mini|Ágnes Heller (2015) Ágnes Heller (* 12. Mai 1929 in Budapest; † 19. Juli 2019; siehe auch: Ungarische Philosophin: Ágnes Heller gestorben. zeit online, 19. Juli 2019 (abgerufen am 19. Juli 2019) in Balatonalmádi) war eine ungarische Philosophin, die in Budapest und New York City lebte.
Leben Ágnes Heller, die jüdischer Herkunft war, gelang es im Holocaust gemeinsam mit ihrer Mutter immer wieder, teils durch geistesgegenwärtiges Handeln, teils nur durch schieres Glück, der Deportation und Ermordung zu entgehen. Ihr Vater und zahlreiche weitere Verwandte wurden Opfer der Judenverfolgung während der Zeit der NS-Diktatur.
Ágnes Heller starb im Juli 2019 im Alter von 90 Jahren, als sie nach Augenzeugenberichten in den Plattensee „hinausgeschwommen und nicht mehr zurückgekehrt“ ist.Stefan Dornuf: Jeden Tag drückt einen der Zeh woanders – zum Tod der ungarischen Philosophin und Orban-Gegnerin Ágnes Heller. nzz.ch, erschienen und abgerufen am 20. Juli 2019.
Ausbildung und beruflicher Werdegang In einem Interview aus dem Jahr 2014 berichtet sie, dass ihre Großmutter „die erste Frau war, die an der Universität Wien studiert hat“.Der Sinn des Lebens ist zu leben, Interview mit Tobias Haberl, in Süddeutsche Zeitung Magazin, 24. Januar 2014 online abgerufen am 3. Mai 2020.
Nach der Matura immatrikulierte sich Ágnes Heller 1947 an der Universität Budapest für Physik und Chemie. Sie wechselte unter dem Eindruck einer Vorlesung von Georg Lukács das Studienfach und begann, Philosophie zu studieren. Sie wurde 1955 von Lukács promoviert und schließlich seine Assistentin.
Nach jahrzehntelanger politischer Unterdrückung in Ungarn emigrierte Heller 1977 nach Australien, wo sie an der La Trobe Universität in Melbourne von 1978 bis 1983 eine Soziologie-Professur innehatte. 1986 wurde sie auf den Hannah-Arendt-Lehrstuhl an der Philosophiefakultät der New School for Social Research in New York berufen.
Seit ihrer Emeritierung pendelte sie jeweils halbjährlich zwischen Budapest und New York.
2001 und 2002 war sie Fellow des Weimarer Kollegs Friedrich Nietzsche zum Thema „Zur Theorie der Modernität“. 2013 hielt sie als Sir-Peter-Ustinov-Gastprofessorin der Stadt Wien Vorlesungen zum Thema „Die Welt der Vorurteile“ am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.
Politische Positionierung Heller stellte sich gegen die Politik des rechtsautoritären Fidesz und von Ministerpräsidenten Viktor Orbán. So äußerte sie sich in einem Interview für ZEIT Geschichte 2013: „Orbán ist ein Diktator, aber Ungarn ist keine Diktatur“.
Im Gegensatz zu ihrer früheren Meinung sagte Heller, dass man die Zusammenarbeit mit der Jobbik nicht ausschließen solle. Sie meinte auch, dass sie die Jobbik nie für eine Neonazi-Partei gehalten habe. Ihrer Meinung nach gab es zwar in der Partei rassistische und antisemitische Äußerungen, sie habe aber mit ihrer Entwicklung viel bewiesen und am wichtigsten sei, was die Partei heute sagt.
Denkansätze
Bereits in ihrem Erstling Der Mensch in der Renaissance (1967 auf Ungarisch, 1978 auf Englisch, 1988 auf Deutsch erschienen) drehte sich Hellers Denken um Leben und Freiheit als die obersten Werte. Daneben steht die Frage, wie das menschliche Naturverhältnis als gesellschaftliches und historisches zu begreifen ist.
