mini|hochkant|Umstrittener Gedenkstein für die Marine-Brigade in Bottrop-Kirchhellen Die Marine-Brigade von Loewenfeld, auch als 3. Marine-Brigade bekannt, war ein Freikorps der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, das aus Angehörigen der ehemaligen Kaiserlichen Marine aufgestellt wurde. mini|Offiziere der Marine-Brigade von Loewenfeld (v. l. n. r.): Siegfried Claaßen, Rolf Carls, Friedrich Bruns, Hans Kloebe, Hans Kolbe, Lothar von Arnauld de la Perière und Hermann von Fischel
Ereignisgeschichte Auf Weisung von Reichswehrminister Gustav Noske vom 3. Februar 1919 stellte Korvettenkapitän Wilfried von Loewenfeld in Kiel aus vormals kaiserlichen Marineangehörigen als ein Freikorps die 3. Marine-Brigade auf. Wesentlichen Anteil daran hatte Wilhelm Canaris, der bereits zuvor zu von Loewenfelds engstem Umfeld gehörte.Michael Mueller: Canaris – Hitlers Abwehrchef. Propyläen, Berlin 2006, ISBN 978-3-549-07202-8, S. 84, 89 f. Anfang März 1919 war die Brigade etwa 1500 Mann stark.
Sie war antirepublikanisch, antidemokratisch und antisemitisch. Der spätere Journalist Axel Eggebrecht, der ihr als junger Mann in Kiel kurz angehörte, verließ sie nicht zuletzt wegen dieses Antisemitismus. Er hatte erlebt, wie Angehörige der Brigade in Kiel einen Juden misshandelt hatten.Alexander Gallus: Heimat „Weltbühne“: Eine Intellektuellengeschichte im 20. Jahrhundert. Göttingen 2012, S. 157. Die Brigade setzte sich personell „aus reaktionären und radikalisierten … Marineoffizieren“ zusammen. Dem entsprach der öffentliche Auftritt: „Mit wehenden Marine-Kriegsflaggen fuhren unsere Züge durch Deutschland, Wagen und Stahlhelme mit Hakenkreuzen gezeichnet“, so im Rückblick der erste Generalstabsoffizier der Brigade Ulrich von Bose.Zitat Ulrich von Bose in dessen Beitrag Vormarsch gegen Essen in dem Sammelband von Ernst von Salomon (Hrsg.): Das Buch vom deutschen Freikorpskämpfer, Berlin 1938, wiedergegeben bei Paul Fröhlich: „Der unterirdische Kampf“. Das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt 1924–1943, Schöningh, Paderborn 2018, S. 73. Mit den Farben Schwarz-Weiß-Rot der „Reichskriegsflagge“ – statt mit den „Verfassungsfarben“ Schwarz-Rot-Gold – und dieses politische Bekenntnis mit dem Hakenkreuz-Symbol noch verschärfend bekundeten die völkisch-rechtsextremistischen Gegner der demokratischen Republik öffentlich ihre Bereitschaft zu deren Beseitigung mit Waffengewalt.
Im Sommer 1919 entsandte die Reichsregierung das Freikorps Loewenfeld ins gemischtethnische Oberschlesien zum einen gegen polnische Freiwilligenverbände, die für den Anschluss an Polen eintraten,Werner Bräckow: Die Geschichte des deutschen Marine-Ingenieuroffizierkorps. Stalling Verlag, Oldenburg 1974, S. 134. und zum anderen zur Beendigung einer Welle von Streiks im oberschlesischen Industriegebiet.Hannsjoachim Wolfgang Koch, Der deutsche Bürgerkrieg: eine Geschichte der deutschen und österreichischen Freikorps, 1918–1923, Ullstein Verlag, Berlin 1974, S. 249. Während des Winters 1919/20 wurde es in der Nähe von Breslau im Grenzschutz Ost verwendet. Ein Einsatz im Baltikum schloss sich an.Axel Eggebrecht: Der halbe Weg. Zwischenbilanz einer Epoche. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 93; Johannes Bühler: Vom Bismarck-Reich zum geteilten Deutschland, de Gruyter, Berlin 1960, S. 523. Dort verfolgten die Freikorps ihre eigenen Ziele. Vielen Beteiligten ging es „schlichtweg darum, Beute zu machen“. Die Einheiten übten „hemmungslos Gewalt“ aus, auch in Massakern, denen Tausende zum Opfer fielen, und auch gegen lettische Verbündete.Dieter Pohl: Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941–1944, München 2009, 2. Aufl., S. 35. Ein Bataillon der Brigade blieb ständig in Kiel stationiert.
