mini|Martin Scherber im Gespräch vor dem Unfall 1969. Martin Scherber (* 16. Januar 1907 in Nürnberg; † 10. Januar 1974 ebenda) war ein deutscher Komponist. Er entwickelte die von ihm so genannte Metamorphosensinfonik. Durch sein sinfonisches Schaffen führte er die musikalische Sprache der Wiener Klassik und Romantik mit verwandelten und neuen Stilelementen weiter.
Leben und Wirken Kindheit und Jugend Martin Scherber wurde als drittes und jüngstes Kind von Marie und Bernhard ScherberBernhard Scherber * 1. Dezember 1864 in Klein Tschachwitz bei Dresden – † 8. Juni 1941 in Nürnberg; Maria Scherber geb. Egloff * 20. Juli 1878 in Maxhütte/Oberpfalz – † 11. März 1963 in Nürnberg in Nürnberg geboren. Der Vater wirkte als erster Kontrabassist im Orchester des städtischen Opernhauses.Booklet zur Sinfonie No. 3 in h-moll durch Martin Scherber, Peermusic classical, Hamburg / col legno Bad Wiessee 2001, S. 7.
Scherber besaß neben der musikalischen auch eine große technische Begabung. Daher besuchte er die Oberrealschule.Oberrealschule an der Löbleinstraße; heute: Hans-Sachs-Gymnasium Nürnberg z. B. Jahreszeugnis der Oberrealschule Nürnberg vom 2. April 1925; Archiv des Bruckner-Kreises Nürnberg – Archiv BRK-N Bereits mit etwa fünf Jahren begann er, Gehörtes auf dem Klavier und der Geige nachzuspielen. Er hatte das absolute Gehör, Noten wollte er nicht lernen. Auf die Interventionen seines Vaters hin akzeptierte er sie schließlich als ein Darstellungsmittel für Musik. Eine seiner Stärken lag später in der Klavierimprovisation. Im Alter von dreizehn Jahren schuf er erste Kompositionen. Weiterführenden Klavierunterricht erhielt er beim Nürnberger Opernkapellmeister Karl WinklerHandschriftliches Zeugnis von Karl Winkler vom 22. Oct. 26; Archiv Bruckner-Kreis Nürnberg (Archiv-BRK-N) und der Pianistin Maria Kahl-Decker.Handschriftliches Zeugnis von Maria Kahl-Decker vom 20.Oct. 1926 (Archiv BRK-N) 1922 trat er in Nürnberg erstmals öffentlich als Pianist im Stadtparksaal bei einem Wohltätigkeitskonzert für die RuhrhilfeZeitungsausschnitt (Nürnberg): „Wohltätigkeitskonzert der Musikgesellschaft ‚Radetzky‘ zu Gunsten der Ruhrhilfe“ gez. Rogge (Archiv BRK-N) und im Jahr danach im Nürnberger Katharinenbau auch mit eigenen Kompositionen auf.„Erster Klavierabend des jungen Komponisten und Klaviervirtuosen Martin Scherber, Nürnberg“ Es gelangten Werke von Mendelssohn, Schubert, Liszt, Beethoven und eigene Werke: "Rhapsodie in B-Moll"; "Thema mit 6 Variationen" zur Aufführung; letztere empfand Scherber 1935 als ungenügend und hat sie vernichtet (Archiv BRK-N) wie es auch von anderen Komponisten hinreichend bekannt ist, wenn sie ab einem bestimmten Zeitpunkt ihres Schaffens den Eindruck bekamen, dass sie nun 'ihren' Weg gefunden hätten, bzw. bemerkten, dass die von ihnen 'hervorgebrachte Musik' sich objektiviert habe Er befasste sich intensiv mit dem Werk von Johann Wolfgang von Goethe, dessen umfassende Weltsicht ihn inspirierte."Grandiose Goethefeier im Stadttheater" mit Prolog von Martin Scherber, Zeitung Aussig, 1932. Scherber versuchte sein ganzes Leben die Goethe’schen Anregungen zur Naturbetrachtung zu erüben und dadurch zu vertiefen. Die dabei notwendigerweise einhergehende Verinnerlichung des Naturerlebens führte ihn schließlich auf dem Gebiet der Musik zur Metamorphosensinfonik, weil bei genügend intensivem und emanzipiertem Innenleben sich alle menschlichen und natürlichen Wirksamkeiten entsprechend der von Scherber später entwickelten Arbeitsmethode des ‚Über-Kreuz-Erlebens‘ verwandt zeigen. Sie, z. B. die plastischen Bildekräfte Goethes, welche dieser an den Pflanzen entwickelte, und die musikalischen Wandlungskräfte Scherbers, die er auf dem Gebiete der inneren Musik fand, können sich gegenseitig befruchten, denn sie stammen aus der allem gemeinsamen Schöpfungsquelle.
