Schizoanalyse ist ein kritischer Gegenentwurf zur Psychoanalyse. Die Schizoanalyse wurde von Gilles Deleuze und Félix Guattari in ihrem gemeinsam verfassten Werk Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie () (1972/1980) entwickelt.

Allgemeines Deleuze und Guattari plädierten mit ihrem Ansatz der Schizo-Analyse für eine Alternative zur Psychoanalyse von Sigmund Freud und Jacques Lacan, da diese den Schizophrenen an die Stelle des Neurotikers als Idealtypus des Unbewussten setze. Bei dieser Zuordnung von Neurose und Psychose spielt die beiden Krankheitsformen gemeinsame Konfliktspannung eine Rolle.Gilles Deleuze, Félix Guattari: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie. Bd. 1., (1972 franz. L'Anti-Œdipe. Originalausgabe: Les Éditions de Minuit, Paris.) hier: Originalausgabe 1977, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1974, Reihe: suhrkamp taschenbuch wissenschaft 224, ISBN 978-3-518-27824-6: Die unlösbare Frage nach der die Spannungen auslösenden Ursache der einander widerstreitenden Gefühle zwischen Vater und Sohn bzw. zwischen beiden Eltern und Kind gipfelt in der einleitend zum Kap. gestellten Frage: „Was war zuerst da, Henne oder Ei?“ Ebenso unlösbar erscheint eine Antwort im Sinne der Psychoanalyse, da diese „so tue“, als sei das Kind zuerst dagewesen. Der Begriff der Schizophrenie werde dabei über die klinische Bedeutung hinaus in Richtung einer allgemeinen Erzeugung von Spaltungen erweitert – welche die Schizoanalyse jedoch näher analysiert. Dies führt zu einer von Freud abweichenden Analyse des Unbewussten als einer in sich widersprüchlichen Theorie.

Das Konzept sollte auch den von Freud zum zentralen Dogma erhobenen Ödipuskomplex überwinden. So sei die ödipale Phase nicht nur eine Phase familiärer Sozialisation, sondern auch der Vergesellschaftung durch Erzeugung materialistischer Wünsche, die von der Gesellschaft produziert würden. Dies laufe auf eine kapitalistische Repression des Individuums hinaus. Andererseits wird kritisch hinterfragt, ob bei der Deutung von einzelfallbezogenen Fallgeschichten nicht familiaristische Prinzipien angewendet werden. Dies geschehe etwa mit Hilfe von Begriffen wie dem des Ödipuskomplexes. Die geschichtliche und gesellschaftliche Eigenart und Eigenständigkeit der Tragödie und des Theaters bleiben dabei unberücksichtigt. Im einzelnen Falle nachzuweisen bliebe dies bei der Traumdeutung, bei der dabei von Freud als wesentlich befundenen Traumarbeit und dem hier speziell zu beobachtenden Mechanismus der Kompression.

Die Praxis der Schizoanalyse oblag weniger dem Philosophen Deleuze als dem Psychiater Guattari. Gemeinsam mit Jean OuryJean Oury: Création et schizophrénie. 1989, ISBN 2-7186-0354-2. machte sich dieser daran, die herkömmliche Psychiatrie zu revolutionieren: „Im Geist der 68er entstanden die ersten Modelle von Patientenkollektiven: Patienten erhielten die Möglichkeit zur Mitsprache, beziehungsstiftende Orte wie die Küche wurden geschaffen, wo beim gemeinsamen Zubereiten von Mahlzeiten zwischen Patienten, Ärzten und Anstaltspersonal neue Rollen ausprobiert und Perspektiven gewechselt wurden.“Über Félix Guattari (abgerufen am 21. Oktober 2022).

Im Jahr 1973 distanzierten sich Deleuze und Guattari selbst vom Begriff der Schizoanalyse, auch angesichts der revolutionären Rolle, die Deleuze und Guattari der schizophrenen Person zugeschrieben hätten. Deleuze und Guattari heben hervor, dass Wörter nur Substitute für das Unendliche seien, und dass der Anti-Ödipus nur ein Schritt hin zu einer radikalen Kritik des Kapitalismus sei.

