Das Kloster St. Märgen ist ein ehemaliges Augustiner-Chorherrenstift in St. Märgen im Schwarzwald, das um 1118 unter der Bezeichnung Cella Sanctae Mariae gegründet wurde. Die deutsche Form des Namens, „Maria-Zell“, wandelte sich im Lauf der Jahrhunderte über Marienzell, Sante Merien und St. Mergen zum heutigen Kloster- und Ortsnamen St. Märgen.Internetseiten Klostermuseum und Landeskunde entdecken online Baden-Württemberg. Die barocke Klosterkirche Mariä Himmelfahrt ist heute katholische Pfarrkirche von St. Märgen und eine der bedeutendsten Marien-Wallfahrtskirchen des Erzbistums Freiburg.Die Kirche auf der Internetseite des Erzbistums Freiburg. Abgerufen am 26. Dezember 2015. Im Nordostflügels des Klosters befindet sich das Klostermuseum, dass mit einer Dauer- sowie wechselnden Sonderausstellungen einen facettenreichen Überblick über das kulturelle Leben sowie die reichhaltige Historie des Ortes bietet.
Die Geschichte des Klosters haben besonders der Kirchenhistoriker Wolfgang Müller (1905–1983), der Priester und Kunsthistoriker Manfred Hermann, die Lehrerin und Historikerin Elisabeth Irtenkauf (* 1931 in Rottweil) und der St. Märgener Mesner und Heimatforscher Klaus Hog (* 1966 in Freiburg im Breisgau) erforscht.
Fünfmal wurde das Kloster durch Feuer zerstört, das erste Mal 1284 oder kurz davor, zuletzt 1907. Fünfmal wurde es wiederhergestellt oder neu aufgebaut.
In der Kunstgeschichte hat es einen besonderen Rang, weil ein der bedeutender Bildschnitzer des Rokoko in Süddeutschland, Matthias Faller, zeitweise hier wohnte und arbeitete.
Klostergeschichte Gründung Das Gründungsjahr des Klosters ist unbekannt. Eine Urkunde von 1121, in der Grenzstreitigkeiten zwischen St. Märgen und dem Kloster St. Peter auf dem Schwarzwald beigelegt werden, gibt einen terminus ante quem. Gründer war der Straßburger Domherr Bruno von Haigerloch-Wiesneck († zwischen 1126 und 1128), späterer Kanzler Kaiser Heinrichs V. Er unterschrieb neben dem Vogt von St. Peter Berthold III. von Zähringen und dem Konstanzer Bischof Ulrich I. von Kyburg-Dillingen die 1121er Urkunde.Müller 1969, S. 12. Damals muss St. Märgen schon einige Jahre bestanden haben. Mit seiner 850-Jahr-Feier 1968 griff der Ort die Annahme einer Gründung 1118 auf. Neben geistlichen standen hinter der Gründung politische Motive, insbesondere der Wettbewerb der Haigerloch-Wiesnecker und der Herzöge von Zähringen um die Vorherrschaft im Breisgau und Schwarzwald. Die Haigerloch-Wiesnecker waren um 1110 Vögte der St. Galler Güter im Zartener Becken und besaßen die Burg Wiesneck auf einer Anhöhe zwischen dem Wagensteigtal und dem Unteribental. St. Märgen im Quellbereich des Wagensteigbachs und des Ibenbachs half die wichtige Schwarzwaldquerung vom Zartener Becken durch die Wagensteige sichern. Die Zähringer verlegten 1093 ihr Hauskloster von Weilheim unter Teck nach St. Peter auf dem Schwarzwald und zerstörten 1121 die Burg Wiesneck; sie wurde bald wieder aufgebaut.
Bruno von Haigerloch-Wiesneck besiedelte das Kloster dank Vermittlung Bischof Richwins von Toul mit Kanonikern aus dem Kloster St. LeoMüller 1969, S. 9. in Toul, die jedoch bald durch Deutsche ersetzt wurden. Die Lothringer Chorherren brachten nach der Überlieferung das Gnadenbild mit, um das sich eine Wallfahrt entwickelte und das bis heute in der Wallfahrts- und Pfarrkirche verehrt wird.
Bischof Ulrich I. von Kyburg-Dillingen, selber Augustiner-Chorherr, rief 1125 das Augustiner-Chorherrenstift St. Ulrich und Afra Kreuzlingen in der heutigen Stadt Kreuzlingen, Kanton Thurgau, ins Leben,Anton Hopp: Das Hospiz des heiligen Konrad und die Gründung des Chorherrenstiftes St. Ulrich und Afra zu Konstanz/Kreuzlingen, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 107. Jg. 1989, S. 97–106. das für die Geschichte St. Märgens wichtig wurde. mini|Rückkehr der Kanoniker in ihr Kloster um 1322. Gemälde von Franz Ludwig Hermann um 1752.Das komplette Bild in: Hans-Otto Mühleisen (Hrsg.): Das Vermächtnis der Abtei. 900 Jahre St. Peter auf dem Schwarzwald. Badenia Verlag, Karlsruhe 1993. ISBN 3-7617-0297-3, S. 287.
