Harlan County ist ein County im Bundesstaat Kentucky der Vereinigten Staaten. Das U.S. Census Bureau hat bei der Volkszählung 2020 eine Einwohnerzahl von 26.831 ermittelt.
Das County wurde 1819 gegründet, liegt in der südöstlichen Ecke von Kentucky an der Staatsgrenze zu Virginia und ist Bestandteil des Kohlereviers im östlichen Teil des Staats. Verwaltungssitz (County Seat) ist die in der westlichen Hälfte des Countys gelegene Kleinstadt Harlan.
Geographie Das County liegt im Südosten von Kentucky, grenzt an den Bundesstaat Virginia und hat eine Fläche von 1212 Quadratkilometern, wovon zwei Quadratkilometer Wasserfläche sind. In Kentucky grenzt es im Uhrzeigersinn an folgende Countys: Perry County, Letcher County, Bell County und Leslie County. Benachbarte Countys in Virginia sind das Wise County (im Osten) und das südöstlich gelegene Lee County. Die Entfernung zu Lexington, der zweitgrößten Stadt Kentuckys, beträgt ungefähr 160 Kilometer.Harlan County. Basisdaten im Geographic Names Information System (GNIS); aufgerufen am 21. Juni 2016 (engl.)
mini|links|Black Mountain (Hintergrund). Vordergrund: der nahegelegene Pine Mountain Geografisch bestimmt wird Harlan County durch seine Lage in den Cumberland Mountains, einem Gebirgszug im südwestlichen Teil der Appalachen. Von West nach Ost durchzogen wird der Bezirk von vier Gebirgskämmen: Pine Mountain, Black Mountain, Little Black Mountain und Stone Mountain. Der in der südöstlichen Ecke des Countys nahe der Ortschaft Lynch gelegene Rücken des Black Mountain erreicht eine Spitzenhöhe von 1263 m und ist damit der höchste Berg Kentuckys.Thomas D. Clark (Hrsg.): The Kentucky Encyclopedia. University Press of Kentucky, Lexington 2006, S. 408/409. Auszugsweise Online bei Google Books (engl.). Erschließungstechnisch gilt das Gelände aufgrund der schmalen Talsohlen als problematisch; die Ortschaften im County sind allesamt in Talsohlen hineingebaut. Die durchschnittliche Höhenlage der Ortschaften steigt von West nach Ost leicht an und liegt zwischen 300 und 500 Meter über dem Meeresspiegel.Harlan County / Topography. University of Kentucky, aufgerufen am 21. Juni 2016.
Bedeutendster Fluss ist der Cumberland River. Er entspringt im benachbarten Bell County und durchfließt die nördliche Hälfte des Harlan County von Ost nach West. Größte Zuflüsse – und nach dem Cumberland River die bedeutendsten Fließgewässer – sind der Martin Fork und der Clover Fork. Sie vereinigen sich im Stadtgebiet der Bezirkshauptstadt Harlan und münden unmittelbar nördlich davon in den Cumberland River ein.
Wichtigste überregionale Verbindungsstraßen sind die beiden US-Bundesstraßen Route 421 und Route 119. Erstere durchzieht das County von Nord nach Süd, letztere von Ost nach West. Lokal bedeutsame Verbindungsstraßen sind darüber hinaus die Kentucky Road 38, die das County in westöstlicher Richtung zentral durchläuft sowie die von Cumberland nach Südosten Richtung Virginia führende Kentucky Road 160. Wichtigste Ortschaften im County sind die Kleinstädte Harlan (zugleich County-Sitz), Benham, Cumberland, Evarts, Loyall und Lynch. Weitere Ortschaften, in alphabetischer Aufführung sind: Ages, Baxter, Bledsoe, Brookside, Cawood, Clospint, Coldrion, Cranks, Dayhoit, Elcomb, Fresh Meadows, Grays Knob, Gulston, Highsplint, Holmes Mill, Kenvir, Pathfork, Putney, Pine Mountain, Rosspoint, South Wallins, Smith, Tacky Town, Teetersville, Totz, Wallins Creek und Verda.
Klimatisch gesehen liegt Harlan County in der Ostseiten-Klimazone – einer Variante der subtropischen Klimazone, welche die US-Ostküste ebenso prägt wie die südatlantischen Bereiche Südamerikas, Teile Oberitaliens, den Osten Australiens und Zentralchina. Das Klima in Harlan County wird entsprechend bestimmt von warmen, feuchten Sommern und milden bis kalten Wintern.
