Die Geschichte des Islams () wird in diesem Artikel aus politischer, kultur- und sozialgeschichtlicher Sicht dargestellt. Aufgrund der langen geschichtlichen Entwicklung und der geografischen Ausdehnung der islamischen Welt werden hier nur die Grundzüge dargestellt. Um den Überblick zu erleichtern, erfolgt eine Gliederung einerseits nach zeitlichen Epochen, andererseits wird innerhalb des Dār al-Islām ein westlicher (Maghreb) von einem östlichen Teil (Maschrek) unterschieden.Die Gliederung orientiert sich an der New Cambridge History of Islam, Band 1–6. Cambridge University Press, Cambridge UK 2000, , abgerufen am 18. Februar 2016

mini|500px|Die Islamische Welt zum Ende der Abbasidendynastie

Historischer Überblick Ausbreitung und erste Blütezeit Ausgehend von der islamischen „Urgemeinde“ in Arabien hatte sich der Islam in den ersten zwei Jahrhunderten seines Bestehens über einen großen Teil der Welt ausgebreitet. Im Laufe ihrer über 1300-jährigen Geschichte bildeten sich innerhalb der islamischen Welt unterschiedliche Glaubensrichtungen, Gesellschaften und Staaten heraus. Die Aneignung und Umformung der Kultur der Antike führte zu einer frühen Blütezeit der islamischen Kultur, die bis ins christliche Europa ausstrahlte. Entscheidend für diese Entwicklung war die Dominanz und integrierende Kraft der islamischen Religion und der allen Gebildeten gemeinsamen arabischen Sprache. Bis zum Aufschwung der modernen Naturwissenschaft im Gefolge der europäischen Aufklärung blieb der Einfluss islamischer Wissenschaftler, insbesondere der Ärzte, auch in Europa ungebrochen.

Differenzierung Infolge der Trennung von Sunniten und Schiiten ging die religiöse, mit dem Ende der Umayyadendynastie und der Gründung des Emirats von Córdoba auch die politische Einheit der Islamischen Welt verloren. Die einzelnen Regionen blieben durch Handel und Migration eng verbunden, entwickelten unter wechselnden Herrscherdynastien jedoch teils eigene kulturelle Traditionen. Der Mongolensturm des 13. und die verheerenden Epidemien des 14. Jahrhunderts führten zu tief greifenden Änderungen der politischen Verhältnisse.

Im Verlauf des 11.–15. Jahrhunderts trennten sich Gebiete mit Arabisch als Alltags- und Kultursprache von solchen, in denen Persisch zur wichtigsten Sprache in der weltlichen Kultur wurde und Arabisch die Sprache des religiösen und rechtswissenschaftlichen Diskurses blieb. In großen Teilen der östlichen islamischen Welt wurden die Türken zur herrschenden Elite. Bis zur Zerstörung Bagdads 1258 im Mongolensturm bestand das Abbasiden-Kalifat weiter, das arabischsprachige Gebiet teilte sich aber in drei politisch getrennte Regionen auf: Irak, meist unter einer Herrschaft mit Iran vereint („Beide Irak“), Ägypten als Vormacht auch über Syrien und das westliche Arabien, sowie die Gebiete des Maghreb.

Obwohl die islamischen Herrscher, die Kalifen, für eine gewisse Zeit noch ihre Rolle als regionale Herrscher behielten, in Bagdad, Kairo oder in al-Andalus, und das Kalifenamt immer noch der Legitimation islamischer Herrschaftsausübung dienen konnte, ging die wirkliche Macht auf Sultane, Emire, Maliks und andere Herrscher über. Im 11.–18. Jahrhundert breitete sich der Islam bis tief hinein nach Indien, Westchina, und über die Ozeane nach Ostafrika, die Küstengebiete Südasiens, Südostasiens und Südchinas aus. Eine solche Ausdehnung macht in ihrer kulturellen und politischen Verschiedenheit eine Zentralherrschaft und koordinierte Verwaltung unmöglich. In der weiteren Verbreitung des Islams spielten die Händler und die Sufi-Mystiker der Tarīqa eine ebenso wichtige Rolle wie zuvor ein Heer oder ein Verwaltungsoberhaupt.

