mini|hochkant=1.5|Grabinschrift des Pyramus, des Kammerdieners des VitelliusRom, = .
Lucius Vitellius (* nicht später als 10 v. Chr.; † nach 51 n. Chr.) war ein römischer Konsul und Zensor. Er war als Statthalter von Syrien Koordinator der römischen Orientpolitik und einer der einflussreichsten Senatoren unter den Kaisern Caligula und Claudius, die ihn mit der außergewöhnlichen Ehre von drei Konsulaten auszeichneten. Von seinen Zeitgenossen wurde er als tüchtiger Statthalter geschätzt und als redegewandter Höfling verachtet. Sein Sohn Aulus Vitellius war im Vierkaiserjahr 69 n. Chr. römischer Kaiser.
Leben
Herkunft und Familie
Lucius Vitellius entstammte der Familie der Vitellier, die wohl aus Luceria in Apulien kam.Der Text von Sueton, Vitellius 1,3 und 2,2 enthält Nuceria, der von Tacitus, Historien 3,86 dagegen Luceria. Friedrich Ritter nennt in seinen Bemerkungen zu Tacitus in Philologus, Band 21, 1864, S. 623–624 die entsprechende Stelle bei Tacitus eine spätere Hinzufügung, vermeidet aber die Entscheidung für eine der beiden Lesarten. Sein Vater Publius ist der erste historisch fassbare Angehörige dieser Familie, für deren Herkunft der Biograph Sueton zwei Möglichkeiten anbietet: Einem Quintus Elogius zufolge seien die Vitellier Nachfahren des Gottes Faunus und einer Vitellia und in Rom als Patrizier anerkannt worden. Cassius Severus führe die Vitellier dagegen auf einen Freigelassenen zurück, der als Schuhflicker sein Geld verdient habe.Sueton, Vitellius 1,2–3; 2,1. Beide Nachrichten müssen allerdings als spekulativ gelten.
Publius Vitellius, der Vater des Lucius, arbeitete als Hausverwalter des Augustus und hatte insgesamt vier Söhne: Aulus bekleidete im Jahr 32 zusammen mit Gnaeus Domitius Ahenobarbus das Konsulat und war als Lebemann bekannt. Quintus erreichte noch unter Augustus die Quästur, wurde unter dessen Nachfolger Tiberius aber aus dem Senat ausgeschlossen.Zu Publius Vitellius und seinen Söhnen Aulus und Quintus Sueton, Vitellius 2,2. Zum Zeitpunkt der Quästur Vitellius 1,2, zum Ausschluss aus dem Senat auch Tacitus, Annalen 2,48. Der jüngere Publius hatte Germanicus auf seiner Orientreise begleitet und war im Jahre 20 im Prozess gegen den Statthalter der Provinz Syrien, Gnaeus Calpurnius Piso, der sich vor dem Ausgang das Leben nahm, entscheidend als Ankläger beteiligt.Zum Fund einer Bronzeinschrift sowie weiterer Quellen zum Prozess Werner Eck/Antonio Caballos/Fernando Fernández, Das Senatus consultum de Cn. Pisone patre, München 1996. Später wurde er Prätor. Als Anhänger des intriganten Prätorianerpräfekten Sejan wurde er nach dessen Hinrichtung verhaftet und unternahm einen Selbstmordversuch, erlag jedoch schließlich einer Krankheit.Zu Publius Sueton, Vitellius 2,3. Die Sueton-Manuskripte haben hier C. [= Gaius] Piso, in Tiberius 52,3 dagegen Cn. [= Gnaeus] Piso. Details zur Laufbahn des Publius Vitellius bei Tacitus, Annalen 1,70; 2,6; 2,74; 3,10; 3,13; 5,8.
Die größte politische Bedeutung erlangte der vierte Sohn, Lucius. Vermutlich erhielt er durch seine Verehrung der jüngeren Antonia, der Enkelin des Augustus, früh Zugang zum Kaiserhaus.Tacitus, Annalen 11,3,1. Mit seiner Ehefrau Sextilia hatte er zwei Söhne, von denen Aulus, der spätere Kaiser, zum jugendlichen Personal des alternden Tiberius auf Capri gehörte. Man warf ihm vor, die Karriere seines Vaters gefördert zu haben, indem er sich von Tiberius missbrauchen ließ.Sueton, Vitellius 3,2. Dessen senatorische Laufbahn muss dennoch eher langsam verlaufen sein, da er 34, im Jahr seines ersten Konsulats, mindestens 44 Jahre alt war und somit das traditionelle Mindestalter von 42 Jahren bereits überschritten hatte.Vgl. Werner Eck, L. Vitellius, Sp. 261 f.
