mini|Michael Evenari Michael Evenari (, übersetzt: Stein des Löwen; * 9. Oktober 1904 in Metz, Deutsches Reich als Walter Schwarz; † 15. April 1989 in Jerusalem)Otto L. Lange: Michael Evenari alias Walter Schwarz 1904-1989 war ein israelischer Botaniker deutscher Abstammung. Er trug entscheidend zum Verständnis der Wüstenökologie bei und leistete mit seiner Arbeit zur Rekonstruktion und dem Wiederaufbau der Sturzwasserfarmen in der Wüste Negev einen wesentlichen Beitrag für die moderne israelische Wüstenlandwirtschaft. Sein offizielles botanisches Autorenkürzel lautet „“.
Kindheit und Ausbildung Schwarz wurde 1904 als jüngstes von vier Geschwistern geboren. Seine Eltern waren der wohlhabende Kaufhausbesitzer Hermann Schwarz (* 14. Juli 1861 in Obergartzem; † 10. Januar 1936 in Frankfurt am Main) und dessen Ehefrau Karoline, geborene Löwenstein (* 16. Dezember 1869 in Feudingen; † 25. Juni 1955 in Jerusalem).Weitere Details über die Familie Hermann: Familie Hermann & Karoline Schwarz Er besuchte zunächst ein humanistisches Gymnasium in Metz, musste das aber 1917 verlassen, weil ihm infolge eines Schülerstreichs ein Schulverweis drohte.
Schwarz übersiedelte nach Berlin, wo seine seit dem gleichen Jahr mit dem Schriftsteller Gerson Stern verheiratete Schwester Erna (* 22. Juli 1894 in Metz; † 23. August 1967 in Brixen) lebte. Schwarz bezeichnete diesen Ortswechsel als sein „großes Glück, denn meine Berliner Zeit wurde zum kritischen Wendepunkt meines ganzen zukünftigen Lebens“.Und die Wüste trage Frucht, S. 18 Grund hierfür waren Geschenke von Gerson Stern: Das Buch Die Welt der Pflanze von R.H. Francé, ein Kindermikroskop und das Buch Die Lebensgeheimnisse der Pflanze von Adolf Wagner. Vor allem Wagners Buch animierte den jungen Walter zu ersten Experimenten, die wiederum dazu führten, sich früh auf ein Lebensziel festzulegen: „Botaniker zu werden. Ich fühlte mich dazu im wahrsten Sinn des Wortes ›berufen‹ und nannte mich selber heimlich ›discipulus scientiae amabilis‹. Rückblickend weiß ich, daß sich zu dieser Zeit auch schon meine Einstellung zur belebten Natur formte.“Und die Wüste trage Frucht, S. 20
Schwarz besuchte in Berlin die Schule bis zur Versetzung in die Untersekunda. An Ostern 1919 zog er dann mit Erna und Gerson Stern nach Feudingen zu Verwandten im Geburtshaus seiner Mutter. Wenig später erfolgte der Umzug nach Buchenau in der Nähe von Marburg, wo er sich eigenen Angaben zufolge sehr wohl gefühlt hatte und seine botanischen Neigungen in der dörflichen Umgebung verfolgen konnte. Unterrichtet wurde er privat, doch musste er dazu jeden Tag nach Marburg fahren. Als das auf Dauer zu mühsam wurde, wurde er in Marburg als Pensionsgast einquartiert. Der dortige botanische Garten entwickelte sich zu einem großen Anziehungspunkt für ihn, den er häufig besuchte.Und die Wüste trage Frucht, S. 21–22
Die Eltern von Walter Schwarz hatten 1918 nach der Besetzung von Metz durch die Franzosen dafür optiert Deutsche zu sein, weshalb ihr Vermögen beschlagnahmt wurde und sie das Land verlassen mussten. Sie zogen nach Frankfurt am Main und holten ihren Sohn zu sich. Dort ging er wieder zur Schule und machte 1923 sein Abitur am Kaiser-Friedrichs-Gymnasium.Und die Wüste trage Frucht, S. 23 Im gleichen Jahr begann er das Studium der Botanik an der Universität Frankfurt. Schwarz kam wieder in Kontakt zur Jüdischen Jugendbewegung auf und wurde, wie früher schon in Berlin, Mitglied im Verband Blau-Weiß. Sein Gruppenleiter war Erich Fromm; Schwarz wurde nicht nur mit dem Versuch konfrontiert, Judentum, Zionismus und Kommunismus miteinander zu vereinen, sondern fand auch Zugang zur hebräischen Sprache.Und die Wüste trage Frucht, S. 24 In der Oberprima absolvierte er zudem einen Abendkurs als Schlosser, da er „es für wichtig hielt, daß ein geistig arbeitender Mensch auch ein Handwerk lernen müsse.“Und die Wüste trage Frucht, S. 332
Nach knapp dreijährigem Studium an der Universität Frankfurt am Main wurde Walter Schwarz 1926 bei Martin Möbius in Frankfurt promoviert; in der 1927 veröffentlichten Dissertation untersuchte er die Blattentwicklung im Verhältnis zur Pfropfbildung.veröffentlicht unter dem Titel Die Entwicklung des Blattes bei Plectranthus fruticosus und Ligustrum vulgare und die Theorie der Periklinalchimären. In: Planta, 1927, 3, S. 499–526.Ulrich Lüttge: (PDF; 11,6 MB) Trotz eines kurzen Studiums erwarb er eine breite Bildung, die seiner späteren Arbeit eine über die Fachgrenzen hinausreichende Richtschnur bot.
