mini|hochkant=0.85|Étienne Davignon (2024)

Étienne Graf Davignon (* 4. Oktober 1932 in Budapest, Ungarn; † 18. Mai 2026) war ein belgischer Diplomat, Politiker (PSC) und Geschäftsmann. Er war von 1977 bis 1985 Mitglied der Europäischen Kommission. Bekannt wurde er bereits zuvor durch den Davignon-Bericht, der 1970 die Einrichtung der Europäischen Politischen Zusammenarbeit vorschlug. Nach seinem Wechsel von der Politik in die Wirtschaft war er von 1988 bis 2001 Präsident des Verwaltungsrats der Société générale de Belgique. Von 1999 bis 2011 war er Vorsitzender des Lenkungsausschusses der Bilderberg-Konferenz.

Leben Davignon stammte aus einer aristokratischen Diplomatenfamilie. Sein Vater Jacques Davignon war nacheinander belgischer Gesandter in Ungarn, Polen und NS-Deutschland; seine Mutter Jacqueline de Liedekerke war eine Hofdame der belgischen Königin Elisabeth. Der Großvater Julien Davignon war Politiker der Katholischen Partei, von 1907 bis 1916 Außenminister seines Landes und wurde als Vicomte in den erblichen Adelsstand erhoben. Diesen Titel trug somit auch Étienne Davignon ab Geburt. Er selbst studierte an der katholischen Faculté universitaire Saint-Louis in Brüssel und der Katholischen Universität Löwen Jura, Philosophie sowie Wirtschaftswissenschaft. In Löwen wurde er zum Doktor des Rechts promoviert. Anschließend trat er 1959 in den diplomatischen Dienst Belgiens ein.

Während des Übergangs in die Unabhängigkeit der Demokratischen Republik Kongo von der belgischen Kolonialmacht 1960 entsandte das Brüsseler Außenministerium den jungen Mann zunächst als Praktikanten („stagiaire“) in die Region. Davignon sollte in der Hauptstadt Léopoldville (das heutige Kinshasa) den Präsidenten der DR Kongo, Joseph Kasavubu, zur Entlassung des Premierministers Patrice Lumumba überreden. Nach einem erfolgreichen Putsch gegen Lumumba im September 1960 blieb Davignon in die postkoloniale Operation Belgiens gegen die demokratischen Kräfte im Kongo eingebunden. Später wurde ihm eine Beteiligung an der Entführung und Ermordung Lumumbas im Januar 1961 vorgeworfen.

Nach seiner Rückkehr nach Belgien wurde Davignon 1961 Attaché im Büro des belgischen Außenministers Paul-Henri Spaak (PSB). 1964 wurde er dessen Kabinettschef (Leiter des Ministerbüros). Diese Funktion behielt er auch während der Amtszeit des belgischen Außenministers und späteren Regierungschefs Pierre Harmel (PSC). Er war 1967 an der Abfassung des Harmel-Berichts zur Zukunft der NATO beteiligt, der die Entspannungspolitik zwischen den Militärblöcken einleitete. Im Jahr 1969 stieg er zum Generaldirektor für politische Angelegenheiten im belgischen Außenministerium auf, diesen Posten behielt er bis 1976.

Als Ausschussvorsitzender der politischen Direktoren der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) legte er 1970 den „Davignon-Bericht“ zur Weiterentwicklung und politischen Einigung der Europäischen Gemeinschaften vor, in dem er einen Informations- und Konsultationsmechanismus auf dem Gebiet der Außenpolitik der damals noch sechs Mitgliedsstaaten vorschlug. 1973 spielte er für sein Land bei der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in Helsinki eine wichtige Rolle. Zu Beginn der ersten Ölkrise wurde er 1974 zum ersten Präsidenten der Internationalen Energieagentur berufen. Dieses Amt bekleidete er bis 1977.

Von 1977 bis 1985 war der Christdemokrat Davignon Mitglied der Europäischen Kommission. Zunächst war er in der Kommission Jenkins zuständig für Binnenmarkt, Zollunion und industrielle Angelegenheiten. In der Kommission Thorn (1981 bis 1985) war er einer der Vizepräsidenten, zuständig für Industrie, Energie, Forschung und Wissenschaft. In dieser Eigenschaft war Davignon maßgeblich für die Schritte der Montanunion zur Beilegung der Stahlkrise zuständig.