In die Wählbarkeit der Geschichte führte sie diese Gedanken hermeneutisch weiter aus. Im Nachwort zur deutschen Ausgabe schrieb sie: „Ich war bereits in ‚Der Mensch der Renaissance‘ davon überzeugt, und bin es auch seither, dass alle großen Leistungen der Kultur aus den Bedürfnissen, Konflikten und Problemen des täglichen Lebens hervorgehen“. Entsprechend betonte sie die Bedeutung der Arbeitswelt und des Alltagslebens.
Heller entfaltete auf der Grundlage einer eingehenden marxistischen Betrachtung eine ausführliche, materialistische „Theorie der Bedürfnisse“, mit der sie beispielsweise die „Bedürfnisdiktatur“ im Ostblock mit Verweis auf Karl Marx kritisierte. Die philosophische Anthropologie hat für sie ihren Ursprung in der Renaissance, die sich durch ein „pluralistisches moralisches Wertsystem“ deutlich von früheren Zeitaltern unterscheide. Weiterhin sprach sie sich für eine auf Empathie gründende Parteinahme für Leben und Freiheit aus.
Auszeichnungen alternativtext=Ein Gebäude mit vielen Fenstern und rötlichbräunlicher Fassade ist zu sehen. Links bilden 10 Stockwerke einen Turm, rechts bilden fünf Obergeschoße ein Sockelgebäude. Ein großer Betonbogen führt ins Gebäude. Drei dunkelblaue Fahnen der Universität Innsbruck wehen im Vordergrund.|mini|Das Ágnes-Heller-Haus ist Teil der Universität Innsbruck. Es wurde zu Ehren der Philosophin 2023 nach ihr benannt. 1981: Lessing-Preis der Stadt Hamburg 1995: Hannah-Arendt-Preis der Stadt Bremen 1995: Széchenyi-Preis Ungarn 1996: Ehrendoktor der Universität La Trobe Melbourne 1997: Ehrendoktor der Universität Buenos Aires 2004: Komtur mit Stern des Verdienstordens der Republik Ungarn 2006: Sonning-Preis: höchste Kulturauszeichnung Dänemarks 2007: Ehrenmitgliedschaft der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft 2008: Ehrenbürger von Budapest 2010: Goethe-Medaille 2012: Concordia-Preis in Wien 2012: Carl-von-Ossietzky-Preis in Oldenburg 2013: Bayreuther Vorbildpreis der bayreuther dialoge dem Zukunftsforum für Ökonomie, Philosophie und Gesellschaft 2015: Ehrendoktor der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck 2015: Internationaler Willy-Brandt-Preis der SPD 2018: Manès-Sperber-Preis 2017 in Wienorf.at: Agnes Heller erhält Manes-Sperber-Preis. Artikel vom 24. Mai 2018, abgerufen am 14. Juni 2018. 2019: Internationaler Friedrich-Nietzsche-Preis der Friedrich-Nietzsche Stiftung (postum) Die Universität Innsbruck hat 2023 einen Neubau am Campus Innrain nach der Philosophin benannt.