Philosophie Deleuze und Guattari entwickeln eine pantheistische und vitalistische Philosophie, in der Personen, Psychen und Substanzen nur prekäre Bedeutung erlangen, weil sie letztlich mehr oder weniger zufällige Versammlungen (assemblages) mikroskopischer Kräfte darstellen. Alle hierarchischen Synthesen aus diesen molekularen psychophysischen Elementen werden molar genannt: Es handelt sich um vergängliche makroskopische Gebilde wie Personen, Gesellschaften und Staaten.

Diese antisubstanzialistische Haltung geht auf Deleuze’ Aneignung von Spinoza zurück, die molekular-molare Dynamik dagegen auf Leibniz und nicht zuletzt seine Differential-Integralrechnung, die in die Nähe zu schizophrenen Spaltungen einerseits und paranoischem Delirieren andererseits gerückt wird. Deleuze spricht von einem psychomathematischen Infinitesimalkalkül bei Leibniz:

Leibnizianischer Terminologie entspricht auch die in Abgrenzung zur monadischen Lebensform des Neurotikers erstellte Forderung nach einer nomadisierenden Lebensweise des Schizos.

Wie der Untertitel Kapitalismus und Schizophrenie nahelegt, wollen Deleuze und Guattari eine transzendentale Begründung der Schizophrenie oder die Bedingung ihrer Möglichkeit liefern, haben sich insofern mehr vorgenommen als Kant, der sich auf die Vernunft und den (gesunden) Menschenverstand, also auf einen Spezialfall konzentriert. Schizos produzieren mehrere Ichs oder „transzendentale Apperzeptionen“ wie der späte Hölderlin oder auch Nietzsche.

Ein Haupteffekt dieser Deutung ist die pantheistische Auflösung des cartesianischen Subjektes sowie des bewussten und unbewussten Subjektes von Sigmund Freud und Jacques Lacan. Letzteren wird ödipale Verengung auf das molare Dreieck Papa, Mama und Kind vorgeworfen – verständlich besonders angesichts der seit den späten 1960ern praktizierten sexuellen wie ökonomischen Wohngemeinschaften (siehe auch Kommunarde und Hippie). Die postulierte Schizoanalyse soll die kreative Befreiung bringen, indem sie sich gegen autoritäre molare Strukturen wie Rasse, Gattung, Art, Geschlecht, den auf Kastrationsängsten basierten Urstaat und dessen kapitalistische Nachfolger wendet.

Universalgeschichte Deleuze und Guattari präsentieren in Tausend Plateaus eine „nicht evolutionistische“ marxistische Geschichtsphilosophie.Tausend Tableaus. S. 587 ff. Sie verwerfen die im Historischen Materialismus wirkende Hegel’sche Dialektik mit ihrer Unilinearität und Notwendigkeit des Geschichtsablaufes unter Berufung auf Louis Althussers aleatorischen Materialismus.Louis Althusser, Materialismus der Begegnung (Subjektile), 2010, ISBN 978-3-03734-112-4.

„Wir bestimmen Gesellschaftsformationen durch maschinelle Prozesse und nicht durch Produktionsweisen, (die im Gegenteil von Prozessen abhängig sind).“Tausend Plateaus. S. 603 Mit Maschinen ist im Unterschied zu technischen Maschinen das Zusammenspiel ungeformter Kräfte gemeint, die sich beispielsweise noch nicht geformt durch Kantische Kategorien und raumzeitliche Aprioris entfalten.

Schon im Anti-Ödipus hatten sie drei Geschichtsmechanismen dargestellt:

Bei den primitiven kommunistischen Gesellschaften finde eine („perverse“) Codierung der Welt statt. Pervers, weil ein grausames System von Abstammungs- und Heiratslinien den unmittelbaren Genuss der erotischen und ökonomischen Früchte der Erde verhindert.

Bei den Staaten bildenden („barbarischen“) Despotien wirke eine zentrale Übercodierung durch eine „transzendente“ Instanz, den Signifikanten oder Despoten. Der Signifikant im Lacanschen Sinne umfasst auch Personifikationen. Natürlich wollen D&G als in der Wolle gefärbte Immanentisten am allerwenigsten behaupten, es handle sich bei Herrschern oder Göttern um echte transzendente Instanzen.

In der kapitalistischen Phase werden die Codierungen, bzw. die Übercodierung der wilden und der barbarischen Gesellschaften durch eine rein immanente AxiomatisierungTausend Plateaus. S. 630 ff. ersetzt. Codierungen regeln erwünschte und unerwünschte qualitative Vollzüge. Axiome liegen einer rein quantitativen, also wertfreien Regulation der Wunschproduktion zugrunde.

