Die Alte Kantonsschule Aarau (umgangssprachlich «Alti Kanti») an der Bahnhofstrasse in Aarau wurde 1802 gegründet. Sie ist die älteste Kantonsschule und das älteste nichtkirchliche Gymnasium der Schweiz.
Geschichte Gründung als Kaderschmiede der Helvetischen Republik Von 1802 bis 1896 war die Kantonsschule im heutigen Amthaus (Kantonspolizei) an der Laurenzenvorstadt untergebracht und nur für Knaben zugänglich.Für Mädchen besass Aarau seit 1787 ein privates Töchterinstitut. An der Gründung der vorerst privaten Realschule mit kleinem Gymnasialteil beteiligt waren Bergdirektor Johann Samuel von Gruner (1766–1824), der Seidenbandfabrikant, Naturforscher, Revolutionär und Alpinist Johann Rudolf Meyer Sohn (1768–1825) sowie der Schriftsteller Andreas Moser (1766–1806), der mit dem Telliring den ersten Turnplatz der Schweiz schuf. Die Gründer waren von den Ideen Johann Heinrich Pestalozzis (1746–1827) beeinflusst. Die Schule war nicht-konfessionell und sollte als Kaderschmiede nicht nur des 1798 gegründeten Kantons Aargau, sondern der ganzen Helvetischen Republik dienen. Erster Leiter war der Sekretär der helvetischen Regierung Georg Franz Hofmann (1765–1849), der später Schulen in Neapel und Budapest gründete. Die Schüler kamen aus zahlreichen Kantonen, neben dem Aargau namentlich Léman (Waadt) und Zürich.
Konterrevolution und Krise unter Ernst August Evers Nach der Konterrevolution von 1802 (Stecklikrieg) und der anschliessenden Auflösung der Helvetischen Republik durch Bonaparte wurde der Schule in der Person des reaktionären Altphilologen Ernst August Evers (1779–1823) ein Rektor vorgesetzt. Dieser ersetzte den gesamten Lehrkörper und stufte die Realschule zugunsten des Gymnasiums zurück, worauf die Schülerzahl einbrach und jahrzehntelang stagnierte. Da zugleich die Subskriptionen einbrachen, musste die Schule 1813 verstaatlicht werden.Schüler: 1803 126, 1806 58; Subskriptionen: 1801–1806 6982 Fr./a , 1807–1810 3820 Fr./a. Rudolf Rauchenstein: Die drey Perioden der Aargauischen Kantonsschule. Ein Programm zur Einladung an die öffentlichen Prüfungen und zur Feier der Preisaustheilung an der Aargauischen Kantonsschule. Obrigkeitliche Buchdruckerey, Aarau 1828 (), S. 7, 9, 25, 28, 39 f. Die anschliessend errichteten regionalen Sekundarschulen1816 Zofingen, Aarau; 1817 Zurzach, Lenzburg, Laufenburg; 1818 Brugg; 1820 Baden; 1824 Bremgarten. dienten auch als Progymnasien mit Latein- und Griechischunterricht. Auf Evers geht zurück, dass Meyers gleichnamiger Vater (1739–1813) 200 Jahre lang als Gründer der Kantonsschule bezeichnet wurdeMarkus Lutz: Vollständiges geographisch-statistisches Hand-Lexikon der Schweizerischen Eidgenossenschaft. 1856, S. 2, (Google Books). – wodurch besser vertuscht werden konnte, dass sein Sohn sich nebenbei als Falschmünzer betätigte.Peter Genner: Vor 200 Jahren. Aaraus vertuschte Falschgeldaffäre. In: Schweizer Münzblätter, September 2020, Heft 279, S. 101–117 (). Evers verliess die Schule 1817 wegen eines – ebenfalls vertuschten – Skandals in seinem privaten Pensionat.
Bauten und Erweiterungen Um 1896 wurde das heutige Einsteinhaus eingeweiht, das Hauptgebäude. 1917 wurde der Anbau an das Einsteinhaus mit Sternwarte bezogen. Die Schule hatte nun wieder lange Zeit den Ruf, eine der besten Unterrichtsanstalten der Schweiz zu sein. 1969 wurde das Karrerhaus fertiggestellt. 1999/2000 wurde es renoviert. Das Wedekind-Haus wurde nach einem Umbau 2008 bezogen.
Neuere Geschichte und Auszeichnungen 2014 und 2020, 2021, 2022, 2023 sowie auch im Jahr 2024 erhielt die Alte Kantonsschule Aarau den Schulpreis der Wissenschafts-Olympiade. 2024 wurde die Alte Kantonsschule Aarau mit dem LISSA-Preis ausgezeichnet.
