mini|Jakob Adam nach Joseph Kreutzinger: Vicente Martín y Soler, 1786/1787. Vicente Martín y Soler, valencianisch Vicent Martín i Soler, italienisch Vincenzo Martini, deutsch Vincenz Martini, russisch Висе́нте Марти́н-и-Соле́р (* 1750/1751Hypothese des Martín-Forschers Leonardo J. Waisman, unter anderem auf Grund des Mindestalters der Sängerknaben und der Heiratsurkunde des Komponisten. Vgl. Leonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler (…) Madrid 2007, S. 19, 123, 577 f. oder 2. Mai 1754Baltasar Saldoni: Diccionario biográfico-bibliográfico de efemérides de músicos españoles. 2. Band, Antonio Pérez Dubrull, Madrid 1880, S. 353 f.: Auszug aus dem später zerstörten Taufregister von San Martín in Valencia. Da Vicente erst an vierter Stelle unter den sieben Vornamen des Täuflings erscheint, könnte es sich bei diesem um einen jüngeren Bruder Martíns gehandelt haben. Zwar spricht auch die Angabe auf dem Porträt von Jakob Adam nach Joseph Kreutzinger für 1754 als Geburtsjahr des Komponisten, doch macht sich das Personal von Opernhäusern seit jeher gerne jünger, als es ist (Martíns Konkurrent Mozart hatte Jahrgang 1756). in Valencia; † 11. Februar 1806 in Sankt Petersburg) war ein spanischer Komponist, der unter anderem in Madrid, Neapel, Venedig, Wien und London wirkte, aber nur in Sankt Petersburg zu festen Einkünften gelangte.Leonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler (…) Madrid 2007, S. 123. Obwohl er um 1790 seinen Zeitgenossen Mozart an Popularität übertraf,Leonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler, 1754?–1806. (Semblanzas de compositores españoles 11). geriet er später für lange Zeit in Vergessenheit.

Martín schrieb hauptsächlich italienische Opern und Ballettmusik. Am erfolgreichsten waren seine Drammi giocosi Una cosa rara (1786), L’arbore di Diana (1787) und La capricciosa corretta (1795) nach Libretti von Lorenzo Da Ponte. Von Letzterem stammt, was Christophe RoussetIn der Einleitung seiner kritischen Ausgabe von La capricciosa corretta. die wohl schönste Würdigung von Martíns Werk nannte:

Das lateinische MottoAus Ovids Metamorphosen, 11, 4. seines Porträts von Jakob Adam nach Joseph Kreutzinger rückt Martín in die Nähe des mythischen Sängers Orpheus. (Bei einer andern verbreiteten Darstellung handelt es sich in Wirklichkeit um Pompeo Batonis Bildnis des spanischen Ministers Floridablanca.)

Valencia mini|hochkant|Hauptportal der Kathedrale von Valencia. Die Eltern des Komponisten waren Francisco Xavier Martín, der als Sänger im Dienst der erzbischöflichen Kathedrale von Valencia stand, und María Magdalena Soler, beide aus Teruel. Von 1760 an sang Martín im Chor der besagten Kirche. Die Angabe, er sei einige Zeit Organist in Alicante gewesen, ist irrig.Leonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler (…) Madrid 2007, S. 28.

Madrid (1768–1776) 1768 übersiedelte Martín nach Madrid. Dort wurde er Mitglied des Orchesters der königlichen SommersitzeEl Escorial, El Pardo, San Ildefonso, Aranjuez. sowie Kapellmeister des Fürsten von Asturien und späteren Königs von Spanien Karl IV. 1774 heiratete er die sizilianische Ballerina Oliva Musini oder Masini. Dieser Ehe entstammte der Pianist Federico Martín, der 1812 in Moskau Napoleon vorspielte.Leonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler (…) Madrid 2007, S. 19 (Anm. 2), 27 f., 39, 87, 577. In San Ildefonso bei Segovia führte Martín seine erste Oper Il tutore burlato (Der betrogene Vormund) auf. Es ist die Geschichte von Violante aus Frascati, in die sich deren Vormund Fabrizio und der Ritter Lelio verlieben. Die Schöne aber schenkt ihr Herz dem Hirten Pippo, der sie befreit, als der Adlige sie entführt. Das Werk wurde später unter dem Titel La Madrileña zu einer Zarzuela in spanischer Sprache umgearbeitet.