In Tausend Plateaus wird gestützt auf Althussers Das Kapital lesen eine unorthodoxe marxistische Geschichtsinterpretation dargelegt, die Hegels Finalität durch Spinozas radikale Anti-Teleologie ersetzt. Hegel enthalte noch zu viel magisches Denken (List der Vernunft), wohingegen Spinoza einen weit radikaleren Materialismus vertrete.Eugen Holland: Spinoza and Marx. Format copyright © 1998 by Cultural Logic, , Volume 2, Number 1, Fall 1998. Die primitiven Gesellschaften antizipieren in gewisser Weise den Urstaat* durch Absetzungs- und Vermeidungsstrategien. Ihr Tauschhandel basiere bereits auf der Abschätzung des Grenznutzens der einzutauschenden Güter. Sie seien gemäß Pierre Clastres „gegenstaatliche“ Gesellschaften mit Mechanismen, die beispielsweise dafür sorgen, dass die Häuptlinge nicht zu mächtig werden und dadurch die Staatsform verhindern.Tausend Plateaus. S. 595

Die Erfindung und Entstehung des despotischen Urstaats* könne, entgegen der Wahrnehmung der Ethnologen, archäologisch nach Vere Gordon Childe ins Neolithikum, wenn nicht gar Paläolithikum datiert werden. Der Urstaat* komme mit einem Schlag zustande und verfüge so von Beginn an über einen Vereinnahmungsapparat mit einem Warenlager, einem Surplus und dem Recht auf Einforderung von Mehrarbeit und Steuern. Der Despotismus begründe diesen Vereinnahmungsapparat mit einer unendlichen Schuld der Untertanen. Dies gipfelt in der Feststellung, dass der Mehrwert (Surplus) nicht durch die Produktion zustande komme, sondern der Mehrwert die Produktion ermögliche. Das Geld entwickle sich nicht durch den Tauschhandel, sondern als Folge der despotischen Vereinnahmung durch (Gold)-Tribute als Tributgeld. Entgegen der Auffassung vieler Marxisten, setze nicht der Staat eine bestimmte Produktionsweise wie die Asiatische Produktionsweise voraus, sondern der Staat mache die Produktion zu einem Modus.Tausend Plateaus. S. 594 ff.

Der Kapitalismus hingegen decodiere alle primitiven und despotischen Wertsetzungen. Seine Erfindung und Entstehung sei auf einen Schlag durch die Konjunktion von abstrakter Arbeit und abstraktem Kapital erfolgt. Danach ordnet sich die vormals transzendente imperiale Staatsform dem Vereinnahmungsapparat des Kapitals unter. Die Staaten geraten zu speziellen Verwirklichungsmodellen einer globalen Axiomatisierung: dem sozialistischen Modell, dem liberalen, dem diktatorischen etc.

Die Entstehung in Europa sei vollkommen kontingent erfolgt. Freigelassene Sklaven und Plebejer im nördlichen Mittelmeerraum hätten sich kapitalistischer Schlupflöcher im despotischen Netz bedienen können. Dies gelang nicht in China oder in Mittelamerika etc., wo ähnliche Voraussetzungen existierten. Die Japanische Produktionsweise hat relativ früh kapitalistische Modifikationen durch den Handel mit Europa entfaltet.Diestelrath, Günther: Die japanische Produktionsweise. Z. wiss. Genese e. stereotypen Sicht der jap. Wirtschaft. 1996Alfons Dufey: Gab es eine kapitalistische Gesinnung in der Edo-Zeit? In: Informationssystem und kulturelles Leben in den Städten der Edo-Zeit. Hg. von Shiro Kohsaka, Johannes Laube. Wiesbaden 2000, S. 185 ff.

Geschlechterrollen Dekonstruiert wurde das klassische sexuelle Mann-Frau-Schema: Für Deleuze agieren mehrere Geschlechter, beispielsweise männliche und weibliche Lesben: Butch und Femme. Dasselbe gilt für Schwule. So ergeben sich mindestens sechs Geschlechter, theoretisch aber unendlich viele. Antiödipus, ISBN 3-518-27824-X. S. 381

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