Unterricht Lehrgänge Die Alte Kantonsschule Aarau ist eine öffentliche Mittelschule des Kantons Aargau. Ausser dem Gymnasium (MAR) wird auch die Wirtschaftsmittelschule (WMS) und die Informatikmittelschule (IMS) an der Alten Kantonsschule angeboten. Für die ersten zwei Jahre des Gymnasiums wird ein Akzentfach gewählt, für das dritte und vierte Jahr ein Schwerpunktfach und für das vierte Jahr ein Ergänzungsfach.
Im Gymnasium gibt es eine Sportabteilung pro Jahrgang und mehrere Immersionsabteilungen (Unterricht auf Englisch). Seit 2006 ist zudem ein «Nawimat»-Lehrgang (NAturWIssenschaft, MAThematik) wählbar. Ebenfalls an der Alten Kanti angesiedelt ist ein Sportgymnasium für Spitzen- und Leistungssportler.
Sprachen Nebst den obligatorischen Sprachen Englisch, Deutsch und Französisch werden Latein, Italienisch und Spanisch, aber auch Griechisch, Russisch, Hebräisch und seit 2006 sogar Arabisch angeboten, neu[Referenzjahr fehlt!] auch Chinesisch und Japanisch. An der Schule können das kleine und grosse Latinum, das Graecum, das Hebraicum sowie das Advanced und das Proficiency abgelegt werden. Französischschüler können das DELF-Diplom erwerben, für die Spanischschüler besteht zudem die Möglichkeit, das DELE-Diplom zu erwerben.
Musik Nebst der Möglichkeit Unterricht auf diversen Musikinstrumenten zu belegen, existieren auch ein Chor, ein Orchester und zahlreiche Ensembles. Zusätzlich zum Grundlagenfach wird auch ein Schwerpunkt- und ein Ergänzungsfach «Musik» angeboten.
Theater Es existiert ein Theaterkurs. Die eingeübten Stücke werden ungefähr anderthalbjährlich öffentlich aufgeführt.
Informatik Seit vor 2003 war das Tastaturschreiben Pflichtfach am Gymnasium wie an der WMS, wobei die Prüfungen am Gymnasium weniger streng waren als an der WMS.
Seit 2009 wird an der Schule ein Informatiklehrgang (Informatikmittelschule, IMS) mit kaufmännischer Berufsmaturität und eidgenössischem Fähigkeitszeugnis «Informatik / Applikationsentwicklung» angeboten. Der Lehrgang besteht aus einer dreijährigen Studienzeit in Aarau mit 5-wöchigem Praktikum im zweiten und 4-wöchigem Sprachaufenthalt im dritten Jahr. Das vierte Jahr ist als Praxisjahr vorgesehen.
Seit 2005 ist die Schule autorisiertes ICDL-Testcenter, wodurch am Gymnasium freiwillig ICDL-Diplome erworben werden können, währenddessen der Erwerb in der WMS zum Lehrplan gehört.
Seit 2017 ist zudem Informatik ein Pflichtfach für alle Gymnasialschüler. Gelehrt werden in diesem Unterricht nebst Grundlagen des Programmierens in mehreren Programmiersprachen auch Medienkompetenz.
Sport Früher diente die Balänenturnhalle, die beim Zeughaus steht, dem Sportunterricht. Heute findet dieser aber in der Telli statt. Die Sportanlage dient ausserhalb der Unterrichtszeiten als öffentliches Schwimmbad, die Turnhallen dienen Vereinen, wie z. B. der Karateschule Aarau, als Trainings- und Übungslokal.
Gebäude Die Schule besteht heute aus fünf Gebäuden:
Name Alter Name(bis 2006) Baujahr Architekt Nutzung Schulge-bäude seit benannt nach Karl-Moser-Haus Rauchensteinhaus 1860 KSB,ehemals Bibliothek Karl Moser Albert-Einstein-Haus Tuchschmidhaus 1894 Karl Moser Unterricht, Rektorat 1894 Albert Einstein Paul-Karrer-Haus («Aquarium») Steinmannhaus 1969 Barth & Zaugg Unterricht 1969 Paul Karrer János-Tamás-Haus Fehrhaus Musikhaus János Tamás Frank-Wedekind-Haus AVA 1933 Richner & Anliker Medienzentrum,Mensa, BiG 2008 Frank Wedekind Haeny-Haus Unterricht Sportanlage Telli Sportunterricht,Schwimmen
Albert-Einstein-Haus mini|Das Einstein-Haus im Jahr seiner Eröffnung (1895), im Vordergrund der Boulevard der Bahnhofstrasse Das Albert-Einstein-Haus ist benannt nach dem bedeutenden theoretischen Physiker (1879–1955), der hier ein Jahr zur Schule ging (1895–1896). Vor 2006 war es benannt nach dem Physiker und Rektor August Tuchschmid (1855–1939).
Nutzung
Im Albert-Einstein-Haus befinden sich die Räume der Schulverwaltung, eine Aula sowie etwa die Hälfte der Unterrichtszimmer der AKSA, vor allem jene der Geistes- und Sozialwissenschaften, der Sprachen sowie der Musik. Es wurde 1894 von Karl Moser gebaut und im folgenden Jahr eröffnet.
