mini|200px|Farbdopplerdarstellung einer milden Pulmonalinsuffizienz beim Hund. Die rote „Fackel“ stellt den Blutrückfluss in das Herz hinein dar.
Die Pulmonalklappeninsuffizienz, kürzer auch Pulmonalinsuffizienz genannt, ist ein ungenügender VerschlussNicole Schaenzler, Gabi Hoffbauer: Wörterbuch der Medizin. Südwest-Verlag, München 2001, ISBN 978-3-517-06318-8, S. 375 f. der Pulmonalklappe (dreizipfligeJosef Hammerschmid-Gollwitzer: Wörterbuch der medizinischen Fachausdrücke. Rheingauer Verlagsgesellschaft, Eltville 1983, ISBN 3-88102-061-6, S. 384.Dreizipflig heißt im Lateinischen tricuspis (dreizackig). Deswegen heißt die Trikuspidalklappe so. Cuspis ist der Zipfel. Die Pulmonalklappe ist aber auch dreizipflig. Die sehr seltene angeborene Zweizipfligkeit der Pulmonalklappe heißt Bikuspidalität. Die ebenfalls zweizipflige Mitralklappe wird nach der zweizipfligen Bischofsmütze (Mitra) benannt, heißt aber auch noch Bikuspidalklappe. Die drei anderen Herzklappen sind dreizipflig. Semilunarklappe, Valva trunci pulmonalis),Dagobert Tutsch (Hrsg.): Lexikon der Medizin. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Berlin / Wien 1975, ISBN 3-541-07081-1, S. 386. also der Herzklappe in der Austreibungsbahn der rechten Herzkammer . Als Insuffizienz bezeichnet man in der Medizin eine Organschwäche. Durch die Pulmonalklappeninsuffizienz strömt während der Diastole sauerstoffarmes Blut (Rückstromvolumen, Regurgitationsvolumen,Deswegen spricht man im Englischen von der pulmonic regurgitation statt von einer pulmonary valve insufficiency. Quelle: The Merck Manual, 20. Auflage, Merck Sharp & Dohme, Kenilworth, New Jersey 2018, ISBN 978-0-911910-42-1, S. 778 f. Pendelvolumen, Rückfluss, Pendelblut, Insuffizienzjet) aus der Lungenschlagader (Truncus pulmonalis) in den rechten Ventrikel zurück.Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 268. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2020, ISBN 978-3-11-068325-7, S. 1463.
Die Kurzform Pulmonalinsuffizienz sollte vermieden werden, um sie nicht mit der Lungeninsuffizienz zu verwechseln. Ebenso sollte die Kurzform Pulmonalisinsuffizienz vermieden werden, weil das Wort pulmonalis mehrdeutig ist; es bezeichnet nicht nur eine der vier Herzklappen, sondern auch die Arteria pulmonalis und die Vena pulmonalis sowie zusätzlich als Adjektiv alle zur Lunge gehörenden Dinge.Fachwörterbuch der Medizin. Verlag Manfred Pawlak, Herrsching 1984, ISBN 3-88199-163-8, S. 386.Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon, 3. Auflage, Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1833, S. 815 (pulmonalis) und S. 866 (pulmonaris beziehungsweise pulmonarius). Auch die kardiologische Abkürzung PI ist mehrdeutig.Myron G. Sulyma: Herz / Kreislauf – Lexikon der Abkürzungen. Band 2 (M–Z), Medikon Verlag, München 1986, ISBN 3-923866-14-3, S. 340 f.: Penetrationsindex, Prognoseindex, Protektionsindex, Pulsatilitätsindex. Außerdem Plaqueindex nach der Liste Medizinische Abkürzungen.
Eine geringgradige Pulmonalklappeninsuffizienz ohne klinische Anzeichen einer Herzerkrankung ist häufig und nicht als krankhafter Befund zu werten. Sie wird hier daher auch als „physiologische“ Pulmonalklappeninsuffizienz bezeichnet.