Vitellius und die Parther
mini|Die römische Provinz Syria, deren Statthalter Lucius Vitellius war mini|Ungefähre Ausdehnung des Partherreiches, in dem Vitellius einen Gegenkönig einzusetzen versuchte
Das Konsulat des Jahres 34 bekleidete Vitellius zusammen mit Paullus Fabius, und zwar nicht als Suffektkonsul, sondern als ordentlicher Konsul zum Jahresbeginn, wobei er noch in dieser Funktion am 26. Juni das 20-jährige Regierungsjubiläum des Tiberius begehen konnte.Tacitus, Annalen 6,28,1; Cassius Dio 58,24,1. Inschriftlich belegt ist das ordentliche Konsulat bei = Hermann Dessau, Inscriptiones Latinae selectae, Nr. 6396. Als sich ein Jahr später parthische Adlige bei Tiberius über ihren König Artabanos II. beklagten, schickte der Kaiser Phraates als Thronanwärter nach Parthien. Phraates, der ein Sohn König Phraates’ IV. war und viele Jahre in Rom gelebt hatte, verstarb jedoch noch auf der Reise. Gleichzeitig brachte Artabanos II. nach dem Tod des römischen Vasallenkönigs Zenon einen eigenen Kandidaten auf den Thron von Armenien, was entschieden gegen die Interessen Roms im lange umkämpften Armenien verstieß. Als Reaktion entsandte Tiberius Vitellius als kaiserlichen Legaten (legatus Augusti pro praetore) und Tiridates, einen weiteren parthischen Prinzen, in der Rolle des Thronanwärters nach Syrien.Tacitus, Annalen 6,31–32; Cassius Dio 58,26,1–2. Ob Vitellius darüber hinaus ein außerordentliches Kommando über den Osten des Reiches erhielt, wie es bei Tacitus den Anschein hat, ist strittig.Tacitus schreibt in Annalen 6,32,2 cunctis, quae apud orientem parabantur, L. Vitellium praefecit, was sich als Aufsicht über Armenien verstehen lässt. Diskussion bei Theo Mayer-Maly, Vitellius, Sp. 1734.
Als Statthalter der wichtigen Grenzprovinz Syrien befehligte Vitellius vier römische Legionen, er hatte also mehr als 20.000 Soldaten unter seinem Kommando. Als er seine Truppen mobilisierte und ins Partherreich einzumarschieren drohte, zog sich Artabanos mit seiner Armee, die in Armenien gegen die Iberer unter Mithridates gekämpft hatte, ins parthische Kernland zurück. Nach diesem militärischen Fehlschlag fiel es Vitellius und seinen parthischen Verbündeten leicht, den parthischen Adel gegen seinen König aufzubringen, der schließlich sein Heil in der Flucht suchte.Tacitus, Annalen 6,36; Cassius Dio 58,26,3. Nun schien für Tiridates der Weg auf den Thron frei zu sein. Vitellius begleitete ihn mit seinen Soldaten bis zum Euphrat, wo die beiden ihre Götter durch ein Opfer günstig zu stimmen suchten. Nach einer weiteren Machtdemonstration – die römischen Truppen überquerten den Fluss auf einer Schiffsbrücke – kehrte Vitellius auf römisches Gebiet zurück.Tacitus, Annalen 6,37.
In der Zwischenzeit hatte sich ein kilikischer Stamm, der den römischen Zensus und die damit verbundenen Steuerzahlungen verweigerte, im Taurusgebirge verschanzt. Vitellius beauftragte Marcus Trebellius mit der Niederschlagung der Revolte. Trebellius marschierte mit 4000 Legionären nach Kleinasien, wo er die Aufständischen auf zwei Hügeln einschließen und zur Aufgabe zwingen konnte.Tacitus, Annalen 6,41. Tiridates erhielt währenddessen die Anerkennung des Adels und der Städte Parthiens. Feierlich zog er in die parthische Hauptstadt Seleukia-Ktesiphon ein, wo er mit dem Diadem zum König gekrönt wurde. Auch der Schatz und der Harem seines Vorgängers fielen ihm in die Hände. Einige einflussreiche Adlige hatte er allerdings nicht auf seine Seite ziehen können. Sie suchten und fanden den abgesetzten König Artabanos, der sich nach Hyrkania am Kaspischen Meer zurückgezogen hatte, und versuchten, ihn zur Rückkehr auf den Thron zu bewegen.Tacitus, Annalen 6,41–6,43.
