicht selbst das Zusammentreffen dieser beiden Liebenden etwas Ähnliches mit dem unsrigen?“ Wilhelm beneidet Joseph, weil er mit Marie unter einem Dach wohnt. „Dagegen darf ich nicht einmal mein Schicksal beklagen, weil ich dir zugesagt habe, zu schweigen und zu dulden, wie du es auch übernommen hast.“
Die beiden wandern, von einem „schelmischen“ Jungen Fitz geführt, weiter und begegnen Jarno, der nun Montan genannt wird und Wilhelm seine Lebensauffassung erklärt. Er hat sich von den Menschen enttäuscht ins Gebirge zurückgezogen: „Ihnen ist nicht zu helfen.“ Deshalb folgt er einer „einsiedlerischen Neigung“. Montan sammelt im Gebirge für bergmännische Unternehmungen Steine und sucht darin, und nicht in der menschlichen Sprache oder der Musik, die Natur zu erfassen: „Die Natur hat nur eine Schrift.“ Sie reden auch über die naturkundliche Belehrung des wissbegierigen Felix. Montan meint, ein Lehrer könne nicht sein gesamtes Wissen einem Neuling mitteilen. In einem jeden neuen Kreise [müsse] man zuerst wieder als Kind anfangen.
Viertes Kapitel
Sie setzen das pädagogische Gespräch fort. Während Wilhelm seinem Sohn „einen freieren Blick über die Welt verschaffen [möchte], als ein beschränktes Handwerk zu geben vermag“, setzt Montan auf solides Erfahrungswissen: „Wer andere lehren will, kann wohl oft das Beste verschweigen, was er weiß, aber er darf nicht halbwissend sein.“ Nach Montan ist „die Zeit der Einseitigkeiten“ – sprich, der Entsagung – angebrochen, und er weiß auch den Weg: „von unten hinauf zu dienen, ist überall nötig. Sich auf ein Handwerk zu beschränken, ist das Beste. Um einen Gegenstand ganz zu besitzen, zu beherrschen, muss man ihn um sein selbst willen studieren. Was der Mensch leisten soll, muss sich als ein zweites Selbst von ihm ablösen.“ Er demonstriert seine Lehre am Beispiel eines Kohlenmeilers. Wilhelm ist davon überzeugt und würde gern ein Spezialgebiet erlernen. Er bittet Montan, ihm zu helfen, „dass die lästigste aller Lebensbedingungen [Vereinbarung mit der „Gesellschaft des Turmes“ aus den Lehrjahren], nicht länger als drei Tage an einem Orte zu verweilen, baldigst aufgehoben und ihm vergönnt werde, sich zu Erreichung seines Zweckes da oder dort, wie es ihm belieben möge, aufzuhalten“.
Wilhelm und Felix pilgern weiter zu einem „Riesenschloss“ auf einem einsamen Berg, ein aus Wänden und Säulen bestehendes Labyrinth mit Höhlen: „Pforten an Pforten, Gänge nach Gängen“. Hier findet Felix in einer Felsspalte „ein Kästchen, nicht größer als ein kleiner Oktavband, von prächtigem altem Ansehn“, es scheint „von Gold zu sein, mit Schmelz geziert“. Sie treffen wieder auf Fitz und dieser führt sie auf einem abenteuerlichen, verbotenen Schleichweg „nach jenen ausgedehnten Gütern eines großen Landbesitzers, von dessen Reichtum und Sonderbarkeiten man ihnen erzählt hatte“.
