Exit-Deutschland (Eigenschreibweise: EXIT-Deutschland) ist eine vom Kriminalisten und ehemaligen Kriminaloberrat Bernd Wagner und dem ehemaligen Neonazi Ingo Hasselbach im Jahr 2000 gegründete Initiative des Zentrums Demokratische Kultur (ZDK). Sie hilft Aussteigewilligen aus der rechtsextremen Szene und Familien, die ihre Angehörigen aus dem Neonazi-Spektrum herauslösen wollen.
Geschichte und Tätigkeitsfelder Seit Sommer 2000 bietet Exit-Deutschland als erste deutsche Initiative für Aussteiger aus der rechtsradikalen Bewegung Beratung und Kontakte an. Projekte von Exit-Deutschland werden bis Ende 2023 überwiegend durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und Spenden gefördert. Exit-Deutschland hilft nach eigenen Angaben Aussteigenden, neue Perspektiven außerhalb der rechtsradikalen Bewegung zu finden. Dabei werden Kontakte vermittelt und praktische Hilfen in Sachen Sicherheit, soziale Probleme, Bildung, Arbeit und der persönlichen Aufarbeitung gegeben. Eine wirtschaftliche und soziale Absicherung sowie Schutz vor strafrechtlicher Verfolgung für ehemalige Rechtsradikale gibt es nicht. Exit-Deutschland sowie der Träger ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH lehnen Zusammenarbeit ohne rechtliche Grundlage mit Sicherheitsbehörden ab.Website von Exit-Deutschland
Exit-Deutschland analysiert rechtsradikale Bestrebungen, arbeitet mit Wissenschaft und Medien zusammen, um über rechtsradikale Ideologien und Handeln aufzuklären, zeigt Möglichkeiten demokratischen Handelns und der Deradikalisierung und berät Projekte und Institutionen. Exit hat verschiedene Kinofilme in der Umsetzung begleitet, dazu zählen u. a.: Roots Germania, Die Arier, Kriegerin, „Verbotene Filme“, Er ist wieder da und Produktionen wie das Doku-Format RealTalk, zur Netflix-Serie Dogs of Berlin, unterstützt.
Exit-Deutschland verfügt über ein nationales und internationales Netzwerk an Partnern in der Ausstiegs- und Distanzierungsarbeit. Dieses erlaubt den Austausch auf allgemeiner fachlicher Ebene und im konkreten Fall- und Phänomenbereich und dient der kollegialen Beratung. EXIT-Deutschland ist Mitgründer der Bundesarbeitsgemeinschaft „Ausstieg zum Einstieg“ (BAG), war bis 2016 Mitglied und im Sprecherrat. 2016 ist EXIT-Deutschland aus der BAG ausgetreten und ist fortan assoziierter Partner. Darüber hinaus berät Exit-Deutschland Projekte, Initiativen, Arbeitsgruppen und Entscheidungsträger in Deradikalisierung, Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus. Projekte und Initiativen von Exit-Deutschland werden von der europäischen Kommission als „inspiring practices“ empfohlen und befinden sich in der Online-Datenbank der europäischen Kommission.
Ausstieg Ein Ausstieg ist laut der Definition von Exit-Deutschland dann erfolgt, wenn es eine kritische Reflexion, Aufarbeitung und ein erfolgreiches Infragestellen der bisherigen Ideologie gegeben hat. Dazu gehört, dass die Bindungen an rechtsradikale Strukturen aufgelöst sind und ein weitgehend verfolgungsfreies Leben möglich ist. Eine Kontaktaufnahme ist laut Exit-Deutschland über Telefon, E-Mail, SMS und Briefpost möglich. Darüber hinaus gibt die Initiative an, dass persönliche Gespräche mit Aussteigern, sofern möglich, auch in Gefängnissen geführt werden. Damit möchte man die Kontaktaufnahme und Haftbetreuung sicherstellen. Bei Problemen der Sicherheit wird nach den gegebenen Möglichkeiten, beispielsweise wenn Angriffe oder Verfolgungen aus der militanten rechtsradikalen Szene drohen oder erfolgen, geholfen.