Ursachen Die Schlussunfähigkeit der Pulmonalklappe ist in der weitaus größten Mehrzahl der Fälle eine sekundäre Folge einer arteriellen Hypertonie im Lungenkreislauf.Franz Grosse-Brockhoff, Franz Loogen, Adalbert Schaede: Angeborene Herz- und Gefäßmißbildungen. In: Handbuch der inneren Medizin. 4. Auflage, 9. Band, 3. Teil. Springer-Verlag, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1960, S. 563. Einen solchen Bluthochdruck im kleinen Kreislauf nennt man pulmonale Hypertonie. Dadurch kann es durch Überdehnung des Pulmonalklappenrings zur relativen Herzklappeninsuffizienz kommen. Der Rückstrom des Blutes führt dann zu einer erheblich gesteigerten Volumenbelastung der rechten Herzkammer.Herbert Reindell, Karl Musshoff, Helmut Klepzig: Größen- und Formänderung des Herzens. In: Handbuch der inneren Medizin. 4. Auflage, 9. Band, 1. Teil, Springer-Verlag, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1960, S. 887–891. Man spricht hier auch von einer relativen Pulmonalklappeninsuffizienz,Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 1536. zum Beispiel in Kombination mit einer schweren Mitralklappenstenose.Hexal Taschenlexikon Medizin. 2. Auflage, Verlag Urban & Fischer, München / Jena 2000, ISBN 978-3-437-15010-4, S. 637.
Eine höhergradige Pulmonalklappeninsuffizienz ist dagegen oftmals die Folge einer Endokarditis oder einer Thoraxverletzung. Auch kann eine Mitralklappeninsuffizienz zu einer Pulmonalisinsuffizienz führen.Das MSD Manual. 6. Auflage, Verlag Urban & Fischer, München / Jena 2000, ISBN 3-437-21750-X, ISBN 3-437-21760-7, S. 2133.
Seltener als die sekundäre Form ist die idiopathische Pulmonalklappeninsuffizienz ohne bekannte Ursache. Bekannte Ursachen sind dagegen das Karzinoidsyndrom, das Marfan-Syndrom oder auch die Fallotsche Tetralogie. Außerdem kann es im Verlauf einer rheumatischen Endokarditis zu einer sogenannten Mehrklappenerkrankung kommen.Walter Bleifeld, Christian Wilhelm Hamm, Detlev Mathey: Herz und Kreislauf. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York / London / Paris / Tokio 1987, ISBN 3-540-17931-3, S. 174. Nach Ansicht von Hanns Gotthard Lasch hinterlässt eine rheumatische Valvulits (Herzklappenentzündung) dagegen so gut wie nie hämodynamisch wirksame Schädigungen der Pulmonalklappe.Hanns Gotthard Lasch: Herz und Kreislauf, in: Karl Vossschulte, Hanns Gotthard Lasch, Fritz Heinrich (Hrsg.): Innere Medizin und Chirurgie. 2. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 1981, ISBN 3-13-562602-4, S. 58.
Über eine weitere Ursache einer erworbenen Herzklappenregurgitation im Sinne einer Herzklappeninsuffizienz informiert ein Rote-Hand-Brief über unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen von systemisch oder inhalativ angewendeten Fluorchinolonen vom 29. Oktober 2020.Rote-Hand-Brief („wichtige Mitteilung über ein Arzneimittel“) vom 29. Oktober 2020 von 39 pharmazeutischen Unternehmen.Deutsches Ärzteblatt, 117. Jahrgang, Nummer 46/2020, 13. November 2020, S. A 2246.
Pathophysiologie Das charakteristische pathophysiologische Merkmal einer Pulmonalklappeninsuffizienz ist der retrograde Blutfluss aus der Lungenarterie in die rechte Herzkammer während der Diastole. Wenn der diastolische Pulmonalarteriendruck nicht deutlich erhöht ist, dann ist die für die Regurgitation verantwortlich Kraft zwischen der Arteria pulmonalis und dem rechten Ventrikel klein und der regurgierende Anteil des Brutto-Schlagvolumens (das ist das Produkt aus dem enddiastolischen Kammervolumen und der Differenz zwischen der Brutto- und der Netto-Ejektionsfraktion) bleibt relativ klein.K. L. Peterson, J. Ross junior: Erworbene Herzklappenfehler. In: Gerhard Brüschke (Hrsg.): Handbuch der Inneren Erkrankungen. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart / New York 1986, Band 1, Teil 2, ISBN 3-437-10968-5, S. 311 f. Bei konstanter Herzfrequenz ist für die Herzarbeit, für die Herzleistung und für das Herzzeitvolumen nur das Nettoschlagvolumen maßgeblich, also das Bruttoschlagvolumen abzüglich des Pendelvolumens.