Frühneuzeitliche Großreiche Im 15. und 16. Jahrhundert entstanden mit der Safawidendynastie, dem Mogulreich und dem Osmanischen Reich drei neue Großmächte. Im Zuge ihrer Selbstvergewisserung und geleitet von dem Bedürfnis nach angemessener kultureller Repräsentation ihrer neuen politischen Rolle erlebte die islamische Kultur in diesen Ländern eine weitere Blütezeit. Gefördert von den Herrschern, angeleitet von Hofmanufakturen unter der Protektion der Herrscher, entstanden Meisterwerke der Kunst sowie Bauten, die heute zum Weltkulturerbe zählen.

Mit Beginn des 12. Jahrhunderts wuchs der Handel zwischen Europa und der Islamischen Welt, besonders mit dem Osmanischen Reich, stark an. Bereits im 15. Jahrhundert war in Kleinasien eine überwiegend auf den Export gerichtete Wirtschaftsstruktur entstanden. Die steigende europäische Nachfrage nach Handelsgütern wie Gewürzen, Orientteppichen, Glas- und Keramikwaren zerstörte infolge der Massenproduktion und Verwendung billigerer Materialien das traditionelle Kunsthandwerk der islamischen Länder. Gleichzeitig schwächte das in Europa aufgrund der Importe aus Südamerika reichlich vorhandene Silber die auf der Silberwährung beruhende Wirtschaft des wichtigsten Handelspartners. Die mit der Einführung der Feuerwaffen erfolgte Revolution der militärischen Technik im 16. Jahrhundert belastete die Staatsfinanzen der Großreiche.

Kolonialismus und Unabhängigkeit Mit der Ausbildung der modernen Weltordnung ging die Vorrangstellung der islamischen Kultur verloren: Die westeuropäische Renaissance, Reformation und beginnende wissenschaftliche und industrielle Revolution wurden von der islamischen Welt fast nicht wahrgenommen. Die politische und wirtschaftliche Dominanz Europas im 19. und frühen 20. Jahrhundert führte zu einer von Eigeninteressen geleiteten Politik des Kolonialismus gegenüber den Ländern der islamischen Welt und deren Aufteilung in Interessensphären der jeweiligen Kolonialmächte, beispielsweise im Vertrag von Sankt Petersburg (1907). Mit Unterstützung europäischer Großmächte etablierte sich 1925 in Iran die Pahlavi-Dynastie. Seit der Eroberung des Mogulreichs durch Großbritannien (1858) stand Indien als Kronkolonie unter direkter britischer Herrschaft, seit 1882 war Ägypten britisches Protektorat. Afghanistan, ursprünglich zum Mogulreich gehörig, war seit dem späten 19. Jahrhundert Schauplatz kriegerischer Konflikte im Grenzgebiet der britischen und russischen Einflusssphären, im 20. Jahrhundert des Kalten Kriegs und des US-amerikanischen Kriegs gegen den Terror.

In den islamischen Ländern entwickelten sich zur Zeit der europäischen Kolonialherrschaft und in der Auseinandersetzung mit ihr zahlreiche Reformbewegungen, unter denen sich eine modernistische und eine traditionalistisch-fundamentalistische Denkrichtung unterscheiden lassen. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert gegründet, sind mehrere dieser Organisationen auch heute noch von ideologischer und politischer Bedeutung.

Das Streben nach Unabhängigkeit, beispielsweise in der Griechischen Revolution (1821–1829) oder im Osmanisch-saudischen Krieg (1811–1818) führte zu Gebietsverlusten des Osmanischen Reichs, das 1923 im Türkischen Befreiungskrieg unterging. Indien wurde 1947 auf der Grundlage der Zwei-Nationen-Theorie in den heutigen indischen Staat und die muslimischen Staaten Pakistan und Bangladesch aufgeteilt. Indonesien erklärte 1945 seine Unabhängigkeit von der niederländischen Kolonialmacht. Im Islamischen Westen gewannen die Staaten des Maghreb erst Mitte des 20. Jahrhunderts ihre Eigenständigkeit, beispielsweise im Algerienkrieg. 1979 wurde in der Islamischen Revolution die iranische Monarchie gestürzt. Das Land ist seitdem eine Islamische Republik. Im Osten entstanden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unabhängige, teils autokratisch regierte Staaten.

Moderne Die Hegemonie der modernen westlichen Kultur stellt eine grundlegende Herausforderung für die islamische Welt dar. Die Diskussion fokussiert sich letztlich auf die Frage, inwieweit heutige Muslime westlich-liberale Errungenschaften und politische Konzepte übernehmen sollen, oder ob die islamische Welt einerseits die Mittel habe, andererseits ob sie überhaupt in der Pflicht stünde, eine eigene, islamische Moderne zu schaffen. Dem kurzlebigen arabischen Frühling gegenüber steht die fundamentalistische Position, dass der wirtschaftliche und kulturelle Niedergang eine Folge der Missachtung der Gebote Gottes sei. In diesem Fall, so wird argumentiert, könne nur eine kompromisslose Rückwendung hin zur Schrift und den Traditionen des Propheten eine Lösung des Dilemmas bringen.