Schriften (Auswahl) Die moralische Sendung des Philosophen. In: Frank Benseler (Hrsg.): Festschrift zum 80. Geburtstag von Georg Lukács. Verlag Hermann Luchterhand. Neuwied / Berlin 1965, S. 337–353. Der Mensch der Renaissance. [Original 1967; Englisch 1978.] Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988. Alltag und Geschichte – Zur sozialistischen Gesellschaftslehre. Luchterhand, Neuwied 1970. Theorie der Bedürfnisse bei Marx. Mit einem Vorwort von Pier Aldo Rovatti. Berlin 1976. Neuausgabe: VSA Verlag, Hamburg 2022, ISBN 978-3-96488-149-6. Zusammen mit Féher Ferenc, Márkus György, Sándor Radnóti: Die Seele und das Leben. Studien zum frühen Lukács. Aus dem Ungarischen übersetzt von Agnes Meller-Vértes und Magda Szilágyi. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977, ISBN 978-3-518-07680-4. Das Alltagsleben. Versuch einer Erklärung der individuellen Reproduktion. Herausgegeben und eingeleitet von Hans Joas. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978. Theorie der Gefühle. VSA, Hamburg 1980. Die Linke im Osten – die Linke im Westen. Ein Beitrag zur Morphologie einer problematischen Beziehung. Index e. V., Köln 1986. Ist die Moderne lebensfähig? Campus, Frankfurt am Main 1995, ISBN 978-3-593-35399-9. Biopolitik. Aus dem Englischen übersetzt von Felix Ensslin. Campus, Frankfurt am Main 1995. mini|Die Welt der Vorurteile (2014) Der Affe auf dem Fahrrad: Eine Lebensgeschichte. Bearbeitet von János Köbányai. Aus dem Ungarischen übersetzt von Christian Polzin und Irene Rübbert. Philo, Berlin/Wien 1999, ISBN 978-3-8257-0139-0. Die Auferstehung des jüdischen Jesus. Aus dem Ungarischen übersetzt von Christina Kunze. Philo, Berlin / Wien 2002, ISBN 978-3-8257-0243-4. (PDF) In Bernd Florath (Hrsg.): Wissenschaftliche Reihe des Bundesbeauftragten, Band 34. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-35045-4, S. 19–29. Nietzsche on Dreams. In: Die Neugier des Glücklichen. Hrsg. v. B.-Christoph Streckhardt. Verlag der Bauhaus-Universität, Weimar 2012, ISBN 978-3-86068-474-0. Die Welt der Vorurteile. Geschichte und Grundlagen für Menschliches und Unmenschliches. Edition Konturen, Wien / Hamburg 2014, ISBN 978-3-902968-03-6. Von der Utopie zur Dystopie: Was können wir uns wünschen? Edition Konturen, Wien 2016, ISBN 978-3-902968-20-3. Eine kurze Geschichte meiner Philosophie. Aus dem Englischen übersetzt von Georg Hauptfeld. Edition Konturen, Wien / Hamburg 2017, ISBN 978-3-902968-25-8. Was ist komisch? Kunst, Literatur, Leben und die unsterbliche Komödie. Edition Konturen, Wien / Hamburg 2018, ISBN 978-3-902968-30-2. Paradox Europa. Edition Konturen, Wien / Hamburg 2019, ISBN 978-3-902968-41-8. Vom Ende der Geschichte: Die parallele Geschichte von Tragödie und Philosophie. Edition Konturen, Wien / Hamburg 2020, ISBN 978-3-902968-54-8.
Siehe auch Sozialismuskritik
Literatur Theres Jöhl: Ágnes Heller: Paradoxe Freiheit. Eine geschichtsphilosophische Betrachtung. Athena, Oberhausen 2001 János Boros, Mihály Vajda (Hrsg.): Ethics and Heritage. Essays on the philosophy of Agnes Heller. Brambauer, Pécs 2007 Georg Hauptfeld: Der Wert des Zufalls. Ágnes Heller über ihr Leben und ihre Zeit. Edition Konturen, Wien / Hamburg 2018, ISBN 978-3-902968-34-0. Jürgen Habermas: Abschied von einer Philosophin. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. Juli 2019, S. 9 Ludger Hagedorn: Geduld mit der Wahrheit. In: Die Zeit, Nr. 31/2019; Nachruf.
Weblinks
Ágnes Heller: Eine kurze Geschichte meiner Philosophie. Interview, IWM/Wien, November 2017 Die Philosophin Ágner Heller im Gespräch über Ungarn Ágnes Heller: Hannah Arendts Denken Ágnes Heller – Jahrhundertzeugin und Kämpferin für die Freiheit (Gespräch 2017), Aufzeichnung einer Sternstunde Philosophie auf SRF Kultur „Demokratie ist instabil“. Ein Gespräch mit Ágnes Heller in: Internationale Politik 63/1 (2008), S. 114–121 in Secretum 16/2008 auf haGalil.com
Archivaufnahmen mit Ágnes Heller im Onlinearchiv der Österreichischen Mediathek
Einzelnachweise
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