Fünftes Kapitel
„Der Hausherr, ein kleiner, lebhafter Mann von Jahren“, heißt Wilhelm willkommen und stellt ihm seine kleine Literaturgesellschaft vor, u. a. seine Nichten Hersilie und Juliette. Hersilie, die von Felix bewunderte eloquent scharfzüngige Jüngere, hat sich auf französische Literatur spezialisiert und gibt eine Kostprobe ihrer Übersetzungstätigkeit Wilhelm zu lesen. Die Erzählung behandelt wie der „Der Mann von fünfzig Jahren“ (II, 3–5) die Vater-Sohn-Thematik und steht im Zusammenhang mit der sich bis zum Ende des 3. Buchs erstreckenden Hersilie-Felix-Beziehung:
Die pilgernde Törin
Herr von Revanne, der mit Schwester und Sohn auf einem ländlichen Schloss inmitten seiner Ländereien lebt, nimmt eines Tages eine anmutige junge und gebildete Vagantin bei sich auf. Während ihres zweijährigen Aufenthalts als Gesellschafterin verschleiert sie ihre Herkunft durch geistreiche rätselhafte Sprüche. Vater und Sohn verlieben sich in das geheimnisvolle Mädchen und wollen es heiraten. Sie könnte sich dadurch eine gesellschaftliche Stellung sichern und ist insofern eine Törin, als sie die Chance nicht nutzt. Vielmehr stellt sie die beiden auf die Probe und demonstriert ihre Ehrenhaftigkeit und Sittsamkeit. Die Werbung des Vaters lehnt sie mit der Andeutung ab, sie sei von seinem Sohn schwanger. Der bricht sein Schweigeversprechen ihr gegenüber und stellt den Sohn zur Rede. Dieser vermutet eine sexuelle Beziehung zum Vater und fürchtet um sein Erbe. Die schöne Fremde verschwindet spurlos und erteilt ihnen vorher eine geistreich wort-spielerische Lehre: „Wer sich kein Bedenken macht, das Bedenken eines schutzlosen Mädchens zu verachten, wird das Opfer werden von Frauen ohne Bedenken. Wer nicht fühlt, was ein ehrbares Mädchen empfinden muss, wenn man um sie wirbt, der verdient sie nicht zu erhalten. Wer gegen alle Vernunft, gegen die Absichten, gegen den Plan seiner Familie, zu Gunsten seiner Leidenschaften Entwürfe schmiedet, verdient die Früchte seiner Leidenschaften zu entbehren und der Achtung seiner Familie zu ermangeln“.
Sechstes Kapitel
Am nächsten Tag reisen die Nichten mit den Gästen zu einem Försterhaus. Auf der Fahrt zeigt Juliette Wilhelm die nach vernünftigen Prinzipien und zur gesunden Ernährung der Bevölkerung eingerichtete Landwirtschaft des Onkels, der die „Maximen einer allgemeinen Menschlichkeit“ lebt, die der „strebende Geist, der strenge Charakter nach Gesinnungen aus[bildet], die sich ganz aufs Praktische be[ziehen]“. Sie erklärt auch einige der zahlreichen an Türen angebrachten Spruchweisheiten, die eine Dialektik enthalten, z. B. „Vom Nützlichen durchs Wahre zum Schönen“ oder „Besitz und Gemeingut“, d. h. Der Reiche müsse das Kapital zusammenhalten, um vom Gewinn spenden zu können, löblicher als alles an die Armen zu verteilen sei es, ihr Verwalter zu sein. Andererseits sind die Geschäfte des Onkels nicht auf Gewinnsteigerung angelegt: „[D]as Mindere der Einnahme betracht‘ ich als Ausgabe, die mir Vergnügen macht, indem ich andern dadurch das Leben erleichtere.“
Hersilie erzählt Wilhelm außerdem von Makarie, „einer würdigen Tante, die, unfern in ihrem Schlosse wohnend, als ein Schutzgeist der Familie zu betrachten sei“ und vom Vetter Lenardo, der drei Jahre, ohne schriftliche Nachricht, seinen Weg durch Europa nur durch die Spuren der Geschenke, wie edle Weine oder den brabanter Spitzen erahnen ließ. Hersilie gibt Wilhelm Einblicke in den Briefwechsel Lenardos mit Tante und den Nichten mit der Bemerkung: „Gestern machte ich Sie mit einer törigen Landläuferin bekannt, heute sollen Sie von einem verrückten Reisenden vernehmen.“
Leonardo an die Tante. Die Tante an Julietten. Juliette an die Tante. Hersilie an die Tante. Die Tante den Nichten. Hersilie an die Tante. Die Tante an Hersilien.