mini|hochkant=1.4|Marienkirche Frankfurt (Oder) mini|Marienkirche. Ausschnitt aus: Ansicht der Stadt Frankfurt (Oder). Seiten 756 und 757 aus Cosmographia von Sebastian Münster 5. Auflage 1550 Die St.-Marien-Kirche in Frankfurt (Oder) ist die ehemalige Hauptpfarrkirche der Stadt und wurde in mehr als 250 Jahren mittelalterlicher Bautätigkeit errichtet. Das Kirchengebäude gehört zu den größten Gebäuden der norddeutschen Backsteingotik; es ist 77 Meter lang und 45 Meter breit. Die Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg in großen Teilen zerstört, konnte in der Folgezeit aber in ihren Grundzügen rekonstruiert werden. Heute ist die St.-Marien-Kirche ein soziokulturelles Zentrum und Wahrzeichen der Stadt.
Die Kirche gehört zum Kirchenkreis Oderland-Spree der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.
Geschichte Mittelalter-Kirchenbau mini|hochkant|links|Sandsteinportal gegenüber dem Rathaus mini|S. Maria Kirch zu Franck-Furt an der Oder. Federzeichnung von Johann Stridbeck der Jüngere, 1690 mini|hochkant|Ansichtskarte von 1900 Im Jahr 1253, nach der Stadtgründung, entstand der Ursprungsbau mit einer der frühesten Emporen der Mark Brandenburg. Ab etwa 1360 wurde anstelle des ursprünglichen Chores ein Hallenumgangschor errichtet, der möglicherweise 1367 fertiggestellt war und als einer der frühesten Hallenumgangschöre in der Mark Brandenburg gilt. Verglichen mit dem 1290–1323 errichteten Umgangschor des Verdener Doms fällt die unterschiedliche Anzahl der Ecken auf. In Verden haben Innenchor wie Außenwand 7/12-Schlüsse, in St. Marien der Innenchor nur einen 5/8 Schluss, die Außenwand einen 9/16 Schluss. Die Anregung, die Außenwand mit mehr Ecken zu versehen als den Innenchor, mag vom Heilig-Kreuz-Kirche in Schwäbisch Gmünd (Chor 1350–1410) gekommen sein, wo allerdings an den Chorumgang ein Kranz niedriger Kapellen anschließt. Gleichzeitig wurde am nördlichen Querschiff eine polygonale Eingangshalle mit einem Sandsteinportal angebaut, mit einem für Deutschland ungewöhnlich prächtigen Figurengewände. Es steht gegenüber dem Schaugiebel des Rathauses. Da Chor und Querhaus wesentlich höher sind als das ältere Langhaus, wurde an der Westseite des Querhauses ein Giebel errichtet. Der überlastete die Vierungspfeiler; einer stürzte ein und musste ersetzt werden, der andere wurde verstärkt.
Zwischen 1373 und 1378, als Kaiser Karl IV. auch Markgraf von Brandenburg war, wurden über dem Portal ein Reichsadler, ein böhmischer Löwe und andere Verzierungen angebracht. Im 15. Jahrhundert wurde dann das Langhaus auf fünf Schiffe erweitert. War vorher die Turmfassade breiter als das Langhaus gewesen, so musste nun die Fassade seitlich der Türme verbreitert werden. In der Westwand klafft die Baufuge zwischen Turm und Verbreiterung so weit, dass Licht hindurch scheint. Die äußeren Schiffe erhielten repräsentative, bemalte Attiken. Die Zweiturmfassade wurde um 1450 um vier Geschosse aufgestockt. Den Nordturm bekrönte ein Achterhelm, den Südturm ein Zinnenkranz mit Turmhelm. Mit der Gründung der Universität Viadrina entstand mit dem Neubau von Sakristei mit Empore und Martyrchor 1521/22 die letzte bedeutende Erweiterung des Kirchenbaus.
Glasmalerei Eine Besonderheit sind die drei großen Bleiglasfenster, die zwischen 1360 und 1370 entstanden. Die im Stil der Gotik gefertigten Fenster bestehen aus insgesamt 117 Bildern, die jeweils 83 mal 43 Zentimeter groß sind und von Bürgern der Stadt finanziert wurden. In einer Art Bilderbibel stellen die Fenster die Schöpfungsgeschichte der Welt, das Leben von Adam und Eva, den Bau der Arche Noah, das Leben Christi und die Antichristlegende dar.