Studium und musikalisches Wirken mini|hochkant|Scherber in Aussig (etwa 1932)
Ab September 1925 besuchte er mit Stipendien die Staatliche Akademie der Tonkunst in München.Hochschule für Musik und Theater München Jahresberichte Namenslisten S. 16–18. Und „Auszug aus dem Zensurbuche für das 1. Halbjahr 1925/26“; gez. Dr. Siegmund von Hausegger (Archiv BRK-Nürnberg)nach Hildegard Scherber-Tidecks von der Stadt Nürnberg oder München Gleichzeitig studierte er Philosophie, vermutlich an der Universität München als Gasthörer bzw. später im Selbststudium. Hier befasste er sich besonders mit Erkenntnistheorie, d. h. der Verständigung des tätigen Bewusstseins mit sich selbst und mit der Untersuchung von dessen Eingliederungsmöglichkeiten in das Weltgeschehen.'Über-Kreuz-Erleben'
Über seinen Goethestudien entdeckte er die Schriften Rudolf Steiners.Die erste Bekanntschaft geschah mit der Schrift Steiners: „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goethe’schen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller“, 1886; z. Zt. 8. Auflage, Rudolf Steiner Verlag Dornach 2003; ISBN 978-3-7274-0020-9 – Onlineausgabe Dessen Hinweise auf erkenntnistheoretischem und spirituellem Gebiet erprobte er mit der ihm eigenen Selbständigkeit. Er erlebte das als einen Zuwachs eines reinen Wahrnehmungsvermögens und durch die energische Steigerung der Aufmerksamkeitskräfte las die Möglichkeit zu tieferen Einsichten und BetätigungsmöglichkeitenMartin Scherber Von Urquellen aller echten Kunst und der Allverbindung des vereinsamten Menschen. Partitur Sinfonie No. 2, Nürnberg 1973, Anhang, S. 277.. Unter diesem Doppelaspekt erscheint seine Biografie und sein sinfonisches Werk in einem besonderen Licht, d. h. die spätere freie schöpferische Tätigkeit beim Hervorbringen und Gestalten der Metamorphosensinfonien ist eine direkte Folge der dadurch möglich gewordenen künstlerischen Erkenntniserlebnisse.Scherber wurde zwar nie Mitglied in der Anthroposophischen Gesellschaft, doch arbeitete er anthroposophisch, d. h. auf der Basis eines freien, selbstbewussten Erkenntnis- und Handlungsrealismus. Es muss die anthroposophische Bewegung von der Anthroposophischen Gesellschaft unterschieden werden. Letztere ist ein spezialisierter Bereich der ersteren. Jene ist umfassender und weiter verbreitet, als diese, denn organisieren lässt sich eine freie auf Menschlichkeit beruhende Bewegung nur unter einschränkenden Bedingungen.
Im September 1929 trat er eine Stelle als Korrepetitor in Aussig an der Elbe an und wurde dort nach kurzer Zeit Kapellmeister und Chorleiter. Als sein VertragVertrag Stadttheater Aussig vom 15. September 1932 (A/BRK-N) im Mai 1933 auslief, zog er sich aus der Öffentlichkeit zurückBühnennachweis, ausgestellt vom Direktor des Aussiger Stadttheaters 1929–1933 Franz-Josef Delius, Köln vom 31. August 1934. (A/BRK-N) und lebte als unabhängiger Musikpädagoge und freischaffender Komponist wieder in seiner Geburtsstadt.
Jahrelange Erfahrungen als Soldat im Zweiten Weltkrieg1940–1946: Bahnflak, Musikkorps, Sanitätsdienst, englische Gefangenschaft im Munster Lager berührten ihn nachhaltig. Nach seiner Rückkehr im Jahre 1946 begann er wieder als Komponist und Privatmusiklehrer zu arbeitenAnmeldebestätigung für die Erteilung von Privatunterricht im „Klavierspiel, Musiktheorie, Korrepetition, Dirigieren und Partiturlesen in Nürnberg, Schoppershofstr. 34“ – Stadtrat zu Nürnberg – Gewerbeamt vom 19. Oktober 1948 (Archiv BRK-N)Scherber erlebte Fähigkeiten das Kriegsgeschehen sehr vielschichtig. Auf der einen Seite die Wucht der aufeinanderprallenden ideologisch eingekleideten Emotionalitäten und auf der anderen Seite die Entfaltung von Freundschaft, Kameradschaftlichkeit und Nächstenliebe. Daraus erwuchs ihm eine Disziplinierung, welche erlaubte, sich die innerlich erlebten musikalischen Prozesse allmählich weiter bewusst zu machen, um sie schließlich nach dem Krieg in fortgeschrittener sinfonischer Sprache zu artikulieren 1948–1950 fertigte er Klavierauszüge von Anton Bruckners Sinfonien Nr. 3 bis 9 an. Er legte die Bearbeitungen Wilhelm FurtwänglerFurtwängler schreibt über sie "…Dieselbe scheint mir getreu und vernünftig zu sein – das Beste was man von einer Klavierbearbeitung sagen kann. …" Brief vom 12. September 1950; Archiv BRK-N und dem Verlag Schott’s Söhne„Die vorgelegten Proben Ihrer Bruckner-Bearbeitungen machen auf uns einen sehr guten Eindruck.“ Schreiben vom 21. Juni 1949; Archiv BRK-N vor. Sie wurden gleichermaßen als gut und werkkonform beurteilt, jedoch bestand kein Interesse an sinfonischen Klavierfassungen. Die Arbeit an den Sinfonien Bruckners war sicherlich eine wichtige Vorbereitung für die Konzeption und Durchführung der großen Metamorphosensinfonien in den folgenden 1950er Jahren, die als seine Hauptwerke gelten, nachdem er seine erste Metamorphosensinfonie bereits 1937/1938 geschrieben hatte.