Besitzungen Zum Besitz des Klosters zählte in erster Linie Rodungsland in der näheren Umgebung. Hier wurde schon bald eine Abgrenzung zu St. Peter und St. Gallen notwendig. Vom Kloster wurden die Pfarrstellen in St. Märgen, Hüfingen, Wyhl, Scherzingen und Haslach (Freiburg im Breisgau) besetzt. Haslach ging zwar im Laufe der Reformation verloren, dafür kam durch Schenkung 1615 die Pfarrei Zähringen (Freiburg im Breisgau) hinzu. Zudem hatte das Stift Bürgerrecht in Endingen, Villingen und Freiburg.Internetseite Klöster in Baden-Württemberg.
Vögte und die ersten zwei Brandkatastrophen Die päpstliche Zusicherung freier Vogtwahl blieb Theorie. Als Graf Wetzel I. von Haigerloch-Wiesneck, ein Neffe des Gründers Bruno, 1133 Burg Wiesneck verließ, übernahmen die verwandten Grafen von Hohenberg die Vogtei. Von ihnen kam sie 1293 an den Freiburger Ritter Burkard Thurner, etwa 1316 an die Schnewlin, 1372 an die Blumeneck und 1452 wieder zurück an die Schnewlin.Irtenkauf und Hog 2010, S. 285. Der ständige Streit mit den Vögten zog das Kloster während des ganzen 14. und 15. Jahrhunderts in schwere Mitleidenschaft. Drei Äbte erlitten einen gewaltsamen Tod, nämlich Konrad III., den ein Ritter von Schnewlin 1355 bei Ebnet erschlagen ließ, Berthold Schultheiß, den die eigenen Konventualen 1385 ermordeten, und Johannes II. Schlegele, den die Blumenecker 1401 bei Merdingen töteten.Irtenkauf und Hog 2010, S. 284.
Fünf Brandkatastrophen haben St. Märgen im Lauf seiner Geschichte heimgesucht. Wie schnell und in welchem Umfang wiederaufgebaut wurde, richtete ich nach den Bedürfnissen und Ressourcen. Dabei waren die Kirche und, als der Konvent in Freiburg im Exil weilte, ein Haus für den Pfarrer vordringlich. Der erste Brand ereignete sich 1284 oder kurz zuvor. Wahrscheinlich wurde sofort wiederaufgebaut. mini|„Alle Hayligen“ (9) zwischen „S. Niclaus Pfarrkirchen“ (2) und „Christoffel Thor“ (39) auf dem Freiburger Stadtplan des Gregorius Sickinger 1589.Kloster Allerheiligen lag östlich des heutigen Nachfolgebaus der Karlskaserne und südlich des heutigen Leopoldrings. Um 1322 – die Schnewlin waren eben Vögte geworden – machte St. Märgen eine so schwere Krise durch, dass der Abt von St. Peter Gottfried von Lötschibach dem Papst darüber berichtete. Der Konvent habe unter Mitnahme der Ornamente und gottesdienstlichen Bücher das Kloster verlassen und gehe seit zwei Jahren betteln. Kirche, Refektorium, Dormitorium, Keller und andere Häuser lägen unverschlossen. Die Altäre seien wie in der Karwoche abgeräumt, transportable Heiligenbilder verschwunden, die Kirche leer wie ein profaner Raum.Müller 1969, S. 24. „Aus dem Schutzvogt war ein Raubvogt geworden“.Irtenkauf und Hog 2010, S. 53. Die Rückkehr der Kanoniker wenig später ist in einem Porträt Abt Gottfrieds in St. Peter aus dem Jahr 1752 oder 1753 dargestellt, mit der ältesten – weitgehend phantasiegegründeten – Ansicht des Klosters St. Märgen.