1926 heiratete er die elf Jahre ältere Alice Ollendorff (1892–), eine Nichte von Alfred Kerr, mit der er bereits als siebzehnjähriger ein Verhältnis begonnen hatte.Liesel Evenari: Wo Du hingehst …, S. 13–14 Nach Evenaris eigener Aussage war diese „Ehe, die kinderlos blieb, […] nicht sehr glücklich“. Die Familie Ollendorf (Kerrs Schwester Annchen war Alices Mutter), war froh, als sie ihn los waren. Und die Wüste trage Frucht, S. 33
Nach seiner Promotion arbeitete Schwarz auf Assistentenstellen in Frankfurt (1927) und an der Deutschen Universität in Prag (1928–1930). 1930 kam er an das Botanische Institut der Technischen Hochschule Darmstadt. Seine Habilitationsschrift mit dem Titel „Die Strukturänderungen sproßloser Blattstecklinge und ihre Ursachen“ wurde 1933 veröffentlicht, das Habilitationsverfahren kam allerdings – nachdem er im Februar 1933 noch seine Probevorlesung gehalten hatte – nicht mehr zum Abschluss.
Während seiner Prager Jahre war Schwarz in Kontakt zu dem Botaniker Heinz OppenheimerDaten zur Person Franz Oppenheimer gekommen. Dieser, der Sohn von Franz Oppenheimer, arbeitete wie Schwarz bei Ernst Pringsheim junior und befreundete sich mit ihm. Oppenheimer schlug ihm vor, nach Palästina zu kommen, wohin er selber auszuwandern gedachte. Schwarz war diesem Gedanken nicht abgeneigt, entschied sich jedoch zunächst für Darmstadt.Und die Wüste trage Frucht, S. 34–38 Der Gedanke, nach Palästina zu gehen, blieb weiterhin lebendig und zeigte Folgen: „Im Oktober 1932 schloß ich einen Vertrag mit der Familie Aaronsohn, laut dem ich im Oktober 1933 die Arbeit bei ihnen in Sichron Ja'akov aufnehmen würde.“Und die Wüste trage Frucht, S. 44 Bei der aufzunehmenden Arbeit, von der auch sein damaliger Chef, der Botaniker Bruno Huber, wusste, handelte es sich um das früher schon mit Oppenheimer diskutierte Projekt, „die cisjordanischen Tagebücher von Aaron AaronsohnAaron Aaronsohn (1876 - 1919). Ausführlich auch Evenari selber in Und die Wüste trage Frucht, S. 36–38 zu bearbeiten“.Und die Wüste trage Frucht, S. 38
Sein Forschungsaufenthalt in Darmstadt nahm unter dem Druck der politischen Ereignisse eine andere Wendung. Am 1. April 1933, dem Tag des Judenboykotts, wurde Schwarz zum Rektor der TH Darmstadt August Thum zitiert, wo ihm dieser eröffnete: „Herr Doktor, ich muß Sie leider fristlos entlassen, da Sie bei mir als bewußter Jude denunziert worden sind. Ich gebe Ihnen eine Frist von vier Wochen, damit Sie Ihre Angelegenheiten ordnen können.“Und die Wüste trage Frucht, S. 61f.; 1953 beantragte er eine Wiedergutmachung, die ihm 1957 zugesprochen wurde. Vgl. Isabel Schmidt Nach dem Nationalsozialismus. Die TH Darmstadt zwischen Vergangenheitspolitik und Zukunftsmanagement (1946–1960). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2015, S. 280f.