Begleitung und Beratung Mit den Aussteigenden wird an der Überwindung der Ideologie und der Aufarbeitung der Vergangenheit, einschließlich begangener Straftaten gearbeitet. Exit-Deutschland hilft Aussteigenden bei der Entwicklung persönlicher Kompetenzen und Einsichten zur Neugestaltung der persönlichen Beziehungen und der Neuorientierung im Alltag in Schule, Lehre und Beruf. Exit-Deutschland unterstützt nach Möglichkeit auch bei der Entfernung von rechtsextremen Tattoos. Von Mai 2000 bis Juni 2019 begleite Exit nach eigenen Angaben 746 Personen bei ihrem Ausstieg.
Regionale Kontaktmöglichkeiten Exit-Deutschland verfügt, neben der bundesweiten Kontaktaufnahme, über regionale Partner in verschiedenen Bundesländern, in Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. Diese sollen in den Regionen Hilfen im Ausstieg aus rechtsextremen Gruppen und ihrer Ideologie sowie Integration in das gesellschaftliche Leben, Familienhilfen und Unterstützung von Aussteigenden im Justizvollzug sowie bei der Wiedereingliederung leisten.
Journal mini|JEX – Das Journal von Exit-Deutschland
Die Initiative gibt seit 2008 das Journal Exit-Deutschland, kurz JEX, heute als Open-Access-Online-Journal mit dem Titel Journal Exit-Deutschland. Zeitschrift für Deradikalisierung und demokratische Kultur heraus.Journal EXIT-Deutschland
Das Journal EXIT-Deutschland (JEX) ist eine Zeitschrift im deutschsprachigen Raum für den wissenschaftlich interdisziplinären Austausch mit der Praxis über Deradikalisierung, Extremismus und demokratische Kultur mit wissenschaftlichem Anspruch. Dabei ist das Journal grob in zwei Bereiche unterteilt: den wissenschaftlich-theoretischen und den praktischen Teil.
Beide Bereiche sollen sich in einem Dialog, verbunden durch eine Schwerpunktsetzung für jede Ausgabe, gegenseitig ergänzen. Beiträge von Wissenschaftlern jeder Stufe, die zu den Themenbereichen freiheitsfeindliche Radikalität und im Zuge dessen zu Extremismus, Radikalisierung, Terrorismus, Deradikalisierung o. ä. forschen, sowie Artikel von Praktikern aus der Deradikalisierungsarbeit.
Förderung Exit-Deutschland finanziert sich über Spenden und Projektförderungen. 2013 erging ein Kabinettsbeschluss der damaligen Bundesregierung, die Initiative langfristig zu fördern.Aussteiger-Initiative „Exit“ kann weitermachen. In: Badische Zeitung, 22. März 2013. Seit 2015 wird Exit im Rahmen des Programms der Bundesregierung Demokratie leben! bis 2019 im Programmbereich Strukturförderung zum bundeszentralen Träger gefördert.Über „Demokratie leben!“
Im Nachfolgeprogramm der Bundesregierung ab 2020 war die Ausstiegshilfe und Deradikalisierung aus militanten Gruppen, von Frauen und Kindern jenseits der Sicherheitsbehörden auf Bundesebene ausdrücklich trotz internationaler Anerkennung nicht mehr vorgesehen. Das betraf alle Initiativen der vorbeugenden und bekämpfenden Intervention in den Phänomenbereiche des Extremismus, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert wurden.
