mini|Germanischer Gott Thor über den Gewitterwolken mit seinen beiden Ziegenböcken – Gemälde von Max Koch, etwa 1905

Tanngnióstr (Zähneknirscher) und Tanngrisnir (Zähneblecker) auch als Thors Böcke bekannt, sind in der Nordischen Mythologie Thors Ziegenböcke, die dessen Wagen ziehen.

Die Namen bedeuten übersetzt: „Mit den Zähnen knirschend, Zahnknirscher“, aus dem altnordischen „Tann“ für Zahn und „gnjóstr“ vom Verb „gnísta“ für aneinanderreiben. Tanngrisnir wird ebenfalls übersetzt mit Zahnknirscher bzw. mit der Bedeutung „Auseinanderstehende Zähne“. Die Namen werden dahin gedeutet, dass sie lautmalend das Geräusch des in Zacken niederfahrenden Blitzes nachahmen, analog zum lautmalenden Geräusch durch den fahrenden Wagen Thors als der Donner (siehe Öku-Thor).

Insbesondere werden die Böcke in Snorri Sturlusons Prosa-Edda beschrieben, und zwar in der Gylfaginning Kapitel 21, 44. Da die persönlichen Namen nur bei Snorri erscheinen, ist davon auszugehen, dass sie seine Erfindung sind.

Der skandinavische Brauch des „Julbockes“, einer Ziege aus Stroh, die als Weihnachtsschmuck verwendet wird, geht auf Thors Ziegen zurück.

Deutungen In der Forschung zur germanischen Religion und der Vergleichenden Mythologie wurde besonders die Szene in der Gylfagnig Kap. 44 diskutiert und interpretiert, in der Thor die Böcke anlässlich eines Mahls mit einer Bauernfamilie verspeiste und, indem er ihre Knochen in Häute wickelte und mit seinem Hammer segnete,Allison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 148. reinkarnierte, d. h. wiedererweckte. Das Motiv der Verspeisung eines Tieres und dessen anschließender Wiedererstehung findet sich in der nordisch-germanischen Mythologie ebenfalls bei Snorri in der Gylfagning Kap. 38 wieder – beim Eber Sæhrímnir.

Jan de Vries deutet die Geschichte von der Mahlzeit als eine Anspielung auf das Ritual beim Tieropfer, welches u. a. verbot, die Knochen zu beschädigen, und sieht einen Zusammenhang mit dem Vegetationskult.

Kaarle Krohn führt die Erzählung auf Legenden und Sagen im Volksglauben zurück, die im Mittelalter in ganz Europa verbreitet waren. Die Erzählung habe nur geringe mythische Bedeutung und erschöpfe sich in der Verbindung von Þórr mit Ziegenböcken.

Vilhelm Grønbech geht auf das Schlachten und Wiederauferstehen der Ziegenböcke im Zusammenhang mit seiner These vom Kultdrama ein: Die Ziegenböcke repräsentierten die Heilige Herde, die dem Opfernden durch den Verzehr ihr Wesen schenke, ohne dabei selbst an Lebenskraft zu verlieren. Die Knochen seien heilig und dürften nicht verletzt werden.

Rudolf Simek deutet den Mythos der Verspeisung und Wiederherstellung der Böcke ebenfalls als einen alten Opferritus, die so auch außerhalb des germanisch-paganen Kontextes nachweisbar sind. Zudem spielen hier schamanistische Züge eine wichtige Rolle, da im schamanistischen Ritus das Schlachten – Thors folgende Anweisung die abgenagten Knochen auf das abgebalgte Fell zu werfen –, und die Reinkarnation als eine Form der Kontaktaufnahme zur geistigen Welt der Götter sei.

Franz Rolf Schröder untersuchte die Bedeutung der Böcke bzw. der Ziege innerhalb der germanischen Mythen und Kulte mit denen der anderen indogermanischen Kulturen und semitischen Kulturen Mesopotamiens unter den Aspekten der Opferung, der Fruchtbarkeitsriten und der Verkörperung und Attribute einzelner Gottheiten.

Literatur Walter Baetke: Wörterbuch zur altnordischen Prosaliteratur. WBG Darmstadt, 1976. Vilhelm Grønbech: Kultur und Religion der Germanen. 2 Bände. 8. Auflage. WBG, Darmstadt 1978. Gustav Neckel: Die jüngere Edda – Mit dem sogenannten ersten (1.) grammatischen Traktat. In: Sammlung Thule – Altnordische Dichtung und Prosa, Felix Niedner (Hrsg.), Bd. 20. (Neudruck der letzten Auflage, Nachwort von Siegfried Gutenbrunner). Eugen Diedrichs, Köln 1966. Franz Rolf Schröder: Skadi und die Götter Skandinaviens. In: Untersuchungen zur germanischen und vergleichenden Religionsgeschichte Bd. 2. J.C.B. Mohr, Tübingen 1941. Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X.

Einzelnachweise

Kategorie:Germanische Sagengestalt Kategorie:Thor Kategorie:Ziege in der Kultur Kategorie:Fiktives Paar Kategorie:Tier in der nordischen Mythologie