1370 beschlossen der St. Märgener Konvent und die Kanoniker des 1302 gegründeten Augustiner-Chorherrenstifts Allerheiligen in der Vorstadt Neuburg von Freiburg im Breisgau wegen beiderseitiger Armut eine Union. Der St. Märgener Abt Werner von Weisweil resignierte, neuer Abt und gleichzeitig Propst von Allerheiligen in Freiburg wurde der 1385 ermordete Berthold Schultheiß. mini|Gedenktafel an den Brand von 1430 innen neben dem Eingang zur Kirche.Text nach Hermann 2003: „Cella Sanctae mariae heiß ich warlich / Im 1430 Jar verbrun ich schandtlich / Mitt Gloggen, Orglen, Kelch, Bücher und allen Dingen / Haben mir seydher nit mögen widerbringen / Abbt Ehrhart Rotenkopf hat mich gebauen zwar / Im 1493 Jar zur Ehre Gottes und Mariae firwahr.“ Zum zweiten Mal wurde das Kloster 1430 ein Opfer der Flammen. Dieser Brand führte zusammen mit dem unablässigen Streit mit den Vögten dazu, dass der Konvent unter dem vierten Abt nach dem Brand Johannes VI. Fähr († 1474) am 29. April 1462 seinen gesamten Besitz auf dem Schwarzwald, im Wagensteigtal und im Zartener Becken außer der St. Märgener Kirche und dem Zehnt für 4800 fl. der Stadt Freiburg verkaufte, die 1463 auch die Vogtei übernahm. Die wenigen Kanoniker zogen in ihre Propstei Allerheiligen, der die Besitztümer westlich des Schwarzwaldes verblieben. Für Jahrzehnte wurde in St. Märgen nur unregelmäßig die heilige Messe gefeiert.
Exil in Freiburg Dem Nachfolger Abt Johannes des VI. Fähr, Erhart Rotenkopf aus Rottweil († 1502), gelang der Rückkauf einiger Rechte von Freiburg und 1493, 63 Jahre nach dem Brand, die Wiederherstellung der Kirche. Er versuchte auch innerklösterliche Reformen, scheiterte aber an seinen Konventualen und an Widerstand aus St. Ulrich und Afra Kreuzlingen. Nachdem 1518 das Kloster Allerheiligen in Freiburg, die Kirche ausgenommen, verbrannt war, wurden die Verhältnisse immer armseliger. 1546 verordnete Abt Gregor von Kreuzlingen, die Vorsteher von Allerheiligen und St. Märgen seien in Zukunft nicht mehr Äbte, sondern Administratoren. Der erste war Mattheus Haber oder Haberkalt († vor 1556). Unter seinem Nachfolger Heinrich von Jestetten († 1573) wurde das Kloster 1560 „ex incuria et negligentia familiae Parochi“ – „wegen Sorglosigkeit und Unachtsamkeit des Pfarrhaus-Gesindes“ – zum dritten Mal durch Feuer zerstört. Erst ab 1578 begann unter dem Administrator – ab 1583 durfte er sich „Propst“ nennen – Ulrich Stehelin aus Hagnau am Bodensee († 1611) der Wiederaufbau. mini|Andreas Dilger 1721.Gemälde von Franz Dietrich Kraus (* 1667). Kraus auf der Internetseite des Schweizerischen Instituts für Kunstgeschichte. Abgerufen am 15. Februar 2014. Ferner Irtenkauf 1999, S. 280–281. mini|Ausschnitt as Dilgers Porträt mit seiner Idealvorstellung seines Klosters. Der Dreißigjährige Krieg zerwühlte auch den Breisgau. Als Propst Jakob Geiger aus Langenargen 1635 starb, hatte der Konvent nur noch drei Mitglieder. Sie wählten einen der Ihren, Konrad Henny, zum Propst, der aber 1638 nach Österreich floh und nicht zurückkehrte.Müller 1869, S. 79–80. Weil Allerheiligen nah der Stadtmauer lag, wurde es 1644 gesprengt, um Angreifern keinen Unterschlupf zu überlassen. Dass die Kirche verschont blieb, wurde dem wundertätigen Gnadenbild zugeschrieben.Müller 1969, S. 80. Als Sébastien Le Prestre de Vauban auf Befehl Ludwigs XIV. Freiburg ab 1678 zur (französischen) Festung ausbaute, wurde auch Allerheiligen endgültig dem Erdboden gleichgemacht. Das Gnadenbild wurde im Kloster der Augustinereremiten untergebracht. Trotz der verzweifelten Lage bemühten sich die Pröpste Adam Schmid aus Freiburg († 1698), Melchior Knoll aus Türkheim im Elsass († 1699) und Dominik Simonis († 1713) aus Freiburg um Rettung. Sie erwarben ein Grundstück in Freiburg, auf dem ein neues Augustiner-Chorherrenstift errichtet wurde, an der Stelle des heutigen Erzbischöflichen Ordinariats. Außerdem gelang der Rückkauf des St. Märgener Meierhofs, dessen Bewirtschaftung einigen Gewinn versprach. Ein besonderes Verdienst von Propst Adam Schmid war die Zusammenstellung einer Chronik St. Märgen. Chronik, Diarium und Register der Besitzungen von St. Märgen und Allerheiligen, heute im Generallandesarchiv Karlsruhe.Irtenkauf und Hog 2010, S. 368.