Dred Scott versus Sandford war ein 1856/57 vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten verhandeltes Grundsatzverfahren, dessen Ausgang als einer der wesentlichen Auslöser des Amerikanischen Bürgerkriegs gilt.

In dem Prozess versuchte der Sklave Dred Scott seine Freiheit einzuklagen mit der Begründung, dass er zeitweise in sklavenfreien Bundesstaaten und Territorien der USA gelebt hatte. Das 1857 durch Chief Justice Roger B. Taney, selbst ein einstiger Sklavenhalter, verkündete Urteil verneinte hingegen generell die Bürgerrechte von Afroamerikanern und stärkte die Rechte der Sklavenhalter: Sklaven seien das rechtmäßige Eigentum ihrer Halter, und das verfassungsmäßige Recht auf Privateigentum schütze daher die Sklaverei in den gesamten Vereinigten Staaten, auch in Bundesstaaten, die diese verboten hätten.

Faktisch erklärte das Urteil damit den Missouri-Kompromiss für verfassungswidrig, der mit Ausnahme Missouris für alle Gebiete nördlich der Linie bei 36° 30‘ nördlicher Breite ein Verbot der Sklaverei vorsah. Das Urteil verschärfte den Konflikt zwischen den Nordstaaten, die sich in die Defensive gedrängt sahen, und den sklavenhaltenden Südstaaten. Nach dem Bürgerkrieg wurde durch den 13., 14. und 15. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten und den Civil Rights Act von 1866 (verabschiedet 1870) die Sklaverei abgeschafft und das Urteil von 1857 aufgehoben.

In der US-amerikanischen Geschichtsschreibung wird Scott v. Sandford noch vor Plessy v. Ferguson oder Korematsu v. United States als das allgemein schlimmste Urteil des Obersten Gerichtshofes bezeichnet, das dem Gericht fast ein Jahrhundert lang einen schlechten Ruf brachte.

Hintergrund Dred Scott war ein Afro-Amerikaner, der um 1800 in Virginia als Sklave geboren wurde und der Familie von Peter Blow gehörte. 1830 zog die Familie mit Scott von Alabama nach St. Louis, Missouri. Nach dem Tod Peter Blows 1832 verkaufte die Familie Dred Scott um 1833 an John Emerson, einen Chirurgen in der amerikanischen Armee. 1833 wurde Emerson von St. Louis wegversetzt und diente für über zwei Jahre im Fort Armstrong im Bundesstaat Illinois, dessen Verfassung die Sklaverei bereits abgeschafft hatte. 1836 wurde er nach Fort Snelling ins Wisconsin-Territorium (heute Minnesota) versetzt, das entsprechend dem Missouri-Kompromiss ebenfalls als „frei“ galt. Während dieser Zeit heiratete Scott Harriet Robinson, eine Sklavin von Offizier William B. Taliaferro, was ihm in den sklavenhaltenden Südstaaten verwehrt gewesen wäre.Finkelman, Dred Scott v. Sandford, 227f.

1837 wurde Emerson zurück nach St. Louis und von dort nach Fort Jesup in Louisiana versetzt. Er ließ Scott mit seiner Ehefrau für einige Monate im Wisconsin-Territorium und vermietete ihn dort weiter, obwohl der Missouri-Kompromiss in diesem Territorium die Sklavenhaltung verbot. 1838 heiratete Emerson in Fort Jesup Eliza Irene Sanford, deren Rufname Irene war. 1838 wurde Emerson zurück nach Fort Snelling versetzt, wohin ihn die Scotts begleiteten. Auf dem Weg dorthin brachte Harriet Scott ihre erste Tochter, Eliza, nördlich von Missouri in ‚freiem‘ Gebiet auf einem Dampfboot zur Welt.Finkelman, Dred Scott v. Sandford, 228f.

1840 wurde Emerson nach Florida versetzt, um dort im Seminolenkrieg zu dienen. Auf dem Weg dorthin ließ Emerson seine Frau und die Scotts in St. Louis zurück. Nachdem er 1842 aus der Armee entlassen worden war, ließ er sich in Davenport im Iowa-Territorium nieder. Als Emerson im Dezember 1843 verstarb, ging sein Vermögen, also auch die Scotts und ihre beiden Töchter, auf seine Witwe Irene über. Als Verwalter des Nachlasses von Emerson in Missouri wurde Alexander Sanford, Irenes Vater, eingesetzt. Irene kehrte nach St. Louis zurück und die Scotts wurden weiterhin an andere Menschen vermietet. So nahm zum Beispiel im März 1846 Samuel Russell ihre Dienste in Anspruch. Drei Jahre nach Emersons Tod versuchte Scott erfolglos, sich von der Witwe loszukaufen. Daraufhin reichte er im April 1846 vor den Gerichten Missouris Klage ein mit dem Ziel, von der Sklaverei entbunden zu werden.Finkelman, Dred Scott v. Sandford, 2f.