Jede Regurgitation verkleinert das effektive Schlagvolumen nicht nur der betroffenen Herzhöhle, sondern immer gleichmäßig in allen vier Herzhöhlen. Dadurch verkleinert sich das Herzzeitvolumen mit der unmittelbaren Folge einer zunehmenden globalen Herzinsuffizienz. Im kleinen Kreislauf verkleinern sich das Lungenzeitvolumen und das damit identische Herzzeitvolumen. „Eine reduzierte Auswurfleistung mit erhöhtem Ventrikelfüllungsdruck und gesteigertem systemischem Gefäßwiderstand ist eines der pathophysiologischen Hauptmerkmale der Herzinsuffizienz.“Robert H. G. Schwinger, Hannes Reuter: Katecholamine. In: Erland Erdmann (Hrsg.): Herzinsuffizienz. 4. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2005, ISBN 3-8047-2196-6, S. 185. Dabei errechnet sich das Herzzeitvolumen als Quotient aus dem erhöhten mittleren Lungenblutdruck und dem pulmonalen Gefäßwiderstand.
Die rechte Herzkammer hypertrophiert infolge der Mehrarbeit (Vorlast, Preload) durch das Pendelblut mit Ausbildung einer rechtsventrikulären dilatativen Kardiomyopathie. Zunehmend kommt es zum chronischen Cor pulmonale mit entsprechender Symptomatik.
Schweregradeinteilung Üblich ist die Einteilung der Pulmonalklappeninsuffizienz in vier Schweregrade (Stadium I° bis IV°) in Abhängigkeit von der Blutdruckamplitude (= Pulsdruck = Pulsamplitude) bei der Rechtsherzkatheterisierung, vom Lagetyp im Elektrokardiogramm (EKG), von der Ventrikelkonfiguration im Röntgen-Thorax, von der Ventrikelgröße bei der Echokardiographie, vom Insuffizienzjet bei der Farbdoppler-Untersuchung und vom Blutrückstromvolumen bei der Herzkatheteruntersuchung. Bei dieser Einteilung wird eine Proportionalität zwischen den pathologischen Befunden und der Belastungseinschränkung unterstellt. Ein weiteres Maß für die Schwere der Insuffizienz ist die Klappenöffnungsfläche (abgekürzt KÖF).
Analog wird die immer resultierende Herzinsuffizienz nach der New York Heart Association (NYHA) in vier Stadien, Stufen oder Klassen eingeteilt: Luftnot (Dyspnoe) bei großer (NYHA I), mittlerer (NYHA II), kleiner (NYHA III) beziehungsweise fehlender (NYHA IV) Belastung. Keine Herzklappe ist völlig ohne Undichtigkeit. Limitierender Faktor für die körperliche Leistungsfähigkeit des Patienten ist das Schlagvolumen derjenigen Herzhöhle mit der am meisten geschädigten Klappe.
Bei jedem Herzschlag müssen die Schlagvolumina aller vier Herzhöhlen identisch sein.
Symptomatik Die primäre Pulmonalinsuffizienz ist häufig asymptomatisch. Bei der sekundären Pulmonalklappeninsuffizienz steht die Symptomatik einer Rechtsherzinsuffizienz im Vordergrund. Dazu zählen eine Belastungsdyspnoe, eine Zyanose, periphere Ödeme und eine Leistungsminderung.DocCheck Flexikon, Stichwort: Pulmonalinsuffizienz. Denn Ursache der pulmonalen Hypertonie ist fast immer eine Lungenkrankheit mit entsprechenden Symptomen. Atriale oder ventrikuläre Herzrhythmusstörungen weisen auf eine Dilatation oder allgemein auf eine Dysfunktion des rechten Vorhofs beziehungsweise der rechten Herzkammer hin.Gerhard-Paul Diller, Konstantinos Dimopoulos, Darlington Okonko et al.: Exercise intolerance in adult congenital heart disease: comparative severity, correlates, and prognostic implication. In: Circulation 2005; Volume 112, Nummer 6/2005: S. 828–835. doi:10.1161/circulationaha.104.529800.
Diagnostik Bei der körperlichen Untersuchung findet man eine obere Einflussstauung (wegen der gestauten Jugularvenen), periphere Ödeme und eine Hepatomegalie. Bei der Auskultation (auch bei der PhonokardiographieKlaus Holldack: Lehrbuch der Auskultation und Perkussion. 7. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1970, ISBN 3-13-352407-0.) tritt ein weit gespaltener zweiter Herzton auf. Beschrieben wird auch ein (protodiastolisches oder mesodiastolisches)Klaus-Dieter Grosser: Kardiologische Erkrankungen. In: Praxis der Allgemeinmedizin. Band 11. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore 1985, ISBN 3-541-10861-4, S. 182. Diastolikum im 2. oder 3. linken parasternalen Interkostalraum.Lexikon Medizin. 4. Auflage, Verlag Naumann & Göbel, Köln , ISBN 3-625-10768-6, S. 1391.Roche Lexikon Medizin. 5. Auflage, Verlag Urban & Fischer, München / Jena 2003, ISBN 3-437-15156-8, S. 1536.