mini|Victoria „Swing“, Baujahr 1955 im Motorradmuseum Ibbenbüren Victoria wurde 1886 als „Velocipedfabrik Frankenburger & Ottenstein“ gegründet, ging 1958 mit in die neu gegründete Zweirad Union über und endete 1968 mit der Übernahme durch Hercules. Victoria zählt zu den Pionieren der Nürnberger Motorradindustrie.
Unternehmensgründung und erste Fabrikate mini|Aktie über 100 RM der Victoria-Werke AG vom Februar 1928 mini|links|Victoria Motorwagen Motorenprogramm von 1910 mini|Emblem an einem Victoria Motorwagen von 1902 mini|Victoria Motorwagen von 1902 1886 gründeten Max Frankenburger (* 27. August 1860 in Ühlfeld; † 5. Januar 1943 im KZ Theresienstadt) und Max Ottenstein (* 23. Februar 1860 in Gunzenhausen; † 26. Oktober 1947 in Schaan/Liechtenstein) die „Velocipedfabrik Frankenburger & Ottenstein“ im Nürnberger Vorort Gleißhammer. Es wurden zuerst Hochräder und bald danach sogenannte Sicherheitsniederräder produziert. 1888 verließ das tausendste Victoria-Fahrrad die Fertigungshallen, und 1893 hatte das Werk 259 Mitarbeiter. 1895 wurde das Unternehmen in die „Victoria Fahrradwerke AG, vormals Frankenburger & Ottenstein“ umbenannt. Das Aktienkapital betrug 1,25 Millionen Mark und wurde 1897 auf 1,6 Millionen Mark erhöht. Als 1899 der Bau von Motorrädern beginnen sollte, wurde der Name des Werkes in „Victoria Werke AG“ geändert.
1896 gab es die ersten Fahrräder mit Luftreifen, die von Dunlop zugekauft wurden. 1900 war die Entwicklung zum ersten „Victoria-Motorwagen“ abgeschlossen, welcher auf der damaligen Motorwagen-Ausstellung in Nürnberg mit der „Goldenen Medaille“ ausgezeichnet wurde. Die Serienproduktion lief noch nicht an; auf Wunsch wurden einzelne Exemplare für den Verkauf gefertigt. 1901 stellte Victoria die ersten Motorräder her. Diese hatten 1,75 PS, einen Oberflächenvergaser und einen Flachriemen zur Kraftübertragung. Das Öl musste regelmäßig mit einer Handpumpe gefördert werden. Die Gabel war ungefedert, und das Tretlager des Fahrradrahmens wurde beibehalten. Motoren von Fafnir, FN, Cudell, Minerva und Zedel wurden eingebaut.
1904/1905 entstanden mit einem vorn angebauten zweispurigen „Beiwagen“ Dreiräder auf der Basis des Motorrads. Außerdem wurden jetzt auch offiziell Automobile produziert. Im Automobilprogramm von 1910 standen zwei Zweizylinder- und zwei Vierzylindermotoren zur Auswahl. Das berühmte „Doctors Cabriolet“, der „kleine Motor-Gepäck-Wagen“; der „Zweisitzer“ sowie die „sechssitzige Limousine“ hatten allerdings nur wenig Erfolg und wurden nur bis 1912 hergestellt. 1906 waren die ersten Zweizylinder-Motorräder mit 2,5 bis 3 PS (1,8 bis 2,2 kW) erhältlich. Wie die ersten Modelle wurden sie mit Tretkurbeln gestartet.