Sicherung im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts mini|hochkant|Aufgedeckte Außenwand mit Farbfassung des 13. Jh. beim Haupteingang Am 15. Mai 1826 stürzte der Südturm der Kirche ein, woraufhin sich der beauftragte preußische Oberbaurat Karl Friedrich Schinkel entschloss, eine gotische Schauwand aus dem 13. Jahrhundert komplett abzumauern. Die Wand geriet in Vergessenheit und wurde erst in den 1990er Jahren bei Instandsetzungsarbeiten wiederentdeckt. Die Instandsetzung der Kirche überließ Schinkel seinem Schüler Emil Flaminius; der zerstörte Südturm wurde dabei nicht wiederhergestellt. Die Bleiglasfenster wurde nach Plänen Schinkels durch den Frankfurter Glasermeister Baxmann ausgebaut und restauriert.
Zerstörung im Zweiten Weltkrieg Wegen des Zweiten Weltkrieges wurden zum Schutz vor Zerstörung vom 20. August bis 3. September 1941 die 117 Felder der Bleiglasfenster durch den Frankfurter Glasermeister Loehde ausgebaut. Sie wurden in Frankfurt in nummerierten Holzkisten zunächst in der Greiffenpfeil’schen Gruft im Nordturm der St. Marienkirche, später im Keller des nahe gelegenen Pfarrhauses von St. Marien eingelagert. 1943 wurden die farbigen Bleiglasfenster in Schwarz-Weiß als Schnell- und Notinventarisierung durch Fotografin Rohrbeck im Auftrag des Beauftragten des Provinzial-Denkmalamtes Dr. Seeger fotografisch dokumentiert. Sie wurden auf Veranlassung des Provinzial-Denkmalamtes Potsdam im April 1945 nach Potsdam in das Neue Palais gebracht.
Mit der Zerstörung der Frankfurter Innenstadt im April 1945 wurde auch die St.-Marien-Kirche zur Ruine. Trotz mehrerer Notsicherungen kam es zu weiteren Teileinstürzen: Die Gewölbe des Langhauses sowie einige Pfeiler im Jahr 1946 sowie 1949 die Chorgewölbe und 1966 die Gewölbe des nördlichen Seitenschiffs.Guido Hinterkeuser: 80 Jahre nach Kriegsende – Zum Umgang mit den Ruinen kriegszerstörter Kirchen in Berlin und Brandenburg nach 1945, veröffentlicht in Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg (Hrsg.): Offene Kirchen 2025: Kirchen – 80 Jahre nach Kriegsende, S. 6–11.
Wiederaufbau in der Nachkriegszeit mini|hochkant|Kapelle „Martyrchor“ Die wertvollen Bleiglasfenster wurden auf Veranlassung sowjetischer Kunstschutzoffiziere 1945/1946 durch die Babelsberger Fotografin Postel fotografiert. Am 22. Juni 1946 verbrachte die Sowjetische Militäradministration in Deutschland die Fenster als Beutekunststücke von Potsdam in das Kriegsbeutelager 1 der Roten Armee im Zentralvieh- und Schlachthof in Berlin-Lichtenberg. Am 14. August 1946 wurden die Fenster in fünf Transportkisten im Militärzug Nr. 176/8042 von Berlin nach Leningrad (heute wieder Sankt Peter(s)burg) auf den Weg gebracht. Während des Transports wurden die Kisten viermal umgeladen. Am 20. August 1946 übernahm der Leiter der Abteilung Westeuropäische Kunstgeschichte der Staatlichen Eremitage Professor Wladimir Franzewitsch Lewinson-Lessinghttps://www.deutsche-biographie.de/121462498.html Deutsche Biographie: Levinson-Lessing, Vladimir FrancevičWladimir Franzewitsch Lewinson-Lessing war ein Sohn des Geologen Franz Loewinson-Lessing. die Kisten. Der Inhalt wurde protokolliert als „102 Glasfenster und Splitterhaufen einiger zerschlagener Glasfenster“. Die Kisten wurden zur Aufbewahrung in Depoträume der Eremitage verbracht. Schon 1946 stellte die Kirchengemeinde Frankfurt (Oder) erfolglos Nachforschungen über den Verbleib der Fenster an. Damit galten die Fenster als „seit Kriegsende verschollen“.
In der Zeit der DDR konnte die Kirchengemeinde St. Marien 1958 mit ihren Mitteln die Sakristei und den Martyrchor rekonstruieren, den Mittelschrein des Altars aufstellen und die Räumlichkeit feierlich in Nutzung nehmen. Auf Grund eingeschränkter Heizung war ein Gottesdienst nur im Sommer möglich. Die evangelische Kirchengemeinde als Eigentümer und die Stadt Frankfurt als Nutzer schlossen am 27. September 1974 einen Pachtvertrag über 99 Jahre zur weiteren Nutzung der Kirche. Die Stadt übernahm die Verpflichtung, die Ruine für allgemein gesellschaftliche Zwecke zu restaurieren und auszubauen. 1979 begann die abschnittsweise Sicherung und Instandsetzung. Die Sakristei wurde restauriert und in Nutzung genommen.
