mini|Hans-Joachim Niemann, 2020, 79 Jahre alt Hans-Joachim Niemann (* 26. April 1941 in Kiel) ist ein deutscher Philosoph und promovierter Chemiker,Titel seiner Doktorthese: Zur kinetischen Analyse spektral-photometrisch verfolgter Photoreaktionen – Methodik und Anwendung der formalen Integration, Universität Tübingen 1972. der insbesondere als Übersetzer und Herausgeber von Werken Karl Poppers bekannt geworden ist, darunter viele Erst-Herausgaben und Erst-Übersetzungen. Als wissenschaftlicher Schriftsteller veröffentlichte er zunächst naturwissenschaftliche Arbeiten, danach viele Aufsätze und mehrere Bücher zur Philosophie Karl Poppers und zum Kritischen Rationalismus, darunter ein 400-seitiges Lexikon des Kritischen Rationalismus.Niemann (2004), mit ca. 1000 Stichwörtern. Seine Popperstudien etablierten Karl Popper als bedeutenden Ethiker und als wichtigen Biophilosophen.

Leben Niemann studierte von 1962 bis 1964 an den Universitäten Kiel, München und Marburg Philosophie und Physik. 1965 begann er an der Universität Tübingen das Studium der Chemie, das er, spezialisiert auf Physikalische Chemie, 1970 als Diplom-Chemiker und 1972 mit dem Dr. rer. nat. abschloss. Danach forschte und publizierte er über lichtinduzierte chemische Reaktionen.Niemann bei ORCID und Niemann bei ResearchGate, dort jeweils die Jahre 1970–1974. Auf Grund der dabei erworbenen Kenntnisse wurde er bei der Kraftwerk Union, einem gemeinsamen Tochterunternehmen von Siemens und AEG, Referatsleiter für die Uran-Anreicherung mit Hilfe von Laserlicht (Uran-Laserisotopentrennung). Als Erfinder und Miterfinder wurden ihm zirka dreißig inländische und ausländische Patente erteilt.Niemann bei ORCID und Niemann bei ResearchGate, siehe die Jahre 1974–1985.

1984 wechselte Niemann von Technik und Naturwissenschaft zur Philosophie. Seit 1991, inzwischen im sechsten Lebensjahrzehnt, veröffentlichte er fünf Bücher und mehr als hundert Aufsätze über Kritischen Rationalismus und übersetzte Bücher und Schriften Karl Poppers ins Deutsche.Publikationslisten im ORCID-Verzeichnis und im ResearchGate, siehe die Jahre 1991 und später.

Vorangegangen war dem ein Studium (1984–1990, teils privat, teils an der Universität Erlangen), der Analytischen Philosophie und des Kritischen Rationalismus. Danach wurde Niemann Lehrbeauftragter an der Universität Bamberg (1993–1999), wo er den Wiener Kreis, Kritischen Rationalismus (Karl Popper, Hans Albert) und Poppers Kritiker (Thomas Kuhn, Paul Feyerabend, Imre Lakatos) unterrichtete, sowie die Ethik von Bertrand Russell, John Leslie Mackie und Hans Jonas. Während des Sommersemesters 1994 hielt er eine Gastvorlesung über Rationales Entscheiden an der Universität Passau.

Bei einem Besuch in Kenley/UK lernte Niemann im Februar 1994 Karl Popper persönlich kennen, ein halbes Jahr vor dessen Tod. Sein Briefwechsel mit ihm (1991–1994) ist im Karl-Popper-Archiv dokumentiert und im ResearchGate zugänglich.Deutsche Teile ins Englische übersetzt downloadbar im ResearchGate. Popper beurteilte seine Arbeiten freundlich. Über sein Buchmanuskript Vernunft als Wille zur Problemlösung (1992)1993 unter dem neuen Titel Die Strategie der Vernunft bei Vieweg, Braunschweig-Wiesbaden, erschienen. schrieb Popper: „Es scheint mir ausgezeichnet zu sein; und ich möchte Ihnen von Herzen dazu gratulieren… fundamental scheint mir alles, was Sie zu sagen haben, ausgezeichnet zu sein – den Nagel auf den Kopf zu treffen – und nicht zufällig! (Auch ist alles sehr originell.)“Karl Popper-Archiv, Box 554, Folder 3, Blatt 16 vom 14. 4. 1992; auch im ResearchGate downloadbar, siehe oben. Popper lobte auch Niemanns einfache und unprätentiöse Schreibweise.„Ich habe Ihr Buch [Die Strategie der Vernunft (1993)] heute gefunden – unter Bergen von Briefen, Dissertationen, zugeschickten Büchern. Ich habe es etwa 2 Stunden angeschaut, und es ist mir wegen seines einfachen und unprätentiösen Stils sehr sympathisch. Das ist selten in deutschen Büchern – sogar in solchen, die für den kritischen Rationalismus eintreten.“ Karl Popper in: Karl Popper-Archiv der Universitätsbibliothek Klagenfurt, Box 554, Folder 3, Blatt 8 vom 14. April 1992.