Die Idee des Islamischen Erwachens seit den 1970er Jahren steht für die Wiederbesinnung auf islamische Werte und Traditionen in bewusster Abkehr von westlichen Bräuchen. Insbesondere im Kontext von Armut und fehlendem Zugang zu Bildung gewinnt der islamistische Terrorismus an Boden und richtet sich nicht nur gegen die westlich-säkulare, sondern auch gegen die Gesellschaft der eigenen oder der Nachbarländer. Bürgerkriege, beispielsweise der Krieg in Syrien seit 2011, verwüsten einige der ältesten und bedeutendsten Städte der islamischen Kultur überhaupt, und somit einen Teil des materiell-kulturellen Erbes des Islams in den Kernländern seiner Entstehung.

Islamische Geschichtsschreibung

mini|Autograph von Ibn Chaldūn

Frühe islamische Geschichtsschreiber · az-Zubair (634/35–712/13) · Ibn Ishāq (gest. 761) · al-Wāqidī (745–822) · Ibn Hischām (gest. 834) · ibn Saʿd (gest. 845) · Ibn ʿAbd al-Hakam (gest. 871) · ibn Schabba (gest. 877) · at-Tabarī (839–923) · al-Masʿūdī (gest. 956 oder 946) · Ibn ʿAsākir (gest. 1176) · Ibn al-Athīr (gest. 1233) · Ibn Chaldūn (1332–1406) · al-Maqrīzī (gest. 1442) · al-ʿAsqalānī (1372–1449)

Die Überlieferung der Geschichte des Islams setzte schon bald nach dem Tode Mohammeds ein. Erzählungen über den Propheten, seine Gefährten und die Frühzeit des Islams wurden aus verschiedenen Quellen zusammengetragen; Methoden mussten entwickelt werden, um ihre Zuverlässigkeit zu beurteilen. Die Hadith-Wissenschaft () umfasst eine Reihe von Disziplinen, die dem Studium der Aussprüche Mohammeds, den Hadith, zugrunde liegen. Dschalal ad-Din as-Suyūtī beschrieb die Prinzipien, nach denen die Authentizität einer Überlieferungskette (Isnād) eingeschätzt wird. Der Begriff „ʿIlm ar-ridschāl“ bezeichnet die biografische Wissenschaft, deren Ziel es ist, die Zuverlässigkeit der von einer Person überlieferten Information einzuschätzen.

Der in Bagdad wirkende at-Tabarī (839–923) gilt mit seinem annalistischen Ta’rīch / Achbār ar-rusul wal-mulūk (Geschichte/Nachrichten der Gesandten und Könige) als der bekannteste Autor auf dem Gebiet der Universal- bzw. Reichsgeschichte. At-Tabarī versteht sich als Überlieferer, der sich eigener Schlussfolgerungen und Erläuterungen enthalten sollte.

Die ersten detaillierten Studien zur Methodenkritik der Geschichtsschreibung und Geschichtsphilosophie erschienen in den Werken des Politikers und Historikers Ibn Chaldūn (1332–1406),Mohamad Abdalla (2007): Ibn Khaldun on the fate of Islamic science after the 11th century. Islam & Science 5 (1), S. 61–70. vor allem in der Muqaddima (Einleitung) zum Kitāb al-ʿIbar („Buch der Hinweise“, eigentlich „Weltgeschichte“). Er betrachtet die Vergangenheit als fremd und interpretationsbedürftig; bei der Betrachtung eines vergangenen Zeitalters müsse das relevante historische Material nach bestimmten Grundsätzen beurteilt werden. Oft sei es vorgekommen, dass ein Geschichtsschreiber unkritisch von vorausgegangenen Autoren abgeschrieben habe, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob die jeweilige Überlieferung in das Gesamtbild einer Epoche oder mit anderen von einer Person überlieferten Informationen zusammen passe. Er begreift die von ihm geforderte Geschichtsschreibung als völlig neue Methode und bezeichnet sie wiederholt als „neue Wissenschaft“.

6.–10. Jahrhundert Arabien vor dem Islam