Verfahrensverlauf Bundesstaatliche Ebene Präzedenzfälle mini|Dred Scott Als Scott 1846 seine Klage einreichte, war die durch Präzedenzfälle etablierte Doktrin, dass ein Sklave Anspruch auf Freiheit hatte, wenn er mit der Zustimmung seines Besitzers in einem Staat oder einem Territorium residiert hatte, in dem die Sklaverei verboten war. Auch wenn der Sklave freiwillig nach Missouri zurückgekehrt war, erneuerte dies nach seiner Emanzipation nicht seine Stellung als Sklave und der Besitzer hatte das Recht auf den Sklaven (nach dem Prinzip „Einmal frei, immer frei“) verwirkt. Wichtige Präzedenzfälle, die bei Scotts Gang durch die Instanzen von Bedeutung werden sollten, waren: Winny v. Phebe Whitesides (1824): Der Missouri Supreme Court entschied, dass einer Person, die in Illinois, einem freien Staat, als Sklave gehalten wurde und dann nach Missouri gebracht wurde, die Freiheit zustand. Der Besitzer hatte sein Recht auf den Sklaven durch den Aufenthalt in einem freien Staat verwirkt und durch die Rückkehr nach Missouri nicht erneuert.Ehrlich, They Have No Rights, 41. John Merry v. Tiffin and Menard (1827): Der Missouri Supreme Court entschied, dass ein Sklave durch Aufenthalt in Gegenden, in denen die Sklaverei durch die Northwest-Ordinanz von 1787 verboten war, emanzipiert wurde.Ehrlich, They Have No Rights, 41. Nat v. Stephen Ruddle (1834): Nats Forderung auf Freiheit wurde vom Missouri Supreme Court zurückgewiesen, da er ohne die Zustimmung seines Besitzers nach Illinois gegangen war. In der Urteilsbegründung betonte das Gericht jedoch, dass er seine Freiheit gewonnen hätte, hätte er die Zustimmung seines Besitzers gehabt.Ehrlich, They Have No Rights, 41; 56. Rachael v. Walker (1837): Rachael, die Sklavin eines Armeeoffiziers, hatte ihren Besitzer von St. Louis nach Fort Snelling begleitet, dort einige Jahre verbracht und war dann mit ihm nach St. Louis zurückgekehrt. Wegen ihres Aufenthaltes in Fort Snelling klagte sie auf Freiheit und bekam Recht. Der Missouri Supreme Court entschied: „An officer of the U.S. Army, who takes his slaves to a military post, within the territory wherein slavery is prohibited, and retains her several years in attendance on himself and family, forfeits his property in such slave by virtue of the ordinance of 1787.“ (Ein Offizier der US-Armee, der seinen Sklaven mit zu einem Militärposten nimmt in einem Territorium, in dem die Sklaverei verboten ist, und den Sklaven dort mehrere Jahre hält in seinem Dienst und seiner Familie, verwirkt das Recht auf diesen Sklaven aufgrund der Ordinanz von 1787).Ehrlich, They Have No Rights, 42.

St. Louis Circuit Court Am 6. April 1846 reichten sowohl Dred Scott als auch Harriet Scott beim St. Louis Circuit Court eine Eingabe ein, um Irene Emerson verklagen zu dürfen. Das Missouri-Statut von 1845 besagte, dass Sklaven, die der Meinung waren, einen begründeten Anspruch auf Freiheit zu haben, bei einem Circuit Court in Missouri Eingaben machen konnten, um ihre Besitzer zu verklagen. Stimmte der Richter zu, konnte der Sklave vor Gericht klagen. In ihren Eingaben baten die Scotts darum, Irene Emerson wegen 'trespass for false imprisonment' verklagen zu dürfen. Am gleichen Tag stimmte Richter John M. Krum ihrer Eingabe zu. Da es sich bei Dred Scott v. Irene Emerson und Harriet Scott v. Irene Emerson um praktisch das gleiche Verfahren handelte, kam man überein, dass nur Dred Scott v. Irene Emerson verhandelt werden sollte und das Urteil in seinem Fall auch für Harriet galt. Für die Dauer des Verfahrens wurde Scott an den Sheriff übergeben, der ihn weiterhin vermieten und die Gewinne daraus kommissarisch verwalten sollte.Ehrlich, They Have No Rights, 41–43.

