Unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE) oder kardiovaskulären Erkrankungen werden Erkrankungen des Herzens und der Blutgefäße zusammengefasst. Herz-Kreislauf-Erkrankungen machen einen Großteil der weltweiten Todesfälle aus. Über die Hälfte dieser Todesfälle kann auf falsche Ernährung zurückgeführt werden. Herz-Kreislauf-Erkrankungen können bei rechtzeitiger Diagnose meist gut behandelt werden.
Vorkommen Mit 17,8 Millionen Todesfällen stellten Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Jahr 2017 weltweit die häufigste Todesursache dar. Somit sind im globalen Durchschnitt 32 % aller Todesfälle auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen.Gregory A. Roth, Degu Abate u. a.: Global, regional, and national age-sex-specific mortality for 282 causes of death in 195 countries and territories, 1980–2017: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2017. In: The Lancet Band 392, Nr. 10159, November 2018, S. 1736–1788, doi:10.1016/S0140-6736(18)32203-7, PMID 30496103. Auch in Europa und Deutschland führen Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Sterbestatistik an. In Europa sterben jedes Jahr mehr als vier Millionen Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen; davon sind 1,4 Millionen jünger als 75 Jahre.Elizabeth Wilkins, Lauren Wilson u. a.: European Cardiovascular Disease Statistics 2017. European Heart Network, Brüssel 2017 ( online abgerufen am 1. November 2019).Nick Townsend, Lauren Wilson u. a.: Cardiovascular disease in Europe: epidemiological update 2016. In: Eur Heart J Band 37, Nr. 42, November 2016, S. 3232–3245, doi:10.1093/eurheartj/ehw334, PMID 27523477.
In Deutschland sind im Jahr 2016 ca. 339.000 Menschen an kardiovaskulären Erkrankungen verstorben; dies entspricht 37 % der Gesamtmortalität.Statistisches Bundesamt: GENESIS-Online Datenbank. Wiesbaden 2019 ( online abgerufen am 18. April 2019). Vor allem in östlichen Bundesländern (insbesondere in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen), aber auch in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen sind die kardiovaskulären, altersstandardisierten Sterbeziffern überdurchschnittlich hoch.Deutsche Herzstiftung: „Deutscher Herzbericht 2016. - 28. Bericht“ Sektorenübergreifende Versorgungsanalyse zur Kardiologie, Herzchirurgie und Kinderherzmedizin in Deutschland. Frankfurt/Main 2016
Risikofaktoren Die Ursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind vielfältig und können in beeinflussbare und nicht beeinflussbare Risikofaktoren unterteilt werden. Zu den nicht beeinflussbaren Risikofaktoren zählen: Alter, Geschlecht und genetische Veranlagung. Zu den beeinflussbaren Risikofaktoren gehören (in absteigender Relevanz nach GBD): Bluthochdruck, Ernährung, Dyslipidämie (oftmals Hypercholesterolämie), Diabetes, Übergewicht, Rauchen, Luftverschmutzung, Bewegungsmangel und übermäßiger Alkoholkonsum. Daneben sind weitere beeinflussbare Risikofaktoren bekannt: nicht diagnostizierte ZöliakieEdward J Ciaccio, Suzanne K Lewis u. a.: Cardiovascular involvement in celiac disease. In: World J Cardiol (Review) Band 9, Nr. 8, August 2017, S. 652–666, doi:10.4330/wjc.v9.i8.652, PMID 28932354., rheumatoide ArthritisElena Myasoedova, Arun Chandran u. a.: The role of rheumatoid arthritis (RA) flare and cumulative burden of RA severity in the risk of cardiovascular disease. In: Annals of the rheumatic diseases Band 75, Nr. 3, März 2016, S. 560–565, doi:10.1136/annrheumdis-2014-206411, PMID 25637001., psychosoziale FaktorenAlexander M. Clark, Marie DesMeules u. a.: Socioeconomic status and cardiovascular disease: risks and implications for care. In: Nature Reviews Cardiology Band 6, Nr. 11, September 2009, S. 712–722, doi:10.1038/nrcardio.2009.163, PMID 19770848., Armut und niedriger Bildungsstand.Mariachiara Di Cesare, Young-Ho Khang u. a.: Inequalities in non-communicable diseases and effective responses. In: The Lancet Band 381, Nr. 9866, Februar 2013, S. 585–597, doi:10.1016/S0140-6736(12)61851-0, PMID 23410608. Im Verdacht stehen auch Hitze und Verkehrslärm.