Förderperioden 2024–2025 Gefördert im Rahmen des Programms der Bundesregierung Demokratie leben! (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), im Programmbereich Begleitprogramm zum Bundesprogramm Demokratie leben! 2020–2023 Gefördert im Rahmen des Programms der Bundesregierung Demokratie leben! (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), im Programmbereich Begleitprogramm zum Bundesprogramm Demokratie leben! 2015–2020 „Ausstiegshilfe und Deradikalisierung aus militanten Gruppen, von Frauen und Kindern jenseits der Sicherheitsbehörden auf Bundesebene“ gefördert Rahmen des Programms der Bundesregierung Demokratie leben! bis 2019 im Programmbereich Strukturförderung zum bundeszentralen Träger (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) 2013–2014: „EXIT-Deutschland“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Sonderförderung gemäß Beschluss der Bundesregierung) 2009–2013: „EXIT-Deutschland – Seitenwechsel-Ausstieg als Einstieg in ein neues Leben“ (Bundesministerium für Arbeit und Soziales / Europäischer Sozialfonds (ESF); Xenos-Sonderprogramm „Ausstieg zum Einstieg“)
Evaluation
2004–2005 Evaluation durch Birgit Rommelsbacher (Bundesprogramm VARIABEL) Ein Bericht liegt nicht vor. Es erschien das Buch Rommelsbacher, Birgit:Der Hass hat uns geeint – Junge Rechtsextreme und ihr Ausstieg aus der Szene, Campus, Frankfurt 2005 2007–2010 Evaluation der EXIT-Familienhilfe „VIELFALT TUT GUT. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“ und „Kompetent. für Demokratie — Beratungsnetzwerke gegen Rechtsextremismus“ Förderphase 2007 – 2010 2007–2010 Wissenschaftliche Begleitung der EXIT-Familienhilfe (Bundesprogramm VIELFALT TUT GUT) Abschlussbericht der Wissenschaftlichen Begleitung im Themencluster „Arbeit mit rechtsextremistisch gefährdeten Jugendlichen“ im Programm „VIELFALT TUT GUT. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie — gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ (Kerstin Sischka, FU Berlin) 2006–2011 Evaluation von Projekten im Rahmen der Lokalen Aktionspläne (LAP) im Auftrag des Bundesprogramms „Vielfalt tut gut“ 2009 Teilevaluation durch die Amadeu Antonio Stiftung im Programm Living Equality der Ford Foundation durch Andreas Zick 2011–2013 Evaluation durch die (GIB) Gesellschaft für Innovationsforschung und Beratung mbH Wissenschaftliches Institut Evaluation des „XENOS-Sonderprogramms Ausstieg zum Einstieg“ (Im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS)) 2015 – 2020 Programmevaluation und wissenschaftliche Begleitung im Rahmen des Förderprogramms „Demokratie leben!“. 2017 – 2020 Evaluation „Demokratie leben!“. Zweiter Bericht der Bundesregierung über Arbeit und Wirksamkeit der Bundesprogramme zur Extremismusprävention 2020 First-Line-Practitioners Evaluation of practices in the field of violent extremism, terrorism and organized crime response that has been conducted by the partners of the EU-project TAKEDOWN / Evaluation of Exit-Germany 2021 – 2023 Evaluation im Rahmen des Förderprogramms „Demokratie leben!“.
Counter Narrative und Aktionen mini|Das trojanische T-Shirt von Exit-Deutschland (links vor, rechts nach dem Waschen)
Exit-Deutschland hat verschiedene Counter Narrative und Aktionen umgesetzt, die eine generelle Auseinandersetzung mit dem Thema Ausstieg in der Zielgruppe, aber auch in der Gesellschaft insgesamt zu erreichen sollen. Laut den Machern wollen sie damit der „vorgefundenen Situation einen alternativen Entwurf [entgegenstellen] und mit konkreter Hilfe zu verbinden“ und „potentielle Aussteiger [...] auf humorige Art, auf Probleme aufmerksam machen und dabei Möglichkeiten der Auseinandersetzung aufzeigen“.
Operation Trojaner T-Hemd Für internationale Bekanntheit sorgte die Aktion Operation Trojaner T-Hemd, welche von der Werbeagentur Grabarz und Partner in Zusammenarbeit mit Exit durchgeführt wurde.AME Awards: 26 deutsche Arbeiten auf der Shortlist. In: W&V. Die T-Shirts wurden am 6. August 2011 in Gera auf dem Rechtsrockfestival Rock für Deutschland von der NPD Thüringen als Veranstalter an der Kasse kostenfrei verteilt. Erst später wurde der Aufdruck durch Waschen von einem szeneeigenen Slogan zu einer Werbebotschaft für Exit verändert. Die Operation Trojaner T-Hemd fand internationale Beachtung. Die EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström beschrieb die Aktion anlässlich einer Fachtagung als „A good example to illustrate how extremism propaganda can be countered“ ( für „Ein gutes Beispiel, um zu illustrieren, wie Extremismuspropaganda entgegnet werden kann“). Die Aktion sollte das Ausstiegsangebot in der Szene bekannter machen und v. a. die jungen und noch nicht gefestigten Rechtsextremen ansprechen.
Rechts gegen Rechts – Der unfreiwilligste Spendenlauf Deutschlands mini|„Motivierende“ Sprüche entlang der Demonstrationsstrecke