Weiterführung des Wiederaufbaus nach der Wiedervereinigung In den letzten Wochen der DDR hatte sich 1990 in Frankfurt ein Kirchen-Förderverein zur schrittweisen denkmalgerechten Wiederherstellung des Kirchengebäudes gegründetFörderverein marienkirche abgerufen am 3. Juli 2023. und der Wiederaufbau ging nach der Deutschen Wiedervereinigung weiter. 1998 wurden die Hauptdächer über Chor und Langhaus wieder errichtet; der 21 Meter hohe Dachstuhl ist der größte Holzdachstuhl, der im 20. Jahrhundert errichtet wurde. Die letzte Maßnahme war die Instandsetzung des Nordturms mit der Wiederherstellung der farblichen Fassade der Entstehungszeit. Die Entdeckung der Farbpigmente am Turm war zuvor eine nicht erwartete Überraschung gewesen.
Kunstschätze der ehemals reichen Ausstattung der Marienkirche, wie der Marienaltar von 1489, die Bronzetaufe und Bronzeleuchter Ende des 14. Jahrhunderts, sowie viele von den Bürgern gestiftete Epitaphe sind seit 1980 in der Sankt-Gertraud-Kirche aufgestellt.
Im April 1991 gab der russische Kunsthistoriker Alexei Leonidowitsch Rastorgujew von der Moskauer Lomonossow-Universität in der sowjetischen Zeitschrift Literaturnaja gaseta einen ersten Hinweis auf den Verbleib der Fenster.Alexej Rastorgujew: Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen für Museen und Bibliotheken: Die kriegsgefangene Kunst. In: Die Zeit, Nr. 29/1991. 1994 begannen mit einer Petition des Gemeindekirchenrates Frankfurt (Oder) an den russischen Ministerpräsidenten Tschernomyrdin die deutschen Bemühungen um eine Rückgabe. Schon von Juni bis Oktober 2001 gab es erste Voruntersuchungen in einer eigens eingerichteten Glasrestaurierungswerkstatt in der Staatlichen Eremitage St. Petersburg. Von November 2001 bis März 2002 wurden 15 Motive in der Restaurierungswerkstatt der Staatlichen Eremitage restauriert. Vom 2. April bis Juni 2002 wurden die 15 Motive in der Winterpalais-Kirche der Eremitage ausgestellt.
Die Verhandlungen führten am 5. April 2002 zu einem Gesetz der Duma mit Zustimmung des Föderationsrats zur Rückgabe der 111 gefundenen Felder bis zum Sommer 2002. Am 23. Juni 2002 wurden die Fenster in St. Petersburg feierlich durch den russischen Kulturminister Michail Jefimowitsch Schwydkoi an die Bundesrepublik Deutschland zu Händen des deutschen Kulturstaatsministers Julian Nida-Rümelin, des Frankfurter Oberbürgermeisters Martin Patzelt, des Frankfurter Oberbürgermeisters a. D. Wolfgang Pohl und des Vorsitzenden des Fördervereins St. Marien e. V., Pfarrer Helmuth R. Labitzke übergeben. Am 29. Juni 2002 kamen die Fenster in Frankfurt unter großer Beteiligung der Frankfurter Bevölkerung und Politikern aus Bund und Land an. Am 28. Oktober 2002 wurde die 22 Transportkisten geöffnet und mit der Einrichtung der Restaurierungswerkstatt im Martyrchor begonnen. Am 6. Dezember 2002 wurde die erste Glasmalerei-Ausstellung in der Sakristei der St. Marienkirche mit vier Glasmalereifeldern der Fenster eröffnet. Am 28. Mai 2005 konnte in einem Festakt die Wiedereinweihung des ersten restaurierten Fensters im Chor von St. Marien gefeiert werden. Daraufhin erschien im Juni 2005 in der Moskauer Tageszeitung Kommersant eine Nachricht, wonach sich die fehlenden sechs Felder im dortigen Puschkin-Museum befinden. Nach wiederum jahrelangen Verhandlungen beschlossen Staatsduma und Föderationsrat im März 2008 ein Gesetz zur Rückgabe der letzten sechs Fensterbilder. Der deutschen Kulturstaatsminister Bernd Neumann übergab sie am 17. November 2008 aus der Hand der deutschen Botschaft in Moskau an die Kirchgemeinde und die Stadt. Die vollständig restaurierten Fenster sind seit dem Februar 2009 wieder in der Marienkirche zu sehen.