Während des Kapp-Lüttwitz-Putsches im März 1920 unterstützte die Brigade den Umsturzversuch durch die Besetzung Breslaus, räumte aber nach dem Scheitern der Putschisten die Stadt wieder. Während der Besetzung war es unter von Loewenfeld zur Folterung und Tötung von Verhafteten durch Freikorpsangehörige gekommen.Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Artikel zu Wilfried von Loewenfeld, siehe: Die Straßenumbenennungspraxis in Westfalen und Lippe während des Nationalsozialismus, .
In Kiel wurde im März 1920 vom Chef der Marinestation der Ostsee Magnus von Levetzow, einem Befürworter des Kapp-Lüttwitz-Putsches noch nach dessen Scheitern, ein Bataillon des Freikorps unter dem Korvettenkapitän Franz Claassen eingesetzt, um dort den Generalstreik gegen die Putschisten zu unterdrücken.Dirk Dähnhardt, Gerhard Granier (Hrsg.): Kapp-Putsch in Kiel, Kiel 1980 (Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 66). Die Arbeiter hatten eine von den Arbeiterparteien und der Sicherheitspolizei organisierte Miliz aufgebaut, die das Bataillon Claassen vertrieb. Dabei liefen einige Brigadeangehörige zur Arbeitermiliz über. Das Bataillon wurde nun an die Ruhr beordert.Klaus Kuhl: Opfer von Matrosen-/Arbeiteraufstand, Februarereignissen 1919 und Kapp-Putsch 1920, o. O. o. J. (Stand 31. Juli 2019), S. 7f., 31f., siehe: , Quellengrundlage: Arne Miltkau, Der Kapp-Lüttwitz-Putsch in Kiel. Hintergrund und Auswirkungen. Kiel 2000 (Wissenschaftliche Hausarbeit im Historischen Seminar der Universität Kiel), S. 51; Leutnant Kemsies: Das Verhalten der Sicherheitspolizei Kiel gegenüber der Militärrevolte, 9. April 1920, Landesarchiv Schleswig-Holstein LAS 301 4458. (Online zugänglich unter www.kurkuhl.de).
Dorthin in den Raum Bottrop schickte die Reichsregierung die Gesamtbrigade im April zur Bekämpfung des Ruhraufstands. Während der Besetzung der Stadt, die ihrer Belagerung und Beschießung mit ArtillerieErhard Lucas: Märzrevolution 1920. Verhandlungsversuche und deren Scheitern, Gegenstrategien von Regierung und Militär, die Niederlage der Aufstandsbewegung, der weiße Terror, Bd. 3, Frankfurt a. M. 1978, S. 322. durch das Freikorps folgte, sei der Keller des Rathauses „zu einem regelrechten Folterkeller“ geworden, heißt es in einem Zeitzeugenbericht, der an die Schilderungen von Vorgängen in späteren SA-Folterkellern erinnert: „Während des Prügelns mußten die Geschlagenen rufen: ‚Hoch lebe die 3. Marinebrigade.'“ Nach seiner Freilassung musste der 18-jährige Arbeiter Joseph Krämer sechs Schichten aufgrund seiner Arbeitsunfähigkeit aussetzen.Heinrich Teuber: Für die Sozialisierung des Ruhrbergbaus. Verlag Roter Stern, Frankfurt a. M. 1973, S. 122. In einer der Zellen wurde am 27. April 1920 die 19-jährige Bottroperin Maria Lippert mit Reitpeitsche und Gummiknüppel fast bewusstlos geschlagen und von dem Sergeanten Adler der Loewenfeld-Brigade vergewaltigt. Das Freikorps begründete ihre „Verhaftung“ damit, sie sei Sanitäterin in der Roten Ruhrarmee und habe ein Pferd gestohlen. Nach ihrer Vergewaltigung kam sie vor ein „außerordentliches Kriegsgericht“, das sie freisprechen musste. Mehrfach operiert war Maria Lippert jahrelang arbeitsunfähig.So nach der Bottroper Stadtarchivarin Heike Biskup in: Hans-Walter Scheffler: Sturm aufs Rathaus, WAZ, 10. Juli 2007, siehe auch: .
In Zitierung der „Hunnenrede“ des vormaligen Kaisers wurde nach Auskunft des Brigade-Offiziers Friedrich Rieve „Pardon … nicht gegeben.“ Die an diesen Satz anschließende kaiserliche Maßgabe, Gefangene seien nicht zu machen, bedeutete in dem eroberten Dorf Raesfeld am 26. März 1920, dass unter dem Befehl des Lothar von Arnauld de la Perière die Gefangenen in der Dorfwirtschaft vor ein „Kriegsgericht“ gestellt „und nach kurzen Feststellungen standrechtlich erschossen“ wurden. Als etwas später, nach einem Bericht vom ehemaligen Hauptmann im Generalstab und 1. Generalstabsoffizier der Brigade Ulrich von Bose, „ein Lastauto mit großer roter Fahne, eine Feldküche angehängt, … nichts ahnend von Wesel her“ ins Dorf Raesfeld einfuhr, wurde das Lastauto „durch eine Handgranate, die unmittelbar über dem Auto platzt[e] und das auf der Feldküche sitzende Weibsbild tötet[e], zum Halten“ gebracht.Klaus Theweleit: Männerphantasien. Berlin 2019. Ein Feldwebel erschlug „die Überlebenden mit dem Gewehrkolben.“Paul Fröhlich: „Der unterirdische Kampf“. Das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt 1924–1943, Schöningh, Paderborn 2018, S. 73 f.
Vier Gefangene wurden von „schwerbewaffneten Soldaten begleitet“ in einer Waldung in Bottrop-Eigen erschossen. Begründung: Sie hätten zu flüchten versucht. Ein Arbeiter, der seine Waffen bereits abgegeben hatte und selbst an Kämpfen nicht beteiligt gewesen war, wurde aus dem Haus geholt. Kapitänleutnant Meyerhofer „ließ ihn ohne Untersuchung erschießen.“Heinrich Teuber: Für die Sozialisierung des Ruhrbergbaus. Verlag Roter Stern, Frankfurt a. M. 1973, S. 121. Am 17. Mai 1920 wurden in Bottrop zwei Bergleute, der eine Mitglied der USPD, der andere parteilos, von „Heereskriminalbeamten“ der Marinebrigade verhaftet. „Gegen beide lag nichts vor.“ Sie wurden mit der Bahn bis Paderborn transportiert und in der Nacht „auf der Flucht“ erschossen und die Leichen beraubt.Emil Julius Gumbel: Vier Jahre politischer Mord. (Reprint). Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 1980, ISBN 3-88423-011-5, S. 61.
Mitte Mai 1920 erging der den Vorgaben des Versailler Vertrags folgende Auflösungsbefehl, der allerdings mit langer Verzögerung erst zwei Jahre später vollständig ausgeführt war. Nach dem Einsatz im Ruhrgebiet wurden die Angehörigen der Einheit zunächst weitgehend in die Reichsmarine übernommen. Dem war eine militärische Auswertung der Ruhrerfahrungen vorausgegangen, die zu dem Schluss gekommen war, zwar habe „die Brigade … wenig Disziplin“, aber „Kriegsgeist“ gezeigt. Zwar müssten die Angehörigen „wie Kranke behandelt werden“, aber „das Menschenmaterial“ sei „gut, besonders das Offiziers- und Unteroffiziersmaterial.“Klaus Franken: Von Schwarz-Weiß-Rot zu Schwarz-Rot-Gold: Der Übergang von Seeoffizieren der Kaiserlichen Marine in die Marine der Weimarer Republik. Berlin 2018, S. 134. Teile des Freikorps bildeten ab Ende 1920 die Spezialpolizei des Oberschlesischen Selbstschutzes und agierten konspirativ gegen tatsächliche und vermeintliche Mitglieder der ebenfalls konspirativen Polska Organizacja Wojskowa sowie gegen deutsche „Verräter“ und französische Angehörige der Interalliierten Kommission zur Überwachung der Entmilitarisierung Deutschlands. Der Gründer dieser „Spezialpolizei“ Heinz Oskar Hauenstein, später Gründungsmitglied der Berliner SA, brüstete sich 1921 in einem Gerichtsprozess, dass seine Organisation für mehr als 200 von ihm als „Feme“ bezeichnete Morde verantwortlich sei.Daniel Siemens: Sturmabteilung. Die Geschichte der SA. Siedler, München 2019, ISBN 978-3-8275-0051-9, S. 18.Diese und die vorausgegangenen Angaben: Bernhard Sauer: „Verräter waren bei uns in Mengen erschossen worden.“ Die Fememorde in Oberschlesien 1921. (PDF; 110 kB) In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 54, 2006, , S. 644–662, hier: S. 656. Nach Hauensteins Angaben gab es bei diesem Einsatz keine Rücksichten auf das Völkerrecht oder traditionelle Kriegsgebräuche.Stefan Zwicker: »Nationale Märtyrer«: Albert Leo Schlageter und Julius Fučík. Heldenkult, Propaganda und Erinnerungskultur. Schöningh, Paderborn 2006, ISBN 978-3-506-72936-1, S. 48.
Rezeptionsgeschichte Bereits 1922 erschien mit Emil Julius Gumbels Schrift „Vier Jahre politischer Mord“ eine PublikationEmil Julius Gumbel: Vier Jahre politischer Mord, Berlin-Fichtenau 1922., die detailliert zu den Gewalttaten von Angehörigen auch des Freikorps von Loewenfeld Stellung bezog. Damit setzte der Verfasser sich heftigen antisemitischen und antilinken Angriffen der Weimarer Rechten aus, was dazu führte, dass er schon 1933 aus Deutschland flüchtete.