Neapel (1777–1782) Ein angebliches Studium Martíns bei Padre Martini in Bologna ist nicht nachgewiesen.Leonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler (…) Madrid 2007, S. 19. 1777 ging der Komponist an den Hof des jüngeren Bruders Karls IV., König Ferdinand IV. von Neapel und Sizilien. 1778 amüsierte er die Menge mit einer Sinfonie, während welcher der König zwanzig Kanonen abfeuern ließ.Leonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler (…) Madrid 2007, S. 34. Erhalten sind zwei traditionelle Opere serie, die Martín am größten Theater Europas, am Teatro di San Carlo, zur Aufführung brachte: Ifigenia in Aulide (1779) und Ipermestra (1780). Weiter komponierte er Ballettmusik für den Choreografen Charles Lepicq (1744–1806) – eine Zusammenarbeit, die er später in Sankt Petersburg fortsetzte.

Venedig, Turin, Parma (1782–1785) 1782 verließ Martín Neapel und begann ein Wanderleben in Norditalien. Im erwähnten Jahr führte er in Venedig die Opera buffa In amor ci vuol destrezza (In der Liebe braucht es Gewandtheit) auf. Nachdem er für TurinResidenzstadt des Königs von Sardinien und Herzogs von Savoyen, Viktor Amadeus III. bereits 1780 die Opera seria Andromaca komponiert hatte, ließ er dieser 1783 eine weitere – Vologeso – folgen. 1784 schrieb er in Venedig das Dramma giocoso Le burle per amore (Die Streiche aus Liebe) und für eines der berühmten Mädchenkonservatorien der Stadt sein einziges Oratorium Philistaei a Jonatha dispersi (Die von Jonathan zerstreuten Philister). Für ParmaResidenzstadt Herzog Ferdinands von Parma und Piacenza schuf er 1785 das Dramma giocoso La vedova spiritosa (Die geistreiche Witwe).

Wien (1785–1788) mini|hochkant|Anton Raphael Mengs: Isabel de Llano, um 1770. Seine größten Erfolge feierte Martín in Wien am Hof Kaiser Josephs II. Er verdankte sie dem KunstsinnMemorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S. 72, über Joseph II.: des Monarchen, unter dessen persönlicher Leitung das Burgtheater das wichtigste Zentrum der Opera buffa nördlich der Alpen wurde.Christine Martin: Vicente Martín y Solers Oper (…) Hildesheim 2001, S. 20. Martíns drei Wiener Opern entstanden unter dem Eindruck der Reformen, mit denen Joseph II. Forderungen der Aufklärung erfüllte, und enthalten implizite Kritik an Kirche und Adel. Die Libretti schrieb der kaiserliche Theaterdichter Lorenzo Da Ponte (1749–1838), welcher auch mit mehreren anderen in Wien tätigen Komponisten zusammenarbeitete.Da Ponte schrieb für Salieri 1787/88 Axur, re d’Ormus, 1788 Il Talismano, Il pastor fido und La cifra, für Righini 1786 Il Demogorgone, für Gazzaniga 1786 Il finto cieco, für Mozart 1786 Le nozze di Figaro und 1787 Don Giovanni, für Storace 1786 Gli equivoci. Seinem Urteil gemäß war Martín unter diesen nach Mozart das größte Genie, wobei seine Art zu komponieren jener Mozarts diametral entgegengesetzt gewesen sei.Memorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S. 68 f. Protegiert habe ihn die Gattin des spanischen Botschafters in Wien, Isabel de Llano (1751–1821).Memorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S. 60, 90.