Geschichte Bis zum 20. Jahrhundert Vor sowie zu Beginn der Besiedlung durch englische (später: US-amerikanische) Siedler gehörte das Gebiet zum Einzugsbereich unterschiedlicher indianischer Stammesgruppen – der Shawnee, die ihre Reviere beiderseits des Ohio hatten, der Cherokee und Chickasaw, deren Hauptsitze weiter südlich lagen, der Delawaren sowie der Wyandot, einer Untergruppe der Irokesen. Erste Erkundungen des Gebietes erfolgten durch Jäger und Landprospektoren. Eine systematischere Ansiedlung setzte ab den 1780er-Jahren ein. Träger waren vorwiegend englisch-, schottisch- und irischstämmige Ansiedler aus Virginia, die im 18. Jahrhundert in immer größerer Zahl über die Appalachen zogen und sich westlich des Gebirges niederließen.
Wichtige Siedlungsbegründer in der Region waren Carr Bailey, Samuel Howard sowie William Turner, Mitbegründer des späteren Verwaltungssitzes Mt. Pleasant (1912 umbenannt in Harlan). Das County wurde am 28. Januar 1819 aus Teilen des Floyd County und des Knox County gebildet. Benannt wurde es nach Major Silas Harlan, einem weiteren frühen Siedler, der bei der Schlacht von Blue Licks, einem der letzten Gefechte des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges 1782 in der Nähe des Ohio, gefallen war. Die Lebenshaltung war bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts von Subsistenzwirtschaft geprägt. Bedingt durch die unzugängliche und abgelegene Lage, blieb die Bewohnerzahl des Countys gering. 1820 lag sie bei knapp 2000 Einwohnern, 1850 bei etwas mehr als 4000 und 1880 knapp über der 5000er-Grenze.
mini|Grenzverlauf während des Bürgerkriegs: Ostkentucky befand sich zeitweilig unter der Kontrolle konföderierter Truppen Während des Bürgerkriegs geriet das County – ebenso wie andere Landstriche im südöstlichen Kentucky – zeitweilig unter die Ägide konföderierter Truppen. Ein bekannteres Gefecht fand 1861 nahe der Kleinstadt Barbourville im nördlich gelegenen Knox County statt, in dessen Anschluss die Konföderierten ihre zeitweilige Oberhoheit über die Region konsolidieren konnten. 1863 brannten konföderierte Guerillaverbände das Verwaltungsgebäude der Stadt nieder – als Vergeltung für eine gleichartige Aktion in Lee County, Virginia. In den Jahrzehnten nach dem Bürgerkrieg war das County Schauplatz einer langandauernden Familienfehde. Hauptakteure waren Angehörige der beiden Gründerclans Turner und Howard. Ähnlich wie die bekannte Fehde zwischen den Hatfields und McCoys im Grenzland zu West Virginia wurde auch diese von Bagatellstreitigkeiten ausgelöst, kostete während ihres Verlaufs mehrere Beteiligte das Leben und konnte schließlich nur durch massive staatliche Intervention beigelegt werden. Der Buchautor Malcolm Gladwell, der den Fall untersuchte, führte die langanhaltende und verbissene Verlaufsform dieser Auseinandersetzung auf eine „Kultur der Ehre“ zurück, welche die Menschen in den westlichen Appalachengebieten präge und deren Ausläufer bis heute festzustellen seien.Malcolm Gladwell: Überflieger. Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-492-25819-7, auszugsweise Online bei Google Books
mini|Franklin D. Roosevelt und andere auf einer Bahnstrecke im Harlan County, 1908 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die landwirtschaftliche Nutzung des Gebietes zunehmend intensiviert. Vermarktete Produkte waren unter anderem Walnüsse, Kirschen sowie Holz. Als erstes Naturschutzgebiet des Verwaltungsgebiets wurde 1913 der nördlich des Cumberland River gelegene Kentenia State Forest eingerichtet. Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte der Anschluss an das Schienennetz. Nebenstrecken der Louisville and Nashville Railroad wie die 1911 fertiggestellte Wasioto & Black Mountain Railroad sorgten für eine bessere Einbindung des Countys in die umgebende Großregion. Der erste Kohle-Abtransport via Bahn erfolgte am 25. August 1911. Aufgrund der Bahnverbindung weitete sich der Kohleabbau massiv aus. Die Abbaumenge stieg von 25.814 Tonnen im Jahr 1910 auf 384.427 Tonnen zwei Jahre darauf, 1,4 Millionen Tonnen im Jahr 1914 bis auf 15 Millionen Tonnen in den späten 1920er-Jahren.