Der Popperbiograph Friedel WeinertFriedel Weinert (University of Bradford, UK), Emeritus, ist Philosoph, Soziologe und Physiker. zählt Niemann neben David Miller, Jeremy Shearmur und Hans Albert zu den wenigen, die den Kritischen Rationalismus derzeit noch weiterführen.„Critical Rationalism may have lost its influence amongst professional philosophers. But David Miller, Jeremy Shearmur, Hans Albert and Hans-Joachim Niemann keep the flame alive“, F. Weinert in: Karl Popper. Professional Philosopher and Public Intellectual, Springer 2023, S. 221. Reinhard Neck Emeritus an der Universität Klagenfurt nennt Niemann einen „der aktivsten Schriftsteller und Forscher im Bereich des Kritischen Rationalismus“.Reinhard Neck in seiner Einführung zu einem H.-J. Niemann, Gastvortrag am 20. Nov. 2019 in der Universitätsbibliothek, Universität Klagenfurt. In der Zeitschrift Information Philosophie wird Niemann als „einer der besten Kenner des Werkes von Hans Albert“ bezeichnet.Einführungen: Systematik, auf information-philosophie.de.

Niemann ist Mitbegründer der Gesellschaft für kritische Philosophie NürnbergJubiläumsfeier 15 Jahre GKP, auf gkpn.de/ueber_uns.htm, abgerufen am 11. Februar 2023. und Mitherausgeber der philosophischen Zeitschrift Aufklärung und Kritik. Er lebt in Poxdorf bei Erlangen.

Interviews Erlanger Tagblatt, Samstag, 23. 8. 2008, Erlanger Teil, Seite 5, (Univ.-Bibliothek Erlangen: H05/Film.Z 120). Giuseppe Franco, Erkenntnis, Ethik und Alltagsdenken. Ein Gespräch mit Hans-Joachim Niemann über den Kritischen Rationalismus, Teil 1: Aufklärung und Kritik 1 (2009), S. 152–170. Teil 2: Aufklärung und Kritik 2 (2009), S. 107–123. Beide Teile in: G. Franco (Hrsg.), Dem Anderen Recht geben, Klagenfurt/Wien: kitab 2010, S. 110–165.

Forschung Popper-Forschung Popper als bedeutender Ethiker Karl Popper hat kein Buch über Ethik geschrieben. Niemann wies anhand von Archivmaterial und vielen in Poppers Schriften verstreuten Aufsätzen nach, dass dieser, entgegen seinem Ruf,„Nach Lage der Dinge gibt es keinen Grund anzunehmen, dass eine rationale Ethik möglich ist“, schrieb einer der besten Popper-Gelehrten, Herbert Keuth in seinem Aufsatz Ist eine rationale Ethik möglich?, Logos, N. F. 1 (3) 1994, S. 288–305, das Zitat S. 300. Diese auf Jürgen Habermas zurückgehende, weitverbreitete Ansicht wird diskutiert in H.-J. Niemann, Gibt es eine rationale Ethik oder gibt es sie nicht?, Niemann (2008), S. 203–225, über Habermas S. 216. ein bedeutender ethischer Theoretiker war, der drei große ethische Konzepte vertrat: (1) den Negativen Utilitarismus, d. h. konkretes Leid vermeiden statt nach undefinierbarem Glück zu streben. (2) Die epistemologische Ethik, d. h. zuerst die mit jedem ethischen Problem verbundenen Sachprobleme lösen, um Diskussionen um Werte möglichst zu vermeiden. Und (3) die problemorientierte Ethik, d. h. Werte, moralische Gesetze und Handlungsprinzipien als objektive Problemlösungsversuche behandeln.H.-J. Niemann, Karl Poppers drei theoretische Ethiken. In Franco (2019), S. 553–573. DOI:10.1007/978-3-658-16242-9_39-1. Überarbeitete englische Version als Preprint.

Niemann hat auch Poppers Moralphilosophie aus vielen verstreuten Beiträgen zusammengefasst und kommentiert. Er zählt Popper zu den großen Moralphilosophen.Niemann über Poppers praktische Moral und über Poppers Moral und Ethik, auch als YouTube-Video.