Nach dem Ende seiner politischen Karriere 1989 trat Davignon in den Verwaltungsrat der Société Générale de Belgique (SGB) ein, präsidierte am Runden Tisch europäischer Industrieller (ERT) und saß der Union Minière vor, einem in der Kolonialzeit gegründeten belgischen Bergbauunternehmen im Besitz der SGB, das in der damaligen Provinz der Demokratischen Republik Kongo Katanga tätig war. Davignon war Vizepräsident des Hotelbetreibers Accor und beim mit der SGB verbundenen Energieversorger Tractebel, fungierte als Vizepräsident des Luxemburger Stahlproduzenten Arbed und der Fortis Bank Belgium. Er war Aufsichtsratsmitglied beim Bergbauunternehmen Anglo American, Fiat, beim französisch-belgischen Versorger Suez, der mit der belgischen Bank SGB fusionierte, dem deutschen Chemiekonzern BASF, dem belgischen Chemieunternehmen Solvay, beim Pharmazie- und Biotechnologieunternehmen Gilead Sciences, dem britischen Chemiekonzern Imperial Chemical Industries, Pechiney, den Schaumstoffproduzenten Foamex und Recticel, der Beratungsgesellschaft Kissinger Associates, der Investmentgesellschaft Sofina und der Compagnie Maritime Belge (CMB). Nach dem Bankrott des belgischen Luftfahrtunternehmens Sabena Ende 2001 setzte sich Davignon erfolgreich für die Gründung der Nachfolgegesellschaft SN Brussels Airlines ein.

Seit 1991 war Davignon Präsident der Association pour l’union monétaire en Europe, Vorsitzender der Stiftung Fondation Paul Henri Spaak und Präsident des Royal Institute for International Relations sowie Präsident der Brüsseler Denkfabriken Friends of Europe (FoE) (Les amis de l’Europe) und des Egmont-Instituts.

Seit 1974 nahm Davignon an den jährlichen Treffen der Bilderberg-Konferenz teil, deren Lenkungsausschuss er von 1999 bis 2011 vorstand.Bilderberg-Club / Lenkungsausschuss Er war Mitglied der Trilateralen Kommission und der Ditchley Foundation. 2004 erhielt er den Ehrentitel eines Staatsministers, der ihm einen Sitz im belgischen Kronrat sicherte. 2010 wurde er zum Mitglied der Académie royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgique gewählt. König Philippe erhob Davignon und alle seine Nachkommen 2018 vom Vicomten- in den Grafenstand.Bertrand Maus de Rolley, Charles-Adrien de Mérode, Jean-Charles de Troostembergh: État présent de la noblesse belge, Band 4: Annuaire de 2020 – Cor – Doo ASBL, Brüssel 2020, S. 172.

2012 wirkte Davignon als Zeitzeuge in dem Dokumentarfilm The Brussels Business – Wer steuert die Europäische Union? mit. Seine Aussagen basierten auf seinen Erfahrungen als Kommissar für Unternehmen und Industrie von 1977 bis 1985 und als Mitglied des European Round Table von 1986 bis 2001.

Im Zusammenhang mit der Ermordung des Premierministers der Demokratischen Republik Kongo, Patrice Lumumba, warf ihm die belgische Staatsanwaltschaft 2025 die Mithilfe bei der rechtswidrigen Inhaftierung und Verschleppung des Premierministers vor. Außerdem sei er mitschuldig gewesen, dass Lumumba ein ordentliches Gerichtsverfahren verwehrt und er erniedrigend und entwürdigend behandelt wurde. Die Beschuldigungen wurden als Kriegsverbrechen geführt. Im März 2026 entschied die Ratskammer des erstinstanzlichen Gerichts, dass ein Prozess gegen Davignon eröffnet werden sollte. Der Angeklagte bestritt eine Mitschuld an der Ermordung Lumumbas. Aufgrund seines Todes konnte das Hauptverfahren gegen ihn nicht mehr eröffnet werden.Der belgische Diplomat, der mutmasslich an der Ermordung des kongolesischen Nationalhelden Patrice Lumumba beteiligt war, ist tot, NZZ, 18. Mai 206.

Er starb am 18. Mai 2026 im Alter von 93 Jahren.

Ehrungen und Auszeichnungen 2000 Hans-Böckler-Preis.

Literatur

Étienne Davignon: Mijn drie levens. Herinneringen opgetekend door Maroun Labaki. Lannoo, Tielt 2019, ISBN 978-94-014-6123-8. Michael Nollert: Unternehmensverflechtungen in Westeuropa. Nationale und transnationale Netzwerke von Unternehmen, Aufsichtsräten und Managern. Lit, Münster 2005.

Weblinks

Interview mit Étienne Davignon, Dezember 2007 Januar 2008, CVCE Kurzbiographie von Étienne Davignon Interviews INT133 und INT614 mit Étienne Davignon am Historischen Archiv der Europäischen Union in Florenz

Einzelnachweise

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