20. und 21. Jahrhundert Infolge des Kohleabbaus, der nach dem Ersten Weltkrieg massiv einsetzte und bald zum Haupt-Wirtschaftsfaktor avancierte, versiebenfachte sich die Einwohnerschaft des Countys – von etwas über 10.000 im Jahr 1910 auf über 75.000 im Jahr 1940. In geringerer Zahl waren die Neuankömmlinge Schwarze sowie osteuropäische Einwanderer; das Gros stellten allerdings Zuzügler aus den angrenzenden Regionen. Die Arbeits- und Lebensbedingungen in dem neu entstandenen Kohlerevier waren von Armut, Unsicherheit und Kriminalität geprägt. Die Bergarbeiter-Siedlungen – sogenannte „Company Towns“ – wurden oft ad hoc von den Bergwerksunternehmen errichtet. Die Bewohner dort hatten – im Unterschied zu den unabhängigen Städten im County wie beispielsweise Harlan oder Lynch, in denen das unmittelbare Abhängigkeitsverhältnis nicht derartig ausgeprägt war – weder kommunal noch im Hinblick auf Arbeits- oder Wohnbedingungen Mitspracherechte und waren in fast jeglicher Hinsicht vom Wohlwollen ihrer Arbeitgeber abhängig.Bill Estep: 100 years of coal mining in Harlan County. Lexington Herald Leader, 21. August 2011 (engl.)
mini|Die Minenstadt Evarts 1946 Die Mordrate von Harlan County war in den 1920ern die höchste der Nation. Zum Transportweg für illegale Schnapsbrenner avancierte während der Prohibitionszeit die sogenannte Thunder Road – eine Strecke, die, in Harlan beginnend, bis Knoxville in Tennessee führte.Mary Nicholas Johnson: Destination Harlan KY – The Start of Thunder Road. In: sharpschapelliving.com, 10. Oktober 2015 (engl.) Im Zuge der Weltwirtschaftskrise schloss bis 1931 ein Drittel der Kohlegruben. Die durchschnittlichen Bergarbeiter-Jahreslöhne sanken zwischen 1929 und 1931 von 1235 auf 749 US-Dollar. Die Not der arbeitenden Bevölkerung sowie der Hunger – insbesondere bei Kindern – war so groß, dass das von Quäkern ins Leben gerufene American Friends Service Committee (AFSC) in den Gemeinden des Bezirks Kinderspeisungen organisierte.Dave Tabler: Quakers and Bloody Harlan. Appalachian History, 4. April 2016 (engl.)
Nachdem die Grubengesellschaften die Löhne 1931 um weitere 10 Prozent gesenkt hatten, kam es zu einem jahrelang währenden, blutigen Konflikt – dem sogenannten Harlan County War. Streitpunkte waren das Recht der Bergbauarbeiter, sich gewerkschaftlich zu organisieren, höhere Löhne sowie bessere Arbeitsbedingungen. Auf dem Höhepunkt des Streiks beteiligten sich 5800 Bergarbeiter, lediglich 900 arbeiteten weiter. Ein Höhepunkt der Auseinandersetzung war die Battle of Evarts am 5. Mai 1931, in deren Verlauf vier Personen zu Tode kamen. Insgesamt dauerte der Konflikt rund acht Jahre, von 1931 bis 1939. In seinem Verlauf marschierten bundesstaatliche Polizeiverbände (darunter auch Einheiten der Nationalgarde) mehrmals im County ein. Die Auseinandersetzungen – welche den Ruf des Countys als „Bloody Harlan“, als „blutiges Harlan“, verfestigten – kosteten am Ende elf Menschen das Leben; hunderte wurden verletzt.siehe John W. Henever: Which Side Are You On? The Harlan County Coal Miners, 1931–1939. University of Illinois, Champaign 2002, ISBN 978-0-252-07077-8; auszugsweise Online bei Google Books (engl.). American Labor Crises, Barbara L. Pittman, 14. September 2012 (engl.)
mini|hochkant|Die Dokumentarfilmerin Barbara Kopple (2015)