Die Victoria-Modelle von 1920 bis 1932 mini|Damenrad mit Kinder-Beiwagen, um 1925 mini|Victoria „KR 50 S“ von 1931 im Zweirad-Museum Neckarsulm mini|Victoria KR 6 1934 mini|„Jubiläumsrad“ von 1937 mini|hochkant|links|Neues Viktoria Moped Vicky IV – 1958 in Georgetown mini|Victoria „KR 25 S“ von 1938 mini|Victoria (1939) mini|Riedel-Anlasser an einer Strahlturbine BMW 003 mini|Victoria „Pionier“ von 1942 mini|Victoria „Bergmeister“, Baujahr 1954 mini|Victoria „Vicky“ mini|Victoria Spatz 1957 Nach dem Ersten Weltkrieg begann 1920 die Produktion mit dem modernsten Motorrad seiner Zeit, der „KR I“. Sie hatte einen seitengesteuerten-Zweizylinder-Boxermotor (M2 B15)Victoria KR1 mit quer – die Kurbelwelle quer zur Fahrtrichtung, die Zylinder längs – eingebautem BMW 2-Zylinder-Boxer-Motor mit 494 cm³ Hubraum, 4,75 kW (6,5 PS) bei 2500/min von BMW, 494 cm³, zwei Gänge, 6,5 PS und die erste teleskopähnliche Vorderradgabel. Es gab eine Hinterradbremse mit Holzklotz als Bremsbelag.Victoria KR1, Keilklotzbremse hinten mit Bremsklotz aus Holz, vorne hat das Motorrad keine Bremse. 85 km/h schnell.
Nachdem BMW eigene Motorräder (Modell R 32) baute, fiel die Zulieferung der Motoren weg. Jetzt kam Martin Stolle als neuer Mitarbeiter zu Victoria. Stolle, der zuvor bei BMW und ab Januar 1922 als Konstruktionschef bei Sedlbauer tätig war, entwickelte 1922/23 einen neuen, mit hängenden Ventilen versehenen Zweizylinder-Boxermotor mit 9 PS (6,6 kW) für die „KR II“. Diesen Motor fertigte anfänglich Wilhelm Sedlbauer („WS-Motor“) in München. Als Sedlbauers Produktionskapazität nicht mehr ausreichte, wurde sein Betrieb von Victoria aufgekauft und die Produktion nach Nürnberg verlagert. 1924 folgte die „KR III“ mit drei Gängen und 12 PS (9 kW). Die KR III hatte Druckumlaufschmierung und wurde meistens mit Kettenantreb geliefert. Chekonstrukteur Stolle verließ Anfang 1924 Victoria. Sein Nachfolger wurde Gustav Steinlein (* 1897 in München; † 24. August 1967 in Herrsching).
„1925 entwickelte nun Diplom-Ingenieur Gustav Steinlein aus der Stolle-Basis heraus eine 498er Kompressor-Rennmaschine, die der erste in Deutschland gebaute Viertakt-Kompressor-Renner war!“Siegfried Rauch; Frank Rönicke: Männer und Motorräder – ein Jahrhundert deutscher Motorradentwicklung. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 2008. ISBN 978-3-613-02947-7. S. 207. Der Kompressor war zunächst am hinteren, später am vorderen Zylinder montiert. „1926 beim Freiburger Bergrekord stellte Adolf Brudes mit 166 km/h einen neuen deutschen Rekord auf.“Siegfried Rauch; Frank Rönicke: Männer und Motorräder – ein Jahrhundert deutscher Motorradentwicklung. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 2008. ISBN 978-3-613-02947-7. S. 207 u. 208. 1926 erreichte eine 497-cm³-Kompressor-Victoria eine neue Welthöchstleistung von 165 km/h. 1927 wurden Maschinen mit 596 cm³ – „KR VI“ – gebaut, 1928 hatte man diese Modelle in „KR 6“ umbenannt und davon auch Hochleistungs-Sportmaschinen mit 24 PS und Doppelvergaser (später als „KR 7“) angeboten. Gleichzeitig erschienen die 200-cm³-SV („KR 20“) und 350-cm³-OHV-Modelle („KR 35“), um die Programmpalette nach unten abzurunden. 1930/31 kamen zudem noch 500-cm³-SV („KR 50“) und -OHV-Einbaumotoren („KR 50 S“) von Sturmey-Archer ins Programm.