Beeinflussbare Risikofaktoren in Deutschland (in absteigender Relevanz nach GBD):
Bluthochdruck Eine Hauptursache für Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellt ein unbehandelter, arterieller Bluthochdruck dar. Nach Definition der WHO gilt ein systolischer Blutdruck von mehr als 140 mmHg und/oder ein diastolischer Blutdruck von mehr als 90 mmHg als Hypertonie. Eine Senkung des Blutdrucks um 10 mmHg reduziert das Erkrankungsrisiko um ca. 20 %.Dena Ettehad, Connor A Emdin u. a.: Blood pressure lowering for prevention of cardiovascular disease and death: a systematic review and meta-analysis. In: The Lancet Band 387, Nr. 10022, März 2016, S. 957–967, doi:10.1016/S0140-6736(15)01225-8, PMID 26724178. Die Senkung des Blutdrucks ist laut Studien auch bei normalen Blutdruckbereichen eine effektive Präventionsmaßnahme.
Ernährung Obwohl kontrollierte, randomisierte Interventionsstudien zu ernährungsspezifischen Fragestellungen aufgrund des hohen Aufwands in der Vergangenheit eher selten durchgeführt wurden, zeigen aktuelle Interventionsstudien, dass die Ernährungsweise eine zentrale Rolle für die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen spielt.Ramon Estruch, Emilio Ros u. a.: Primary prevention of cardiovascular disease with a Mediterranean diet supplemented with extra-virgin olive oil or nuts. In: New England Journal of Medicine Band 378, Nr. 25, Juni 2018, S. e34, doi:10.1056/NEJMoa1800389, PMID 29897866.Christine Dawczynski, Anne-Christin Schneider u. a.: Einfluss einer Ernährungsumstellung auf kardiovaskuläre Risikofaktoren – Ernährungsstudie MoKaRi. In: Proceedings of the German Nutrition Society Band 23, ISBN 978-3-88749-257-1, Bonn2017. Von insgesamt 4,3 Millionen kardiovaskulär bedingten Todesfällen im Jahr 2016 in Europa (WHO Europaregion) gehen 2,1 Millionen auf eine unausgewogene Ernährung zurück. Auf die EU entfallen davon rund 900.000 kardiovaskulär bedingte Todesfälle. Männer sind von ernährungsbedingten Herz-Kreislauf-Erkrankungen häufiger und tendenziell bereits in jüngeren Jahren betroffen, Frauen dagegen erst ab dem 50. Lebensjahr. Rund 601.000 Menschen unter 70 Jahren starben im Jahr 2016 in Europa an den Folgen einer ernährungsbedingten Herz-Kreislauf-Erkrankung; davon 420.000 Männer und 181.000 Frauen. Während in der Schweiz und in Österreich rund 10.000 und 15.000 Menschen an ernährungsbedingten Herzkreislauf-Erkrankungen im Jahr 2016 verstarben, sind in Deutschland rund 165.000 vorzeitige Todesfälle auf eine unausgewogene Ernährung zurückzuführen.Toni Meier, Kira Gräfe u. a.: Cardiovascular mortality attributable to dietary risk factors in 51 countries in the WHO European Region from 1990 to 2016: a systematic analysis of the Global Burden of Disease Study. In: European Journal of Epidemiology Band 34, Nr. 1, Januar 2019, S. 37–55, doi:10.1007/s10654-018-0473-x, PMID 30547256.
Auf Ebene von Lebensmittelgruppen sieht ein systematisches Review aus dem Jahr 2021 folgendes Ernährungsmuster als schützend an: niedriger Konsum von tierischen Lebensmitteln, niedriger Salzkonsum, erhöhter Konsum von pflanzlichen Lebensmitteln (Vollkornprodukte, Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse), Ersetzen von Butter mit Ölen, die reich an ungesättigten Fetten sind.
