Siwi (auch Siwa, Sioua, Oasis Berber, Zenati), Selbstbezeichnung , ist eine von circa 20.000 Berbern in der Oase Siwa in Ägypten gesprochene Berbersprache. Die Sprecher sind Muslime und mehrheitlich zweisprachig mit Arabisch, genauer Ägyptisch-Arabisch. Die Sprache ist die am weitesten östlich gesprochene Berbersprache und zeigt daher einige Besonderheiten gegenüber den anderen Berbersprachen. Insbesondere ist ihr Anteil an arabischen Lehnwörtern noch höher als in den meisten Berbersprachen üblich.
Der gemeinsame Sprachcode nach ISO 639-2 ist ber, als Einzelsprache hat Siwi keinen ISO-639-2-Code, aber einen SIL-Code (SIZ).
Lautsystem
Konsonanten Das Siwi kennt folgende Konsonanten:
Labiale Dentale emphatischeDentale Palatale Velare Postvelare stimmlose Plosive t ṭ č k q stimmhafte Plosive b d ḍ ǧ g stimmlose Frikative f s ṣ š x stimmhafte Frikative z ẓ ɣ Nasale m n
Dazu kommen l, r, w, y, sowie (nur in Wörtern arabischen Ursprungs) die Glottale ʔ, h und die Pharyngale ḥ, ʕ.
In wenigen Wörtern kommen velarisierte Labiale vor, die man evtl. auch als emphatische Labiale auffassen könnte: akubbwî ~ akuḅḅî „Junge“.
Vokale und Vokallänge Das Siwi besitzt 6 Vokale: a, e, i, o, u, ə.
ə ist ein reduzierter Vokal, der immer kurz gesprochen wird und auch ganz ausfallen kann. Wörter mit anlautender Doppelkonsonanz können optional einen Sprossvokal ə- erhalten (zum Beispiel ččîɣ ~ əččîɣ „ich aß“). Im Rahmen der Formenbildung wird ə vielfach verschoben, um eine günstigere Silbenstruktur zu erhalten, vgl.: izmə́r „Widder (sg.)“ - izəmr-ə́n „Widder (pl.)“ nə-ftə́k „wir öffneten“ - fətk-ə́m „ihr öffnetet“
Die anderen fünf Vokale sind „Vollvokale“. Diese können phonetisch kurz oder lang sein, was jedoch sehr weitgehend vorhersagbar ist, so dass die Vokallänge nicht oder nur marginal als phonemisch gelten kann.
In betonter Stellung tendieren die Vollvokale zur Länge, wenn keiner oder nur ein Konsonant folgt. Dies wird hier mit Zirkumflex über dem Vokal notiert: tliččâ „Mädchen“, taltî „Frau“, amân „Wasser“, fûs „Hand“, asên „Zahn“, kôm „viel“. Diese Länge wird, da sie nicht distinktiv ist, nicht immer von allen Sprechern deutlich realisiert.
Ein betonter Vokal vor Doppelkonsonanz, sowie jedes betontes ə, ist kurz. Dies wird hier mit einem Akut über dem Vokal notiert: tfunást „Kuh“, tfúkt „Sonne“, dídsən „mit ihnen“, ilə́s „Zunge“.
Auch -ay und -aw im Wortauslaut sind immer kurz: aẓáy „schwer (von Gewicht)“, awáw „Bohne“.
In Einzelfällen, besonders bei arabischen Fremdwörtern, kann die Vokallänge von den hier gegebenen Regeln abweichen.
Wenn im Satzzusammenhang a + i oder a + u aufeinandertreffen, entstehen daraus e bzw. o: la „nicht“ + ifîɣ „ich fand“ > lefîɣ „ich fand nicht“. Auch sonst sind e und o zumindest fallweise wohl aus a + i bzw. a + u entstanden. In manchen Wörtern, die bei Vycichl (2005, siehe unter „Literatur“) mit e notiert werden, schrieb Laoust (1931) noch ai, was eine ältere Aussprache darzustellen scheint: asên (Vycichl) ~ asain (Laoust) „Zahn“. Dieser Artikel folgt den Angaben bei Vycichl.