Kunst
An der Ostfassade befinden sich im 2. Stock anstelle von Fenstern eine Serie allegorischer Bilder der Wissenschaften, auf welche das Gymnasium vorbereitet. Sie wurden von Kunstmaler Arnold Büchli (* 1885) gemalt, der selber Schüler der AKSA war. Auf den Bildern sind zu sehen: mini|Zweiter Stock der Ost-Fassade des Einstein-Hauses Jurisprudenz: Eine niedergeschlagene Justitia mit Schwert und Waage, dahinter ein geöffnetes Buch: «SVVM CVIQVE» (Lateinisch für Jedem das Seine). Theologie und Philosophie: Das leere Kreuz Christi, dahinter steht der geflügelte Satan, davor sitzt ein Mann bei einem Amboss, der eine Schrifttafel «ENS ENTI UM» (ens entium, lat.: Wesen aller Wesen = Gott) in den Händen hält. Medizin: Ein übergrosser Totenkopf, davor eine Frau mit Äskulapstab, der eine nackte Frau zu Füssen liegt.
Auch auf der Westseite haben sich früher Bilder befunden. Es waren dies Allegorien für die drei Richtungen, auf welche die Gewerbeschule vorbereitet: Technik, Mathematik & Naturwissenschaften sowie Handel.
Die «alten Herren» der drei Kantonsschülervereinigungen Argovia, Industria und Turnverein finanzierten 1895 die Anschaffung von sechs Gipsstatuen ins Vestibül und Büsten berühmter Männer in die Lehrerzimmer. Zwei der Statuen, Sophokles und Augustus (genannt «di Prima Porta») hatten die Höhe von über zwei Metern. Die ihnen zur Seite stehenden Figuren, die Musen Clio und Urania, ein Athlet und ein scheibenwerfender Jüngling (Discobolos des Myron) waren absichtlich kleiner gewählt worden. – «Durch die Büsten sollten so dem Schüler eine Reihe von Männern vor Augen geführt werden, welche Hervorragendes geleistet haben auf den verschiedenen Gebieten geistiger Kultur.»Aug. Tuchschmid (Hrsg.): «Programm der Aargauischen Kantonsschule für das Schuljahr 1895/96», H.R. Sauerländer & Co.1 Aarau, 1896, S. 71.
Das Vestibül und gewisse Elemente in den Gängen sind von Herrn Steimer (Fachlehrer für Dekorationsmalen und kunstgewerbliches Zeichnen am Gewerbemuseum) ornamentös verziert worden. In ähnlichem Stile muss bei der Eröffnung des Gebäudes auch die Westwand der Aula verziert gewesen sein. In der Mitte des Ornaments befand sich das Aarauerwappen. Jedoch wurde in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine horizontale Decke eingezogen und die Wand einheitlich weiss gestrichen, womit auch das Ornament verschwand. An der Wand, bevor die Dachschräge beginnt, war an beiden Seitenwänden ein ca. 30 cm breiter Streifen bemalt. Zu sehen waren Tiere und Pflanzen. Als die horizontale Decke bei einer Renovation wieder entfernt wurde, waren diese Streifen in einem sehr schlechten Zustand. Nur drei Sektoren konnten restauriert werden, der Rest wurde grün gestrichen. Die Dachschräge jedoch wird nach wie vor beiderseits von Aaraueradlern geziert. Da nach der Renovation die Wände allseitig weiss gestrichen wurden, musste auch das ursprünglich aufgemalte Gedicht «Jugendgeist» von Adolf Frey verschwinden. Da man ihn aber nicht einfach verschwinden lassen wollte, wurde er auf eine Plexiglasscheibe geschrieben, welche dann an die Wand montiert wurde.Aug. Tuchschmid (Hrsg.): «Programm der Aargauischen Kantonsschule für das Schuljahr 1895/96», H.R. Sauerländer & Co.1 Aarau, 1896, S. 68.
Geheimnisvoll ist Jugendgeist – Ein Wandrer auf verhüllten Wegen. Dem reift ein Tagwerk voller Segen, Der aufwärts ihm die Pfade weist: Der Junge rasch, doch willig, Das Alter streng, doch billig, So schreiten wir dem Licht entgegen.
Im zweiten Stock finden sich im Treppenhause die Wappen der ehemaligen Gebiete, welche beim Bau alle zum Kanton Aargau gehörten. Sie sind direkt auf dem Verputz aufgemalt.
Die vier Kantonsschülerverbindungen (Argovia, Industria, KTV Aarau und Zofingia) schenkten 2003 ihrer Alma Mater zum 200-jährigen Bestehen ein Kunstwerk von Ruth Maria Obrist «Installation mit 200 Farbtafeln», welches nun im Gang des ersten Stockes ausgestellt ist.:Datei:AKSA Ruth Maria Obrist Info.jpg