Am 30. Juni 1847 kam es unter dem Vorsitz von Richter Alexander Hamilton zur ersten Verhandlung vor dem St. Louis Circuit Court. Scott musste den Beweis erbringen, Anspruch auf Freiheit zu haben. Catherine Anderson sagte aus, dass sie Scott von Emerson in Fort Snelling für zwei bis drei Monate angeheuert hatte und dass Scott auch an andere Leute verheuert worden war, während Emerson sich in Fort Jesup aufhielt. Somit war der Beweis erbracht, dass Emerson Scott als Sklaven in einem freien Territorium gehalten hatte. Andere Zeugen bestätigten den gleichen Sachverhalt für Illinois, womit Scott Sklave in einem freien Staat gewesen war. Da sich die Klage aber gegen Irene Emerson und nicht gegen ihren verstorbenen Mann richtete, musste nun bewiesen werden, dass Irene Emerson die Besitzerin von Dred Scott war. Dazu rief die Scott-Seite Samuel Russell in den Zeugenstand, der Scott im März 1846 von Irene Emerson angeheuert und ihren Vater, Alexander Sanford, dafür bezahlt hatte. Im Kreuzverhör der Verteidigung ergab sich aber, dass nicht Samuell Russell, sondern seine Frau Scott angeheuert hatte. Samuel Russell hatte Alexander Sanford zwar bezahlt, wusste aber nicht, ob das Geld auch wirklich an Irene Emerson ging. Somit konnte er nur durch Hörensagen bestätigen, dass Irene Emerson die Besitzerin von Scott war, was in den Augen der Verteidigung kein rechtlicher Beweis war. Richter Hamilton wies die Juroren an, dass Russels Aussage deshalb nicht zu beachten sei. Die Jury sprach Irene Emerson frei.Ehrlich, They Have No Rights, 43–46.Ehrlich, They Have No Rights, 41.

Daraufhin forderten Scotts Anwälte eine neue Verhandlung, da nicht die Fakten gegen Scott sprachen, sondern eine Formalität, die durch Mrs. Russells Berufung in den Zeugenstand geklärt werden könnte. Richter Hamilton gestand Scott am 2. Dezember 1847 ein neues Verfahren zu. Dagegen legte Emerson beim Missouri Supreme Court Einspruch ein (Irene Emerson v. Dred Scott). Dabei ging es nicht um Scotts Freiheit, sondern darum, dass eine niedrigere Instanz Scott ein neues Verfahren zugesprochen hatte. Der Missouri Supreme Court lehnte Emersons Einspruch ab.Ehrlich, They Have No Rights, 47–50. Daraufhin begann am 12. Januar 1850 die zweite Verhandlung im Fall Scott v. Emerson vor dem St. Louis Circuit Court. Um zu beweisen, dass Irene Emerson die Besitzerin von Scott war, rief man Adeline Russell in den Zeugenstand. Diese sagte aus, dass sie Scott von Mrs. Emerson angeheuert hatte. Somit wurde der Beweis erbracht, dass Mrs. Emerson die Besitzerin war. Die Verteidigung argumentierte daraufhin, dass Irene Emerson das Recht hatte, Scott zu vermieten, da dieser während seiner Zeit in Fort Snelling und Fort Armstrong unter der Jurisdiktion der U.S. Armee im Rahmen des Militärgesetzes gestanden habe und zu keiner Zeit in freiem Territorium unter zivilem Recht. (Dabei ignorierte die Emerson-Seite den Präzedenzfall Rachael v. Walker vollkommen.) Die Jury entschied, dass "the defendant is guilty of manner and form as in the plaintiff’s declaration alleged" (Die Angeklagte ist im Sinne der Anklage schuldig). Richter Hamilton ordnete an, Scott und seine Familie freizulassen. Im Sinne des Gesetzes war er seit seinem Aufenthalt in Fort Armstrong 1833 ein freier Mann gewesen. Zu keinem Zeitpunkt wurde der politische Streit der Sklavereifrage in das Verfahren vor dem Circuit Court einbezogen. Es ging einzig und allein um Scotts Freiheit, die ihm im Einklang mit den Präzedenzfällen zugesprochen wurde.Ehrlich, They Have No Rights, 51–54.

Missouri State Supreme Court