Popper als wichtiger Biophilosoph In den Jahren 2012 bis 2022 arbeitete Niemann eine andere wenig bekannte Seite Poppers heraus: Karl Popper als ein bedeutender Biophilosoph. Er belegt das in seinem Buch Karl Popper and the Two New Secrets of Life (Niemann (2014)) und in vielen Abhandlungen, in denen er auf Poppers biologische Arbeiten hinweist und sie kommentiert.Niemann zu Poppers Biophilosophie:(I) Geist als ein Kraftfeld, in: Aufklärung und Kritik 4 (2012), S. 13–22.(II) Chronologie eines lebenslangen Interesses, in Popper (2012), Nachwort des Herausgebers, Abschnitte 25–41.(III) Alle Lebewesen steuern ihre eigene Evolution, in: Aufklärung und Kritik 1 (2013), S. 21–39.(IV) Karl Popper, die Mühle bei Hunstanton und die Anfänge der Molekularbiologie, in: Aufklärung und Kritik 2 (2013), S. 7–34.(V) Karl Popper und der biologische Ursprung von Aktivität, Wissen und Freiheit, in: Aufklärung und Kritik 1 (2014), S. 7–22.(VI) Nachwort des Herausgebers in Popper (2015), S. 445–477, insbes. die Abschnitte 1–2, 4–5, 12, 15, 18.(VII) Alles Leben ist Wissen und Wollen. Karl Poppers Evolutionsbiologie; in: R. Neck (Hrsg.), Evolution – Natur, Mensch, Gesellschaft, Peter Lang 2016, S. 239–261.(VIII) Niemann (2017), insbes. die Abschnitte 2.2 bis 2.4 und 3.(IX) Popper, Darwin und die Biologie, in: Franco (2019), S. 359–380. – Englisch und gegenüber (IX) verbessert in:(X) Popper, Darwin, and Biology, in: Zuzana Parusniková, David Merrit (eds.), Karl Popper: His Science and his Philosophy, Springer 2021, S. 231–256.(XI) Offene Forschungsprogramme, Nachwort des Herausgebers in: Popper (2022), S. 617–653, insbes. die Abschnitte 2.1, 2.3, 3.; sowie in Popper (2014). In diesen Studien stützt sich Niemann nicht nur auf Poppers bis dahin bekanntes Werk, sondern auch auf sieben, von ihm übersetzte und herausgegebene deutsche Erstveröffentlichungen(I) Karl Popper: Die Beziehung zwischen Bewusstsein und Gehirn (mit B. I. B. Lindahl und P. Århem), in: Aufklärung und Kritik 4 (2010), S. 9–21.(II) Das Geist-Gehirn-Problem, in: Aufklärung und Kritik 4 (2012), S. 7–12.(III) Eine Neuinterpretation des Darwinismus. Die erste Medawar Lecture 1986, in: Aufklärung und Kritik 1 (2013), S. 7–20.(IV) Die Natürliche Selektion und die Emergenz des Geistes, in: Aufklärung und Kritik 4 (2019), S. 7–25.(V) Der Platz des Geistes in der Natur, in Popper (2022), Anhang 5.(VI) Evolutionäre Erkenntnistheorie, in Popper (2022), Anhang 6.(VII) Eine Weiterentwicklung des Darwinismus, in Popper (2022), Anhang 7. sowie auf neues Archivmaterial, aus dem er vier, die Biologie betreffende englische Erstveröffentlichungen herausgab.Popper (2014).Appendix A: K. Popper, A New Interpretation of Darwinism. The First Medawar Lecture (1986).Appendix B: K. Popper, Lamarckism and DNA (1973).Appendix C: K. Popper, A World without Natural Selection but with Problem Solving.Appendix D: K. Popper, Letter to a Friend (1989).

Erstherausgabe von Poppers Medawar Lecture Niemanns Arbeiten fanden Resonanz, auch unter Biologen,Frantisek Baluska, Sir Patrick Bateson, Keith Baverstock, M. Polo Camacho, Eva Jablonka, Kalevi Kull, Marion Lamb, Natalie Gontier, Peter Marsch, Denis Noble, Raymond Noble, Pippa J. Madgwick und andere. besonders das oben genannte, 2014 erschienene Buch, in dem Poppers lange verschlossen gehaltene „Erste Medawar Lecture 1986“ abdruckt ist, die er unter dem Titel A New Interpretation of Darwinism in Anwesenheit mehrerer NobelpreisträgerPeter Medawar, Peter D. Mitchell, Max Perutz, George Porter. vor der Royal Society London gehalten hatte. Sie hatte damals großes Aufsehen erregt, auch deshalb, weil einer der Nobelpreisträger, Max Perutz, nach der Vorlesung in einen Streit mit Popper darüber geriet, ob biochemische und biologische Vorgänge rein chemisch-physikalisch erklärt werden können oder nicht.Ein Bericht darüber: Max Perutz, A new view of Darwinism, New Scientist 2 (1986), S. 36–38, und in: Niemann (2014), Abschnitt 13: The clash with Nobel Prize Winner Max Perutz.