Betonung Die Betonung kann bedeutungsunterscheidend sein. Sie dient kaum zur Unterscheidung von Vokabeln, wohl aber von grammatischen Formen. In der älteren Arbeit von Laoust wurde die Betonung nicht notiert.
Emphase Die emphatischen Laute entsprechen phonetisch denen des Arabischen, sind also durch eine Verengung des Mundraums durch Anhebung der Zunge charakterisiert. Traditionell wird das Merkmal der Emphase an einzelnen Konsonanten notiert, obwohl es sich phonetisch auf die ganze Silbe auswirkt. Daher kann es im Einzelfall willkürlich sein, welchem Konsonanten man das Merkmal der Emphase zuschreibt. Zum Beispiel ist der Stamm „sehen“ ẓər als ganzes emphatisch, so dass rein phonetisch eine Notation ẓə̣ṛ in Frage käme. Man schreibt aber meist nur ẓər, weil die Emphase historisch von ẓ ausgegangen ist.
In der Umgebung emphatischer Konsonanten, einschließlich q und ɣ, verändert sich die Aussprache der Vokale. Am spürbarsten ist dies bei a, das zu å verdunkelt wird, während es in nichtemphatischer Umgebung eher nach ä tendiert (diese Details im Folgenden nicht notiert).
Personalpronomen selbständig Suffix Possessivsuffix Objektssuffix 1. sg. „ich“ nîš -i -ə́nnəw -i 2. sg. mask. „du“ šək -k -ə́nnək -k / -šək 2. sg. fem. „du“ šəm -m -ə́nnəm -m / -šəm 3. sg. mask. „er“ nə́tta -s -ə́nnəs -a / -t 3. sg. fem. „sie“ əntâtət -s -ə́nnəs -êt / -tət 1. pl. „wir“ ə́nčni -nax -ə́nnax -ânax 2. pl. „ihr“ ə́nknum -wən -ə́nwən -êwən 3. pl. „sie“ ə́ntnən -sən -ə́nsən -ên / -tən
Im Siwi wird, wie auch im Arabischen, das Geschlecht nicht nur beim Pronomen der 3.sg., sondern auch der 2.sg. unterschieden.
Die selbständigen Pronomina können alleine oder zur Betonung stehen. Das Subjekt wird schon durch die Verbform bezeichnet und daher nicht mehr notwendigerweise in Form eines Pronomens ausgedrückt. Die kurzen Suffixe stehen vor allem nach Präpositionen.
Substantiv Geschlecht Das Siwi besitzt zwei grammatische Geschlechter: Maskulinum und Femininum. Ähnlich wie im Deutschen fällt es bei Personenbezeichnungen mit dem natürlichen Geschlecht zusammen und ist dagegen bei Sachbezeichnungen recht willkürlich.
Im Gegensatz zum Deutschen ist aber im Siwi das Geschlecht an der Form gut zu erkennen: Feminine Substantive beginnen fastEine Ausnahme ist umma "Mutter". immer mit t- und enden meist auch auf -t: taʕrúṣt (fem.) „Braut“ tabṭût (fem.) „Ei“ taməẓẓúxt (fem.) „Ohr“ tnast (fem.) „Schlüssel“
Man vergleiche auch Begriffspaare wie: funâs „Stier“ - tfunást „Kuh“ iẓîṭ „Esel“ - tiẓə́t „Eselin“ siwî „Siwa-Mann“ - tsiwə́t „Siwa-Frau“ amdərrə́s „Lehrer“ - tamdərrə́st „Lehrerin“
Einige feminine Substantive haben zwar das Präfix t-, aber am Ende einen betonten Vokal anstelle des -t: taltî „Frau“ tliččâ „Mädchen“ tazirî „Mond“
Bei Wörtern arabischen Ursprungs ist die t-Markierung vielfach nicht vorhanden, so dass das Geschlecht hier gelernt werden muss: əssnâ „Jahr“ əlwáqt „Zeit“ əmməṣrûb „Weg“
Von manchen Begriffen bezeichnet die maskuline Variante das Kollektivum und die feminine Variante das Individuum: azəmmûr „Oliven“ - tazəmmúrt „(eine) Olive; (ein) Olivenbaum“ əssəmə́k „Fische“ - tismə́kt „(einzelner) Fisch“
Plural Substantive bilden einen Plural. Dessen Formen können recht kompliziert sein. Folgende Regeln lassen sich angeben:
Grundsätzlich lautet die Pluralendung -ə́n für maskuline und -ên für feminine Substantive, wobei -ên das auslautende -t ersetzt.