Zuvor zeigten bereits andere Einzelstudien und Systematische Reviews, dass ein Austausch von gesättigten Fettsäuren durch komplexe Kohlenhydrate, mehrfach ungesättigte oder einfach ungesättigte Fettsäuren kardiovaskuläre Risikofaktoren reduziert und die kardiovaskuläre Sterblichkeit senkt.Yanping Li, Adela Hruby u. a.: Saturated fats compared with unsaturated fats and sources of carbohydrates in relation to risk of coronary heart disease: a prospective cohort study. In: J Am Coll Cardiol Band 66, Nr. 14, Oktober 2015, S. 1538–1548, doi:10.1016/j.jacc.2015.07.055, PMID 26429077.Hooper L, Martin N u. a.: Reduction in saturated fat intake for cardiovascular disease. In: The Cochrane Database of Systematic Reviews Band 6, Nr. 6, Juni 2015, CD011737, doi:10.1002/14651858.CD011737, PMID 26068959.Dariush Mozaffarian, Renata Micha u. a.: Effects on coronary heart disease of increasing polyunsaturated fat in place of saturated fat: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. In: PloS medicine Band 7, Nr. 3, März 2010, S. e1000252, doi:10.1371/journal.pmed.1000252, PMID 20351774.Ronald P Mensink, Peter L Zock u. a.: Effects of dietary fatty acids and carbohydrates on the ratio of serum total to HDL cholesterol and on serum lipids and apolipoproteins: a meta-analysis of 60 controlled trials. In: Am J Clin Nutr Band 77, Nr. 5, Mai 2003, S. 1146–1155, doi:10.1093/ajcn/77.5.1146, PMID 12716665.
Zudem hat eine hohe Zufuhr von trans-Fettsäuren negative Auswirkungen auf die Blutlipide und zirkulierende Entzündungsmarker.Chris S. Booker, J.I. Mann: Trans fatty acids and cardiovascular health: translation of the evidence base. In: Nutrition, Metabolism and Cardiovascular Diseases Band 18, Nr. 6, Juli 2008, S. 448–456, doi:10.1016/j.numecd.2008.02.005, PMID 18468872. Daher wird die Eliminierung von trans-Fettsäuren aus der Ernährung empfohlen. Im Jahr 2018 schätzte die WHO, dass global mehr als eine halbe Million Todesfälle pro Jahr durch eine zu hohe Aufnahme von trans-Fettsäuren bedingt wurden.WHO: WHO plan to eliminate industrially-produced trans-fatty acids from global food supply. World Health Organization, Genf 2018 ( online abgerufen am 1. November 2019).
Die Studienlage zeigt zudem, dass ein hoher Zuckerkonsum neben einem erhöhten Risiko für Diabetes auch Bluthochdruck und Dyslipidämien begünstigt.Lisa A Te Morenga, Alex J Howatson u. a.: Dietary sugars and cardiometabolic risk: systematic review and meta-analyses of randomized controlled trials of the effects on blood pressure and lipids. In: Am J Clin Nutr Band 100, Nr. 1, Juli 2014, S. 65–79, doi:10.3945/ajcn.113.081521, PMID 24808490. Zudem steht ein übermäßiger Konsum von Lebensmitteln mit einem hohen Anteil an Salz und gesättigten Fettsäuren mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung.Renata Micha, Georgios Michas, u. a.: Unprocessed red and processed meats and risk of coronary artery disease and type 2 diabetes–an updated review of the evidence. In: Current atherosclerosis reports Band 14, Nr. 6, Dezember 2012, S. 515–524, doi:10.1007/s11883-012-0282-8, PMID 23001745.
Dyslipidämie Unter Dyslipidämie werden pathologisch erhöhte Konzentrationen der Blutlipide, inklusive des Gesamtcholesterins, der Triglyzeride sowie der LDL-Cholesterin- bzw. der VLDL-Cholesterinfraktion verstanden. Primäre Dyslipidämien stellen eine eigene, meist genetisch bedingte Erkrankung dar, während sekundäre Dyslipidämien Folgeerscheinungen anderer Ursachen sind.
Diabetes Menschen mit Diabetes mellitus weisen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein höheres Risiko auf, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erkranken. Bei Diabetikern treten Herzinfarkte häufiger auf und nehmen einen ungünstigeren Verlauf als bei Menschen ohne Diabetes. Durch die in vielen Fällen zusätzlich bestehende diabetische Schädigung des autonomen Nervensystems kann es zu Störungen innerhalb der Schmerzleitung und zu Herzrhythmusstörungen kommen. Insbesondere beim Diabetes Typ 2 liegen neben den erhöhten Blutzuckerspiegeln häufig Störungen vor, die sich negativ auf die Blutgefäße auswirken. Ein erhöhter Blutdruck (Hypertonie) und Dyslipidämien schädigen zusätzlich die Gefäßwände und verursachen Verengungen (Stenosen) und Verstopfungen (Thrombosen) der Arterien. Auch beim Diabetes mellitus Typ 1 können Dyslipidämien auftreten.
Übergewicht und Adipositas