Artabanos ließ sich nicht lange bitten. Er warb skythische Truppen an und zog mit ihnen in aller Eile nach Seleukia-Ktesiphon. Die einfache Kleidung, die er im Exil getragen hatte, behielt er zunächst an, um die Sympathie der Bevölkerung zu gewinnen. Tiridates war unschlüssig, ob er Artabanos entgegenziehen oder auf Zeit spielen sollte. Als er sich endlich für einen taktischen Rückzug entschied, lief die Mehrzahl seiner Soldaten zu seinem Gegner über, der nun erneut die Macht im Partherreich übernahm. Tiridates musste geschlagen zu Vitellius zurückkehren.Tacitus, Annalen 6,44. Im Frühsommer 37 trafen sich der römische Statthalter und der auf den Thron zurückgekehrte Artabanos schließlich auf einer Brücke über den Euphrat. Artabanos erkannte die römische Überlegenheit an und gestand den Römern die Oberhoheit über Armenien zu. So endete die Partherkrise der Jahre 35–37 doch noch mit einem römischen Erfolg, der für den Althistoriker Karl Christ „eine der erstaunlichsten außenpolitischen Leistungen des Tiberius“ (der für seine außenpolitische Untätigkeit bekannt ist) darstellt.Karl Christ, Geschichte der römischen Kaiserzeit, München 2002, S. 206 nach Sueton, Vitellius 2,4, Josephus, Jüdische Altertümer 18,4,5 und Cassius Dio 59,27,3.
Vitellius in Palästina
mini|Ein Zwischenfall am Fuß des Berges Garizim (hier ein 1900 veröffentlichtes Foto) führte zur Absetzung des Pilatus.
Vitellius hatte als Statthalter von Syrien auch die Aufsicht über Judäa inne, das aufgrund der Struktur seiner Oberschicht und des monotheistischen Glaubens der dort lebenden Juden in einem gespannten Verhältnis zu Rom stand. Judäa und die angrenzenden Gebiete waren 4 v. Chr. unter den Söhnen des Königs Herodes aufgeteilt worden. Der letzte überlebende Herodessohn, der Tetrarch Herodes Antipas, war mit Aretas IV., dem König der Nabatäer, in Streit geraten. Herodes war mit einer Tochter des Aretas verheiratet gewesen, hatte diese dann aber für seine Verwandte Herodias verlassen. Grenzstreitigkeiten führten 36 schließlich zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen den verfeindeten Fürsten, in deren Verlauf Herodes eine vernichtende Niederlage erlitt. Herodes beklagte sich brieflich bei Kaiser Tiberius, der ihm stets gewogen war. Daraufhin erhielt Vitellius vom Kaiser den Auftrag, einen Vergeltungsschlag gegen Aretas zu führen. Wegen Differenzen mit Herodes Antipas, in dessen Wiedererstarken Vitellius keinen Vorteil sah, folgte er dem kaiserlichen Befehl allerdings nur zögerlich und versuchte, die Vorbereitungen in die Länge zu ziehen.Josephus, Jüdische Altertümer 18,5,1. Rainer Metzner: Die Prominenten im Neuen Testament. Ein prosopographischer Kommentar. Göttingen 2008. S. 34.
Außerdem hatte sich Vitellius im Winter 36/37 mit einer Klage der Samaritaner zu befassen, die Pontius Pilatus, den aus dem Neuen Testament bekannten Präfekten von Judäa, des Mordes an samaritanischen Pilgern beschuldigten. Ein Mann, der behauptete, die Höhle zu kennen, in der die seit dem Babylonischen Exil verlorenen Tempelgerätschaften des Mose (darunter vor allem das Zelt der Begegnung und die Bundeslade) verborgen waren, hatte zahlreiche Samaritaner, darunter offenbar auch Bewaffnete, zum Marsch auf den Berg Garizim bewegt.Reinhold Mayer, Inken Rühle: War Jesus der Messias? Geschichte der Messiasse Israels in drei Jahrtausenden. Tübingen 1998. S. 54. Soldaten des Pilatus hatten sie aufgehalten und auf dessen Befehl hin am 15. Juli 36 ein Blutbad unter den Pilgern angerichtet.Gerd Theißen: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch. 4. Aufl., Göttingen 2011. S. 141f. Alexander Demandt: Pontius Pilatus. München 2012, S. 62 f. Vitellius schickte Pilatus nach Italien zurück, wo er sich vor dem Kaiser verantworten sollte. Mit der Verwaltung Judäas betraute er seinen Freund Marcellus.Josephus, Jüdische Altertümer 18,4,1–2. Dazu Jens Herzer, Pilatus zwischen Historie und Literatur, S. 442–444; Klaus-Stefan Krieger, Geschichtsschreibung als Apologetik bei Flavius Josephus, S. 48–59, 69–71.