Der erst allmählich bekannter werdende Scherber spielte durch seinen selbst gewählten Lebensstil im Musikleben seiner Zeit keine Rolle. Ende der 1960er Jahre plante er, erneut öffentlich aktiv zu werden. Er wollte u. a. konzertieren und dabei über vom Publikum vorgeschlagene Themen improvisieren. Eine zunehmende Unkontrollierbarkeit der rechten HandErika Scherber berichtete 2008, dass Scherbers Vater Bernhard und Neffe Richard – ihr Mann – im Alter Parkinson bekamen. Vielleicht machten sich derartige Krankheitssymptome auch bei Martin Scherber bemerkbar? Er selbst hat es nie so artikuliert, sondern auf andere Ursachen zurückgeführt. Auch seine Umgebung, z. B. die Musikschülerschaft bemerkte nichts davon. und ein schwerer Unfall im Jahre 1970 verhinderten das.
Letzte Jahre, Unfall und Tod 1966 wurde in Krefeld der Bruckner-KreisHeute: Bruckner-Kreis Nürnberg von dem Dirigenten Fred Thürmer und Musikfreunden gegründet. Sein Fernziel war, sich um das Werk Martin Scherbers zu kümmern. Scherber selbst beabsichtigte die Metamorphosensinfonien erst nach seinem Tode zu veröffentlichen. Doch Ostern 1970 wurde von verschiedenen Seiten die Idee an ihn herangetragen, sein musikalisches Werk früher zu publizieren. Er stellte sich als Berater zur Verfügung. Die Faksimilepartituren der dritten und ersten Sinfonie erschienen daraufhin als unmittelbare Beiträge zum Nürnberger Albrecht-Dürer-Jahr 1971. Die Drucklegung der F-Moll-Sinfonie folgte zwei Jahre später.
Ende Mai 1970 wurde Scherber während eines Spazierganges von einem Betrunkenen mit dem Auto überfahren und war nach einem achtmonatigen Krankenhausaufenthalt als teilweise Gelähmter jahrelang auf den Rollstuhl angewiesen.Abendzeitung. Nürnberg vom 7. September 1973, S. 1 und 5. Februar 1974, S. 9. Er starb schließlich infolge einer ärztlich nicht erkannten Zuckerkrankheit an Nierenversagen.
Werk Metamorphosen-Sinfonien Als seine Hauptwerke gelten die Metamorphosensymphonien. Die 1. Sinfonie in d-Moll schrieb er 1937/1938.Faksimilepartitur Sinfonie No. 1 in d-Moll durch Martin Scherber. Druck Heinz Bosannek, Nürnberg 1971. Veröffentlicht zur Feier des Albrecht-Dürer-Jahres 1971, Nürnberg (500. Geburtstag des Renaissancemeisters.) Die rund vierzehn Jahre nach seinem ersten sinfonischen Versuch geschaffene 2. Sinfonie in f-Moll (1951–1952)Faksimilepartitur Sinfonie No. 2 in f-Moll durch Martin Scherber. Druck Heinz Bosannek, Nürnberg 1973. und die unmittelbar folgende 3. Sinfonie in h-Moll (1952–1955)Faksimilepartitur Sinfonie No. 3 in h-Moll durch Martin Scherber. Druck Heinz Bosannek, Nürnberg 1971, wie die Partitur der Ersten zum Albrecht-Dürer-Jahr, aber vor der Ersten herausgebracht. können als gewichtigere Fortsetzungen seines mit der d-Moll-Sinfonie begonnen musikalischen Weges angesehen werden. Er schuf auch Instrumentalmusik, Chorwerke, Lieder und Klavierstücke. Hierher gehört das ‚ABC’, ein Klavierzyklus und Versuch, einige Qualitäten deutscher Sprachlaute einzufangenMartin Scherber: Das ABC – Stücke für Klavier. Minden 1996..