Il burbero di buon cuore (1786)

Die bürgerliche Oper Il burbero di buon cuore (Der Griesgram mit dem guten Herzen) hatte Goldonis Komödie Le Bourru bienfaisant zur Grundlage. Die italienisch-britische Sopranistin Nancy Storace (1765–1817) verkörperte Angelica,Angelica = die Engelhafte. die auf ihr Glück mit Valerio verzichten und ins Kloster gehen soll, weil ihr Bruder GiocondoGiocondo = der Glückliche, Sorglose. seiner ahnungslosen Frau Lucilla zuliebe Schulden macht – von denen ihn aber schließlich der vermeintlich menschenfeindliche Onkel Ferramondo befreit. Da Ponte schreibt von der Schwester des Komponisten Stephen Storace: Memorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S, 56: Das Werk machte Martín zum Lieblingskomponisten Josephs II.Memorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S. 68: . Am Burgtheater erlebte es dreizehn und 1789 sieben weitere Aufführungen, wobei Mozart die Arien der Lucilla der neuen Besetzung anpasste. Es folgten Inszenierungen in Prag, Venedig, Triest, Dresden, Rom, Bologna, Paris, Madrid, London, Barcelona und Sankt Petersburg.Leonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler (…) Madrid 2007, S. 71–73.

Una cosa rara (1786)

mini|hochkant|Pietro Bettelini: Nancy Storace, 1788. Als der Kaiser ein weiteres Werk Da Pontes und Martíns bestellte, wählte der Dichter nach eigenen Angaben dem Komponisten und dessen Protektorin zu Gefallen einen Stoff aus deren HeimatMemorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S. 90: , die Komödie La luna de la Sierra (Der Mond des Gebirges) von Luis Vélez de Guevara.Da Ponte schrieb das Stück irrtümlich Calderón zu. Er konfrontierte – wie in den Libretti zu Le nozze di Figaro (1786) und Don Giovanni (1787) von Mozart – die Ehrbarkeit des Volkes mit der moralischen Korruption der Adligen, die sich das Ius primae noctis anmaßten. Die Rolle der schönen Lilla aus der SierraIm Libretto in Angleichung an das Spanische als bezeichnet., die der Werbung des Königssohns Giovanni widersteht, war für Nancy Storace geschrieben. Laut Da Ponte brauchten er und Martín nur je dreißig Tage, um Una cosa rara o sia Bellezza ed onestà (Eine seltene Sache oder Schönheit und Ehrbarkeit)Una cosa rara o sia Bellezza ed onestà. Dramma giocoso in due atti. Da rappresentarsi nel teatro di corte l’anno 1786. In Vienna, Giuseppe nob. de Kurzbek (…) () Das Motto des Librettos lautet: (Juvenal) In den verkäuflichen Exemplaren versteckte sich Da Ponte als Verfasser hinter einem Akronym. fertigzustellen. Vielleicht nie zuvor habe die Kaiserstadt gehört.Memorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S. 92: . Das Publikum habe vor Vergnügen geschrien, der Kaiser entgegen der Hausordnung die Wiederholung eines Duetts (Lilla und Lubin, 2. Akt, Szene 15. Der Anfang des Duetts ist auf dem Porträt Martíns von Jakob Adam nach Joseph Kreutzinger zu sehen.) verlangt. Die Frauen hätten sich alla Cosa rara gekleidet und Martín, aber auch ihn selber vergöttert. Da Ponte fährt fort: Memorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S. 96: Binnen fünf Jahren wurde die Oper in Wien 55-mal in italienischer und 87-mal in deutscher SpracheAm Leopoldstädter Theater. aufgeführt. Bis 1810 gab es Inszenierungen in 19 heutigen Staaten – allein in Italien in 29 Städten – sowie Übersetzungen in neun Sprachen.Christine Martin: Vicente Martín y Solers Oper (…) Hildesheim 2001, S. 114, 158, 425–430. Mozart, dessen Nozze di Figaro von Martíns Oper aus dem Spielplan des Burgtheaters verdrängt wurden, zitiert das Sextett 1. Akt, Szene 23. im Finale seines Don Giovanni.

L’arbore di Diana (1787)

mini|hochkant|L’arbore di Diana. Gran Teatre del Liceu, Barcelona, 2009 (Foto Ariane Unfried).