1932 erschienen die Modelle „KR 15“ und „KR 20 Z“ mit Zweitaktmotoren von ILO in Pinneberg. Im gleichen Jahr gewann Victoria mit der „KR 6“ die Europa-Bergmeisterschaft der Gespanne bis 600 cm³ und nannte daraufhin das Modell mit 20-PS-Motor und Vierganggetriebe „KR 6 Bergmeister“.
Zeit des Nationalsozialismus Ab 1933 wurde die „KR 8“ mit einem von Martin Stolle entwickelten 497-cm³-SV-Parallel-Twin gebaut. Eine Besonderheit der Motorkonstruktion war der fast waagrecht vor dem Kurbelgehäuse liegende Zylinderblock. Dieser Antrieb ersetzte 1934 in anderen Modellen den Sturmey-Archer-Motor, der infolge eines Einfuhrverbots nicht mehr verfügbar war.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde Reinhold von Lüdinghausen 1934 Vorsitzender des Aufsichtsrates. In dieser Funktion drängte er den jüdischen Direktor und Mitglied des Vorstandes Franz Ottenstein, Sohn des Firmengründers Max Ottenstein, aus seinen Ämtern. Reinhold von Lüdinghausen war neben Karl Rasche und Walter Pohle einer der Hauptakteure der „Arisierungen“ ab März 1939 im Sudetenland in der Zeit des Nationalsozialismus.Harold James: Die Deutsche Bank und die "Arisierung". Aus dem Englischen übersetzt von Karl Heinz Siber.
1935 erhielt die „KR 9 Fahrmeister“ eine weiterentwickelte Version dieses Motors mit der seltenen EOI-Ventilsteuerung („Exhaust Over Inlet“). Aus demselben Jahr sind die „KR 35 B“ und „KR 35 G“ mit Lackler-Patent-Zylinderköpfen, die 1937 von der „KR 35 Sport“ mit Columbus-OHV-Motor abgelöst wurden. Die 350er Einzylinder wurde bei den ILO-Motorenwerken in Pinneberg gebaut.Helmut Hütten: Schnelle Motoren - seziert und frisiert. Richard Carl Schmidt, Braunschweig 6. Auflage 1977. ISBN 3-87708-060-X. S. 28. Neue Zweitaktmotoren von Richard und Xaver Küchen mit Flachkolben-Steilstrom-Spülung waren für die Modelle „KR 20 LN Lux“ und „KR 25 S Aero“ bestimmt. Ab 1938 waren die Viertaktmodelle „KR 35 SN“ (18 PS; 13 kW) und „KR 35 SS“ (20 PS 15 kW) mit Columbus-Motoren im Programm. Parallel dazu gab es die von Albert Roder entwickelten Zweitaktmodelle „V 99 N Fix“, „KR 12 N“ und „KR 15 N“.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 endete fast die gesamte Zweiradproduktion; lediglich die „KR 35 Pionier“ wurde weiterhin hergestellt. Der „Riedel-Anlasser“, ein von Norbert Riedel konstruierter 2-Zylinder-Zweitakt-Boxermotor mit extrem kurzem Hub als Anlasser für die Strahltriebwerke Junkers Jumo 004 und BMW 003 wurde während des Krieges bei Victoria produziert. Die Luftangriffe auf Nürnberg zerstörten das Werk weitestgehend, sodass 1945 nur noch ein geringer Teil der Produktionseinrichtungen vorhanden war.
Die Victoria-Werke waren Mitglied im „Industrie-Verein“ des Deutschen Radfahrer-Bundes (DRB). Mitglieder des Vereins waren Unternehmen aus der Fahrradindustrie und Hersteller von Fahrradkomponenten, die als Sponsoren des Berufsradsports in Deutschland tätig waren.
Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus Die Nachkriegsproduktion begann – nach überbrückender Produktion von Gebrauchsgütern wie Küchenmaschinen, Milchkannen und Tabakschneidern – Ende 1946 mit einem Fahrradhilfsmotor, dem „FM 38“ mit Flachkolben und Einlaßdrehschieber, der bei einem Hubraum von 38 cm³ etwa 1 PS Nennleistung hatte; der FM 38 war die Grundlage der Victoria-Rekordmaschine. Konstruiert hatte diesen Motor Albert Roder noch im Kriege, Roder wechselte kurze Zeit später zu NSU.oldiemofa.de 1949 wurde das Vorkriegsmodell „KR 25 Aero“ wieder ins Programm aufgenommen und 1950 kam auch die „V 99“ als „V 99 BL Fix“ wieder auf den Markt. Die „KR 25 Aero“ wurde jetzt mit Telegabel ausgeliefert. Zwischenzeitlich wurden die Modelle „Vicky I“ und „Vicky II“ mit den FM-38-Motoren gebaut. Zum Jahreswechsel hatten die Victoria-Werke eine Belegschaft von 1300 Mann und einen verdoppelten Umsatz im Vergleich zum Vorkriegsstand: über 40.000 Einbaumotoren, ca. 14.000 KR 25 Aero, viele 100-cm³-Motorfahrräder, Fahrräder und Freilaufnaben mit einem beträchtlichen Exportanteil.
1951 fuhr Georg Dotterweich mit einem „FM-38“-Motor auf der Autobahn München–Ingolstadt einen neuen Weltrekord von 79 km/h. Die „KR 25 Aero“ war jetzt zusätzlich mit „Jurisch-Geradeweghinterradfederung“ zu bestellen, und das aus ihr weiterentwickelte Modell „KR 25 HM Aero“ mit dem Hochleistungsmotor kam neu dazu. Zudem begann die Produktion hoch entwickelter Nähmaschinen.
1953 erweiterte das Unternehmen seine Produktpalette um die (ebenfalls aus der „KR 25“ weiterentwickelten) „KR 26 Aero“ und die „V 35 Bergmeister“, die von den Gebrüdern Xaver und Richard Küchen gänzlich neu entwickelt wurde. Sie hatte einen obengesteuerten Zweizylinder-V-Motor, 350 cm³, 21 PS (15 kW), ein Kettengetriebe und Kardanantrieb. 1954 gewann Rudi Ebert mit einer „V 35 Bergmeister“ bei der 2500-km-Langstreckenfahrt Lüttich–Mailand–Lüttich die 500-cm³-Gespannklasse.
1955 kam der von Norbert Riedel konstruierte 200-cm³-10-PS-Zweitakt-Roller „Peggy“ mit 16-Zoll-Rädern und einer Höchstgeschwindigkeit von 85 km/h auf den Markt. Er hatte ein 4-Gang-ZiehkeilgetriebeAusführliche Beschreibung, siehe Rauch: Elektromagnetische Getriebeschaltung für Motorräder – Tastenschaltung der Victoria Swing. In: Kraftfahrzeugtechnik (KFT) 1956, Nr. 4, S. 142–143. ISSN 0023-4419. (online zugänglich über Ostdeutsche-Fahrzeuge.de) mit einer neuartigen elektromagnetischen Drucktastenschaltung,In der Werbung wurde die Drucktastenschaltung beim Roller „Peggy“ als „SES“ bezeichnet, siehe Prospekt, online: „Meisterdinger“. Peggy 18. Triebsatz-Hinterradschwinge, 12-V-Elektrostarter und elektrische Anzeige für die Tankreserve; der Startergenerator mit Reibrollenantrieb war oben auf den Motor gesetzt, er lief als Lichtmaschine ständig mit und seine beiden Gebläseräder dienten der KühlungDirk Drechsle in: Meisterdinger.. Ungewöhnlich waren auch die InnenbandbremseProspekt, online: Meisterdinger. und die Schwinghebelgabel; die Blechverkleidung verbarg Schubstangen, die beide Schwinghebel mit einer zentralen Feder vor dem Lenkkopf verbanden.