Dazu kommen meist aber auch Veränderungen am Wortanfang: Viele Substantive beginnen mit a-, was als Singularzeichen zu deuten ist, denn es wird im Plural durch i- ersetzt. Das t- des Femininums geht diesem Vokal noch voraus, es heißt also ta- (sg.) bzw. ti- (pl.): asên „Zahn“ - isenə́n „Zähne“ awáw „Bohne“ - iwawə́n „Bohnen“ arâb „Araber“ - irabə́n „Araber“ tarábt „Araberin“ - tirabên „Araberinnen“ taməẓẓúxt „Ohr“ - timəẓẓuɣên „Ohren“
Einige Maskulina haben statt -ə́n eine Endung -ân oder sonst wie abweichende Endungen. Dies betrifft besonders alle Substantive, die im Singular auf -î enden: akubbwî „Junge“ - ikubbwân „Jungen“
Wenn der Singular mit einem anderen Vokal als a- anlautet (dies ist dann fast immer i-), so bleibt dieser Vokal im Plural unverändert: irî „Stern“ - irân „Sterne“ iɣə́ṣ „Knochen“ - iɣṣân „Knochen“ ulî „Herz“ - ulawə́n „Herzen“
Wenn der Singular mit a- anlautet, darauf aber eine Konsonantenverbindung folgt, so steht im Plural bei Maskulina meist kein i- (stattdessen aber ein optionaler Sprossvokal ə-). Bei Feminina kann entsprechend tə- vorkommen, doch wird hier das reguläre ti- häufiger verwendet. adrâr „Berg“ - (ə)drarə́n „Berge“ agmâr „Pferd“ - (ə)gmarə́n „Pferde“ aččêr „Fingernagel“ - (ə)ččerə́n „Fingernägel“ axfî „Kopf“ - (ə)xfawə́n „Köpfe“ ambû „Mund“ - (ə)mbawə́n „Münder“ agbə́n „Haus“ - (ə)gbiwə́n „Häuser“ awggîd „Mann“ - (ə)ggwidân „Männer“ taltî „Frau“ - təltawên „Frauen“
Wenn der Singular überhaupt nicht mit einem Vokal anlautet, erscheint normalerweise trotzdem ein i- im Plural: funâs „Stier“ - ifunasə́n „Stiere“ siwî „Mann aus Siwa“ - isiwân „Männer aus Siwa“ tsiwə́t „Frau aus Siwa“ - tisiwiyên „Frauen aus Siwa“ tyaẓə́t „Huhn“Stamm -yaẓəṭ-, am Wortende wird ṭ + t zu t. - tiyaẓiṭên „Hühner“ tliččâ „Mädchen“ - tiččiwên „Mädchen“ (aus *tilččiwên)
Im Stamm kann ein Vokalumsprung von ə stattfinden, um das Wort besser sprechbar zu machen: izmə́r „Widder“ - izəmrə́n „Widder“ alɣə́m „Kamel“ - iləɣmân „Kamele“ talɣə́mt „Kamelstute“ - tiləɣmên „Kamelstuten“ adlû „Eimer“ - idəlwə́n „Eimer“ (adlû ist als Realisierung eines *adlə́w aufzufassen) tabṭût „Ei“ - tibəṭwên „Eier“
Einige Substantive zeigen darüber hinaus verschiedene weitergehende Änderungen des Stammes: fûs „Hand“ - ifəssə́n „Hände“ ṭâḍ „Finger“ - iṭuḍân „Finger“ ašṭîṭ „Vogel“ - išəṭṭân „Vögel“ ṭṭabə́nt „Ofen“ - ṭṭabunên „Öfen“ tnast „Schlüssel“ - tinisâ „Schlüssel“