Ankunft in Palästina Schwarz setzte sich mit der Familie Aaronsohn in Verbindung und reiste zusammen mit seiner Frau Ende April über Triest und Haifa nach Jerusalem. Er nahm die Arbeit an der Aaronsohn-Veröffentlichung auf und hatte gleichzeitig die Gelegenheit, erstmals an einer Wüstenerkundung teilzunehmen. „Schon in Europa hatte mich die Lektüre von Stockers Buch für die Wüste begeistert. Doch erst, als ich mit der Wüste Juda in der Wirklichkeit zusammentraf, war es um mich geschehen. Die Wüste schlug mich für immer in ihren Bann, und nicht nur als mein zukünftiges Arbeitsgebiet. […] Die Bezauberung, die die Wüste vom ersten Anblick an in mir auslöste, schwand nie und wurde nur immer stärker.“Und die Wüste trage Frucht, S. 67 Und die nächste Möglichkeit, sich der Verzauberung durch die Wüste hinzugeben, folgte rasch. Im August 1933 lud ihn Alexander Eig (1894–1938), Abteilungsleiter an dem von dem Agrarbotaniker Otto Warburg gegründeten Institut zur Erforschung der Natur des Landes Israel an der Hebräischen Universität Jerusalem, zu einer ausgedehnten Kurdistan-Expedition ein. Diese Expedition war für Schwarz nicht nur als Botaniker interessant, sondern gewährte ihm auch tiefe Einblicke in die kurdischen Traditionen und in das Leben kurdischer Juden.Und die Wüste trage Frucht, S. 66–84
Nach dem Ende der Expedition wurde Walter Schwarz 1934 – neben seiner fortdauernden Arbeit an den Aaronsohn-Veröffentlichungen – „externer Lehrer“ am Botanischen Institut und übernahm das Arbeitsgebiet seines ausgeschiedenen Freundes Heinz Oppenheimer. Schwerpunkt seiner Arbeit wurde die Ökologie der Wüstenpflanzen „unter Berücksichtigung des Einflusses des Bodens und des Standortes auf ihre Verbreitung und anatomische Struktur“.Und die Wüste trage Frucht, S. 85 Voll auf seine wissenschaftliche Arbeit konzentrieren konnte er sich allerdings nicht. Da er zudem nach Palästina eingereisete Verwandte unterstützen musste, arbeitete er zusätzlich als Lehrer an einer Schule.In memoriam Michael Evenari (formerly Walter Schwarz) 1904–1989. In: Oecologia, 1989, Vol. 81, No. 4, S. 433–436 Bei dieser Schule handelte es sich um das Lehrersemina Beth Hakerem in einer Jerusalemer Vorstadt, das damals von dem späteren israelischen Erziehungsminister Ben-Zion Dinur geleitet wurde.Und die Wüste trage Frucht, S. 190
Ein weiteres Hindernis für eine uneingeschränkte wissenschaftliche Arbeit ergab sich aus Walter Schwarz’ Mitgliedschaft in der Hagana, in die er bereits im Herbst 1933 eingetreten war, um bei der Verteidigung der jüdischen Viertel von Jerusalem zu helfen.Und die Wüste trage Frucht, S. 88 Dieser Schritt war mit vielen nächtlichen Patrouillen und Wachtdiensten verbunden. 1935 erwarb er die palästinensische Staatsangehörigkeit und beschloss, seinen deutschen Namen zu ändern. Für diesen Schritt führt er explizit seine Vertreibung von der TH Darmstadt an und beschreibt seine Namensänderung wie folgt:
Sein Freund Heinz Oppenheimer hat diesen Schritt später folgendermaßen beschrieben: Damit „hörte der deutsche Patriot Walter Schwarz auf zu bestehen und wurde durch den kämpfenden Juden Michael Evenari ersetzt, der ein neues Leben in Palästina begann.“„Then the German patriot Walter Schwarz ceased and was replaced by the fighting Jew Michael Evenari who started a new life in Palestine.“ Zitiert nach: Otto L. Lange: Michael Evenari alias Walter Schwarz 1904-1989
Evenari war sich wohl bewusst, dass der Namenswechsel für ihn auch im Hinblick auf seine wissenschaftliche Reputation ein folgenreicher Schritt war. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 17 wissenschaftliche Arbeiten unter dem Namen Walter Schwarz veröffentlicht und befürchtete nun von seiner früheren wissenschaftlichen Biographie abgeschnitten zu sein, weil ja niemand ahnen konnte, dass Evenari und Schwarz dieselbe Person seien.