Substantive arabischen Ursprungs haben im Plural oft weder eine der typischen Pluralendungen noch das Pluralpräfix i-, stattdessen aber fallweise ein Präfix l-. Arabische Substantive zeigen außerdem besonders häufig innere Stammveränderungen, die zum Teil direkt aus dem Arabischen übernommen sind: əlḥúqq „Kiste“ - luḥqâq „Kisten“ əssnâ „Jahr“ - ləsnîn „Jahre“ əlfinǧâl „Tasse“ - ləfnaǧîl „Tassen“ aḥbîb „Freund“ - laḥbayə́b „Freunde“ ʕammûd „Stock“ - laʕmamîd „Stöcke“ agurznî „Hund“ - əlgurazə́n ~ lugrazə́n „Hunde“ ǧadîr „Mauer“ - iǧudâr „Mauern“ timdrə́st „Schule“ - timdarsên „Schulen“
Schließlich gibt es einige vollkommen unregelmäßige Plurale: təṭ „Auge“ - ṭawên „Augen“ ṭâṛ „Fuß“ - təškâ „Füße“ ǧîr „Kind“ - tərwawên „Kinder“
Einige Ausdrücke für Flüssigkeiten haben generell Pluralform und werden als grammatische Plurale behandelt: amân „Wasser“ - amân isəmmaṭə́n „kaltes Wasser“ (auch das Adjektiv steht im Plural) idammə́n „Blut“
Dual Das Siwi kennt keinen Dual. Allerdings wird in Einzelfällen eine arabische Dualform als solche entlehnt: yomên „2 Tage“
Substantive arabischen Ursprungs Im Siwi werden viele Substantive arabischen Ursprungs verwendet. Soweit es sich nicht um ganz junge Entlehnungen handelt, weicht deren Aussprache von der heute in Ägypten üblichen Aussprache oft erheblich ab. Der Wortakzent erscheint typischerweise gegen das Wortende hin verlagert. Vielfach wird der arabische Artikel (a)l- mit übernommen; in anderen Fällen wird l- nur in die Pluralform übernommen (dazu siehe oben): əlǧəmə́t ~ ləǧmə́t „Freitag“ < Arab. ǧúmʕat aməzdîg „Moschee“ < Arab. másǧid əššaṛâʕ „Straße“ < Arab. šâriʕ
Betonung Substantive werden grundsätzlich auf der letzten Silbe betont. In den folgenden Fällen verlagern sie aber ihren Akzent auf die vorletzte Silbe:
(1) Laut Vycichl (siehe unter „Literatur“) hat die Tonverschiebung auf die vorletzte Silbe etwa die Bedeutung eines bestimmten Artikels: amân „Wasser“ – âman „das Wasser“ agbə́n „Haus“ – ágbən „das Haus“ tamdərrə́st „Lehrerin“ – tamdə́rrəst „die Lehrerin“
Das Phänomen müsste noch genauer untersucht werden. Es ist nicht bekannt, ob diese Akzentverschiebung wirklich von allen Substantiven möglich ist, oder wann genau diese Form verwendet wird.
(2) Nach Präpositionen verschieben Substantive immer den Akzent auf die vorletzte Silbe, unabhängig davon, ob sie inhaltlich definit sind oder nicht.
(3) Das Gleiche gilt für Substantive nach der Genitivpartikel n (siehe dazu den Abschnitt „Possession“).
Adjektiv Adjektive werden im Prinzip wie Substantive flektiert und unterscheiden zwei Geschlechter und zwei Numeri. Zusätzlich existiert ein Komparativ, der geschlechts- und numerusneutral ist. Der Komparativ hat normalerweise die Form Konsonant + Konsonant + ə + Konsonant. Die Formenbildung ist mehr oder weniger regelmäßig. Einige Beispiele: